„Ökologie rechnet sich!“

Über nachhaltiges Wirtschaften und ethische Verantwortung

Ethische Prinzipien und wirtschaftlicher Erfolg? Das geht zusammen. Was Konzerne in großangelegten Imagekampagnen vermarkten, leben mittelständische Betriebe oft schon seit Jahren vor.



Karoline Beck(aus: existenzielle 1/2006)

Mitarbeiterbeteiligung, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und Umweltstandards sind gut für's Arbeitsklima, für die Region – und für das Geschäft. Wie lassen sich ökonomisches Handeln und gesellschaftlicher Mehrwert unter einen Hut bringen?

Wenn es um die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen geht, werden in letzter Zeit gerne Beispiele aus der Tierwelt bemüht. Eine Unverschämtheit, findet Karoline Beck. „Wir können uns alle blumigen Begriffe wie Corporate Social Responsibility, Diversity oder Political Correctness schenken, wenn wir uns weiterhin einen solchen Stil gefallen lassen müssen“, schimpft die Geschäftsführerin der Isolier Wendt GmbH in Berlin. In nur zehn Jahren hat es die junge Unternehmerin geschafft, das marode Familienunternehmen wieder in die Gewinnzone zu fahren. Ihr Wahlspruch lautet: „Ich möchte meinen Überzeugungen treu bleiben können.“ Für ihr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein ist sie vom Wirtschaftsmagazin „karriere“ 2005 zur Unternehmerin des Jahres im Mittelstand gekürt worden. Karoline Beck vertritt ihre Prinzipien vehement, auch als Vorsitzende des Bundes Junger Unternehmer (BJU). Beredt rückt sie auf Mittelstandforen, Kongressen und Preisverleihungen das Bild von kühl rechnenden Geschäftsmännern und -frauen zurecht. „Wer sich als Unternehmer betätigt, dem geht es nicht nur um die Vermehrung von Einkommen“, so die 40-jährige Firmenchefin. „Man hat eine Idee und will die umsetzen. Das ist per se ein hoher gesellschaftlicher Wert.“ Karoline Beck zieht allerdings eine scharfe Trennlinie zwischen Unternehmern und Management. „Manager tragen gegenüber ihrem Vorgesetzten Verantwortung, vielleicht noch gegenüber der Eigentümerversammlung. Aber wir müssen mit unserer ganzen Person für alle Folgen unseres Tuns geradestehen – der Fisch stinkt schließlich immer vom Kopf.“

Karoline Beck weiß worüber sie redet. Als die Betriebswirtin den Betrieb ihres Großvaters übernahm, waren zwei Managementgenerationen am Werk gewesen und hatten den Hersteller von Schallschutz, Wärme-, Kälte- und Brandschutzisolierung kräftig heruntergewirtschaftet. Mitte der neunziger Jahre sollte mit der Enkelin eine Insiderin aus der fünften Generation der ehemaligen Besitzerfamilie zurück ins Boot geholt werden. Die energische junge Frau überließ die Betreuung ihrer kleinen Kinder den Eltern und trat zunächst als Assistentin der Geschäftsführung ein. Zwei Jahre später  kaufte sie die Anteile zurück, übernahm die Geschäftsführung und brachte frischen Wind in den technischen Betrieb. „Es ging ums nackte Überleben“, so die Firmenchefin heute. „Aber ich bin gut, wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe.“  Ihren Mitarbeitern musste die neue Chefin auch finanziell einiges abverlangen. „Entweder wir ziehen alle an einem Strang oder wir können uns gemeinsam beim Arbeitsamt anstellen.“ Im Gespräch mit ihren rund 60 Leuten fand Karoline Beck deutliche Worte für den Ernst der Situation. „Mitarbeiter merken ganz genau, ob man es ehrlich meint oder nicht. Wenn man mit den Beschäftigten vernünftig spricht und ihnen Wege aufzeigt, wie es gehen kann, dann kommen diese Signale auch an.“

Erschreckend fand es die Jungunternehmerin, wie demotiviert sie die Belegschaft vorfand und wie wenig für ihre Weiterbildung getan worden war. „Unter betriebswirtschaftlichen Aspekten eine unglaubliche Verschwendung.“ Mit zügigen Schritten setzte sie um, was sie für den schlicht und ergreifend alternativlosen „Königsweg“ hält: Gleichberechtigung, berufliche Weiterbildung, flexible Arbeitszeiten. In persönlichen Mitarbeitergesprächen machte sie sich besonders für die Frauen stark, die in der technisch orientierten und männlich dominierten Branche traditionell einen schweren Stand haben. Im Laufe der Jahre hat sie viele Frauen in Leitungspositionen gebracht. Eine ehemalige Praktikantin ist heute für die Führung von zwanzig Monteuren zuständig.

Das Argument, familienfreundliche Arbeitszeiten oder Telearbeitsplätze für junge Mütter seien zu teuer, wimmelt die Geschäftsführerin ganz entschieden ab. „Solche Begründungen beweisen nur eine unglaubliche Phantasielosigkeit“, kritisiert sie. In relativ überschaubaren Betrieben wie der IWG halte sich der Organisationsaufwand ohnehin in Grenzen. Karoline Beck macht eine ganz andere Rechnung auf. Ein erfolgreicher Mittelständler fühle sich immer auch dem Wohl seiner Beschäftigten verpflichtet. „Es besteht schließlich auch eine menschliche Ebene, wenn man seinen Mitarbeitern täglich begegnet, zum Teil ihre Kinder kennt und ihre privaten Verhältnisse.“ Teuer werde es dagegen, wenn aus persönlichen berufliche Probleme entstünden. Wenn sich Mütter krank melden, weil ihre Kinder nicht versorgt  sind oder die Arbeit schlecht erledigt wird, weil der Job keinen Spaß macht. „Natürlich sind nicht alle Unternehmer Gutmenschen“, sagt Karoline Beck. „Aber ich würde sagen, das Gros der Mittelständler übernimmt mehr gesellschaftliche Verantwortung als notwendig wäre. Viele sind auch stark in ihren Kommunen verzahnt und engagieren sich in etlichen ehrenamtlichen Funktionen.“

Annette Hering mit Mitarbeitern„Wer wirtschaftliche Prozesse langfristig plant, kommt an werteorientierter Unternehmenspolitik gar nicht vorbei“, bestätigt Annette Hering, Geschäftsführerin der Hering Bau GmbH in Burbach. „Das ist auch gar nicht so schwer, die Herausforderungen werden häufig überschätzt.“ Seit 1892 ist das Familienunternehmen im überregionalen Eisenbahn-, Gleis- und Streckenbau tätig. Schon Anfang der achtziger Jahre setzte Hartmut Hering, Vater der heutigen Geschäftsführerin, die erste Umweltbeauftragte ein. Damals eine revolutionär anmutende Pioniertat. Als erstes Bauunternehmen in Europa begann Hering Mitte der neunziger Jahre sich im Drei-Jahres-Rhythmus durch Öko-Audits zertifizieren zu lassen. Für seine vorbildliche Umweltpolitik ist die Hering-Bau bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Erst im vergangenen Jahr würdigte die Ethik-Bank das Engagement des Mittelständlers in puncto Nachhaltigkeit. „Man trägt schließlich nicht nur die Verantwortung für sein eigenes Glück, der Einfluss geht weit darüber hinaus“, erklärt die 46 Jahre alte Bauunternehmerin die konsequent ökologische Ausrichtung.

Öko-Audits disziplinieren. Ihre Ziele für die nächsten drei Jahre stecken die Unternehmen selber ab. Die allererste Zertifizierung stand bei Hering Bau ganz im Zeichen des ausufernden Benzinverbrauchs. „Damals wurden sieben Millionen Kilometer gefahren“, so die Chefin. „Heute sind es dreieinhalb.“ Muss denn eigentlich jeder Bauleiter in seinem Wagen zur Baustelle fahren? Warum reisen die Mitarbeiter grundsätzlich per Auto, wo sich die Baustellen in der Regel sogar in Bahnhöfen befinden. „Wir haben Bahncards spendiert und eine Top Ten der Bahnfahrer eingerichtet“, sagt Annette Hering. „Finanziell hat es sich gerechnet, unsere Leute standen nicht mehr im Stau und kamen ausgeruht am Arbeitsplatz an.“ Als die Zahlen nach ein paar Jahren wieder schlechter wurden, berief die Geschäftsführerin gemeinsam mit ihrer Umweltbeauftragten einen „Arbeitskreis Kilometereinsparung“, um das Thema wieder ein bisschen aufzufrischen. Mit ihren Fahrsicherheitstrainings auf dem Hockenheimring kam das Team bei der überwiegend männlichen Belegschaft bestens an. Annette Hering freut sich bis heute über die gelungene Aktion: „Dass man durch kleine Tricks bis zu zwanzig Prozent weniger Diesel verbrauchen kann, das fanden die Männer einfach toll!“

Jeder positive Effekt kommt den rund 300 Mitarbeitern direkt zugute. Seit 31 Jahren beteiligt die Hering Bau ihre Leute am Gewinn und räumt ihnen Mitsprache bei Unternehmensentscheidungen ein. „Als ich vor zehn Jahren übernommen habe, stand die Baukrise am Beginn und es musste dringend saniert werden“, berichtet die Geschäftsführerin. Damals hatte die Firma noch 390 Beschäftigte. „Es war sehr wertvoll, dass bei den Einsparungen, die die Mitarbeiter betrafen, alle in den Dialog mit einbezogen wurden.“
Die Belegschaft trug die Entscheidung mit, übertarifliche Leistungen einzufrieren. Nur wenige verließen den Betrieb aus freien Stücken.

Auch die ehrgeizigen ökologischen Ziele des Unternehmens lassen sich nur umsetzen, wenn alle mitziehen. Beispiel Energie: „Die Kosten steigen und steigen“, sagt Annette Hering. „Darauf haben wir keinen Einfluss. Aber wir können weniger verbrauchen oder selber erzeugen.“ Eine neue Fertigungshalle wurde entsprechend mit Photovoltaik-Dach und Erdwärmeversorgung ausgestattet. Langfristig wird es den Energieverbrauch senken. Per Intranet werden wiederum die Beschäftigten für das Thema sensibilisiert und dazu aufgerufen, am Ende des Arbeitstages das Licht zu löschen und die Heizung herunterzudrehen. Tauchen in der monatlichen Kontrollablesung Auffälligkeiten bei Strom- und Heizkosten auf, sind die Angestellten aufgerufen die Ursache zu finden Zieht vielleicht eine alte EDV-Anlage zu viel Strom oder lässt doch einer ständig das Licht an? „Die meisten sind interessiert und denken mit“, so Annette Hering. „Entscheidend ist, dass mein eigenes Verhalten glaubwürdig ist. Sonst kann ich auch keine Moralpredigten halten.“

Katharina SchausWie enorm sich der Stellenwert umweltbewusster Wirtschaftlichkeit heute ändert, stellt auch Unternehmensgründerin Katharina Schaus fest. Ihre Firma „it fits“ in Konstanz ist Kooperationspartner für Textil- und Bekleidungsunternehmen, die nachhaltige Strategien entwickeln. „Das Interesse an ökologisch orientierten Konzepten nimmt weltweit deutlich zu“, so die Öko-Dienstleisterin. Konzerne wie Nike, Ikea oder Wal-Mart stellen ihre Unternehmenspolitik grundlegend um. In Zukunft werden sie auch Produkte vertreiben, die aus Biobaumwolle gefertigt sind. Das hat gewaltige Konsequenzen für die Hersteller. „Amerikanische Firmen und Unternehmen in Uganda oder in der Türkei fragen an, wo sie produzieren lassen können und welches Bio-Label sie benutzen sollen“, berichtet die Bekleidungstechnikerin, die sich schon vor Jahren auf Zertifizierungssysteme in der Textil-Branche spezialisiert hat. Das Umdenken der Marktgiganten zeigt für sie vor allem eins: „Ökologie rechnet sich. Mit ökologischem Bewusstsein hat das sicher nichts zu tun, das ist reines Imagedenken.“

Für Katharina Schaus hat Nachhaltigkeit definitiv eine andere Bedeutung. Begeistert erzählt sie von Mietwäscheprojekten in den neuen Bundesländern oder Kooperationen zwischen Unternehmen und Pädagogen, die den ökologischen Gedanken direkt in die Schullabors tragen. Mit leidenschaftlichem Engagement verfolgt sie gemeinsam mit Branchenkollegen aus der ganzen Welt das Ziel, ein einheitliches Öko-Label – den so genannten Global-Standard - auf den Weg zu bringen. Die vielen verschiedenen Bio-Zertifikate, die derzeit auf dem Markt existieren, irritieren schließlich nicht nur die Verbraucher. Einen großen Teil ihrer Arbeitszeit verbringt die it fits-Geschäftsführerin auf internationalen Kongressen, auf Naturtextilienmessen  und Vortragsveranstaltungen. Ihr weltweit verzweigtes Netzwerk und ihr Fachwissen sind das wichtigstes Firmenkapital der 40-jährigen Textil-Expertin. Für ihre Projekte stellt sie je nach Bedarf Teams aus Freelancern zusammen. Worauf es ihr dabei ankommt ist klar: „Sie müssen sich mit meiner Firmen- und Arbeitsphilosophie identifizieren können, das ist der Anspruch, den ich an meine Leute habe.“

Autorin: Gunda Achterhold








ANZEIGE



Neues von unseren Beraterinnen

Verkaufen leicht gemacht!

Video: Die 5 Phasen des Verkaufsgesprächs mehr...

Zahlen - Dein Freund und Helfer

Besser als ihr Ruf mehr...

Manchmal ist alles zäh

Wenn die Lust Pause macht mehr...

Neu auf dem Marktplatz

Krüpe / Philipp

Die Aufräumerinnen
Profil ansehen...

Katja von Eysmondt

Lifecoach und Autorin
Profil ansehen...

Doris Reich

think right Kreatives Coaching
Profil ansehen...