Barfuß wandern

Manchmal habe ich Termine, um die mich alle beneiden. Auch die Kinder. Neid ist eine sehr starke Kraft in Kindern. Vielleicht auch in Erwachsenen. Aber Erwachsene zeigen ihren Neid nicht. Sie äußern Mitfreude, und das ist eigentlich sehr nett von ihnen.
An einem Donnerstag, mitten in der Woche, beschließe ich, wandern zu gehen. Ich muss wandern gehen, ich habe den Auftrag, einen Barfußwanderweg für ein Gesundheitsmagazin zu beschreiben. Es ist ein sehr sommerlicher Tag angekündigt, der erste, richtig heiße Tag in diesem Frühjahr.
Normalerweise gehen wir am Wochenende wandern, wie alle anderen Münchner Familien auch. Wir wandern vor einer Gruppe Münchner und hinter einer Gruppe Münchner, über uns auf dem Kamm sind Münchner, unter uns in der Hütte auch, und wenn wir zurückfahren, stehen wir mit all den anderen Münchner Familien im Stau und verfluchen es, Münchner zu sein.
An diesem Wochenende allerdings soll es regnen, das Wetter soll gleich am Morgen nach dem sehr sommerlichen Tag umschlagen in mieses, kaltes, unentschlossenes Zuhausebleibewetter. Ich kann das übernächste Wochenende nicht abwarten, ich muss die Wanderung vorziehen, also schmiere ich mir Brote, ziehe meine Outdoorhose an, packe den Rucksack und knote die Wanderstiefel zu. „Haha", sagt mein größerer Sohn bitter. „Wandern. Das nennst du arbeiten." „Ja!" sage ich. „Ich muss immer in die Schule, immer! Und du gehst einfach wandern", sagt mein Sohn. „So ist es", sage ich. „Du kannst einfach so frei machen und in die Berge fahren und in der Sonne sitzen." „Genau!" sage ich.
Mein Sohn trabt davon, ich weiß, dass er weiß, dass ich ihm
hinterher schaue. Sehr langsam geht er mit seinem Ranzen durch den Hof. Ich
nehme den Zug, ich habe den Waggon ganz allein für mich. Wer hat schon Zeit, an
einem x-beliebigen Donnerstag nach Mittenwald zu fahren? In Mittenwald wandere ich
die hellgrünen Buckelwiesen hinauf und laufe über den Barfußwanderweg, 24 Stationen
mit Holzbalken und Becken aus Kies und Rindenmulch. Eine fette Schlammpfütze
ist auch dabei. Ich bin noch nie mit nackten Füßen durch eine Schlammpfütze
gelaufen, eine tolle Sache, ich mache viele Notizen. Dann steige ich auf den Gipfel
und sitze vorm Wirtshaus. Der Himmel leuchtet blau und wolkenlos. Ich trinke
meine Apfelschorle und esse das erste Eis des Jahres.
Dann denke ich darüber nach, wie es sein muss, an so einem Tag in der Schule zu hocken und Latein zu lernen, statt barfuss über Kiesel und durch Schlammpfützen zu laufen und anschließend Apfelschorle zu trinken und Eis zu essen und vielleicht noch eine Portion Käsespätzle mit sehr viel Zwiebeln, wie sie mein Sohn so liebt, und auf einmal tut mir mein Sohn unendlich leid. Ganz bald will ich ihn auf eine Wanderung mitnehmen. Mit Schluchten und Kletterfelsen und Käsespätzle, alles nach seinem Geschmack. Wir brechen früh auf und fahren sehr spät zurück, dann haben wir die Chance, ein paar Stunden ohne andere Münchner vor und hinter und über und unter uns oben zu sein.
Mein Handy klingelt. „Ich wollte nur fragen, wie es ist", sagt mein Sohn. „Schön", sage ich. „Aha", sagt mein Sohn. „Du hast ja Recht", sage ich. „Womit?" „Man darf schon neidisch sein, wenn jemand mitten in der Woche wandern geht."
„Ich, neidisch?", sagt mein Sohn. Er klingt plötzlich sehr erwachsen. „Ich freu mich doch für dich!"
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23.05.2010, 21:24
Ulla
Hallo, wo ist denn dieser Barfußwanderweg genau? (Hoffentlich südlich von München), dann kann ich ihn auch mal testen. Glücklicherweise auch mitten in der Woche ... Danke!
18.05.2010, 11:47
Elisabeth von Bourscheidt
So achtsame Mütter bekommen nun Mal einfühlsame Söhne und Töchter. Herzlichen Glückwunsch ...




