Sesam öffne dich

27.05.2010, 09:02 von Monika Goetsch

Ich habe ein neues Handy. Meine Kinder gieren nach einem neuen Handy. Wegen der Funktionen. Tatsächlich habe ich mir das neue Handy auch wegen der vielen Funktionen angeschafft. Die Handyvertragsfrau am Telefon hat gelacht, als ich ihr von den peinlich wenigen Funktionen meines uralten, nämlich glatt fünfjährigen Handys erzählt habe.



Jetzt kann ich fotografieren, ins Internet gehen und Filme drehen. Alles Dinge, die meine Kinder lieben. Bisher habe ich, um nicht unnötig kindliche Bedürfnisse zu schüren, die Existenz dieses neuen Handys erfolgreich geheim halten können. Ein schäbiger, kleiner Erfolg, könnte man sagen, der sich einem gewaltigen Misserfolg verdankt.

Mein neues Handy hat nämlich eine neue Pin. Es ist mir nicht gelungen, meine alte Pin zu übernehmen. Kein Grund zu verzweifeln, habe ich gedacht. Diese neue Pin ist gar nicht so schwer zu merken. Alle Menschen merken sich ihre Handypin. Auch du solltest das schaffen. Eine vierstellige Pin, in der eine Ziffer zwei mal vorkommt: das müsste gehen. Man könnte versuchen, in die Ziffernfolge eine Logik hineinzubringen. Eine Eselsbrücke. Ich habe es versucht. Aber als ich in der U-Bahn auf dem Weg zu einem Termin meine Pin eingeben will, fällt mir nur die alte Pin ein und die Pin meiner Bankkarte und die Pin meiner Kreditkarte und die Pin meiner alten Kreditkarte, alles vierstellige Pins, in denen eine Ziffer zweimal vorkommt. Die Eselsbrücke und die Logik der Ziffernfolge habe ich vergessen.

Foto: Christoph Droste / pixelio.deManchmal blättere ich in einem Buch über Zeitmanagement. Das Buch fordert mich dazu auf, Ziele für die Zukunft zu formulieren. Ich bin immer etwas beschämt darüber, wie wenig visionär meine Ziele sind. Nein, ich will kein Haus auf dem Land, keinen aufregenden Job in Südamerika, keinen neuen Mann. Mein Ziel wäre es, alle meine Pins und Passwörter sicher und abrufbereit im Kopf zu haben.

Nie mehr nach einer Pin oder einem Passwort in Papierstapeln wühlen, in Büchern blättern, die Schublade auskippen, falsche Telefonnummern und Adressen im Adressbuch durchforsten, alles auf der Suche nach der perfekt versteckten Pin, dem auf immer verborgenen Passwort. Nie mehr ein neues Kennwort beantragen, um eine neue Pin betteln, ein Passwort erfragen.

Wie viel Zeit ich gewinnen würde, hätte ich all meine Pins und Pass- und Kennwörter für meine vielen Karten und Onlineportale und Bezahlvorgänge im Internet im Kopf! Sogar der Biobauernhof, der uns mit Milch und Gemüse versorgt, verlangt bei einer Bestellung zuallererst eine Pin. Immer wieder stehe ich vor solchen Vorgängen, fassungslos.

Als brave, unermüdlich vorlesende Mutter habe ich immerhin ein paar tröstliche Geschichten zur Hand. Das Problem mit den Pins und Kennwörtern ist ja durchaus nicht neu. Man denke nur an den glitzernden Räuberschatz, verborgen in einem mächtigen Berg. „Sesam öffne ich", ruft die märchenkundige Mutter, oder „Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich auf" und das Tor zu Reichtum und Glück tut sich auf.

In Wirklichkeit geht es mir allerdings eher wie dem Kalifen und seinem Großwesir bei Wilhelm Hauff, die in Störche verwandelt durch die Tümpel staksen und vergessen haben, dass sie „Mutabor", „Ich werde verwandelt werden", sagen müssen, um ihre alte Gestalt zurück zu gewinnen. „Geht eigentlich jedes Märchen gut aus?" fragt mein Sohn. Ich denke an die Pin meines Handys und daran, ob sich vielleicht der Vertrag noch finden lässt, auf dem die Pin steht, dieser Zettel, den ich hätte abheften müssen, den ich abheften werde, künftig und für immer, mutabor, jawohl!

„Fast jedes Märchen geht gut aus", sage ich.






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14.06.2010, 12:11
Karin
Also, für Internetportale gibt es eine Lösung: www.lastpass.com - sehr empfehlenswert :)

31.05.2010, 10:42
Anna
Beim Handy mag das ja noch lösbar sein, da gibt's hier ja ganz wunderbare Ratschläge. Aber kennt Ihr das nicht? Vor dem Geldautomaten zu stehen, dringend Geld abholen zu wollen und dann ist die PIN weg? Komplett gelöscht aus der Erinnerung? Und für die magische EC-Karte eine neue PIN zu bekommen, erfordert Geduld und ein bisschen Geld ...

30.05.2010, 20:03
else
Sehr hübsch zu lesen, selbst erlebt, im Stress vergessen, Nummer zu ändern, um Nr. zu ändern sind die alten Unterlagen wichtig... Es gibt halt Menschen, die nicht alle Möglichkeiten der neuen Techniken der Kommunikation kennen und vielleicht auch andere Prioritäten haben. Aber der Schluss sagt es: es wird - wie im Märchen gut ausgehen. Im übrigern: nicht zu jedem Handy gibts dies Plastikkärtchen-Vielfalt des Marktes! Schöne Sonntagabendgrüße

29.05.2010, 15:08
Christa Sima
Soviel ich weiss kann frau auf jeden Handy die Pin ändern und so die für sie gewohnte Pin verwenden. Warum einfach, wenn es kompliziert auch geht. Außerdem eine Karte auf der die Pin steht ist das nicht ein bisschen sehr unsicher?

29.05.2010, 11:20
Theresa
Ihre Geschichte - eine tolle Idee, einen Frust kreativ zu verarbeiten. Und für die Kommentatorinnen - rechthaberische Kommentare helfen nicht weiter. Ich finde sowas kränkend.

28.05.2010, 16:19
Monika Meurer
Bei jedem handy kann man die PIN ändern!!!! Sorry, aber das weiß doch wirklich jeder...

28.05.2010, 15:27
Monika Goetsch
Genial! Aber wo bekomme ich dieses Plastikkärtchen? Hat es etwa dabei gelegen? Dann ist es jetzt mit Sicherheit irgendwo im Sesamöffnedichberg verschwunden...

28.05.2010, 14:59
Bea
und es gibt ein Plastikkärtchen zum Handy, wo PIN und Tel.Nr. usw. drauf stehen und das liegt am besten im Geldbeutel :-)

28.05.2010, 13:36
A. Onwu
Dafür gibts doch "Alle meine Passworte 3.15", sogar kostenlos. Gruß AO


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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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