Virenpool

19.03.2010, 00:03 von Monika Goetsch

Mein Kind ist krank. Ich bin auch krank. Man bekommt Kinder - und die Viren vermehren sich auch. In der ersten Zeit war das natürlich nicht so. Das maßvolle Leben, die eingeschränkten Sozialkontakte, die große Verantwortung: Ich war so gesund wie nie zu vor.



Inzwischen gehen die Kinder in zwei Schulen, essen in verschiedenen Einrichtungen zu Mittag, wir besuchen Turnhallen und Musikschulen und andere Familien. Keiner sagt eine Verabredung ab, weil ein Kind einen Virus hat. Die meisten Verabredungen fänden sonst gar nicht statt. Als mein Größerer klein war, haben wir eine Geburtstagsparty besucht. Es gab Kuchen. Die Schwester des Geburtstagskindes saß mit Reiswaffeln und Banane neben mir. „Sie hat den ganzen Morgen durchgekotzt", sagte die Mutter. Sagte sie es mit Stolz? Mir kam es so vor.

Der Virenpool, dem wir ausgesetzt sind, ist also unermesslich groß. Dieses Jahr muss er noch größer sein als sonst. Jedenfalls war ich immerzu krank. Ganz zu schweigen davon, wie schlecht ich mich fühle, wenn ein anderes Familienmitglied krank ist. Will man wissen, wie oft ich in Wirklichkeit krank war, muss man also unbedingt alle Krankheiten der Familie zusammen zählen.

„Wir sind vier Personen", sage ich zu meinem Sohn, der hinter mir auf der Lehne meines Sessels sitzt und an einem Zwieback knabbert. „Wenn jeder von uns seit September fünf mal krank war: Wie viele Krankheiten macht das?" Er denkt ein bisschen nach. „Zwanzig." „Jede dieser Krankheiten", behaupte ich, „hat mindestens zwei Tage gedauert. Wie viele kranke Tage waren es insgesamt?"  Mein Sohn zieht die Nase hoch und knabbert an seinem Zwieback. Zwiebackessen ist eine laute Angelegenheit.

Ich arbeite. Mein Sohn hört Kassette. Kranke Kinder müssen ganz nah bei ihren Müttern sein. Sie können nicht anders. Darum hört er die Kassette einen Meter von mir entfernt. Stöpsel bekommt er nicht. Er soll nicht schwerhörig werden wie all die Jugendlichen, die zu viel I-pod hören und in Discos gehen. Also sitze ich am Computer, arbeite und versuche, nicht mitzuhören. Es ist eine Kassette, die der Vater seinen Söhnen aufgenommen hat. Die Aufnahme rauscht ein bisschen. Eine Jungsgeschichte mit unzähligen gefährlichen Situationen und Schlachten. Manchmal zucke ich zusammen, weil der Vater „hähähä" macht wie ein böser, schwer bewaffneter Ritter oder jault wie ein Wolf im Morgengrauen oder weil ein entsetzliches Knallen und Fauchen zu hören ist. Offenbar ist ihnen beim Aufnehmen der Recorder runtergefallen.

Zwischendurch drückt mein Sohn auf Pause und rennt in die Küche, ein paar Sekunden wunderbarer, konzentrierter Stille, dann wirft er das Gerät wieder an, klettert auf meinem Sessel und der Fensterbank herum und mampft den nächsten Zwieback. Ich mache dies und das am Computer, nichts Wichtiges. In Krankheitsfällen schraube ich meine Erwartungen runter. Ich stelle mir die Viren vor wie böse, schwer bewaffnete Ritter, die zwischen mir und dem Computer stehen und „hähähä" machen.

Der Recorder knallt vom Tisch. Mein Sohn hat sich verklettert.

„Vierzig Tage", sagt er. „Saudoofe Rechnung."






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18.04.2010, 14:54
Monika Goetsch
Liebe Katharinanichte, das ist lieb von Dir, dass Du meine Texte liest und auch noch was Nettes dazu schreibst! Liebe Grüße, Deine Monika

15.04.2010, 20:55
katharina(nichte)
Sehr schön Tante Monika ...sehr schön...=D


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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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