Paillettenpolitik

Politik macht die Kanzlerin, Mode die First Ladies

21.10.2009, 17:39 von Julia Nüllen

Die Mode der Kanzlerin ist immer wieder ein Thema, durchaus auch ein politisches. Aber die Modeikonen bleiben die First Ladies. Deren Prototyp ist und bleibt Jackie Kennedy. Doch an wem darf die Kanzlerin sich orientieren, wenn sie sowohl politisch wie modisch eine gute Figur machen soll?



Sie trug rot und alle redeten darüber. Als Anne Will vor zwei Wochen in ihrer Talkrunde die Frage stellte, warum Angela Merkel bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach Bekanntgabe des Wahlsiegs rot trug, wusste der gefragte Parteifreund keine Antwort. War das ein Fingerzeig in Richtung der SPD oder war der Kanzlerin an dem Tag einfach danach? An Angela Merkel wird ein roter Blazer zum Politikum und nicht zum Fashionstatement.
Wer mit wem koaliert ist klar, der Blazer hängt wieder im Schrank und Deutschland ist bereit für ein neues Kapitel  von Merkels Mode(un)taten. Und dieses Buch  ist nicht gerade das dünnste: „Das beste Make-over der letzten zehn Jahre“ soll der ehemalige Bonner Bundestagsfriseur Angela Merkels neues Kanzlerinnen-Aussehen genannt haben. Auch wenn Deutschland inzwischen an die Blazer-Kanzlerin und ihre schicke Fönfrisur gewöhnt ist, findet sich immer wieder ein modisches Detail, das es an der Kanzlerin zu sezieren gibt: Trägt sie zu viel oder zu wenig Farbe? Warum immer nur diese Hosenanzüge? Nicht zuletzt sorgte das  „Kanzlerinnen-Dekolleté“ wochenlang für eine bundesweite Debatte, ob eine Staatsfrau so viel Frau sein darf.

 

 

Michelle Obama setzt neue Maßstäbe

Frauen, die auf der politischen Bühne agieren, müssen sich immer einer lauten Modekritik stellen, da ist Angela Merkel bei weitem nicht alleine. Selbst die First Lady der USA, Michelle Obama, musste sich anhören, dass nackte durchtrainierte Oberarme sich für eine First Lady nicht ziemen. Dabei hätte man ihr ein tiefes Dekolleté sicher nicht krumm genommen. Und genau hier liegt der Unterschied: Ein Staatsoberhaupt muss Kompetenz, Vertrauen und Macht ausstrahlen, eine First Lady hingegen ist immer noch mehr Zierde als Entscheidungsträgerin, auch wenn die First Ladies der neuen Generation wie Michelle Obama und Carla Bruni einiges tun, um dies zu ändern. Also geht es auch bei Michelle Obama nicht ganz ohne politische Botschaften. Ihr wird nachgesagt, dass sie die neue, integrierende Politik ihres Mannes durch ihre Kleidung ausdrückt: frische Farben (auf der Inaugurationsfeier trug sie eine Art limettengrün) und Kreationen von jungen Designern aus dem Melting Pot Amerikas, wie dem Kubaner Narciso Rodriguez oder Isabel Toledo die für das limettengrüne Outfit verantwortlich war, und nicht die großen Klassiker wie Valentino oder Oscar de la Renta.

Michelle Obama - das offizielle Portrait im weißen Haus

Während ihre Vorgängerin Laura Bush modisch konservativ und nicht im Fashion-Kollektivgedächtnis verblieben ist, wird sie jetzt als Galionsfigur eines neuen Amerikas und als Modeikone gefeiert. Blogs wie Mrs. O beschäftigen sich täglich bis ins kleinste Detail mit dem Look der First Lady von der Halskette bis hin zum nachdesignten schwarzen Cardigan mit Paillettenblumen. Michelle Obamas Stil wird für die Masse zum Nachmachen aufgeschlüsselt. Apropos Massenware, auch das ist neu an der First Lady Michelle O., wie sie in Anlehnung an Jackie O. genannt wird: Sie trägt J.Crew (eine amerikanische Modekette) und somit Kleidung von der Stange.

 

Der Druck eine First Lady zu sein

Bei der Mutter aller modischen First Ladies Jacqueline Kennedy Onassis wäre das nie denkbar gewesen. Noch heute ist die Kennedy-Gattin neben Stars wie Audrey Hepburn die Vorbildfigur, wenn es um klassischen und zeitlosen Stil geht. Ihre Markenzeichen waren, neben den toupierten Haaren, die hellen, schlichtgeschnittenen Haute Couture-Kostüme und die Pillboxhüte. Dieses Jahr wäre Jackie O. 80 Jahre alt geworden und noch heute gibt es Bücher wie „What would Jackie do“ oder Anleitungen, wie man in zehn Schritten den Stil der Kennedy-Gattin erreichen kann.

Auch wenn die Mode seit Jackie O. in die Politik Einzug hielt, erst jetzt avancieren Ländergipfel zu einer kleinen Form von Catwalks. Mit Argusaugen wird beobachtet, welche First Lady die schönere war. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass mit Carla Bruni, der First Lady von Frankreich, ein ehemaliges Topmodel die Weltpolitik betritt. Auch sie hat eine modische Verwandlung durch gemacht: Bevor sie Sarkozy heiratete, spottete die Presse, ob das leicht verruchte und laszive Model, das sich heute als Sängerin einen Namen macht, seriös und elegant genug für Frankreichs Spitze sei. Aber auch sie überzeugte, in dem sie bei ihren ersten öffentlichen Auftritt in Kostümen und Hüten, einer Jackie O. nicht unähnlich, brav neben Ehemann Sarkozy zu sehen war. Dabei ist es verwunderlich, dass gerade die neue Stilikone Bruni, die das Geschäft mit der Schönheit besser kennen sollte als jede andere, in einer heißerwarteten Enthüllungsdokumentation über den Druck klagt, immer mit den anderen First Ladies wie Michelle Obama und Letizia von Spanien verglichen zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Modisch und politisch - ein Widerspruch?

Auf den großen Politikgipfeln wird also nicht nur poltischer Druck aufgebaut. Auch Kritik an ihrem Kleidungsverhalten musste sich unsere Kanzlerin anhören. Der Stern witzelte im April 2009 darüber, dass Angela Merkel zum G20-Gipfel in London und zwei Tage später beim Nato-Treffen in Straßburg denselben weißen Blazer trug. So gesehen hat es Angela Merkel vielleicht ein bisschen schwerer als Carla Bruni, denn von ihr erwartet man politische und modische Kompetenz, wobei viele genau darin einen Widerspruch sehen mögen. An wem kann sich also Angela Merkel orientieren? Der Stern schlägt Margaret Thatcher vor, englische Premierministerin von 1979 bis 1990. Die Iron Lady ließ sich vom Schneider der Queen einkleiden. Diese wiederrum erntet regelmäßig mit ihren bonbonfarbenen Kostümen und Hutkreationen ein wissendes Lächeln.

Offensichtlich passen in der öffentlichen Meinung weder Glitzer noch Pastell zu politischer Führungsstärke. Man sagt ja Mode sollte die Persönlichkeit unterstreichen, wenn die Persönlichkeit sich jedoch konsensfähig präsentieren muss, also einem ganzen Land zusagen sollte, dann müssen auch in modischer Hinsicht Kompromisse eingegangen werden. Und dann ist es mit der Kanzlerinnengaderobe wieder nicht anders als mit den FDP-Verhandlungen. Vielleicht kann Angela Merkel mit einem neuen Stil eine Koalition eingehen? Die First Ladies würden sicherlich Jackie Kennedy als Partnerin empfehlen.






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Mode, das ist die schillernde Parallelwelt, von der gemunkelt wird, sie existiere irgendwo zwischen Paris, Mailand und New York. Wenn Designer und Trendsetter die Fashion-Weeks bevölkern, geht es um Haute Couture. Später steht das zusammengepresst zwischen glänzenden Magazinseiten. Doch war das schon alles? Was ist mit dem  alten Lieblingsrock, was mit dem Regenmantel, der wunderbar trocken hält, was mit der Handtasche, die ruft „Kauf‘ mich, kauf‘ mich!“ oder der lang gesuchten Lampe für das Wohnzimmer? Mode ist nicht nur auf den Laufsteg beschränkt. Mode kann Alltag und Ausnahme sein, Nutzgegenstand oder Zierde. Sie prägt den Lebensstil und gibt der Persönlichkeit eine Ausdrucksform. Sie ist Teil der Kultur, hat eine Historie und sie ist auch ein Wirtschaftszweig. Ist Mode wirklich unausweichlich und überall? Dieser Blog schaut sich gründlich um.

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