Henri ist da
Von einem Büro-Baby lässt sich eine Menge lernen

Henri ist da. Seit einer Woche haben wir ein Büro-Baby. 10 Wochen alt und sehr sehr süß. Der zweite Sohn meiner Mitarbeiterin Franca Di Matteo-Pierre hat sein Bett in ihrem Büro. „Baby und Arbeit, das geht nicht gleichzeitig", hätte ich früher gesagt und einer Mitarbeiterin immer geraten, für eine vernünftige Betreuung zu sorgen. Warum das jetzt anders ist?
Weil wir einen ziemlich kleinen Betrieb haben, weil das Baby noch ziemlich klein und ein Still-Baby ist. Weil Franca keine lange Pause machen wollte und ich nicht lange auf sie verzichten möchte. Und weil es jetzt tatsächlich die unkomplizierteste Lösung ist, mit Baby ins Büro zu kommen.
Das geht nicht mit jedem Kind, das wissen wir beide aus Erfahrung. Aber mit diesem geht es offenbar. Wir haben schon zwei Wochen Erfahrung :-) Vielleicht klappt es in der nächsten Woche auch. Und wenn Henri älter wird und nicht mehr so friedlich in seinem Bettchen liegen will, während Mama in die Tasten haut oder telefoniert, dann finden wir eine neue Lösung, die flexibel ist und zu unser beider Bedürfnissen passt.
Kleine Betriebe können, wenn es um Vereinbarkeit geht, eine
Menge ausprobieren. Das ist ihr Vorteil. Und zugleich gelten hier
dieselben
Prinzipien wie in anderen, größeren Unternehmen, die sich
Familienfreundlichkeit
auf die Fahnen geschrieben haben:
- Familienfreundlichkeit heißt nicht, dass nur die Mitarbeiterin bestimmt, was sie braucht. Das ist ein häufig gehörter Trugschluss und eine immer wiederkehrende Klage von Arbeitgebern: „Wenn wir sagen, dass wir familienfreundlich sind, dann glauben die Frauen, es geht nur nach ihrer Pfeife. So in dem Stil: Ich könnte am Donnerstag 2 Stunden, am Mittwoch nach 16 Uhr dreieinhalb und eventuell am Freitag noch mal eine Stunde arbeiten ..."
- Familienfreundlichkeit ist Verhandlungssache. Und die Bereitschaft zu verhandeln, die macht schon mal einen guten Teil der Familienorientierung aus. In unserem Fall: Franca könnte auch zuhause arbeiten, schließlich betreiben wir eine Online-Plattform, da spielt sich viel im virtuellen Raum ab. Aber: Ich will sie mindestens einmal, lieber zweimal in der Woche sehen und persönlich sprechen. Dafür brauchen wir eine gute Lösung. Franca will ihr Baby stillen und das geht am unkompliziertesten, wenn es in der Nähe ist. (Wer jetzt sagt, sie kann doch Milch abpumpen, sollte wissen: Das muss auch alle paar Stunden passieren und dauert ebenfalls ....)
- Familienfreundlichkeit motiviert. Die Familiensituation zum Thema zu machen, nach Bedürfnissen zu fragen und danach, wie die Bedingungen sein müssten, motiviert. Die eigenen Interessen zum Thema zu machen, den Wunsch, auf eine Mitarbeiterin, ihre Erfahrung und ihr Engagement nicht verzichten zu wollen, motiviert. Das gilt für kleine wie große Betriebe. Die Alternative wäre gewesen zu sagen: Organisier' erst mal die Betreuung für das Baby und komm' dann zurück. Dann hätte ich vermutlich ein halbes Jahr oder länger auf sie warten müssen.
Noch immer bin ich der Meinung, dass Frauen mit Kindern ihre Kleinen am besten nicht neben den Schreibtisch setzen, wenn sie konzentriert arbeiten wollen. Auch ich mag diese Fotos mit der telefonierenden Business-Frau überhaupt nicht, die gleichzeitig ein Baby auf dem Schoß hat und unglaublich entspannt aussieht. Sie suggerieren, dass Frauen alles locker gleichzeitig können. "Das ist anstrengender so", sagt Franca Di Matteo über die Arbeit mit Baby und ist trotzdem stolz, dass sie das jetzt gleichzeitig schafft. Glücklicherweise ist das nicht für immer so. Kinder wachsen, dann brauchen sie Mama nicht mehr alle zwei Stunden.
Es ist kein
Zufall, dass viele Frauen, die Mütter werden und die Chance dazu haben,
sich statt für den Wiedereinstieg in den alten Betrieb für die
Selbstständigkeit entscheiden. Noch immer sind Arbeitsverhältnisse so
starr, dass die neuen Bedürfnisse, die im Alltag mit Kind entstehen, im
angestellten Berufsleben keinen Platz zu haben scheinen.
Vereinbarkeit heißt nicht grundsätzlich, Beruf und Familie gleichzeitig zu tun. Es gibt viele Internet-Foren, in denen diskutiert wird, wie Vereinbarkeit im Alltag gelingen kann. Und ein guter Rat ist immer: Für die Zeit der Berufstätigkeit eine gute Betreuung organisieren. Franca hat ab Herbst einen Tagesvater für Henri, ihr älterer Sohn ist im Kindergarten. Sie organisiert das gut, finde ich.
Mit meinen Säuglingen habe auch ich so gearbeitet wie meine Mitarbeiterin es jetzt tut. Sie lagen im Bett oder auf dem Boden, während ich am Schreibtisch saß. Mit dem einen war das anstrengender als mit dem anderen. So sind Kinder halt. Davon lernen Mütter auch. Arbeitgeber nicht minder. Arbeiten geht trotzdem.
Tweet
zurück
06.06.2010, 23:51
Beate Zwick
...noch ein Nachtrag: Klar, das war anstrengend. Aber auch gut! Bin froh, daß ich die Möglichkeit hatte, es so organisieren zu können;-)
06.06.2010, 23:46
Beate Zwick
Ich freue mich sehr über diese Art der Organisation, bei mir funktionierte es ähnlich: Habe einen kleinen Werkstatt-Laden, den ich eröffnete, als meine Jüngste ca 9 Monate alt war. Ebenfalls ein Stillbaby. Ich habe eine schöne, große Theke im Laden, darunter lag eine gemütliche Matratze, von außen nicht einzusehen, ein prima Still- und Schlafplatz. Zwar war dadurch zwischendurch immer mal kurz geschlossen, aber das war mir egal, mußte halt sein. Später, als das mit dem Schlafen etwas schwieriger wurde, habe ich mit dem Kinderwagen ein paar Runden gedreht (Kopfsteinpflaster), bis wieder Ruhe im Stall war ;-) Etwas wilder war die Krabbel/Lauf-Sturm-und-Drang-Phase, bevor ich dann für meine Tochter (inzwischen 2) eine Tagesmutter hatte. Aber Dank eines Laufstalles, eines Bällebades (nacheinander, Ladenfläche 20 qm) und einer Babytür, die meine Kunden überwinden mußten, um meinen Laden zu betreten, funktionierte das auch. Da die meistens selbst Kinder haben, mußte ich da nicht viel erklären... Jetzt ist Caro 5 und bis 16 Uhr im Kindergarten, mein Mann holt sie dann ab und so ab 6 bin ich dann da. Und den Laden gibt´s noch, ist gewachsen und inzwischen mit webshop. Und Spaß macht´s auch noch... Mein Fazit: Da man mit Baby sowieso anders arbeitet als ohne (den Rhythmus bekommt man ja mehr oder weniger vorgegeben), klappt`s ganz gut, wenn man sich bei Bedarf wieder neu und flexibel "sortiert"...Das ändert sich zwischendurch immer wieder, auch Kindergarten, Grundschule und weiterführende Schule (meine Große ist in der 5. Klasse) stecken da einen Zeitplan fest. Nächstes Jahr geht Caro in die 1. Klasse...mal sehen ;-) In meinem alten Bürojob?? Undenkbar...hätte eher nicht funktioniert.
19.05.2010, 15:19
Jutti
Hi Franca, das ist ja cool ...;) ! Liebe Grüße von der Ex-Kollegin
16.05.2010, 13:31
Daniel Kohtes
Dieser Artikel gefällt mir sehr gut. Er beschreibt an einem guten realen Beispiel, wie es gehen kann und was dazu sowohl vom Arbeitnehmer als auch vom Arbeitgeber notwendig ist. Leider ist ein solches Verhalten gerade bei großen Firmen noch nicht selbstverständlich. Die "Entscheider" und "Vorbilder" sind meistens viel zu weit weg vom betroffenen Arbeitnehmer. Damit werden deren Aussagen nur zu leeren Worthülsen und die Familienfreundlichkeit steht nur auf dem Papier. Eine offene Diskussion bzw. Verhandlung findet überhaupt nicht statt.




