"Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht ..."

Da war er wieder. Dieser Satz. "Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht." Ein immer wiederkehrender Standard, wenn Geschichten von Gründerinnen erzählt werden. Warum er mich ärgert? Weil er die Frauen kleiner macht als sie sind. Weil er manchmal gar nicht stimmt. Weil ein Unternehmen ein Abschied vom Hobby ist. Und weil Gründerinnen das bewusst ist.
Das muss ja eine besondere Leidenschaft sein
"Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht." So wurde Kerstin Psondr am vergangenen Montag bei den "Geld.Gesprächen" in der NRW.Bank vorgestellt. Vielleicht liegt ein solcher Satz nahe, wenn eine Veranstaltungsmanagerin, angestellt bei der RAG Informatik, einen gut bezahlten Job aufgibt, 150.000 Euro aufnimmt und einen etwas heruntergekommenen Kostümverleih übernimmt. Das kann man ja kaum glauben. Warum tut sie das? Warum geht sie ein so großes Risiko ein? Noch dazu in einer Branche, die ihr fremd ist? Das muss ja eine besondere Leidenschaft sein, ein verrücktes Hobby vielleicht?
Kerstin Psondr hat sich nie gern verkleidet, sie hat kein Faible für Kostümfeste oder Karneval. Warum sie den Kostümverleih Kunterbunt in Duisburg Homberg dennoch übernommen hat? Weil sie sich den Markt ganz genau angeschaut hat und wenig Mitbewerber sieht, weil sie den Wert des 30 Jahre alten Unternehmens mit den über 10.000 zum Teil historischen Kostümen auf ca. eine Million Euro schätzt, weil sie eine neue berufliche Herausforderung suchte. Eine durchdachte und mutige Unternehmensübernahme also. Welches Hobby sie hat? Keine Ahnung ....
30 Jahre mit dem Hobby
"Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht." Manchmal stimmt das aber auch. Wenn eine Frau auf der Suche nach einer beruflichen Alternative überprüft, ob aus dem Hobby ein Geschäft werden kann. Julia Erhard ist so eine. Die PR-Frau aus Münster nutzte die Elternzeit, um über neue berufliche Wege nachzudenken - Fotografie ist das Stichwort. „Als Hobby hat es mir 30 Jahre eine große Zufriedenheit verschafft.“ Ohne Kamera geht sie sowieso nie aus dem Haus. Aber daraus eine Selbstständigkeit machen? Ein Viertelfest nimmt sie im Sommer zum Anlass, um die ersten eigenen Bilder - besondere Augenblicke, Alltagsszenen, Stadtansichten - zum Verkauf anzubieten. Und zwar in einer besonderen Präsentationsform: Sie legt ihre Bilder nicht hinter Glas, sondern zieht die Fotos auf 1 cm dicke Holzplatten auf. Kleine Kunstwerke, die man anfassen will und die an der Wand wie mehrdimensional wirken. Die Resonanz war so positiv, dass Julia Erhard den Mut hat, weiterzumachen. Jetzt ist sie bei einem temporären Laden mit lauter Kreativen dabei. Jetzt beginnt was Neues. Das kleine Unternehmen wächst.
Abschied vom Hobby
„Ich musste mich von meinem Hobby verabschieden“, sagt Andrea Schlack, Kindermoden-Designerin aus Bielefeld. Was zuvor Liebhaberei und private Leidenschaft war, soll nun den Lebensunterhalt sichern. Mit 17 hatte Andrea Schlack schon Schneiderin werden wollen. Und lernte doch Krankenschwester, das schien vernünftiger. 30 Jahre ist das her. Genäht hat Andrea Schlack in dieser Zeit immer, hat ein Gespür für einen eigenen Stil entwickelt, sich entschieden, nur mit hochwertigen Stoffen zu arbeiten und sich als Designerin von Kleidern für Sammler-Puppen in der Szene einen Namen gemacht. Daraus ein Unternehmen werden zu lassen, war ein Gedanke, den sie zwar attraktiv fand, aber beim Blick auf das finanzielle Risiko schnell wieder beiseite schob. Erst als sie an ihrer Arbeit krank wurde, besann sie sich auf Fähigkeiten, die außerdem in ihr stecken.
Das kleine Unternehmen zur Selbstverwirklichung
"Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht." Dieser Satz macht die Geschäftsideen und Vorhaben von Frauen klein. Er klingt niedlich und immer so: Frauen machen alles mit so viel Gefühl, mit viel Leidenschaft. Das kleine Unternehmen als Ort der Selbstverwirklichung - wie beim geliebten Hobby eben.
„Ich musste mich von meinem Hobby verabschieden.“ Um genau diesen Rollenwechsel geht es. Das weiß jede Gründerin, die zu rechnen anfängt.
Und darum hat das Hobby in Berichten über von Frauen geführte Unternehmen nichts verloren. So lässt sich nämnlich nicht beschreiben, dass auch an einer Unternehmensidee das Herz hängen kann. Dass das Arbeiten im eigenen Unternehmen Spaß macht, für Zufriedenheit sorgt und eine gute Alternative ist, wenn Frauen als Angestellte das Gefühl haben, nicht weiterzukommen, zerrissen zu sein, abhängig und unzufrieden.
Übrigens ...
"Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht." Über einen Gründer habe ich das noch nirgends gelesen oder gehört. Dabei haben Männer ja auch Hobbys, in denen Geschäftspotenzial steckt. All die Bastler und Computerfreaks, die in ihren Werkstätten Ideen austüfteln, aus denen sich Geld machen lässt. Sport- und Skibegeisterte, die als Reiseveranstalter zu Erfolg gekommen sind. Fußballbekloppte, die Zeitschriften oder Fußballschulen gründen ... Hobbys, die längst Unternehmen sind. Mit viel Leidenschaft.
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11.12.2009, 16:57
Ortrud Battenberg
Sie sprechen mir aus der Seele, Frau Blome! Schon immer hat mich diese Aussage gestört, und ich finde gut, dass sie Sie herausgefordert hat, darüber zu schreiben. Man kann auch noch einen Schritt weiter denken: Wenn das Hobby Beruf wird, heißt das ebenso, dass der Beruf ein Hobby ist. Und das impliziert, dass Frauen weniger Geld für ihre Leistungen bekommen (wenn sie nicht aufpassen), dass ihre Arbeit als solche geringer geschätzt wird (es ist ja nur Hobby und nichts Ernsthaftes) und dass Frauen in wichtigen Gremien eher selten vertreten sind. Und – ob Sie es glauben oder nicht – wenn sie einen (Ehe-) Partner haben, ist es nicht mal schlimm, wenn ihre geschäftliche Selbstverwirklichung mal nicht so läuft. Dann zieht sie ja ihr Partner durch. Na Prost! Ich jedenfalls reagiere grantig, wenn jemand meint, mein Beruf sei mein Hobby.
11.12.2009, 11:50
Jana Schütze
Ein wunderbarer Beitrag. Bei unseren Recherchen für KLICK-Germany haben wir viele Frauen kennen gelernt, die sich mit ihrem \\\"Hobby\\\" selbständig gemacht haben. Frauen, die aus ihrem Beruf gemobbt wurden, weil sie Mütter geworden sind. Frauen, die arbeitslos wurden. Frauen, die ihrem Leben einen neuen Inhalt geben wollten. Jede dieser Gründungen sind mit einer Riesenportion Mut verbunden und vor allem Durchhaltevermögen. Die Startphase ist oft besonders schwierig. Meist bekommen sie keinen Kredit, müssen sich das Startkapital von Freunden borgen oder Schritt für Schritt in Heimarbeit das Unternehmen aufbauen. Dann kommt die Nagelprobe: Der Verkauf der Produkte. Halten sie den Anforderungen des Marktes stand? Sind die Käufer bereit, für handgefertigte Sachen etwas mehr zu zahlen. Ich habe enorme Hochachtung vor diesen Frauen (und auch Männern). Und bin immer wieder erstaunt, auf was für Ideen diese Frauen kommen. Einige der Frauen werden ja auch hier in der Rubrik \\\"Manufakturen in Frauenhand\\\" vorgestellt.




