Bloß keine Kritik?
Oder: Warum sind Sie eigentlich selbstständig?

"Ich will mich nicht kritisieren lassen. Darum bin ich schließlich selbstständig." Sprach's und war wieder weg. Im Vorbeigehen beim kurzen Wortwechsel hatte die Kollegin diese These hingeworfen. Und lässt mich ratlos zurück.
Kann es sein, dass das das Besondere in der Selbstständigkeit sein soll? Dass mich niemand kritisiert?
Wenn eine Unternehmerin sagt: Ich möchte meine Entscheidungen selbst treffen. Ich möchte die Richtung vorgeben. Ich will meine Ideen umsetzen ..., dann nicke ich zustimmend. Aber bei dem Satz: Ich will mich nicht kritisieren lassen?
Da fürchte ich, gerade bei einer Einzelkämpferin, eine große Gefahr.
Kritik im Alltagsgeschäft
Kritik gehört zu meinem Geschäft dazu. Ich schreibe Texte, moderiere, entwickle Konzepte. Kunden und Kundinnen bekommen von mir Entwürfe, die ich gemeinsam mit ihnen besser machen kann. Im Gespräch über "Arbeitstexte" gibt es immer Kritik. Ich schreibe auch journalistische Texte und bedaure es oft, nicht mehr in einer großen Redaktion zu sitzen, wo immer mal ein Kollege oder eine Kollegin vorbeikam, die man um Kritik bitten konnte. Manchmal war sie vernichtend, spätestens, wenn der Chefredakteur einen Beitrag zerlegte. Das habe ich als Journalistin erlebt und daraus viel gelernt. Jeder kritische redigierende Eingriff bringt mich weiter.
Kritik anzunehmen ist eine unternehmerische Aufgabe
Vielleicht hat meine Kollegin das aber auch gar nicht gemeint. Denn der Ausgangspunkt unseres Gesprächs waren Kleinigkeiten, die Chefs verlangen. So was wie: Machen Sie diese Zahl doch bitte fett ... diesen Abstand im Anschreiben hätte ich gern größer ...
Das nicht mehr zu wollen, dieses Klein-Klein, dieses Im-Auftrag-Arbeiten ohne eigene Vision, kann eine gute Motivation sein, sich nach mehr Unabhängigkeit im Job zu sehen.
Ich bin übrigens auch immer mit Chefs aneinandergeraten, fand sie oft unqualifiziert und habe kritisiert, was sie taten und wie sie es taten. Aber dass sie mich kritisieren, das war für mich kein Impuls, meine Position dort nicht zu mögen.
Kritik anzunehmen ist eine unternehmerische Aufgabe. Davon bin ich
überzeugt. Es ist eine dienstleistende Einstellung.
Eine, die meine
Arbeit besser machen kann.
Die Kritik an Arbeitsergebnissen ist das eine, ein Austausch über die eigene Rolle im Unternehmen, das andere. Dazu gehören Rückmeldungen zum Umgang mit Mitarbeitern, zum Führungsstil, zur Kommunikation mit Kunden ...
Einzelkämpferinnen brauchen Partnerinnen und Kritikerinnen
Teamgründungen sind auch so gut, weil es hier eine unternehmensimmanente Kultur für Kritik gibt.
Die einsame Wölfin an der Spitze eines Unternehmens braucht Sparringspartner auf Augenhöhe (sicher auch außerhalb des Unternehmens), die ihr ihr Verhalten kritisch spiegeln können.
Eine Kleinunternehmerin, die Einzelkämpferin ist, braucht solche Partner und Partnerinnen auch. Sie kann sie in Netzwerken finden oder in Kooperationen. Jedes Unternehmen - das kleine wie das große - braucht, wenn es sich weiterentwickeln will, eine Kultur der Kritik.
(Foto: Markus Kräft / pixelio.de)
Tweet
zurück
01.07.2010, 17:05
Birgitt Torbrügge
Eine schöne kleine Perle! Einzig das Team als Hort von Kritikkultur scheint mir ein wenig idealisiert. Es ist zwar so, dass in Teams immer auch eine Kritik-Kultur vorhanden ist, doch ist die nicht selten von recht unkonstruktiver Art. Bis hin zu: verboten! Was ich ebenfalls beobachte als Folge des Kritikvermeidungsgebots bei Solounternehmerinnen: Wer die berechtigte oder unberechtigte Kritik vom Kollegium nicht erträgt (häufiges Motiv für Gründung: Arbeitsklima, Streit am Arbeitsplatz), kann dann auch mit anspruchsvoller Kundschaft nicht besonders konstruktiv umgehen und wird schnell frustriert durch Reklamation, Nachbesserung, Umtausch- oder Änderungswünsche ...




