Lenas Stil – 12 Points?

Deutschland hat den Eurovision Song Contest gewonnen. Lena Meyer-Landrut sang das Siegerlied. Es wird das deutschlandweite Lena-Fieber diagnostiziert. Bemerkenswert: kein anderer junger Shooting-Star aus dem Casting-Kosmos ist bisher so schlicht und authentisch über die Mattscheibe geflimmerte. Doch wie authentisch kann ein Stil sein, wenn es um die Glamourwelt ‚Fernsehen‘ geht?
„Ach, hast du heute dein Lena-Meyer-Landrut-Kostüm an?“ So begrüßte mich mein Freund, als ich ihm im schwarzen Kleid die Tür aufmachte. Nach kurzem Überlegen verstand ich: Dachte ich an Lena Meyer-Landrut, die frischgebackene Siegerin des Eurovision Song Contest 2010, sah ich eine junge Frau vor mir, die in dunkelfarbigen Kleidchen linkische Bewegungen vollführt. Spätestens seit Samstagabend ist dieses modische Image in Zement gegossen, denn unsere Kandidatin trug bei ihrem Auftritt auf der bombastischen Bühne der Telenor Arena in Oslo verlässlicher Weise Lena-Uniform: schwarzes Kleid mit Raffung, schwarze blickdichte Strumpfhose, schwarze Peeptoe-Highheels. Wer den Eurovision Song Contest kennt, weiß, dass diese Kleiderwahl nicht fantasielos, sondern ein Kontrapunkt zum sonstigen Programm war. Denn der Eurovision Song Contest ist berüchtigt für die überbordenden Auftritte der Teilnehmer. Ein ganz großer Klassiker des ESC ist das Trickkostüm. Dieses Jahr gingen Weißrussland und Aserbaidschan damit an den Start. Für Weißrussland klappten drei Damen in Paillettenroben kurz vor Ende des Songs glitzernde Schmetterlingsflügel aus. Aserbaidschan brachte das Trickkleid ins 21. Jahrhundert: die Sängerin Safura präsentierte sich in einem bläulichen Kleid, unter dessen Stofflangen LED-Leuchten blickten. Der Mix aus Stoff und Elektronik stammt vom Londoner Label Cute Circuit, und war auch schon an der Sängerin Katy Perry bei der MET Costume Institute Gala Anfang Mai zu sehen.
Daniel Kruczynski

Sieg des Schlichten?
Lena selbst sagte einen schlichten Auftritt in Oslo bereits voraus: „Ich fahre nicht zum Song Contest 2010, um mich zu inszenieren, sondern um das zu zeigen, was ich bin. Ich bin kein tolles Kleid, keine Robe mit Rüschen und langer Schleppe.“ Betrachtet man Lenas bisherigen Stil, ist ihr ESC-Outfit die konsequente Fortsetzung ihrer bisherigen TV-Outfits. In den USFO-Shows ( „Unser Star für Oslo“) der ARD und Prosieben war Lena vorwiegend in gerafften Kleidern, langen Oberteilen in Schwarz- und Grautönen gekleidet. Meistens rote Lippen, schwarzer Lidstrich und rosige Wangen, war sie der Schneewittchen-Typ der Casting-Show. An diesem Make-up orientierte sich auch das Styling für den ESC-Auftritt, das für die große Bühne angemessen nur etwas dunkler und stärker ausfiel. Was Lenas Accessoires anbelangt, fällt die Hannoveraner Abiturientin ebenfalls durch eine fürs ‚Showbiz‘ ungewohnte Beständigkeit auf: Immer um ihren Hals gewickelt, durfte das schwarz emaillierte Taizé-Kreuz sogar mit auf die Bühne. Von funkelndem Prachtkollier keine Spur. Diese Beständigkeit zeigt Lena auch sonst. Immer wieder sieht man an ihr dieselben Kleidungsstücke und Accessoires: einen Ring mit großem grünen Stein und eine hellgraue Boho-Mütze, Boyfriend-Jeans. Das Phänomen der Lieblingsteile kennt eigentlich jeder, doch das es in der schnelllebigen Medien- und Musikwelt eine junge Frau gibt, die trotz des Erfolgs über Nacht, ihr Aussehen scheinbar nicht von Stylisten diktieren lässt, ist beachtlich. Ist man doch von den Casting- und Popsternchen einen Aufzug gewohnt, der fast stündlich zu wechseln scheint und nicht selten Paradiesvogel ähnlich ist.
Deutschlands neues Frauenbild
Als Lena dann aber endlich wieder in Deutschland landet und wie eine überlebensgroße Erscheinung gefeiert wird, wirkt sie doch ein bisschen durchgestylt, wenn auch mit geschicktem Understatement: Boyfriend-Jeans, kombiniert mit einem weiß-blau gestreiften Marineshirt, dass zurzeit viele Sommerkollektionen ziert und einem schwarzen Halstuch mit weißen Punkten, damit auch ein dezenter Stilbruch vorhanden ist. Dennoch kleidet sich Lena wie es viele Frauen in Deutschland zurzeit tun. Schön, dass es dieser ‚normale‘ Stil endlich mal auf die Mattscheibe schafft. Scheinbar seltsam, dass bereits viele Mädchen im Internet danach fragen, wie sie Lenas Stil kopieren können. Diese Frage ist dennoch nicht ganz unbegründet, denn Lena bekam die Kleider für die ‚USFO‘-Shows gestellt und teilweise maßgeschneidert. Stefan Raab geht laut taz noch einen Schritt weiter und erklärt Lena zur Verkörperung eines "schönen, neuen Frauenbilds aus Deutschland". Wo Lenas eigene Persönlichkeit anfängt und das Kalkül der Imageberater aufhört, verortet sich irgendwo zwischen Taizé-Kreuz und maßgeschneiderten Kleidchen. Wie auch immer es mit Lena Meyer-Landrut weitergehen mag, es wird interessant sein, zu sehen, ob eine anhaltende Medienpräsenz ihren Stil verändert und sei es nur durch schlaue Stylisten, die ihren Stil glattschleifen und aufpolieren.
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