„Meine Mutter glaubte mich für immer in Afrika verschollen“

Verena Stamm engagiert in Burundi

Die Krankenschwester Verena Stamm gründete in Burundi eine Stiftung. Sie sorgt dafür, dass Straßenkinder ein Zuhause finden, Kinder zur Schule gehen und eine Ausbildung machen können. 



(aus: existenzielle 1/2008)

Zufrieden und auch ein wenig stolz und lässt sie ihren Blick über die Klasse schweifen. An die 50 Kinder begrüßen sie im Chor. „Bonjour Madame“, schallt es in voller Lautstärke. Sie alle tragen eine zweifarbige Schuluniform - lindgrün mit hellgrünen Besätzen. Geschneidert in Verenas kleinen Schneiderwerkstätten, in denen junge Frauen - und auch Männer - das Handwerk lernen.
Rings um die Klasse herum arbeiten die Bauarbeiter. Denn dieser Klassenraum ist der erste, der fertig ist - von einem Schulgebäude, in dem einmal mehr als 600 Kinder unterrichtet werden sollen. Vormittags. Am Nachmittag kommt der zweite Schwung - noch einmal so viel! Die Schule wird am Rande Bujumburas errichtet, der Hauptstadt Brundis in Ostafrika. Burundi gehört mit zu den kleinsten und ärmsten Staaten dieses Kontinents.

Foto: burundikids

 

Foto: burundikids.deSeit 30 Jahren lebt Verena Stamm Ndorimana in Burundi. 1999 hat sie die Stamm Fondation gegründet. Mit dieser Stiftung und unterstützt von unterschiedlichsten Hilfsorganisationen möchte sie dazu beitragen, das Bildungs- und Ausbildungsniveau der Burundischen Menschen und damit auch deren Lebensbedingungen zu verbessern.

„Meine Mutter war damals entsetzt und glaubte mich für immer in Afrika verschollen, als ich ihr Anfang der 70er Jahre mitteilte, dass ich meinen Mann in seine Heimat Burundi begleiten werde“, erzählt Verena Stamm. Aber für mich war das gar keine Frage. Es war ja damals die Zeit, in der wir nach dem Motto „Zurück zur Natur“ lebten und alles wesentlich lockerer sahen als unsere Eltern.“
Dabei hatte Verena Stamm bis dahin gar nicht so ‚locker’ gelebt. 1949 geboren, wächst sie bis zu ihrem neunten Lebensjahr in Duisburg auf, dann ziehen die Eltern nach Wiesbaden. Dort besucht sie die Oberschule und beginnt eine Krankenschwesterausbildung in einem von Diakonissinnen geleiteten Stift. Als sie 1970 ihr Krankenschwesterndiplom erhält, ist sie schon ‚Frau Ndorimana’

„Wir Schwesternschülerinnen sind abends gerne mal zum Tanzen gegangen. Dabei habe ich Benoìt kennen gelernt, der in Wiesbaden studierte. An meinem 20. Geburtstag haben wir uns verlobt und knapp ein halbes Jahr später waren wir verheiratet. Das war natürlich verrückt, zumal man zu dieser Zeit erst mit 21 Jahren mündig war, und meine Eltern ihre schriftliche Zustimmung zur Hochzeit geben mussten“, erinnert sie sich.

Am 26. September1972 fliegt das Ehepaar Ndorimana nach Burundi. Sie wohnen in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. Unvergessen bleibt Verena Stamm der erste Besuch und der herzliche Empfang im Dorf ihrer Schwiegereltern. „Es war für mich sehr aufregend und überwältigend. Das ganze Dorf hatte sich versammelt, um sich die ‚fremde Frau’ anzusehen. Mein Schwiegervater war als Richter in seinem Dorf ein angesehener Mann. Er wohnte als einziger in einem Steinhaus und besaß eine ansehnliche Zahl an Longhorn-Rindern. Das war aber auch schon der einzige ‚Luxus’. Denn es gab weder Wasser noch Strom und das Mehl wurde mit Steinen gemahlen. Heute gibt es wenigstens Strom und elektrische Mühlen.“

Doch dieses „einfache Leben“ ist nicht das einzige, an das sich Verena Stamm gewöhnen muss. Schon damals wird das Land von Unruhen heimgesucht. Die durch die belgische Kolonialmacht in den 1920er Jahren forcierte Trennung der ethnischen Gruppen Hutus und Tutsis führte immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen und Aufständen, die im Laufe der letzten drei Jahrzehnte mehrere Hunderttausend Menschen das Leben kostete.
Doch Verena Stamm bleibt in Burundi und gemeinsam mit ihrem Mann organisiert sie ihr Leben. Als erstes lernt sie die Landessprache Kirundi, auch um sich mit ihren zahlreichen Verwandten unterhalten zu können und von ihnen akzeptiert zu werden.

Beruflich orientiert sie sich völlig neu. „Als Krankenschwester hätte ich nur in staatlichen Krankenhäusern für ein winziges Gehalt arbeiten können“, begründet sie ihren Entschluss, sich bei der VW-Vertretung in Bujumbura auf eine Sekretärinnenstelle zu bewerben. Von einer Kollegin wird sie intensiv in die Buchhaltung eingewiesen und am Feierabend verbessert sie ihr Schulfranzösisch, um auch in der burundischen Amtssprache fit zu sein.
1983 wechselt sie die Stellung und arbeitet für die Hoechst-Vertretung in Bujumbura. Dort zahlt sich ihre deutsche Herkunft aus, indem sie den damaligen deutschen Direktor bei der Vermarktung von Hoechst-Medikamenten an burundische Ärzte und Krankenhäuser unterstützen kann. Durch diese Arbeit und ihre Kontakte kam ihr die Idee, eine Apotheke zu kaufen, da die Medikamentenversorgung für die Bevölkerung sehr unzureichend war. „Das ist hier sehr einfach, man muss nur einen Apotheker einstellen“, beschreibt Verena ihren Plan. So eröffnet sie 1984 eine Apotheke und betreibt diese bis zum Jahr 2002. 1994 kauft sich das Ehepaar Ndorimana ein Wohnhaus mit Restaurant, das bis heute von Verena Stamm geführt wird.

Kann sie sich sprachlich und beruflich in Burundi zurechtfinden, bereitet ihr allerdings ihre Kinderlosigkeit Probleme. Kinder zu haben bedeutet in Afrika etwas und ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens. „Meine Schwiegereltern haben 12 Kinder und diese wiederum haben auch 10 bis 12 Kinder. Nach zwei Fehlgeburten und der Diagnose, das meine Chancen auf eine weitere Schwangerschaft sehr gering sei, haben wir uns dann 1979 und 1981 entschlossen, zwei Kinder zu adoptieren. Auch haben viele unserer jungen Verwandten bei Benoit und mir ihre Kindheit und Schulzeit verbracht, so dass sich auf diese Weise auch mein Kinderwunsch erfüllte.“

Ab 1987 spitzt sich die politische Lage in Burundi zu. Staatsstreiche und Militärputsche verstärken in den folgenden Jahren die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Hutus und Tutsi. Staatspräsidenten und Politiker werden ermordet, mehr als 200.000 Menschen werden umgebracht. 1996 wird ein totales Embargo über Burundi verhängt, das 2 ½ Jahre andauert. Die gesamte Entwicklungshilfe und teilweise auch die humanitäre Hilfe wurden sofort eingestellt und viele Europäer verließen Burundi.

„Ich muss sagen, dass dieses Embargo dem Land und seiner Bevölkerung, von denen 600.000 in Lagern lebte und fast 500.000 nach Tansania geflohen waren, den Todesstoß gab. Die Menschen verarmten mit zusehender Geschwindigkeit. Das war der Zeitpunkt, als ich in die Lager ging um zu sehen und nachzufragen, wie ich diesen Menschen helfen konnte“, erinnert sich Verena Stamm.
1999 gründet sie ihre Fondation Stamm. Im ersten Jahr kauft sie Hilfsgüter wie Decken oder Hacken und arbeitet gemeinsam mit den Frauengruppen in den Lagern am Rande von Bujumbura und Gitega. Sie stellt Personal für das Lager in Gitega ein und beantragt Hilfe bei der FAO (Food and Agriculture Organization, eine Organisation der UNO), von der sie Ende 2000 erstmalig Hacken und Saatgut erhält. Unterstützt wird sie bei ihrer Arbeit auch von den Nichten und Neffen ihres Mannes.

„Dann sah ich immer wieder die vielen Waisenkinder und wurde gebeten, sie aufzunehmen. Aus eigener Tasche mietete ich ein Haus und richtete es mit Betten ein. Ein paar Möbelstücke bekam ich geschenkt und Kleidung kaufte ich auf dem Markt. Das kleine Heim füllte sich schnell. Die Kinder brauchten aber auch regelmäßig zu essen und da habe ich gemerkt, dass ich ohne finanzielle Hilfe nicht weitermachen konnte.“

Sie recherchiert über das Internet und stößt auf die Kinderhilfsorganisation Human Help Network mit Sitz in Mainz. Während ihres Urlaubs in Deutschland besucht sie die Organisation und kann mit 4.000 Euro für ihre Stiftung nach Burundi zurückkehren, wo sie sofort ein größeres Haus anmietet und weiteres Personal einstellen kann.
Inzwischen hat sie weitere Kontakte zu anderen Hilfsorganisationen geknüpft. Verena Stamm unterhält inzwischen fünf angemietete Häuser. Sie dienen als Unterkunft für Straßenkinder, als Schulen und als Ausbildungsstätten, in denen Schreiner, Schneider, Frisöre und Köche ausgebildet werden.

Eines dieser Häuser ist speziell für Straßenmädchen, die durch ungewollte Schwangerschaft und Vergewaltigung von zuhause ausgestoßen wurden. Die Schule durften sie nicht mehr besuchen und fanden in ihrer Situation auch keine Arbeit. Um zu überleben, landeten sie auf die Straße und ernährten sich und ihre Kinder durch Prostitution - wobei sie den Gefahren von Aids und anderen Krankheiten ausgesetzt waren.
Noch über 50 Prozent der burundesischen Bevölkerung sind Analphabeten. Nur durch gute Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten besteht eine Chance, nicht nur das Überleben der Menschen, sondern des ganzen Landes zu gewährleisten. Ihre Hauptenergie hat sie daher in den letzten Jahren erfolgreich in ihr SchulProjekt gesteckt, dem sie den Namen „Ecole Polyvalente – Carolus Magnus“ gegeben hat: bis zur zehnten Klasse werden die Kinder hier unterrichtet. Daneben entsteht in diesem, für burundische Verhältnisse riesigen Gebäudekomplex ein Ausbildungsbereich für technisch-pharmazeutische Assistenten sowie ein sich angrenzendes Internat. „Damit meine Straßenkinder neben der Chance einer guten Ausbildung auch ein gutes Zuhause bekommen.“

Autorin: Conny Reisberg

 








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