Vorbilder gesucht

Warum es so schwer ist, authentisch zu sein

11.11.2010, 22:08 von Andrea Blome

In dieser Woche ist in Münster wieder mal die jährliche Existenzgründungswoche. Ich habe eine Veranstaltung besucht, eine moderiert und mit vielen vielen Menschen gesprochen. Über das Gründen, über das Selbstständig Sein, über Krisen - und über Vorbilder.



Letzteres ist eines meiner Lieblingsthemen. Denn darum haben wir existenzielle vor vielen Jahren gegründet. Wir wollten andere Geschichten über Frauen in der Wirtschaft erzählen, wir wollten echter und ehrlicher sein und Vorbilder zeigen.

Dazu gehörte auch, Geschichten von selbstständigen Frauen so zu erzählen, dass spürbar ist: ein Unternehmen zu führen ist kein Spaziergang. Ein Rad dreht sich nicht immer aufwärts. Krisen gehören dazu und auch die Fehler, die es nicht nur am Anfang gibt.

Aber: Es gibt so wenige Menschen, die bereit sind, über das zu sprechen, was schwierig ist oder war. Na ja, wenn eine Krise Jahre zurückliegt und aus der Perspektive des aktuellen Erfolges wie eine Anekdote erzählt werden kann. Dann mag es noch möglich sein, offene und ehrliche Worte zu hören.

Aber wenn die Situation jetzt im Moment schwierig ist, krisenhaft, schwerer als gedacht? Welche Unternehmerin will sich denn so zeigen? Dazu gehört Mut.

 

Es gibt sie, diese mutigen Menschen, die das anders sehen und gerade dehalb so glaubwürdige und gute Vorbilder sind. Weil sie nicht so tun, als lege eine Gründerin, ein Gründer nur den Schalter um und schon sei Erfolg das einzige, worüber man noch öffentlich sprechen darf. Leute wie sie sollten in die Schulen und Hochschulen gehen und Mut machen zur Selbstständigkeit - denn das können sie sehr glaubwürdig tun.

Gestern habe ich in einer Veranstaltung mit Christine Bach und Dr. Alexander Bach gesprochen. Die beiden haben 2008 gemeinsam ein Café mit einem exklusiven Geschenkeladen eröffnet. Das FAUN in Münster wurde 2009 ausgezeichnet als "Store oft the Year", das kleine Unternehmen wächst. Und doch hatten beide keine Scheu, vor Publikum zu erzählen, dass der unternehmerische Alltag viel härter ist als sie das jemals erwartet hatten. Und so war das, was Alexander Bach dann sagte - "Wir verfolgen ein nachhaltiges Konzept" - keine Floskel mehr. Sondern ein sehr unternehmerischer Satz: Sich nicht müde machen zu lassen von schwierigen Phasen, der eigenen Idee zu vertrauen, weiter Visionen zu folgen und konsequent das eigene Profil zu schärfen.

 

Und doch gab es im späteren Gespräch ganz andere Stimmen: Wenn ich meinen Kunden zeige, dass es mir nicht gut geht, bleiben sie weg. Schneller als du gucken kannst. Dann haben sie kein Vertrauen mehr. Gerade Menschen, für die die unternehmerische Rolle neu ist, wollen vor allem am Anfang keine "Schwäche" zeigen und beweisen, dass sie es schaffen. Das stimmt vielleicht auch irgendwie. So schmal ist der Grat des Storytelling, des Authentischen. Aber müssen Selbstständige immer Stärke ausstrahlen? Vom ersten Tag an? Oder ist es nicht viel sympathischer, authentischer und damit auch erfolgreicher, die eigene Geschichte nicht ganz so glatt zu erzählen? Finden das nicht auch Kunden attraktiver?

Ich freue mich über andere Vorbilder. Ich bin dankbar, wenn Menschen so stark sind, dass sie Schwächen zeigen. Nicht, um zu kokettieren, sondern um ehrlich Mut zu machen.

 

Schön war der abschließende Einwurf in der Gesprächsrunde von Dr. René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung. Er betonte, wie falsch der Anspruch vieler Gründungsberater und -beraterinnen ist: Wer sich selbstständig mache, brauche Risikobewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit, Erfolgswillen ... (Sie können das locker um weitere Begriffe ergänzen.) Erhoben wurden diese Eigenschaften, so René Leicht, im Gespräch mit gestandenen Unternehmern - und dann unzulässigerweise auf Erwartungen an Gründer und Gründerinnen übertragen. Aber: Wer sich selbstständig macht, muss so überhaupt nicht sein! Selbstständigkeit lässt sich schließlich lernen.






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14.11.2010, 20:01
Melanie
Vorbild - da fällt mir nur meine Gisela ein, die ihr Modelabel DonnaRosa mit einer Wahnsinnsenergie vorantreibt. Ich bewundere sie für das Abschütteln von vermeintlichen Niederlagen: "Alles ist für irgendwas gut." Den Mut immer weiter zu machen, den Kampf in dieser Welt voller Herausforderungen grad wieder aufzunehmen. Sie ist wiederum mein Antrieb. Klar gibt es immer Menschen, die einem den Erfolg neiden, einem Ideen schlecht reden, weil sie selbst den Mut nicht haben. Genau das ist der Unternehmergeist, gute Idee oder ein vermeintlich perfektes Geschäftsmodell sind Nebensache. Danke Gisela, für deine Energie, die auf andere automatisch abstrahlt, wenn sie es nur zulassen. Und gemeinsam rocken wir das Label.

13.11.2010, 12:24
Nicole Zunhammer
Authentisch sein, wouw, natürlich ist das erstrebenswert und ja, diesem Anspruch folge ich auch. Allerdings weiß ich manchmal gar nicht, wie ich das am besten tue, denn es gibt sie ja alle diese in mir drin: die Frau voller Leichtigkeit, die Schwierigkeiten als kleine interessante Hürden betrachtet und singend durchs Leben tanzt, die Melancholische, die sich den Herbstnebeln widmen und schweigen möchte, die Buchhalterin, die die Engagements für das kommende Jahr durchrechnet und feststellt ob es \"reicht\" - und ja, es reicht, seit Jahren, und oft mehr als das, aber die Selbstverständlichkeit dazu fehlt -, die Kritische, die in Frage stellt, ob das wirklich das ist was ich aus meinem Leben machen möchte, und und und. Dort, wo es anderen eine Hilfe ist, sind eigene vielleicht modell hafte Lebenserfahrungen des AUF und AB nicht nur gefragt, sondern wesentlich, machen Mut. Das habe ich an anderen, die mir ein Vorbild waren/sind, erlebt, das hat mich inspiriert und motiviert, und das mache ich gerne nach. Nicole Zunhammer, Beratung-Training-Coaching, München

12.11.2010, 11:20
Beatrice Legien-Flandergan
Authentisch zu sein als Selbstständige, damit beschäftige ich mich auch immer wieder. Ich habe bisher meist versucht stark und souverän aufzutreten, weil ich glaubte, nur so nehmen mich andere als kompetente Geschäftsfrau wahr. So zeigt es uns die Männerwelt, weil dort starkes Auftreten erwartet wird. Durch die Veränderung meiner beruflichen Ausrichtung weg von sachlichen Tätigkeiten hin zur Unterstützung von Menschen ist mir aber aufgefallen, dass es gar nicht nötig ist, sogar nachteilig ist, nicht authentisch aufzutreten. Gerade wir Frauen sollten uns auch weiblich geben, Gefühle zeigen und nichts von den Männern übernehmen, was nicht zu uns passt. Ich sehe es dennoch wie eine Gradwanderung. Frauen haben manchmal ihr Herz auf der Zunge und erzählen dann zu viel von sich und was sie beschäftigt. Eine gute Balance im Geschäftsleben finden, dabei immer man selbst bleiben und sich selbst treu bleiben, das finde ich wichtig. Nur wer für den anderen authentisch erscheint und auch Gefühle zeigt, wird auch für das geschäftliche Miteinander angenommen.


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Eine andere Öffentlichkeit für selbstständige Frauen, darum geht es der existenzielle. Frauen führen große, meistens aber kleine Unternehmen. Einzelunternehmerinnen und Freiberuflerinnen wissen: Ich bin mein Unternehmen. Erfolg ist für sie viel mehr als (nur) das wirtschaftliche Wachstum. Sie sind Frauen mit Ideen und Leidenschaft - und  könnten doch gelegentlich etwas größer denken!
10 Jahre lang ist existenzielle als Magazin gedruckt erschienen. Mit der Online-Plattform beginnt ein neues Experiment. Der Blog ist dabei wie eine regelmäßige Hausmitteilung - über das Experiment "Online", über Unternehmerinnen-Kultur und ihre Bilder in den Medien.

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