Schaumermal

04.03.2010, 21:01 von Monika Goetsch

Wir fahren am Wochenende Ski. Nicht allein. Sondern mit der Klasse meines Sohnes. 58 Leute in einer Jugendherberge in den Bergen: Schon die Zahl macht mich nervös.



Ich wäre ja gern ein bisschen unkomplizierter. Andere haben Rotwein, Schokolade und Fernreisen als Migränetrigger. Ich auch. Aber bei mir kommen große Gruppen dazu. Plus alles, was neu und ungewiss ist und in der Zukunft liegt.

Wir brauchen ein Familienzimmer, habe ich dem netten Elternsprecher gesagt. Sonst fahre ich nicht mit. Natürlich habe ich gehofft, dass es so ein Zimmer nicht gibt. Aber es gibt solche Zimmer. Die Sache steht felsenfest. In Bayern fährt man Ski, wenn man sich vergnügen will. Ich wohne schon ziemlich lange in Bayern. Aber offenbar noch nicht lange genug.

Ich versuche, trotz aller Unwägbarkeiten ruhig zu bleiben und konzentriert zu arbeiten und nicht ständig daran zu denken, ob es wohl schneien wird, wie hoch dann der Schnee liegt, ob einem Kind beim Rauffahren auf den Berg schlecht wird, was unbedingt in den Koffer muss oder ob ein großer Rucksack praktischer ist als ein Koffer und wie viele Müsliriegel und Hartwürste und Brotscheiben und vielleicht sogar Süßigkeiten ich einpacken muss für die Zeit zwischen den Mahlzeiten und was ich auf keinen Fall vergessen darf. Brauche ich einen Föhn? Wie steht es mit Handtüchern? Zweitschlafanzügen? Skiunterwäsche?

Zwischen all diesen Fragen habe ich ein paar Aufträge zu erledigen und Texte zu schreiben und Interviews zu führen. Ich muss die üblichen Wäscheberge und Geschirrberge und Unordnungsberge in der Wohnung abtragen, einkaufen, mehrere Geburtstage vorbereiten und ein paar Kümmeranrufe bei unglücklichen Freundinnen machen. Hinzu kommt nun auch das Skikursproblem. Es soll ja Ski gefahren werden. Mein Größerer weigert sich aber, an einem Skikurs teilzunehmen. Mein Kleinerer auch. Möglich, dass beide ein winziges Problem mit großen Gruppen haben. Ich selbst kann gar nicht Skifahren. Was also tun im Schnee?

Im Flur wird gewohnheitsgemäß mit Schwertern gekämpft. Ich hänge am Telefon und versuche heimlich, für zwei unwillige Kinder Skikurse zu organisieren und dabei das Gefühl zu haben, genau das Richtige zu tun. „Haben Sie vielleicht noch Platz in einer ganz kleinen Kursgruppe?", frage ich den Mann von der Skischule. Seine Stimme klingt so, als hätte er es sich gerade auf einem Sofa bequem gemacht.  „Kommen´s am Samstag früh, dann schaumermal (= sehen wir weiter)."

Ich fasse es nicht. Skifahren ist umständlich, teuer und gefährlich. Eine Sache, die gut geplant sein will. Ich bin kein Typ für „Schaumermal". Ich frage nach: Wann ist Samstag früh? Was soll das „Schaumermal"? Ich sage, dass ich nicht so gern spontan bin in diesen Dingen. Der Skischullehrer scheint es sich auf seinem Sofa noch gemütlicher zu machen. „Typisch Deutsch", sagt er und lacht.

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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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