„Das hat scho mei Oma g´wusst“

Hildegard Denninger ist Sozialunternehmerin

Seit 15 Jahren gibt es das Münchner Straßenzeitungsprojekt BISS, das obdachlosen Menschen Arbeit gibt. Geschäftsführerin Hildegard Denninger verfolgt jetzt eine neue Vision: Aus einem Frauengefängnis soll ein Vier-Sterne-Hotel werden – mit Ausbildungsplätzen für Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen.



Hildegard Denninger, Foto: Christina Pahnke/sampics(aus: existenzielle 1/2008)

Vor einigen Jahren kamen Berater von McKinsey ins Haus. Der startsocial, ein bundesweiter Wettbewerb für soziale Ideen, sollte ins Leben gerufen werden. Im Netz der Münchner Angebote kennt sich Hildegard Denninger bestens aus. Seit Mitte der Neunziger setzt sie sich als Geschäftsführerin des Straßenzeitungsprojekts BISS erfolgreich für gesellschaftlich benachteiligte Gruppen ein. BISS – das Kürzel steht für Bürger in sozialen Schwierigkeiten ein. Das gleichnamige Magazin ist die älteste und mit einer monatlichen Auflage von durchschnittlich 38.000 Heften auch eine der erfolgreichsten Straßenzeitungen Deutschlands. Über hundert Obdachlose oder ehemals obdachlose Menschen bieten die Zeitung an und verdienen sich so ein Zubrot. Mehr als dreißig von ihnen sind fest angestellt, einige der Stammverkäufer haben schon die Altersteilzeit erreicht.

In dem so genannten „Münchner Modell“ nehmen Paten eine tragende Rolle ein. Mit Hilfe ihrer Spenden zahlt BISS seinen vollzeitangestellten Verkäufern ein Gehalt, das sie unabhängig macht von Transferleistungen. Über Beratung und finanzielle Hilfen, zum Beispiel bei der Entschuldung, erleichtert das Projekt die Rückkehr in einen normalen Alltag. Die Herstellungskosten der Zeitschrift, die Betriebskosten und die Gehälter für das Fachpersonal finanziert das Hilfsprojekt ausschließlich über Einnahmen aus dem Zeitungsbetrieb und dem Anzeigengeschäft. Alle Spenden kommen den Betroffenen zugute. „Wir wussten gar nicht, dass wir Social Entrepreneure sind“, sagt Hildegard Denninger und lacht, wenn sie daran denkt, wie überrascht die Berater damals in Konzepten und Bilanzen geblättert haben. „Woher wussten Sie, wie Sie das machen müssen?“, kam die Frage. „Das hat scho mei Oma g´wusst“, entgegnete die BISS-Chefin mit weichem Zungenschlag. Die Großmutter, eine Gastwirtin im fränkischen Jura, war eine kluge Frau. Nur wer gut behandelt wird und ein gutes Geld bekommt, arbeitet auch gut – an diese Devise hält sich die 1948 geborene Enkelin bis heute.

Hildegard Denninger, Foto: Christina Pahnke/sampicsDen Titel hat sie inzwischen auch ganz offiziell. Der zweite Preis beim Social Entrepreneur Wettbewerb 2007 thront oben auf dem Schrank, in den lichten Räumen der BISS-Redaktion - direkt neben dem Regine-Hildebrandt-Preis für Solidarität bei Arbeitslosigkeit und Armut. Soziale Probleme lassen sich auch mit marktwirtschaftlichen Mitteln lösen, so das Credo der Schwab Stiftung, die gemeinsam mit der Boston Consulting Group (BCG) und dem Wirtschaftsmagazin Capital zum dritten Mal Personen auszeichnete, die unternehmerisch denken, aber weniger den Gewinn als den gesellschaftlichen Nutzen im Blick haben.
Im Dezember hat Hildegard Denninger die Auszeichnung in Berlin entgegengenommen, für BISS und ihre neue Vision vom Hotel BISS. Aus dem ehemaligen Frauengefängnis am Neudeck soll bis 2010 ein Vier-Sterne-Hotel entstehen, das sich komplett selber trägt und sozial benachteiligten jungen Menschen eine erstklassige Ausbildung bietet. Um den Auszubildenden gleichzeitig einen Eindruck davon zu vermitteln, wie eine gut funktionierende Gesellschaft aussehen könnte, werden die ehemaligen Gefängniszellen nicht nur in Hotelzimmer umgebaut. In einem separaten Trakt entstehen auch insgesamt 33 altengerechte Wohnungen.

„Gutachter, Wirtschaftsprüfer, Sozialexperten, Unternehmensberater - alle haben unserem Konzept Bestnoten gegeben“, betont die gelernte Bilanzbuchhalterin Hildegard Denninger, die das 13-Millionen-Euro-Projekt gemeinsam mit ihrem Mann, dem Sozialpädagogen Johannes Denninger, und ihrer Freundin, der Hotelkauffrau und Soziologin Karin Lohr, auf den Weg gebracht hat. Die beiden sollen das operative Geschäft übernehmen, während die BISS-Geschäftsführerin langfristig vor allem die Zahlen im Blick haben will. In der Vor-Phase laufen bei der quirligen Unternehmerin jedoch noch alle Fäden zusammen. „Ich habe quasi schon eine Fachmannschaft aus den besten Häusern zusammen und körbeweise Anfragen von Firmen, die sich als Sponsoren beteiligen wollen, zum Beispiel beim Geschirr, der Einrichtung des Wellness-Bereichs oder bei der Ausstattung des Personals.“ Prominente Zugpferde wie die Sportfreunde Stiller, Uli Hoeneß oder Senta Berger verleihen dem Projekt schließlich jede Menge Publicity. Ob die Idee tatsächlich verwirklicht werden kann, stellt sich im Frühjahr heraus, wenn die Landesstiftung Bayern über den Förderantrag entscheidet, den BISS gestellt hat, um mit dem Geld das Grundstück kaufen zu können. Erst dann kann Hildegard Denninger richtig loslegen, um die nötigen drei Millionen Eigenkapital über Spenden zu akquirieren.

„Wir bekommen die Summe zusammen“, da ist sie sich ganz sicher. „Auch ohne gezielte Anfragen sind bis jetzt schon 380.000 Euro zusammengekommen.“ Bedenken, die BISS-Klientel werde den Ansprüchen der gehobenen Sternegastronomie möglicherweise nicht gerecht werden können, wischt sie vom Tisch. „Wir bringen unsere ganze Erfahrung mit ein und außerdem haben wir genügend hoch qualifiziertes Fachpersonal“, sagt Hildegard Denninger. „Wenn man Menschen Hilfe zur Selbsthilfe so anbietet, dass sie in der Lage sind sie anzunehmen, und sie ihnen wirklich etwas bringt, dann tun die meisten ihr Bestes. Das erleben wir bei unseren Verkäufern dauernd.“ Es sind schwierige Menschen in schwierigen Lebenslagen, mit denen die sechs hauptamtlichen BISS-Mitarbeiter Tag für Tag zu tun haben. „Sie passen nur bedingt ins Raster, sonst wären sie nicht rausgefallen“, so die Geschäftsführerin. Doch schon mit kleinen Hilfestellungen sei häufig viel getan. Von Almosen hält sie jedoch gar nichts. „Der Königsweg ist die Anstellung.“
Erbitterte Kämpfe haben sich die BISS-Aktivisten der ersten Stunde geliefert, die „Herz-Schmerz-Fraktion“ gegen die „Arbeitsplatz-Fraktion“. Leidenschaftlich hat sich Hildegard Denninger dagegen gesträubt, Hilfen nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen, und es ist ihr deutlich anzumerken, wie viel Kraft diese Grabenkämpfe gekostet haben. „Ich war immer die Böse, die über Geld geredet hat“, sagt die Bilanzbuchhalterin. „Aber ich muss  über Geld reden! Es kostet eben, Leute wieder auf die Schiene zu bringen. Langfristig Nachhaltiges lässt sich nicht mit Ehrenamtlichen aufbauen.“

Hildegard Denninger, Foto: Christina Pahnke/sampicsIhre Energie hat sie von der Mutter geerbt, die mit ihren 89 Jahren noch heute sechs Tage die Woche in der Gastwirtschaft steht. Der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn kommt vom Vater. „Das ist manchmal schon fast ein bisschen zwanghaft“, gibt sie zu und lächelt. „Ich muss einfach etwas dafür tun, dass es auch anderen besser geht, weil es mir selbst sonst schlecht geht.“ Bei BISS hat sie ihre Berufung gefunden. In den Jahren zuvor wechselte die Bilanzbuchhalterin von einem Job zum anderen. Alle zwei, drei Jahre  suchte sie sich eine neue Aufgabe. „Immer wenn die Routine einkehrte, gab es so eine Leere.“ Ihr Mann, der als Mitinhaber einer Beratungsfirma für soziale Einrichtungen gut vernetzt ist, machte sie 1994  auf die Stelle bei dem frisch gegründeten Straßenzeitungsprojekt aufmerksam. „Da wird dir vielleicht nicht so schnell langweilig.“ Hildegard Denninger blieb. Zunächst ehrenamtlich, seit 1995 als Geschäftsführerin. „Bis vor kurzem verdiente ich zwar erheblich weniger als vor 15 Jahren“, sagt sie. „Aber dafür habe ich hier den Freiraum, meine ganze Kreativität ausleben zu können.“ Sie führt nicht nur die Bücher, sondern pflegt den Kontakt zu den Paten und Förderern von BISS, schreibt Editorials, sammelt Spenden und leiert immer wieder neue Hilfen an – wie die Finanzierung von zusätzlicher Altersversorgung für die Verkäufer zum Beispiel, oder den gemeinsamen Leichenschmaus (siehe Kasten).

Dabei sah sich die zierliche Chefin in den Verkäuferversammlungen der ersten Jahre nicht selten einer massiven körperlichen Übermacht gegenüber, meistens als einzige Frau unter Männern. „Die Wut stand manchmal schier greifbar im Raum“, erzählt sie. „Die Verkäufer wussten nicht, was im Geschäftsbereich passierte, und in der Gerüchteküche brodelte es. Außerdem fanden die Sitzungen in einer Art Rumpelkammer statt, das war eine äußerst ungemütliche Angelegenheit.“ Als die Leitung damit begann, die Verkaufszahlen und Abrechnungen offen zu legen, den Raum zu renovieren und etwas zum Essen und Trinken anzubieten, entwickelten sich die gefürchteten Verkäufersitzungen zu ganz normalen Betriebsversammlungen. Transparenz und Offenheit, das ist bei BISS seitdem Programm. Mindestens fünfzig Mitarbeiter kommen zu den monatlichen Treffen in die hellen, freundlichen Räume in der Metzstraße, wenn Hildegard Denninger die Zahlen auf dem Flip-Chart erläutert. „Wir dekorieren die Tische, gehen zum Bäcker und ich ziehe mir an diesen Tagen auch etwas besonders Schönes an“, betont sie. „Den Dreck haben sie gehabt.“

Autorin: Gunda Achterhold








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