Los geht's mit Gebell

Unterwegs mit "hundewandern" im Weserbergland

Mit dem Hund zu wandern ist die älteste Hundesportart der Welt. Die Touristikerin Rabea Ali hat daraus ein Unternehmen gemacht - gemeinsam mit ihrem Jack Russel-Terrier Willy.



Kennenlernrunde bei der Hundewanderung im WeserberglandWilly trägt einen kleinen Doppelrucksack. Wie Fahrradpacktaschen hängen die kleinen Dinger dem flinken Terrier auf den Rippen. „Mein Butterbrot trage ich aber lieber selbst", lacht Rabea Ali. „Ich will es ja noch essen." So wie ihr Willy durch den Wald hetzt und hechelt, hätten die Stullen nur geringe Überlebenschancen. Denn wehe, wenn Willy losgelassen, dann gibt es kein Halten mehr. Das gilt auch für die übrigen Teilnehmer der Tour durch das Weserbergland. Ein Dutzend Hunde - große, kleine, reinrassige und Mischlinge sind heute beim Hundewandern.  

Einige Teilnehmertandems aus Mensch und Hund nehmen eine ziemlich lange Anreise in Kauf. 100 Kilometer Autofahrt haben auch Astrid und Detlef mit ihren drei Hunden hinter sich: „Egal, es lohnt sich. Das ist einfach unbeschreiblich schön - entspannend und aufregend  zugleich. Für beide Seiten, Mensch und Hund." Noch an den Autos beschnuppern sich die Tiere. Und auch die Menschen nehmen Witterung auf: Wer ist heute dabei? Etliche kennen sich bereits, viele bei Hundewandern sind Wiederholungs-, sogar Überzeugungstäter. So wie Kerstin aus Hannover und ihr kleiner schwarzer Terrier-Mix Amy: „Die freut sich schon, wenn ich zu Hause den Rucksack raus hole. Dann weiß sie, bald kann sie wieder richtig laufen. Das findet sie einfach klasse."

Genauso hatte sich das Rabea Ali vor vier Jahren vorgestellt, als sie die Idee von hundewandern.de entwickelte: „Willy und ich waren viel unterwegs, aber eben oft allein. Ich wollte ein Gruppenerlebnis für Hunde und Halter schaffen." Außerdem wusste die diplomierte Touristikmanagerin aus leidvoller Erfahrung, wie problematisch Urlaubsplanung mit dem Hund sein kann: „Es gibt, wie auf dieser Tour auch, Besitzer die drei oder vier Hunde haben, und da streiken dann schon mal die Hotels. Die denken, die Hunde nehmen das Zimmer auseinander oder es wird zu laut." Darum hat sie bei hundewandern.de auch Reisen mit hundefreundlichen Hotels und tiergerechter Freizeitgestaltung im Programm.

Die Hunde genießen die Freiheit auf der Wanderung.Tiergerechte Freizeitgestaltung, so wie beim Tagestrip im Weserbergland: Die angereisten Vierbeiner dürfen sich erstmal austoben, als es vom Parkplatz einen kleinen Hügel hochgeht. Beim ersten Beschnuppern hat es keinen Stress gegeben, darum dürfen die Tiere von der Leine gelassen werden. Alle bis auf Noa, die Hündin von Wanderleiter Bernd hat einen zu ausgeprägten Jagdinstinkt und setzt sich gern mal von der Gruppe ab. Darum winselt sie um Gnade, doch auf dem Ohr ist Bernd taub. Zu oft hat er schon auf seine Hündin warten dürfen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Herrchen. Noa darf beim Hundewandern jetzt eben nicht mehr leinenlos genießen. So einfach ist das, sagt Bernd. „Ruft ihr die Hunde mal zu euch für die Vorstellungsrunde?"

Elf verschiedene Namen und diverse Pfeifgeräusche ertönen, alle Hunde finden trotz des Gewusels fix zum passenden Menschen. So soll es auch während der Wanderung laufen, wenn Bernd das Kommando gibt. Gehorsam ist beim Gruppengassigehen wichtig, zu viele „Der will nur spielen"-Erlebnisse haben das Hundehalterimage leiden lassen. Darum gibt es bei hundewandern.de klare Spielregeln und Ansagen - nur wer sich daran hält, darf dabei sein. Nur weil das so ist, gibt es keine Probleme mit anderen Spaziergängern: „Wir haben bei einer Tour in der Lüneburger Heide ‚normale' Wanderer getroffen - die fanden unsere große Gruppe gar nicht störend. Im Gegenteil, sie gehören jetzt zu meinen besten Kunden", schmunzelt die Tieranimateurin. 

Acht Wanderleiter nebst Hunden sind mittlerweile in ihrem Auftrag unterwegs. Zwei Jahre lang hat sie ihre Geschäftsidee nebenberuflich getestet. 2007 kündigte sie ihren Job bei einem Reiseveranstalter und setzt seither voll und ganz auf hundewandern.de. Heute ist sie kaum noch selbst unterwegs. „Ich suche mir die schönsten Termine aus und verbringe so meine Urlaubswochen. Letztes Jahr bin ich mit auf Elba und in den Alpen gewesen", Aber wenn ein besonders strahlender Sonn(en)tag wie heute lockt, geht sie auch noch mit auf Tagestour. Hauptsächlich ist Rabea Ali allerdings hinter dem Schreibtisch oder am Telefon zu finden. Sie kümmert sich um Logistik, Management und Marketing: Mit einem Versicherer hat sie eine spezielle Hundepolice entwickelt und eine Futtermarke als Sponsor und Messepartner gewonnen. Im Online-Shop gibt es Merchandisingartikel und ihr erstes Buch ist auch schon fertig: „Wandern mit dem Hund". 

Neue Bekannte für Mensch und Tier.Was Rabea Ali für ihre Geschäftsidee im Großen gebündelt hat, müssen ihre Wanderleiter Bernd Fasse Reuter und Frank Wehmeier im Kleinen im Gepäck haben: touristisches Wissen sowie Spaß und Übung im Umgang mit Zwei- und Vierbeinern. Frank ist sogar „Hundepädagoge". Erziehung steht nicht im Vordergrund, aber spurlos geht Hundewandern auch nicht an den Tieren vorüber. Brigittes Tibet-Terrier Inshuno ist dabei sozialverträglich geworden: „Er war als junger Hund sehr rüpelig und deswegen auch ein paar Mal einen 'drüber gekriegt. Frank passt auf, dass nichts passiert. So lernt man selbst mit solchen Situationen umzugehen." Heute versteht sich der strubbelige Kerl mit allen. Auch mit Kerstins ängstlicher Amy. Die weicht Frauchen beim Spaziergang zu Hause kaum von der Seite. Beim Hundewandern sieht das anders aus. Ausgelassen tollt sie über die Wiese und Kerstin freut sich: „Sie hat hier ihre Scheu vor anderen Hunden verloren." Aber das ist nur ein Nebeneffekt.

Vor allem soll das gemischte Rudel Spaß haben. Darauf sind die Routen abgestimmt. Im Weserbergland führt Frank die Truppe über Wege, die in keiner Wanderkarte verzeichnet sind - echtes Insiderwissen. An einem Hochsitz macht er Halt und erzählt eine Geschichte von Baron Münchhausen, schließlich wandern wir durch dessen Heimat. In der Geschichte kommt - natürlich - auch ein Hund vor. Und sie ist genau so lang, dass sie die Zweibeiner amüsiert und die Vierbeiner nicht zu lange zum Stillsitzen zwingt. Alle sollen auf ihre Kosten kommen: „Unsere Strecken sind immer schön übersichtlich. Es muss Freiflächen geben, damit die Hunde sich richtig frei bewegen können. Und natürlich sind immer sehenswerte Stellen dabei. Wir laufen nicht nur stumpf durch den Wald!" 

Gerade Stadtmenschen und -hunde genießen die Freiheit im Wald.Von stumpf durch den Wald laufen kann tatsächlich keine Rede sein. Denn dort, wo die Bäume einer Ebene weichen, gibt es einen Panoramarundblick für die Menschen und eine Riesenwiese für die Hunde. Ein Windhund, vor zwei Wochen erst aus einer Tötungsstation in Spanien befreit, zeigt, was er kann. Labradormix Popeye kommt nicht hinterher. Aber Willy und Finn, die Terrier, beherrschen die Geometrie der Laufwege. Geschickt kreuzen sie quer den großen Bogen, den der Windhund schlägt. Und stellen den viel größeren und schnelleren Hund immer wieder. Fangen spielen - für die Hunde artgerechte Unterhaltung. Und für ihre Menschen ein wunderschöner Anblick. Mit glücklichem Lächeln gucken die meisten eine Weile schweigend zu. Doch dann nutzen sie die Wanderpause für ein Gespräch, so wie Astrid: „Sonst ist man selber derjenige, der die Hunde beschäftigt. Hier beschäftigen sie sich mit den anderen Hunden und Menschen. Beim Hundewandern habe ich mich tatsächlich auch mal über was anderes unterhalten als über Hunde - ehrlich!" 

So soll es sein, sagt Rabea Ali. So hat sie sich das gedacht. Damals, 2005, als sie die Idee mit dem Hundewandern hatte. Da wusste sie noch nicht, dass sie keine vier Jahre später an 300 Tagen im Jahr Hunde und ihre Halter auf Wanderschaft schicken und sogar ganze Reisen organisieren würde. Und sie hätte auch nie erfahren, dass in Willys Rucksack Butterbrote keine Wanderung überleben. Aber aus Erfahrung wird man ja bekanntlich klug - und eine gute Geschäftsidee immer besser.

Autorin: Andrea Hansen

www.hundewandern.de

Buchtipp:
Wandern mit dem Hund
Ob im Wald, am Strand, im Schnee oder in den Bergen - eine Wanderung mit dem Hund sollte vorbereitet sein. Schließlich müssen nicht nur Zweibeiner über eine ausreichende Kondition und Ausstattung verfügen. Rabea Ali weiß alles über Hundeboots und Pfotensalbe, Hunderucksäche oder -schwimmwesten. Sie gibt Rat bei Reisen mit dem Flugzeug oder auf dem Wasser und macht mit ihrem bunt bebilderten Ratgeber große Lust auf Naturabenteuer mit dem Vierbeiner. sogar an die Rezepte am lagerfeuer hat sie gedacht.
Rabea Ali, Wandern mit dem Hund, Kynos Verlag 2009, 107 S., EUR 9,90
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