Spiel mit dem Geschmack

Der "Vater aller Listen" Richard Blackwell setzte Maßstäbe

26.08.2009, 14:28 von Julia Nüllen

Ein altes Sprichwort sagt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Oder doch? Jedenfalls ist die Welt selten einer Meinung, wenn es um Mode geht.



"Wissen Sie, Phipps, Mode ist das, was man selber trägt. Geschmacklos ist das, was andere tragen." – Oscar Wilde

„Ich weiß nicht, aber du gefällst mir auf keinem der Fotos so richtig.“ Das war die finale Meinung meines Bruders zu den Porträtfotos, die ich ihm zeigte. (Eines davon sehen Sie jetzt zu Ihrer Rechten.) Ich war eigentlich ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Aber ein Foto auszuwählen, ohne eine zweite Meinung einzuholen, das war mir dann doch zu riskant. Da ich auf Nummer sicher gehen wollte, holte ich gleich sechs Meinungen ein und jeder fand ein anderes Foto besonders schlecht.

Mr. Blackwell at his house in Hancock Park in 2008Der Modekritiker spielt Scharfrichter
In der Fashionwelt läuft es kaum anders: Keine Modezeitschrift, kein Klatschblatt, das nicht eine Rubrik hat, in der steht was „absolut gar nicht geht“. Das amerikanische People-Magazin widmet jährlich sogar seine Septemberausgabe denen, die im vergangenen Jahr „worst" oder „best-dressed" unter den Stars waren. Doch der angebliche Vater dieser Listen ist Richard Blackwell, der im Oktober 2008 verstarb. Er war Modedesigner in den 60er Jahren. Als erster Modedesigner Amerikas wurde seine Modenschau im Fernsehen übertragen, dennoch konnte seine Karriere als Modedesigner nicht mithalten mit den Erfolgen, die er als Modekritiker feierte. Bevor er selber den Scharfrichter spielen durfte, musste er selbst harte Modekritik einstecken: Eine Modejournalistin schrieb über seine Entwürfe, sie erinnerten an Hollywoodkostüme und seien übertrieben. Als er 1960 für „American Weekly“, einer Sonntagsbeilage amerikanischer Zeitungen, einen einmaligen Artikel über die 10 best- und schlechtgekleidetsten Promis schreiben sollte, schlug seine Moderezension ein wie eine Bombe.

"Königlicher Clown" oder "Modedemonstrosität"
Von da an veröffentlichte Blackwell fast ein halbes Jahrhundert lang im Januar jeden Jahres seine Blackwell-Listen, die er später mit einer entsprechenden Award-Verleihung für die Listenplatzierten verband. Blackwell avancierte zu Amerikas gefürchtetstem Modekritiker, eine eigene Fernsehsendung und Biografie folgten. Sein bissiger und an Wortspielen reicher Kommentar zog die Modeeskapaden berühmter Persönlichkeiten Medien wirksam durch den Kakao wie kein anderer. Königin Elizabeth bezeichnete er als einen „königlichen Clown“, Victoria Beckham als „Modemonstrosität“. Blackwell veröffentlichte ebenfalls die Top 10 der „best dressed“. Unter anderem schafften Gerhard Schröder und Joschka Fischer es, 2001 lobend erwähnt zu werden. Allerdings bekamen die positiven Bewertungen nie soviel Aufmerksamkeit, wie das öffentliche Massaker der Modesträflinge.
 
„Wie siehst du denn heute aus?!“
Den Stil der anderen zu schelten, scheint also auf ein großes öffentliches Interesse zu treffen. Ob etwas gefällt oder nicht, entscheidet sich häufig in den ersten Sekunden. Wer noch nie gehört hat: „Wie siehst du denn heute aus?!“ oder gesagt hat: „Was hat die denn an?!“, der lebt in einer glücklicheren Welt. Täglich sagt das die Mutter zur Tochter, die eine Freundin zur anderen, manche Großmutter denkt sowas sogar über die gesamte Jugend. Auch wenn das Kritisieren an der Klamotte noch so viel Spaß und Schadenfreude bringt, allgemein gültig ist es nie. Denn im 19. Jahrhundert wäre es undenkbar gewesen, dass eine Frau Hosen trägt und andersherum gedacht: Wer versteht noch, was modisch in den 80er Jahren passiert ist?

Was mir am besten gefällt ...
Am Ende bleibt die Mode ein schwieriges Geschäft, da sie mit den Geschmäckern der Leute spielt. Ein Spiel, das häufig zu Zankerei führt.
Über Geschmack lässt sich eben doch streiten und aus so mancher Meinungsverschiedenheit habe ich etwas gelernt. Ich habe mich am Ende für das Foto entschieden, das mir am besten gefallen hat. Im Übrigen hat mein Bruder auch viel an meiner Kleidung auszusetzen, dafür mag ich seine Schuhe überhaupt nicht.






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Mode, das ist die schillernde Parallelwelt, von der gemunkelt wird, sie existiere irgendwo zwischen Paris, Mailand und New York. Wenn Designer und Trendsetter die Fashion-Weeks bevölkern, geht es um Haute Couture. Später steht das zusammengepresst zwischen glänzenden Magazinseiten. Doch war das schon alles? Was ist mit dem  alten Lieblingsrock, was mit dem Regenmantel, der wunderbar trocken hält, was mit der Handtasche, die ruft „Kauf‘ mich, kauf‘ mich!“ oder der lang gesuchten Lampe für das Wohnzimmer? Mode ist nicht nur auf den Laufsteg beschränkt. Mode kann Alltag und Ausnahme sein, Nutzgegenstand oder Zierde. Sie prägt den Lebensstil und gibt der Persönlichkeit eine Ausdrucksform. Sie ist Teil der Kultur, hat eine Historie und sie ist auch ein Wirtschaftszweig. Ist Mode wirklich unausweichlich und überall? Dieser Blog schaut sich gründlich um.

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