„Wir bauen für die nächsten 500 Jahre“

Eindrücke aus dem Unternehmen Kloster

Die Zeitvorstellungen eines Klosters scheinen mit denen der Wirtschaft vordergründig nicht viel gemeinsam zu haben. Wenn in einem Kloster allerdings mehrere Betriebe zu verwalten sind, Neubauten geplant und realisiert werden und das alles wirtschaftlich vernünftig sein soll, dann wird es spannend, sich das Unternehmen Kloster einmal genauer anzusehen.



Im Klosterladen, Foto: Sabine Kristan(aus: existenzielle 3/2005)

Die Unternehmensphilosophie ist 1500 Jahre alt, über 800 Jahre besteht das Unternehmen. Und der Laden läuft. Er liegt nicht in gepriesener Citylage, auch nicht in einem der gängigen Gewerbegebiete, sondern idyllisch in den Weinbergen oberhalb von Rüdesheim. Dem Unternehmen steht eine Äbtissin vor. Die Mitgliederversammlung tagt als Konvent.
Die 60 Mitarbeiterinnen sind allesamt Schwestern. Zwischen 23 und 92 Jahren alt.
Der Betrieb firmiert als Abtei St. Hildegard.
Ora et labora - Bete und arbeite, dies ist der Wahlspruch aller Benediktinerinnen und Benediktiner. Auch in geschäftlichen Projekten geht es nicht in erster Linie um Gewinnmaximierung. Aber worum dann?

„Wir bauen für die nächsten 200 oder 500 Jahre“, in solchen Perspektiven denkt Schwester Scholastica, die seit zweieinhalb Jahren für den Neubau eines Gästehauses sowie zusätzlicher Wirtschafts- und Geschäftsräume zuständig ist. Ihre Gesamtperspektive mag zwar auf größere Zeiträume angelegt sein, aber sie selbst hat ein ziemliches Tempo drauf. „Sehen Sie, da haben wir doch viel geklärt und keine Minute verloren“, das ist ihre größte Freude an diesem Vormittag, an dem es ihr gelungen ist, gleichzeitig eine Fuhre Sand mit dem 7,49-Tonner aus der nahe gelegenen Kiesgrube zu holen und dabei das Gespräch mit der Journalistin auf dem Beifahrersitz zu führen.
„Selbst ist die Frau“. Dieser Satz scheint für die Ordensschwestern noch über den Regeln des Heiligen Benedikt aus dem 6. Jahrhundert zu stehen. Einen Hausmeister? „Nein, den brauchen wir nicht! Um die Heizung kümmere ich mich selbst.“ Wer dahinter nur Sparsamkeit vermutet, denkt nicht weit genug.

Die Ordensfrauen sind Unternehmerinnen, denen niemand hineinredet. Benediktinische Klöster kennen kein Mutterhaus. Jede Gemeinschaft wirtschaftet für sich. Die Abtei St. Hildegard ist ein gemeinnütziger Verein; alle Betriebe werden unter einer Steuernummer geführt. Dazu gehören sieben Hektar Weinberge mit eigener Kellerei, ein Klosterladen, wo Bücher, Kunsthandwerk aus eigenen Werkstätten und Dinkelprodukte verkauft werden. Die heilige Hildegard und ihre Heil- wie Ernährungskunde sind ein unerschöpflicher Quell für neue Produkte, die allerdings außer Haus produziert werden. Handel bringt mehr ein als Produktion. Das weiß man auch im Kloster. Auf Rat einer Unternehmensberatung stellen die Klosterfrauen jetzt keine eigenen Kerzen mehr her, beschränken sich auf das Entwerfen der Motive. Der Weinverkauf nimmt seit drei Jahren seinen kühnen Aufschwung. 60 Prozent des Weines gehen über die Ladentheke, der Rest in den Versand. Online-Bestellungen gehören zur Routine. Die Homepage ist ein Glanzstück an Komplexität und solider Information über den Betrieb, das klösterliche Leben und die geistigen Traditionen. Jede Schwester kann eine eigene, elegante Visitenkarte mit Firmen-Logo aus der Kitteltasche zücken: mit Durchwahl, Handy-Nummer und Mail-Adresse. Sogar der Familienname ist dort zu erfahren, leider nicht der einstige Beruf. Schwester Scholastica hat beispielsweise Jura studiert.“ Aber das Kloster zog stärker“, sagt sie – und strahlt am Steuer ihres Kippladers. 32 Jahre wirkt sie nun schon im Sinne des heiligen Benedikt: Mit der eigenen Hände Arbeit für den Unterhalt des Klosters zu sorgen.

Foto: Sabine KristanSchwester Scholastica hat – zusätzlich zu den benediktinischen Regeln – noch so ihre eigenen Grundsätze. „Alle Arbeiten, die ich vergebe, muss ich auch mal selbst gemacht haben.“ Deshalb kann sie selbstbewusst sagen: Ich kenne meine Gewerke! „Ich habe auch schon geschweißt. Und so weiß ich die Arbeit zu schätzen, kenne aber auch den Frust, den man dabei erleben kann. So baue ich keinen unberechtigten Zeitdruck auf.“
Auf der Baustelle hört alles auf ihr Kommando. Es ärgert sie, dass jemand unbedacht, Baumaterial geordert hat, obwohl noch Vorräte auf dem Speicher liegen. Heute wird gepflastert. Da wird zunächst Mauersand gebraucht. „Füllsand verklumpt bei Kontakt mit Wasser.“ Irgendwie fühlt man sich dumm und schuldig, dies nicht schon immer gewusst zu haben. Hier wird nicht das Glaubensbekenntnis oder das Ave-Maria abgefragt, hier geht es um Lebenstüchtigkeit. Um Konzentration. Jederzeit. Bei jeder Aufgabe. Und jetzt geht es eben um die Materialschichtung von Boden und Pflasterung.

Den Bagger, den sie ebenfalls selbst rangiert, hat sie natürlich gebraucht gekauft. “Ein uraltes Ding.“ Deshalb ist sie dann auch zur „Bauma“ nach München gefahren, der Internationalen Fachmesse für Baumaschinen, Baufahrzeuge und -geräte. „Um zu sehen, ob es noch die Zuliefererfirmen für Ersatzteile gibt.“ Nichts steht auf dieser Baustelle, was nicht der Ordensgemeinschaft selbst gehört. Den Turmdrehkran „mit Fahrwerk und Kranfunk“ – auf diesen Zusatz verzichtet Schwester Scholastica auf keinen Fall – hat sie im Internet ersteigert. Für 550 Euro.
„Auf Pump“ wird im Kloster nie gearbeitet. „Die jetzigen Entscheiderinnen“, so erklärt sie, seien in den fünfziger Jahren groß geworden. „Da machte man keine Schulden. Und das ist ganz wichtig für den Realitätsbezug. Es wird nur verbaut, was auch an Geld vorhanden ist. Etappe für Etappe. In den letzten sieben Wochen waren das 100.000 Euro, allein an Zuleitungen für Regenwasser, Frischwasser, Brauchwasser, Schmutzwasser und Strom. Anlässlich des Neubaus werden gleich die nicht mehr ausreichenden Kapazitäten des Altbaus modernisiert. „Wenn in einem Kloster 20 Jahre nicht mehr gebaut wurde, dann ist die Gemeinschaft dem Verfall preisgegeben.“ Ohne Bau kein Leben. Irgendwie scheint dieser Satz aus der tiefsten Seele genau dieser Ordensfrau zu kommen.

„Ich bin der Bauleiter“, sagt Schwester Scholastica. Architekten werden nur bis zur Baugenehmigung bezahlt. Das spare allein 31 Prozent Kosten. Ausschreibungen schlügen mit 9 Prozent zu Buche. Wozu? Die Arbeit wird auf Stunden veranschlagt und bezahlt. Klosterfrau weiß selbst, welche Firmen sich bewährt haben. Sie koordiniert Dachdecker, Baufirmen, Fensterbauer, Vermessungsingenieure, Heizungsbauer, Installateure und Kunstschmiede. „Wenn ich meinen Männern auf der Baustelle sage, was Tagesvorgabe ist, dann sagen die: „Geht klar.“ Frauen fragten dann erst mal: „Warum?“ Das habe seine Vor- und Nachteile: „Frauen achten darauf, dass der Augenblick lebbar bleibt. Männer kriegen eher diesen Tunnelblick und vergessen das Wohlergehen.“ Aber es gehe ja darum, „im Lebensvollzug die Mängel zu ergänzen“. Das präge eben das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander. Und das zeichne auch jedes gute Team aus.

Zufrieden ist sie, wenn das Team stimmt, wenn „alle am selben Strick ziehen“. Aufträge erhält bei ihr, wer sich gut in die Infrastruktur einpasst, mit seinem Konzept Rücksicht „auf den Bestand“ nimmt und  verantwortlich mitdenkt. Für Benedikt, so erläutert sie das Prinzip des klösterlichen Lebens, in dem Arbeit und Gebet sich regelmäßig abwechseln, gehe es „nicht um den Wechsel von Anspannung und Entspannung“, was meist „nur eine Erschlaffung“ sei. Es gelte, „Entspannung durch Umspannung zu erreichen“. Deshalb alle zwei bis zweieinhalb Stunden der Wechsel zu Gebet, Hochamt, Schrift- oder Regellesung. Wer zu lange bei derselben Tätigkeit verharre, überfordere sich und so komme es zur Überlastung, erläutert die Ordensfrau die Kloster-Fitness. Immerhin beginnt der Tag der Schwestern um 5.30 Uhr mit dem ersten Lobgesang Gottes, den ‚Laudes’.

Auch für die Abteil St. Hildegard geht es darum, Gewinne zu erzielen. Aber eine Gewinnmaximierung lehnt Schwester Scholastica  ab. „Fairer Wettbewerb gehört zur Marktwirtschaft“, aber man müsse immer innerhalb der Spielregeln spielen. Die Ordensfrau versteht was vom Spiel. Dass ihre Großmutter ihr als Siebenjährige verbot mit den 12-jährigen Jungs Fußball zu spielen („Ich war der beste Torwart von ganz Sülz!“), hat sie bis heute nicht verwunden. Später tobte sie sich dann bei Feld- und Hallenhockey aus. Ihr Spielinstinkt verleitet sie noch heute zu recht sportlicher Philosophie am Bau. Beispielsweise hält sie nichts von einem Schutzhelm. Sie trägt auch beim Baggerfahren den grauen Arbeitsschleier, obwohl sie sich genauso für ein einfaches kleines Kopftuch entscheiden dürfte. „Ein Helm wiegt uns in Pseudosicherheit. Weil man die Gefahr dann nicht mehr spürt, sich nicht duckt und auf den Schlag nicht mehr gefasst ist.“
Und die Ordenstracht habe auch im Geschäftsleben Vorteile. Eine Corporate Identity braucht nicht erst erfunden zu werden. Sie ist immer schon da „und ist jederzeit von außen ablesbar“.

Wer bei ihren Bauvorhaben zur Erweiterung des Gästetraktes und des Verkaufsbereiches von ‚Geschäftsexpansion spricht, erntet eher ein Stirnrunzeln. „Entwicklung“ nennt Schwester Scholastica das. Die Vergrößerung ergebe sich eher zufällig „durch den praktischen Lebensvollzug.“  Die „Hildegard“-Produkte  will sie nicht als „Marke“ verstanden wissen. Die heilige Hildegard (1098-1179) ist die Patronin des Klosters. Mit ihr „jage man nicht dem Geld hinterher“. 

Autorin: Britta Hoffmann








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