Tiere nehmen keine Rücksicht
Coaching mit Pferd, Wolf und Co.
Der Markt boomt. Mit Tieren als Co-Partner in Trainings und Coachings sollen Menschen lernen, authentisch zu führen und teamorientiert zu kommunizieren. Denn das Feedback der Vierbeiner ist unmittelbar.
(aus: existenzielle, 1/2009)
Wer das menschliche Verhalten kennt, schätzt die tierische Kommunikation, könnte man ein altes Sprichwort abwandeln. Jedenfalls wenn es um die Mitarbeit von tierischen Kollegen bei Führungs- und Managementtrainings geht, die sich seit einigen Jahren steigender Beliebtheit erfreuen. Was macht Tiere als kommunikative Sparringspartner so interessant?
Führung braucht Authentizität
„Tiere geben ein sehr unmittelbares Feedback", meint die Trainerin Stephanie Kuhl, die im Schwarzwald einen Hof mit acht Islandpferden im freien Herdenverband bewirtschaftet. „Und das können die meisten Menschen gut annehmen." Denn anders als diese nehmen Tiere keine Rücksicht auf sozialen Status oder die Position im Unternehmen. Einzig die Klarheit der Kommunikation zählt. „Pferde sind beispielsweise Fluchttiere", erläutert Kuhl weiter, „und das heißt: wenn sie Führung erkennen, schließen sie sich kompromisslos an." Umgekehrt bedeutet das allerdings auch: Ist keine Führung erkennbar, wenden sich die Tiere einfach ab.
Lachend erzählt auch Patricia Elfert, die mit ihrem Mann vor zweieinhalb Jahren CoachDogs gegründet hat, von solch deutlichen Rückmeldungen ihrer tierischen Begleiter: „Gerade Männer suchen sich oft den größten unserer Hunde aus. Aber der merkt sehr schnell, ob jemand echte Autorität hat - und wenn er die nicht spürt, setzt er sich eben einfach hin."
Im direkten Kontakt mit dem Tier kristallisiert sich also sehr schnell heraus, was die eigene Kommunikation auszeichnet: Ob es zum Beispiel gelingt, Sicherheit und Bestimmtheit zu vermitteln - oder eher Zögern und Zagen. Ob Autorität authentisch ist oder nur gespielt. Ob man echten Respekt vor dem Gegenüber zeigt oder sich doch eher die eigene Ängstlichkeit äußert.
„Im Grunde geht es immer darum, über den Hund und die Begegnung mit ihm mehr über sich selbst zu lernen und sich kongruenter zu verhalten", resümiert Patricia Elfert ihre Arbeit.
Das Wolfsrudel als Team-Modell
Auch Irina Schefer setzt die tierischen Vorbilder gezielt ein. Die Managementtrainerin kam vor einigen Jahren aus zunächst eher privatem Interesse auf den Gedanken, das Verhalten von Wölfen in freier Wildbahn auf die Strukturen in Unternehmen zu übertragen. „Wölfe sind die perfekten Teamplayer", sagt Irina Schefer. „Im Rudel kooperieren sie, folgen ganz klaren Regeln und haben eine lupenreine Kommunikation." Deshalb setzt sie bei ihren Team- und Kommunikationstrainings unter anderem die Beobachtung von Wolfsrudeln ein, die in Wildgehegen gehalten werden. Ihre Erfahrung: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erkennen sehr schnell Parallelen zu ihrem Arbeitsleben. Das erlaubt einen Abgleich mit dem eigenen Team-Verhalten - ganz ohne auf ein menschliches „Konkurrenzteam" schielen zu müssen.
Für Führungstrainings nutzt sie ebenfalls gern das wölfische Beispiel, denn Manager orientieren sich oft am Beispiel des „Alpha-Wolfs". Wobei der Begriff irreführend ist, denn Wolfsrudel werden meist gleichberechtigt im Tandem von weiblichem und männlichem Leittier geführt, fast immer von den Elterntieren des Rudels. „Da erkennen meine Teilnehmer ganz oft, dass Führung bei den Wölfen eben nicht nur durch das Recht des Stärkeren bestimmt wird. Leitwölfin und Leitwolf sind sehr fürsorglich und haben Vorbildfunktion für die jüngeren Wölfe. Das wirft das Bild, das manch einer vom Führen hat, zuweilen gehörig über den Haufen", erklärt Irina Schefer ihre Arbeit. Allerdings betont sie auch, dass es ihr nicht darum gehe, einfach nur eins zu eins zu übernehmen, was in der Natur funktioniert. Sie will vielmehr einen anderen Blick auf das eigene Verhalten entwickeln helfen, und die Wölfe bieten dafür einen „polarisierenden Impuls".
Aha-Erlebnisse sorgen für nachhaltigen Transfer
Das gilt auch für die Arbeit mit Raubvögeln, die Marion Witte seit drei Jahren in ihrem Unternehmen falconarius als „Assistenten" bei ihren Trainings einsetzt. „Raubvögel sind keine Kuscheltiere, mit denen man eine soziale Beziehung aufbaut", erklärt sie. „Ein Greif bindet sich nicht an Sie, er geht eine reine Zweckgemeinschaft mit Ihnen ein. Gleichzeitig ist er aber hochsensibel und reagiert sehr unmittelbar auf Ihre Ausstrahlung." Und das bedeutet: Der Vogel verzeiht keine Fehler, man muss sich wirklich auf ihn und seine Bedürfnisse einlassen. „Mit Druck erreichen Sie bei einem Raubvogel überhaupt nichts", betont Witte. „Dann verweigert er oder übernimmt sogar selbst die Führung. Er braucht Vertrauen, damit er sich sicher fühlt."
In ihren Trainings geht sie mit den Teilnehmerinnen nach entsprechender theoretischer Vorbereitung sehr tief ins individuelle Arbeiten mit dem Tier. Dessen Reaktionen und Verhaltensweisen bieten oft ausgezeichnete Reflexionsmöglichkeiten, denn natürlich bringt jeder Mensch seine eigenen Begrenzungen und Konflikte mit. „In der direkten Arbeit mit den Greifen entdecken die Leute meist sehr schnell ihre Projektionen, und das sind bleibende Eindrücke, die dann auch den Transfer in den betrieblichen Alltag unterstützen."
Darin ist sie sich mit ihren Kolleginnen einig: Auch Patricia Elfert berichtet von sehr positiven Rückmeldungen noch lange nach dem Training. „Wir durchbrechen mit unserer Arbeit das übliche Muster, und zwar sehr nachhaltig, weil die Begegnung mit dem Tier auf der emotionalen Ebene passiert." Sie glaubt, dass dadurch Aha-Erlebnisse erzeugt und somit Anker gesetzt werden. Und diese werden dann immer wieder abgerufen, wenn die Teilnehmerinnen in ihrem Alltag mit vergleichbaren Situationen konfrontiert sind.
Stephanie Kuhl, die ihre Trainings ausschließlich im Freien durchführt, hält die meisten Menschen sogar für „verbal übertrainiert". „Das heißt, die sind fast alle sehr kopflastig und brauchen in erster Linie emotional bedeutsame Erlebnisse. Veränderungen passieren nun mal auf der emotionalen Ebene, wenn sie Bestand haben sollen", schildert sie ihren Ansatz. Sie hört immer wieder, dass sich der Umgang mit Menschen nach dem Training intensiviert habe, und sie erlebt das als Bestätigung ihrer Arbeit.
Lernbeschleunigung als Verkaufsargument
Wenn die Arbeit mit Tieren tatsächlich so erfolgreich ist, warum wird sie dann im Vergleich mit gängigen Kommunikationstrainings immer noch so wenig eingesetzt? Darüber wundert sich auch Patricia Elfert - immerhin hat in Deutschland fast jeder zweite Haushalt einen Hund. „Ich glaube, es gibt da Vorbehalte nach dem Motto ‚Tiere haben im Management nichts verloren'", vermutet sie.
Irina Schefer sieht noch eine weitere Ursache: „Ich denke, vielen Personalentwicklern ist der Nutzen noch nicht so ganz klar. Für die Unternehmen geht es ja darum, nachhaltige Effekte zu erzielen, und Training mit Tieren klingt erst mal nur exotisch und nicht sehr zielorientiert." Dennoch, Unternehmen mit einer insgesamt eher innovativen Kultur nehmen diese Art von Trainings mehr und mehr in Anspruch. „Die Lernbeschleunigung ist ein echtes Argument - und das spricht sich nach und nach herum", fasst sie die Erfahrungen der Anbieterinnen zusammen.
Die tierischen Co-Trainer haben jedenfalls noch Kapazitäten frei - und dürfen neben ihren „pädagogischen" Aufgaben nach wie vor das tun, was ihrem Wesen entspricht: auf der Weide galoppieren, im Rudel herumtoben oder sich während der Mauser einfach nur ausruhen. Und auch hier bietet sich durchaus die ein oder andere Transfer-Idee an ...
Autorin: Heide Liebmann
Tweet



