„... wir müssen es einfach tun“

Monika Hauser erhält den Alternativen Friedensnobelpreis

Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich die Frauenärztin Monika Hauser mit medica mondiale e.V. in Kriegs- und Krisengebieten. Für ihren Einsatz für vergewaltigte und kriegstraumatisierte Frauen wurde sie am 8. Dezember 2008 mit dem Alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet.



Monika Hauser, Foto: Uli Kreikebaum(aus: existenzielle 4/2008)

existenzielle: Wagen Sie für uns einen Blick in die Zukunft: Was könnte der Alternative Nobelpreis für Ihre künftige Arbeit bedeuten?
MONIKA HAUSER: Ich hoffe und erwarte, dass die Welt die Situation von Frauen in Krisengebieten endlich mehr wahrnimmt. Ich habe in den ersten zwei Wochen nach der Bekanntgabe des Preises über 60 Interviews gegeben, das ist sonst der Halbjahresschnitt. Leider interessieren sich aktuelle Medien immer nur dann für unsere Arbeit, wenn gerade eine Sensation passiert. Und selbst dann bin ich oft nur als Fachfrau gefragt. Selbst 1999 in der Kosovo-Krise haben sich die Fernsehsender mit den großen Hilfsorganisationen abgesprochen. Ich bin zwar zu Brennpunkten eingeladen worden, durfte aber nie sagen, dass wir auch Gelder brauchen, unsere Spendenkonten wurden nie eingeblendet. Das war ein ziemlicher Skandal.

Hat sich daran jetzt etwas geändert?
Spendenkonten werden seit längerem kaum noch eingeblendet. Ich kann nur versuchen, frech zu sein und während der Sendung zu sagen, dass wir von Spenden leben. Noch ist es zu früh, einzuschätzen, ob jetzt mehr Spenden eingehen – ich hoffe natürlich auf einen Schub.
Der Preisträger José Lutzenberger hat in dem Buch „Vorbilder“ geschrieben, durch den Alternativen Nobelpreis sei er brasilianischer Umweltminister geworden und habe so mithelfen können, den Bau der brasilianischen Atombombe zu verhindern.

Was erhoffen Sie sich von der Politik?
Ich möchte, dass Frau Merkel und Herr Steinmeier unsere Thematik endlich als Eckpfeiler in die deutsche Außenpolitik integrieren. Das fordern wir seit vielen Jahren – zurück kommen viele Lippenbekenntnisse von deutscher und internationaler Seite. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen als Kriegsstrategie sei ganz schrecklich, aber man könne wenig für die Frauen machen. Stimmt nicht, sagen wir dann: Es gibt eine neue UN-Resolution, die Vergewaltigung als Kriegstaktik und Bedrohung für den Weltfrieden bezeichnet – angewendet um Menschen zu erniedrigen, Macht über sie auszuüben, sie zwangsweise umzusiedeln. Eine andere besagt, dass Frauen in Kriegsgebieten Schutz brauchen. Damit kann sich ein Mandat für UN-Missionen verbinden. Es fehlt allein bis jetzt der politische Wille.
Hört sich so an, als ob Sie trotz zahlreicher Auszeichnungen in der Vergangenheit immer wieder vor verschlossene Türen gestoßen seien.
Ganz viele sagen, „schön, was Sie da machen“, wollen aber mit der Thematik nichts zu tun haben, ja.

Warum wenden sich die Menschen lieber ab?
Männer und Frauen haben da sehr unterschiedliche Gründe. Bei den Frauen ist es oft, weil sie selbst oder Verwandte betroffen sind und es für sie zu gefährlich scheint, sich öffentlich für das Thema zu engagieren: Jede dritte bis vierte Frau in Deutschland hat Gewalt erlebt. Die meisten Männer werden defensiv bei dem Thema. Das liegt auch am nach wie vor lebendigen Rollenverständnis: Männer müssen die Rambos und Machos sein. Wenn die Männer sich trauten, mehr Gefühle und Schwächen zu zeigen, wäre viel gewonnen.

Sollte Angela Merkel da nicht offener sein für Ihre Anliegen?
Dass Angela Merkel eine Frau ist, bedeutet noch nicht unbedingt Besserung. Erst, wenn rund 30 Prozent Frauen in einer Struktur sind, ändert sich diese auch. Für die Umsetzung der UN-Resolutionen gibt es Aktionspläne einiger Vorzeigeländer wie Schweden – Frau Merkel wehrt sich noch dagegen. Alles, was als explizites Frauenthema wahrgenommen wird, fällt bei der Regierung unter den Tisch. Sexualisierte Gewalt ist kein Frauenthema – es ist ein Männerthema, weil die Männer vergewaltigen, und ein Weltfriedensthema, weil viele Völker davon betroffen sind.

Sie helfen kriegstraumatisierten Frauen. Bräuchte es eine entsprechende Organisation für Männer?
Eine Komplementärarbeit zu unserer wäre dringend nötig. Es ist davon auszugehen, dass alle Soldaten, die an der Front waren, traumatisiert sind. Eine Psychologin wollte in Zenica eine Klinik für kriegstraumatisierte Männer aufbauen – von den Behörden kam zurück: Das brauchen unsere Männer nicht, die sind stark genug.  Das Maskulinitätsbild ist in vielen Ländern ein riesiges Problem. Nehmen Sie die Kindersoldaten, die nichts anderes gelernt haben, als zu töten und zu foltern. Die Bilder nehmen sie in die Zeit nach dem Krieg mit – weil sie keine Alternativen kennen, machen sie dann so weiter.

Die Feuilletons sagen, der Feminismus habe sich überholt. Was macht die Bewegung für Sie so lebendig?
Dass es, wie manchmal gesagt wird, Gleichberechtigung gebe, stimmt nun mal nicht. Wie viel Chefärztinnen gibt es, wie viel weibliche Wirtschaftsbosse? Obwohl Ministerin von der Leyen einiges auf den Weg gebracht hat, hat es der Staat noch nicht erreicht, dass junge Frauen und Männer gleichberechtigt Arbeit und Kinder verbinden können. Feminismus bedeutet für mich Gleichberechtigung und Ende der Gewalt gegen Frauen. Antiquiert ist das sicher nicht.

medica mondiale ist kontinuierlich gewachsen, dieses Jahr bewegen Sie 3,5 Millionen Euro. Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen 15 Jahren verändert?
Wir haben uns von einem Zusammenschluss von einigen Aktivistinnen hin zu einer weltweit agierenden Organisation gewandelt, haben uns sehr professionalisiert und anerkannte Standards in der Arbeit mit vergewaltigten Frauen entwickelt. Zu Anfang waren wir nur eine Handvoll Frauen, jetzt arbeiten wir mit fast 30. Mit dieser Entwicklung ist auch eine weltweite Vernetzung mit Organisationen und engagierten Aktivistinnen vorangeschritten. Und wir mischen uns auf immer mehr Feldern politisch ein, versuchen auf allen nationalen und internationalen Ebenen Einfluss zu gewinnen.

Wie sieht ein „normaler“ Tag für Sie aus?
Einen „normalen" Tag gibt es für mich eigentlich nicht. Ich habe natürlich als eine von zwei Geschäftsführerinnen festgelegte Aufgabenfelder und Abläufe mit meinen Kolleginnen, ganz übliche Büroarbeit. Daneben trete ich viel in der Öffentlichkeit auf, gehe auf Vortragsreisen, treffe mich mit PolitikerInnen, stoße Diskussionen an innerhalb und außerhalb der Organisation. Ganz wichtig sind für mich die Projektreisen, wo ich mich über den Stand der jeweiligen Arbeit informiere, aber auch selbst Workshops gebe zu Themen rund um sexualisierte Gewalt gegen Frauen. 

Was ist aufgrund des Wachstums einfacher, was schwieriger geworden?
Wir haben es inzwischen leichter, Gehör zu finden in der Öffentlichkeit,  mit „unserem" Thema können wir stärker präsent sein. Durch die jahrelange Arbeit können wir natürlich auch auf untermauerte Erfahrungen zurückgreifen, diese Professionalität macht den Start von neuen Projekten sehr viel einfacher. Und durch unser gutes internationales Netzwerk finden wir sowohl bei der politischen Lobby-Arbeit als auch bei der praktischen Umsetzung von Projekten sehr gute Unterstützung. Schwieriger ist, dass durch die Entwicklung der Organisation auch die Verwaltungs- und Managementaufgaben gewachsen sind. Durch die gestiegene Anzahl von Projekten tragen wir auch eine hohe Verantwortung für deren Nachhaltigkeit – das wiederum erfordert einen hohen Einsatz von Ressourcen, um für die ausreichenden finanziellen Mittel zu sorgen. Und schließlich ist die Anzahl kriegsvergewaltigter Frauen ja nicht zurückgegangen, je mehr medica mondiale bekannt ist, umso mehr Anfragen nach Unterstützung gibt es – da gibt es einen hohen Erwartungsdruck von Frauen aus Krisengebieten. 

Sie wirken ziemlich energiegeladen. Woher nehmen Sie die Power?
Mich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen, ist sicher eine Triebfeder meines Seins. Was medica mondiale betrifft, so ist es ganz wichtig für mich, vor Ort in den Krisengebieten sein und zu sehen, wie es vorangeht.  Dabei geht es auch um Solidarität: Ich berichte den Frauen in Liberia, wie es den Frauen im Kosovo und in Kabul geht und umgekehrt – die Frauen merken, dass sie nicht allein sind mit ihren Traumata, wir sind da ein uns stärkender Mikrokosmos.

Sie erleben so viel Leid. Wie oft brauchen Sie selbst fachliche Hilfe?
Sehr regelmäßig. Professionelle Supervision gehört dazu, um die Dinge nicht nach Hause zu tragen und gesund zu bleiben. Dazu kommt, auf mich aufzupassen, Sport zu treiben, auf den Körper zu hören. Bis zu meinem Zusammenbruch 1995 (Monika Hauser hatte infolge von Stress in Bosnien eine Fehlgeburt und litt unter Burnout-Symptomen, red.) kannte ich das nicht. Ich dachte: Den Frauen hier geht’s schlecht, dann kann es mir auch schlecht gehen.

Schaffen Sie das denn, nichts mit nach Hause nehmen, ihr Vertrauen ins Gute zu bewahren?
Ja, schon, einen Optimismus habe ich mir bewahrt. Dafür bin ich dankbar, auch meinem Mann und meinem Sohn, die mich immer wieder positiv erden. Ich bin überzeugt, dass wir viel verändern können. Wir müssen es einfach tun.

Interview: Uli Kreikebaum

www.medica-mondiale.org

Buchtipp:
Chantal Louis, Monika Hauser - Nicht aufhören anzufangen. Eine Ärztin im Einsatz für kriegstraumatisierte Frauen








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