Gleitsicht

19.04.2010, 12:18 von Monika Goetsch

Ich bekomme eine Gleitsichtbrille. Mein Mann hat mich lange angesehen und gelacht. „So eine schöne Frau und so ein hässliches Thema", hat er gesagt. Manchmal ist er sehr charmant. Daran, dass ich eine Gleitsichtbrille bekomme, ändert das leider nichts.



Eine Gleitsichtbrille braucht ihre Zeit. Ein besonderer Schliff, hat mir der Optiker erklärt. Ich habe also eine Schonfrist. Ganz langsam taste ich mich an den Gedanken, Gleitsichtbrillenträgerin zu sein, heran.

Beim Abendessen übe ich schon mal, wie ich mit Gleitsichtbrille den Kopf halten werde, um die Nudeln auf dem Teller scharf zu sehen. Der Optiker hat es mir vorgemacht und sein Kinn ein paar Zentimeter angehoben. „Distinguierter" sei diese Kopfhaltung, findet er. Affektierter, finde ich. Ich habe gehofft, dass es mir gelingt, die Nudeln durch die Gleitsichtbrille scharf zu sehen, ohne dabei wie eine griesgrämige alte Tante auszusehen. Das war gar nicht einfach.

„Schaut mal, was die Mama für komische Grimassen macht", hat mein Mann gerufen. Er ist eben nicht immer charmant, mein Mann. Die Kinder verstehen mein Problem nicht. Gleitsichtbrille, na und? Brille ist Brille und mich mit Brille mögen sie sowieso nicht. Ihre Lieblingsmutter sieht aus wie gerade aufgewacht. Zerknautscht, entspannt, harmlos, so, als sei sie gar nicht fähig zu schimpfen. Mit Brille bin ich das Gegenteil.

Manchmal schauen sie mich an, wenn ich am Computer sitze und diese trendige, dickrandige Fernbrille trage oder die zickige Nahbrille auf der Nasenspitze. Ihr Gesichtsausdruck hat dann etwas Furchtsames, im besten Fall: Bedauerndes. Nicht nur darum habe ich mir für meine Gleitsichtbrille ein Modell rausgesucht, das man nicht sieht. Ich jedenfalls sehe es nicht. Ich sehe nur den winzigen braunen Steg über der Nasenwurzel und diesen Hauch Durchsichtigkeit. Von der Seite allerdings, das habe ich in wochenlangen Brillenmodellrecherchen an zahlreichen anderen Frauen festgestellt, sehen unsichtbare Brillen wie meine noch doofer aus als sichtbare.  Aber wir haben keinen Spiegelschrank. Ich sehe meine Seiten nicht. Und das ist von Jahr zu Jahr besser so.

Foto: Dorothea Jacob / pixelio.de

Foto: Dorothea Jacob / pixelio.de

Ein paar Wochen lang soll ich meine Gleitsichtbrille immer tragen, hat der Optiker gesagt. Keine Kontaktlinsen! hat er gewarnt. Kein Wechsel von Nah- und Fernbrille. Mein Gehirn soll sich an die Gleitsichtbrille gewöhnen. Bei der Durchsicht meiner Termine habe ich festgestellt, dass das ganz und gar unmöglich ist. Wie soll ich mich an meine Gleitsichtbrille gewöhnen und gleichzeitig einen vernünftigen Artikel schreiben? Einen, der nicht zwischen nah und fern und oben und unten herumgleitet und herumbrillt?

„Bekomm sie einfach und trag sie nicht", sagt mein Sohn.






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26.04.2010, 20:58
Monika Goetsch
Liebe Mechthild, danke! Die Gleitsichtbrille ist übrigens großartig. Im Spiegel sehe ich damit jede Falte in ungeahnter Brillanz. Die Kinder haben kleine Pickel - das wusste ich gar nicht. Und meine Augen sind tatsächlich nicht mehr zusammengekniffen, sondern weit aufgerissen auf der Suche nach der richtigen Zone im Glas.

26.04.2010, 20:13
Mechthild
Ha! Das kenne ich doch :-)))) Sie erzählen da grade so etwas aus meiner Geschichte ... Bei mir sagte der Augenarzt noch so nebenbei: "Das sind nun mal die Alterserscheinungen?" Ich wußte erst nicht, mit wem er geredet hat... aber ausser mir war niemand im Raum. Na ja, aber so eine Gleitsichtbrille hat schon was. Man kneift die Augen nicht mehr so zusammen, was ja auch Falten gemacht hat - die Alterserscheinungen vielleicht? Klasse geschrieben, Frau Goetsch. Es macht Spaß zu lesen!


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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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