„Wir beide als Team, das ist toll!“
Mütter und Töchter im Gespräch über das gemeinsame Unternehmen
"Meyer & Söhne" auf dem Firmenschild? Das ist kein Hingucker. "Müller & Töchter" wurde noch nirgends gesichtet. Dabei gibt es Unternehmen, die von der Mutter an die Töchter übergeben werden. Sechs Hamburger Unternehmerinnen im Gespräch über weibliche Familienbande.
(aus: existenzielle 4/2005)
Frau Wehling, Sie haben sich in diesem Jahr eine Auszeit von drei Monaten erbeten und waren in Australien, um dann endgültig ins Unternehmen der Mutter einzusteigen. Muss der Abstand zur Mutter so groß sein, damit die Tochter an diesen Platz zurückkehren kann?
Sonja Wehling: Es war für mich klar, dass ich auf jeden Fall zurückkehre. Das hatte ich entschieden. Aber ich brauchte diese drei Monate für mich. Ich bin zwar mit der Branche aufgewachsen, habe während des Studiums bei elementar gearbeitet und meine Mutter auf Geschäftsreisen und Messen begleitet, aber ich muss noch viel lernen. Da wollte ich Kraft schöpfen, auch weil ich das Gefühl hatte, dass ich zum letzten Mal die Chance habe, so lange weggehen zu können.
… weil es jetzt richtig ernst wird?
Sonja Wehling: Jetzt wird es richtig ernst! Jetzt sind die Schonzeiten vorbei. Ich wusste, wenn ich wieder komme, muss ich richtig loslegen.
An welchem Punkt ist bei Ihnen die Entscheidung für das Unternehmen der Eltern gefallen, Frau Wiek?
Anne-Kathrin Wiek: Ich bin da eher reingeschlittert, ähnlich wie im Studium. Ich habe immer das gesucht, was mir gefällt, ich habe mich nie beworben, mir wurden Jobs angeboten. So war es auch bei meinen Eltern, die mir angeboten haben, in das Unternehmen einzusteigen. Ich bin Einzelkind und mir war klar: Wenn ich es nicht mache, macht es niemand. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht mindestens geschaut habe, ob das nicht doch mein Ding ist.
Eigentlich wollten Sie beruflich etwas Künstlerisches machen.
Anne-Kathrin Wiek: Definitiv. Das eine schließt das andere aber nicht aus. Ich schweiße zum Beispiel aus alten Autoteilen Möbel, d.h. ich bin auch noch ein bisschen auf einer anderen Schiene. Wir versuchen es jetzt einfach und eigentlich klappt es doch ganz gut, oder?
Anke Wiek: Ich bin zufrieden. Ich freue mich sehr!
Heißt das, Sie haben sich gewünscht, dass es Ihre Tochter ist, die ins Unternehmen einsteigt?
Anke Wiek: Im Prinzip schon, aber ich wollte ihr das eigentlich nicht zumuten, denn wir haben einen 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Job. Mein Mann und ich haben uns das mal ausgesucht bzw. sind da auch reingeschlittert. Trotzdem bin ich froh, dass meine Tochter dabei ist. Auch in anderen Firmen wächst eine neue Generation heran. Und da wir Vertragspartner des ADAC sind, lautet die Frage schon: Wer sind die Nachfolger? Die Wirtschaftslage hat sich verändert und somit auch die Strukturen der Konzerne, d.h. entweder wir gehen jetzt nach vorne oder wir sind weg vom Fenster. Durch unsere Tochter haben wir jetzt eine Superchance, noch größer zu werden, was zwar auch nicht immer das Beste ist, aber zurzeit ehrlich gesagt die einzige Chance: Größer oder weg.
Welche Bedeutung hat die Verantwortung für die Familiengeschichte bei Ihrer beruflichen Entscheidung?
Anne-Kathrin Wiek: Die Situation war einfach so, dass mein Vater krank wurde. Es ging nicht anders. Es war meine Entscheidung, aber auch ein Schicksal. Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht, sondern mir gesagt: Du bist jetzt für deine Eltern da, sie waren auch immer für dich da. Und irgendwie hängt mein Herz schon an der Firma, auch wenn ich gerade dabei war, beruflich einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Aber ich bereue es nicht und ich glaube auch nicht, dass die Reue kommt. Das einzige, was mir schwer fällt – das hat mit der Firma nicht viel zu tun – das ist Lübeck. Ich war in den USA, habe in München studiert, in London gearbeitet, da war es schwer, direkt nach Lübeck zurück zu gehen. Ich werde meine Hamburger Wohnung nie aufgeben. Das ist eine Bedingung, die ich stelle.
Anke Wiek (lacht): Genehmigt.
Frau Hellwege, was hat Sie motiviert, in das Unternehmen Ihrer Mutter einzusteigen? Auch Verantwortung?
Katrin Hellwege: Nein. Ich bin mit der Goldschmiede meiner Mutter groß geworden, habe in den Ferien mitgearbeitet und am Heilig Abend mit verkauft, aber lernen wollte ich etwas anderes. Meine Perspektive war Jura als Grundlage, ich wusste aber schon zu Beginn des Studiums, dass ich nie in einen klassischen juristischen Beruf wollte. Ich hätte meine Ausbildung gerne mit meiner
Leidenschaft für Theater oder Oper verbunden, habe aber nach der Uni den Fuß nicht in die Tür bekommen. Freunde sagten mir damals: Du weißt so viel über Schmuck. Das war mir nicht bewusst. Aber ich habe festgestellt, dass mich das interessiert. Dann gab es für mich eine einzige Firma, die beste Schmuckmanufaktur – allerdings in Vreden an der holländischen Grenze. Das war eine tolle Firma, aber ich wusste, dass ich dort nie Wurzeln schlagen könnte.
War dann die Entscheidung für das Unternehmen der Mutter eine Standortentscheidung?
Katrin Hellwege: Zunächst nicht, aber nach 12 Lehr- oder Wanderjahren stand für mich fest: Hamburg oder Berlin. Dann bin ich da auch eher reingeschlittert. Wir hatten uns beide vorgestellt, dass ich das übernehmen kann, ohne vielleicht selbst jeden Tag im Geschäft zu stehen. Heute wissen wir, dass das bei Schmuck, der unsere Handschrift und unseren Namen trägt, nicht geht. Dann hat es sich weiterentwickelt.
Hatten Sie früher schon den Wunsch, dass Ihre Tochter in Ihr Unternehmen geht?
Nana Hellwege: Ich habe vielleicht mal den Gedanken gehabt, bevor die Töchter in die Ausbildung gingen, ihn aber dann nicht weiter verfolgt. Die Tochter muss wissen, dass sie es will, dann finde ich es toll.
Sonja Wehling: Bei uns gab es keinerlei Druck von den Eltern. Meine Brüder und ich haben nie von unseren Eltern gehört, wie sieht es aus, wollt ihr nicht eine kaufmännische Ausbildung machen? Natürlich hätten sie es gerne sehen, das weiß jeder, der selbstständige Eltern hat. Sie haben im Hinterkopf, dass es schön wäre, wenn die Firma in der Familie bleibt und das finde ich auch verständlich. Aber ohne den Druck fühlt man sich in seiner Entscheidung frei. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich habe eines Tages meine Mutter gefragt, sollen wir nicht mal zusammen essen gehen, ich habe mal drüber nachgedacht…
Inge Wehling: … na ja, ich habe schon Signale ausgesandt. Ich muss sagen, mit dem Umzug hierher an den Hafen wurde das Unternehmen für Sonja viel interessanter. Unser neuer Standort ist sehr schön, das hatte plötzlich eine ganz andere Qualität. Es war nicht mehr so piefig. Sie hat meine Begeisterung gespürt, die Identifikation mit dem Hafen, mit den Schiffen, mit dem internationalen Handel als solches. Ich habe schon zu ihr gesagt: Es wäre doch schade, wenn dieses tolle Unternehmen auseinander fallen würde, nur weil ich nicht mehr bin.
Sie hätten, um den Fortbestand des Unternehmens langfristig zu sichern, auch eine andere Nachfolgerin ins Geschäft holen können.
Inge Wehling: Das habe ich nie in Erwägung gezogen. Ich muss jemanden haben, dem ich wirklich vertraue.
Sonja Wehling: Der Name macht in der konservativen Branche, in der wir arbeiten, viel aus. Wenn ich anrufe und mich mit meinem Namen vorstelle, ist das Vertrauen größer, als wenn eine Kollegin anruft. ‚Ach die Tochter!’ heißt es dann, das Interesse ist gleich geweckt und ich habe ein ganz anderes Standing, selbst wenn ich fachlich noch viel lernen muss.
Katrin Hellwege: Kunden reagieren anders auf Inhaberinnen. Das ist auch für die Mitarbeiterinnen nicht leicht, davor kann man sie aber nicht immer schützen.
Inge Wehling: Es prägt die Außenwirkung. Bei den Banken zum Beispiel ist doch die erste Frage: ‚Wie sieht das denn mit Ihrer Nachfolgeregelung aus?’ Wenn man dann sagt: ‚Ich fühle mich noch wunderbar gesund’, dann ist das wenig relevant. Aber wenn ich sagen kann ‚Meine Tochter wird in die Geschäftsleitung aufgenommen’, dann habe ich ein anderes Standing. Das ist bei Banken, bei Kunden und bei Lieferanten so, darüber müssen wir uns im Klaren sein, das ist auch heute noch das A und O.
Anke Wiek: Wir hatten gerade eine Besprechung mit unserer Hausbank, haben das Rating ausgewertet und sind gut gelaufen, weil unsere Tochter einsteigt. Das war der ganz große Punkt.
Hat die familiäre Führung auch unternehmensintern Vorteile?
Nana Hellwege: Absolut. Man hat intern jemanden, zu dem man viel Vertrauen hat, mehr als zu einer vertrauten Angestellten. Da kommen mehr Ideen. Ich bekomme sofort eine Antwort, eine Reaktion. Das ist ein großer Unterschied zu früher, als ich das Unternehmen allein geführt habe. Es gibt ein gemeinsames Ziel. Das ist eine Erleichterung.
Inge Wehling: Das ist eine Erleichterung, aber auch eine Verpflichtung. Verbindungen spielen im Handel eine ganz große Rolle. Sonja kennt mich, so wie ich Sonja kenne und dieses Gefühl füreinander ermöglicht ein Verständnis und eine Ebene, die sich bei Verhandlungen auf jeden Fall auszahlt.
Katrin Hellwege: Man kann eigene Überlegungen schneller überprüfen, sich zum Beispiel im Umgang mit Mitarbeitern eine Rückmeldung holen: ‚Sehe ich das zu kritisch, zu streng, bin ich zu weich?’
Sonja Wehling: Ich kann auch mal eine dumme Frage stellen. In der Lernphase bin ich froh um dieses Vertrauen. Wenn mein Chef nicht meine Mutter wäre, würde ich manche Dinge nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben.
Inge Wehling: Als mütterliche Unternehmerin muss man aber auch unwahrscheinlich hart an sich arbeiten. Ich weiß, dass ich mit Sonja viel ungeduldiger bin als mit meinen Mitarbeiterinnen.
Sonja Wehling: Du bist nicht hart gegen mich. Aber oftmals erklärt sie mir etwas und erwartet, dass ich das sofort präsent habe. Meine Mutter tut das, was sie tut, schon lange, ich muss es mir teilweise aufschreiben, das ist eine Sache von Erfahrung.
Das heißt mit der Tochter geht man auch schonungsloser um?
Inge Wehling: Ja.
Oder anspruchsvoller?
Inge Wehling: Ja, das eher. Ich habe glücklicherweise Freunde, die mir sagen: ‚Du musst ihr mehr Zeit lassen.’
Katrin Hellwege: Bei uns ist es umgekehrt. Da bin ich die Ungeduldige. Ich habe eine Idee, wir sind uns darüber einig und dann muss es aber auch sofort passieren. Wenn eine Neue kommt, verändert sich einfach was. Das hat mit Familie erst einmal nichts zu tun.
Inge Wehling: Ein Vorteil, die Tochter im Unternehmen zu haben, ist sicher auch, dass wir mit unseren Unternehmen jünger und dynamischer wirken. Wir beide als Team – das ist toll.
Anke Wiek: Dass meine Tochter ins Unternehmen kommt, begrüßen viele. Aber es passiert natürlich auch, dass wir in unserer Männerbranche unterschätzt werden. Wir haben Spaß daran, wenn jemand glaubt, dass er uns beide schnell im Sack hat. Da haben sie mit Zitronen gehandelt.
Aber es gibt auch eine gewisse Eifersucht. Die Sekretärinnen der Kunden zum Beispiel sind eifersüchtig, wenn sie bei Presseterminen nicht mehr aufs Foto kommen, sondern Frau Wiek junior. Mit mir hatten sie keine Probleme, ich bin die Alte.
Katrin Hellwege: Das Thema Eifersucht spielte bei uns auch eine Rolle. Ich kam in den Betrieb, ohne zunächst das Handwerk gelernt zu haben, als Tochter. Wenn etwas nicht gut war und ich korrigierte, dann war das für manche Mitarbeiterin schwer zu akzeptieren. Man kommt, andere fühlen sich verdrängt, damit müssen alle lernen umzugehen.
Anne-Katrin Wiek: Intern habe ich das Problem überhaupt nicht. Der Lieblingsspruch meiner Mutter ist: Das macht meine Tochter. Und das führt dazu, dass die Mitarbeiter komplett zu mir kommen, wenn es um Überstunden geht, wenn etwas auf dem LKW kaputt ist, gerne auch, wenn sie etwas Neues haben wollen, denn für neue Technik bin ich immer zu haben.
Ist es eine Verantwortung der Mütter, die Strukturen vorzubereiten?
Anke Wiek: Nein, das ist ein Lernprozess.
Inge Wehling: Man muss ein bisschen wachsam sein.
Nana Hellwege: Man kann es nicht vorbereiten. Wir sind total naiv da rangegangen. Wir waren zwischendurch bei einem Coach und es ist sicher gut, das immer wieder zu machen, denn die Ebenen vermischen sich ja ständig – Geschäftliches und Privates. Wir arbeiten zusammen, wir haben immer ein gutes Verhältnis gehabt und sind bei diesem Coach, der uns fragt: ‚War Ihnen eigentlich nie klar, dass es dabei auch Konflikte geben wird?’ Nein, das hatten wir tatsächlich nicht gedacht.
Katrin Hellwege: Dass es Konflikte gibt, ist normal. Man geht anders miteinander um. Inhaltlich sind wir häufig einer Meinung, aber wenn es um die Umsetzung geht, das Tempo, den Weg, dann kann es krachen. Das sind oft Kleinigkeiten. Das berührt die emotionale Ebene. Eltern wissen, dass Kinder nicht nur volljährig, sondern irgendwann erwachsen werden und doch spielt das immer noch eine Rolle. Ich bin 39, ich bin mehr als volljährig. Im Geschäft lernt man sich dann noch einmal anders kennen.
Wie verändert sich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, wenn die geschäftliche Ebene dazu kommt?
Anne-Katrin Wiek: Sie verändert sich nicht nur positiv glaube ich. Man steht morgens auf, geht ins Büro, die Mutter ist da. Dann ist vielleicht Zeit für eine Mittagspause, dann gehst du mit der Mutter essen. Abends ist Marketingclub, also gehen wir zusammen dorthin. Danach heißt es, ach komm, lass uns doch noch was trinken. Also hat man mal wieder 20 Stunden am Stück über Wochen nur Mutti. Dabei bin ich es als Einzelkind gewohnt allein unterwegs zu sein, allein Urlaub zu machen. Ich gehe allein durch die Welt und brauche nicht dieses Händchen halten.
Nana Hellwege: Generell glaube ich, dass das für die Mutter nicht schlimm ist. Für die Tochter ist es anders.
Katrin Hellwege: Früher hat man telefoniert, da konnte man entscheiden, was die Mutter mitbekommt. Heute kriegt sie eigentlich alles mit, ob ich zum Sport gehe, wen ich abends noch treffe. Das ist nicht schlimm, erfordert aber eine gewisse Abgrenzung. Das muss man lernen, deshalb entstehen auch Konflikte. Wenn man lange zusammen ist, kann man das aussprechen. Man muss sich fast noch einmal abnabeln.
Sonja Wehling: Was sich privat bei uns verändert hat, sind Besuche am Wochenende. Heute denke ich: Ich sehe sie von Montags bis Freitags, da muss ich nicht am Sonntag auch noch auf Kaffee und Kuchen vorbeikommen.
Inge Wehling: Die Spontanität des Treffens geht verloren, das bedaure ich.
Sonja Wehling: Das ist ein innerer Kampf. Es ist wichtig für mich zu sagen, am Wochenende mache ich mein eigenes Ding. Aber auch da muss ich noch einen Mittelweg finden.
Katrin Hellwege: Aber man ist natürlich, auch wenn man sich privat treffen will, ganz schnell wieder beim Geschäft.
Das klingt ein bisschen so, als würden Sie als Mütter auch Ihre Töchter verlieren…
alle Mütter: Nein!
Inge Wehling: Es ist eine Gewöhnungssache.
Anke Wiek: Die Strukturen verändern sich, aber das muss nicht negativ sein. Ich habe die ganze Zeit lernen müssen, dass sie weggegangen ist, in den USA war, nach München gegangen ist. Das ist jetzt eine neue Situation, an die muss ich mich gewöhnen. Und bin dann überrascht, wenn sie doch am Sonntag anruft und fragt ‚Was macht ihr gerade?’
Nana Hellwege: Ich möchte, dass eine Tochter das fragen kann. Ich frage wenig nach Privatem, ich bin keine neugierige Mutter.
Welche Rolle hat es für Sie als Töchter gespielt, mit einer selbstständigen Mutter aufzuwachsen?
Anne-Kathrin Wiek: Nach dem Abi habe ich gedacht, bloß nie selbstständig! Es gibt wenig Momente und Gespräche, wo nicht irgendwann der Bogen zur Firma geschlagen wird.
Sonja Wehling: Meine Eltern waren immer selbstständig, das fand ich toll. Ich habe mich auch nie vernachlässigt gefühlt. Aber nach dem Studium fand ich es super, angestellt zu sein. Ich hatte meinen Urlaub, immer mein Gehalt. Aber ich habe schnell festgestellt, dass ich ein Kind selbstständiger Eltern bin. Ich habe mich überall eingemischt, Vorschläge gemacht, auch wenn ich nicht gefragt wurde. Ich bin dadurch, dass ich mit Selbstständigkeit groß geworden bin, sehr frei denkend aufgewachsen.
Anne-Kathrin Wiek: Wo ich auch hinkam, ich habe angefangen, aufzuräumen und umzustrukturieren. Ich hatte immer Chefs und Teamleiter, die mich gefördert und das unterstützt haben. Aber auf den Gedanken, Überstunden aufzuschreiben oder auf der Mittagspause zu bestehen, darauf käme ich nicht.
Katrin Hellwege: Dass ich früher häufig als letzte aus der Firma kam, nie auf die Uhr geschaut habe, das ist mir erst heute bewusst geworden. Das war für mich normal, das kannte ich.
Für ein eigenes Unternehmen sind die Eigenschaften, die Sie beschreiben, notwendig. Wie haben Sie im mütterlichen Unternehmen die Rollen definiert?
Sonja Wehling: Wir haben uns, auch weil wir beide starke Persönlichkeiten sind, schnell darauf geeinigt, dass es sinnvoll ist, dass ich einen eigenen Bereich aufbaue.
Inge Wehling: Die Aufnahme der Tochter ins Unternehmen bedeutet Expansion. Sonja wird den Bereich Zusatzstoffe für die Kosmetik übernehmen, weil ich schon mit einem Produkt aus diesem Bereich gehandelt und damit einen Türöffner habe. Das haben wir so definiert. Dass das nach und nach mehr Verantwortung für sie bedeutet, das ist ganz klar.
Ist Ihr Unternehmen durch den Einstieg Ihrer Tochter vor sechs Jahren gewachsen?
Nana Hellwege: Ja, es ist gewachsen. Es verändert sein Gesicht, es bekommt ein variableres Gesicht.
Katrin Hellwege: Wir haben von zwei Geschäften auf eines reduziert, in dem Sinne haben wir uns verkleinert. Als ein Mietvertrag
auslief, war das ein Anlass für uns, uns mehr auf unsere eigenen Stärken zu konzentrieren, das Entwerfen und Anfertigen von
Schmuck. Mit den zeitlichen Verpflichtungen für die beiden Läden, war das schwer vereinbar gewesen. Standortbedingt hatten wir für beide Geschäfte also auch Stücke anderer Goldschmieden dazugekauft. Das Wachstum geht jetzt in eine andere Richtung. So lange wir Ideen haben, brauchen wir keinen Schmuck von anderen, wir haben unsere eigenen Kreationen, das ist unsere Marke. Damit sind wir gewachsen.
Anne-Kathrin Wiek: Ich habe derzeit alle Hände voll damit zu tun, dass ich nicht nur den betriebswirtschaftlichen Teil, sondern auch den technischen Bereich meines Vaters mit übernehmen muss. Das ist schon ziemlich anstrengend.
Anke Wiek: Unsere Palette wird nicht breiter, die Firma wird einfach immer größer.
Nana Hellwege: Gut für unser Unternehmen war, dass Katrin den ersten Beruf als Juristin mitbrachte. Da gibt es ganz andere Strukturen. Mich hätte man auch irgendwo unter Efeu in einen Winkel setzen können, wo es einfach schön ist. Dann kommt sie und fragt ‚Was hast du eigentlich für Verträge?’. Das ist natürlich manchmal Zündstoff, wenn die andere abstrakt denkt.
Anke Wiek: Wir haben verglichen mit Ihnen im Unternehmen viel weniger Zeit miteinander verbracht. Aber schon jetzt erlebe ich es als einen großen Vorteil, dass die Tochter ehrlich ist. Wenn ich Mitarbeiter frage, was wir verändern könnten, dann finden die alles prima so wie es ist. Anne-Kathrin strukturiert alles um, neue Software, neue Hardware, da mische ich mich nicht ein, sie macht das wunderbar.
Katrin Hellwege: Wie reden Sie Ihre Mutter eigentlich an?
Anne-Kathrin Wiek: Das ist schwierig. Es passiert mir schon mal, dass ich sage ‚Ach Mama, jetzt komm doch mal!’
Sonja Wehling: Ich habe den Vorteil, dass wir unsere Eltern schon immer mit Vornamen angesprochen haben.
Inge Wehling: Was mich im geschäftlichen Bereich stört, dass manche Kunden sagen ‚Ich hätte gerne mal die Mutter gesprochen’.
Sonja Wehling: Unsere Mitarbeiterinnen fragen deutlich nach: ‚Möchten Sie Sonja Wehling oder Inge Wehling sprechen?’ und nicht: ‚Möchten Sie mit der Mutter oder der Tochter sprechen?’
Katrin Hellwege: Das machen wir auch. Und Senior und Junior gibt es auch nicht.
Das Gespräch wurde begleitet von: Andrea Blome und Maria Jansen
Biografisches:
Inge Wehling gründete 1997 in Hamburg die elementar GmbH als internationales Handelsunternehmen im Bereich der Lebensmittelzusatzstoffe. Zuvor hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen in einer verwandten Branche aufgebaut und geführt. Die ausgebildete Industriekaufrau studierte BWL, sie hat zwei Söhne und eine Tochter. Inge Wehling ist Vorsitzende des Landesverbandes Hamburg im Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU).
Sonja Wehling studierte Jura, arbeitete danach mehrere Jahre beim Werbefilm und trat vor eineinhalb Jahren als ‚Assistentin der Geschäftsleitung' in das Unternehmen ihrer Mutter ein. In der elementar GmbH wird sie einen eigenen Bereich für den Handel mit Rohstoffen für die Kosmetikbranche aufbauen.
Anke Wiek führt gemeinsam mit ihrem Ehemann die Huckepack GmbH, einen Abschleppdienst, der 1970 von dem KFZ-Mechaniker und Maschinenbauer als Einzelfirma gegründet wurde. 1990 gründeten sie das Trave Recycling Centrum, eine Autorecycling-Firma, deren Geschäftsführerin Anke Wiek ist. Sie war 1996-2003 Vorsitzende des VdU-Landesverbandes Schleswig-Holstein und ist seit 2003 im Bundesvorstand des VdU.
Anne-Kathrin Wiek absolvierte nach einer Ausbildung zur Werbekauffrau ein BWL-Studium. Ursprünglich wollte sie sich auf Kunst konzentrieren. Nach Zwischenstationen in München, Hamburg, New York und London entschied sie sich 2004, in das Unternehmen der Eltern einzusteigen.
Nana Hellwege ist Goldschmiedemeisterin und seit 1981 selbstständig. Unter dem Firmennamen Nana Hellwege führt sie ein Geschäft im Stilwerk in Hamburg-Altona. Im Vordergrund steht die Kreation von Einzelstücken. Sie hat zwei Töchter.
Katrin Hellwege ist Juristin und arbeitete nach dem 2. Staatsexamen zunächst als Justitiarin und Assistentin der Geschäftsführung in einer Schmuckmanufaktur, später als Kundenberaterin in einer Unternehmensberatung mit dem Schwerpunkt Marketing für die Schmuckbranche. Sie trat 1990 in die Firma ihrer Mutter ein und absolvierte eine Lehre zur Goldschmiedin.



