„Schauen Sie nach Innen – von da kommt die Kraft"
Spiritualität im Business und die Suche nach der inneren Mitte
Die Themen Authentizität und Spiritualität haben in der Wirtschaftswelt gegenwärtig Hochkonjunktur. In der Diskussion über Verantwortung der Wirtschaft geht es um die Frage nach Echtheit, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit.
(aus: existenzielle 1/2006)
Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Die Fixierung auf Märkte und Moneten erfährt eine erfrischende Erweiterung, wenn Managerinnen und Manager darüber meditieren, wie sie aus ihrer eigenen Mitte heraus führen können. Statistisch lässt sich das Phänomen kaum erfassen, Indizien gibt es dagegen einige. So stellte die Personalberatung Spencer Stuart im vergangenen Jahr im Zuge ihrer Studie „Employability und Querdenkertum" fest, dass das Thema Spiritualität den Führungskräften unter den Nägeln brennt. Es wurde in den Tiefeninterviews am häufigsten angesprochen. „Für die Befragten ist es in hohem Maße wichtig, dass es etwas mehr gibt als die eigene Ratio und dass sie sich in ihrem Leben mit etwas befassen, das nicht greifbar ist", so ein Ergebnis der Studie.
Oft sind es persönliche Krisenerfahrungen, die Manager sich auf die Suche begeben lassen nach eigenem Lebenssinn und einem inneren Standort jenseits des allgegenwärtigen Shareholder Value. So begann auch der spirituelle Weg des Düsseldorfer PR-Managers Paul J. Kohtes. Vor fast 30 Jahren entdeckte er die Zen-Meditation nach einer schweren Krankheit für sich. „Wir werden besser, erfolgreicher und letztlich auch glücklicher, wenn wir ein Gespür für die Qualität des Augenblicks gewinnen und es uns gelingt, im rechten Moment loszulassen oder die Dinge in die Hand zu nehmen, wenn es notwendig ist", beschreibt er heute die Früchte des Sitzens in Stille und des inneren Abstandnehmens. Der spirituelle Blick aufs Business ist aus seiner Sicht ein klarer Erfolgsfaktor. Heute ist die von ihm gegründete Beratungsgesellschaft PLEON Kohtes Klewes Deutschlands umsatzstärkste PR-Agentur. „Wer in der Lage ist, ständig wechseln zu können zwischen Yin und Yang, zwischen Handeln und Loslassen, ist flexibler und kreativer und hat mehr persönliche Power", so seine persönliche Bilanz.
Die steigende Zahl beruflich bedingter Stress- und Depressions-Erkrankungen sowie der Burn-outs konfrontiert Führungskräfte immer wieder auch auf einer sehr persönlichen Ebene mit der Frage ihrer Authentizität. Hinter dem Label Work-Life-Balance verbirgt sich oft eine Quadratur des Kreises: Persönliche Erfüllung und beruflichen Erfolg zu verbinden und darüber eine Form der inneren Freiheit zu kultivieren. In Coachings wird dann versucht, die eigene Mitte wieder zu finden und das individuelle Menschsein zur Basis beruflicher Entscheidungen zu machen. Immer mehr Führungsverantwortliche gehen einen Schritt weiter und richten ihren Fokus im Zuge ihrer Sinnsuche auf das Thema Spiritualität. Wenn die Seele sich von psychologischen Glättungsversuchen nicht mehr beeindrucken lässt, wird Meditation zur Möglichkeit, sich mit der Vergänglichkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens zu arrangieren. Vor allem das nüchterne Setting der Zen-Praxis erleichtert es vielen Betroffenen, zu sich zu kommen und dadurch gestärkt auch im Beruf mehr Handlungsfreiheit zu erreichen. So gründete der ehemalige Vorstandschef der Deutschen Bank Bauspar AG Prof. Dr. Hans Wielens eine Zen-Akademie für Führungskräfte. Sein Anliegen: „Führungskräften einen Weg aufzeigen, wie sie Kraft aus der Stille schöpfen, achtsamer mit sich und anderen umgehen und sich stärker auf das wirklich Wichtige besinnen können."
Das Schweizer Lassalle-Institut, gegründet von Pia Gyger und Niklaus Brantschen, bietet für Manager, die einen solchen Weg einschlagen wollen, unter dem Label „Geist und Leadership" eine dreijährige Weiterbildung an. Grundlage ist das Lassalle-Institut-Modell, das aus 3x3 Elementen besteht: Drei Formen der Intelligenz, drei Weisen des Seins und drei Ebenen des Handelns. Ziel ist es, Führungskräfte aus ihren konditionierten Denk- und Verhaltensstrukturen zu befreien und sie zu einer tieferen Selbst- und Welterfahrung zu führen. Zen bietet die Basis dazu. Diese Meditationspraxis spielt auch in allen anderen Weiterbildungen des Instituts eine wichtige Rolle, beispielsweise auch beim Thema nicht-lineare Führung. „Viele von den jährlich insgesamt rund 300 Kursteilnehmern – rund die Hälfte davon sind Frauen – sind im Beruf sehr erfolgreich und kommen schließlich an den Punkt, an dem sie sich fragen, ob das schon alles gewesen ist", so Dr. Anna Gamma, die heute das Institut zusammen mit Martin Bachmann leitet.
Eine persönliche und berufliche Neuorientierung braucht Zeit, was auch die dreijährige Laufzeit des „Geist und Leadership"-Programms erklärt. Denn die Kursteilnehmer lösen sich einerseits von alten Konditionierungen, müssen aber in ihre neue Haut der Authentizität noch hineinwachsen. Ähnliches gilt auch für die Seminarleiter, die alle diesen Weg selbst gegangen sind. „Ich habe 25 Jahre lang Zen praktiziert, bevor ich die Lehrerlaubnis erhalten habe", erzählt Dr. Anna Gamma. Für sie ist Zen die Diretissima zur Wahrnehmung der Einheit von allem mit allem, während Ethik – als Disziplin der praktischen Philosophie – sich mit Normen, Motiven, Methoden und Folgen menschlichen Handelns befasst.
Das Zusammenspiel von Spiritualität UND Berufsalltag findet bei Führungskräften immer mehr Anklang. Bank- und IT-Fachleute, Beraterinnen und Ärzte bringen die Einsichten, die sie im Lassalle-Institut gewinnen, in ihre beruflichen Aktivitäten ein. Neben Zen sind Geh- und Achtsamkeitsmeditationen sowie Herz-Kontemplationen wichtige Aspekte der spirituellen Schulung „Wir raten den Seminarteilnehmenden dabei, lieber fünf Minuten am Tag zu meditieren als eine halbe Stunde pro Woche", so Anna Gamma.
Im ersten Jahr der Management-Weiterbildung geht es vor allem um die Persönlichkeitsentwicklung, später kommen Fragen der Dialog- und Unternehmenskultur hinzu. „Es wird geübt, in einem Gespräch wirklich präsent zu sein und Achtsamkeit für konkrete Situationen zu entwickeln", erklärt die Psychologin. Ziel ist es, nicht nur eine persönliche Transformation anzustreben, sondern auch Veränderungen auf struktureller Ebene. Oft sind es die kleinen Schritte, die dann zu konkreten Verbesserungen im Arbeitsalltag führen. „Eine Seminarleiterin hat so beispielsweise erfahren, dass sie in Krisensituationen nicht immer gleich die Rolle der Ratgeberin übernehmen muss, sondern alleine durch eine starke Präsenz Lösungen anstoßen kann", erzählt Dr. Anna Gamma. Wenn Meetings so wie auch die Lassalle-Seminare mit einer Phase der Stille begonnen werden, erleben die Beteiligten oft, dass das kreative Potenzial der Zusammenkunft steigt und viel konzentrierter gearbeitet wird.
In Achtsamkeit und Präsenz üben sich auch die Unternehmerinnen und Führungsfrauen, die sich von Barbara Fromm coachen lassen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann ein Beratungsmodell entwickelt, das auf die Eckpfeiler „Aufmerksam sein, Nicht bewerten und Loslassen" zurückgreift und Managerinnen dazu verhilft, mehr aus ihrer inneren Mitte heraus zu führen. Die Methode funktioniert ähnlich wie der Ansatz des Lassalle-Instituts, verzichtet jedoch auf Meditationspraxis als integralen Bestandteil. „Für uns ist Spiritualität ein wichtiger Aspekt eines ganzheitlichen Menschenbildes und wenn Klienten dafür offen sind, beziehen wir diese Dimension auch in unsere Beratungen mit ein. Es ist jedoch ebenso möglich, auf einer rein alltags- und berufspraktischen Ebene zu arbeiten", sagt Barbara Fromm.
Ausgangspunkt vieler Coachings sind Probleme im Führungsalltag, weniger eine individuelle Sinnsuche. „Die Klientinnen schaffen es beispielsweise nicht, sich gegenüber Mitarbeitern durchzusetzen oder leiden unter Stress. Hinter diesen vordergründigen Problemlagen offenbart sich jedoch oft auf den zweiten Blick, dass es eigentlich auch um verschiedene Aspekte von Selbstwert und Authentizität geht", erzählt Barbara Fromm. Wenn eine Führungskraft beispielsweise daran arbeitet, sich besser auf ihre Mitarbeiter einstellen zu können, spielt immer die eigene Position die Hauptrolle. „Wer nicht weiß, wo er selbst steht, wird von anderen auch nicht ernst genommen", so Barbara Fromm.
Der Blick vieler Führungskräfte sei zunächst eher nach außen gerichtet, doch im Coaching zeige sich schnell, dass die Wurzel der Lösung im Innen liegt, beispielsweise in der Förderung einer inneren Klarheit und Stabilität. Die Beraterin wendet dabei den Fokus von – vermeintlichen – äußeren Zwängen auf die Möglichkeiten, die aus einer veränderten Wahrnehmung hervortreten können, ganz im Sinne eines „Du bekommst, was du denkst". Eine positive Wirkung stellt sich meistens verblüffend schnell ein. „Wer konsequent damit beginnt, Dinge nicht mehr automatisch (negativ) zu bewerten, hat sofort ein anderes Empfinden", hat Barbara Fromm festgestellt.
Katastrophen entstehen im Kopf, durch Konzepte, die man sich von der Wirklichkeit macht. „Wenn ich glaube, dass ich zehn Prozent mehr Umsatz machen muss, aber nur fünf Prozent schaffe, habe ich ein Problem. Dabei vergessen viele, dass die Vorgabe nur ein Konzept ist", beschreibt die Beraterin den Mechanismus. Löst man sich von dem Konzept, löst sich auch das Problem. „Denn die aus diesem Loslassen resultierende Freiheit schafft Raum für neue Möglichkeiten", sagt Barbara Fromm und sieht dies in der Praxis immer wieder bestätigt. Auch wenn es hart auf hart kommt, stärke diese Haltung die eigene Fähigkeit, die Dinge so anzunehmen, wie sie gerade sind. Wer führt und sich dabei auf die eigene Mitte konzentriert, schöpft aus all seinen Ressourcen und bleibt bei sich.
Nichts anderes ist Authentizität. Dieses andere Denken kann jederzeit und auf alle Themen und Situationen angewendet werden und eröffnet in Beruf und Alltag völlig neue Perspektiven. „Schauen Sie nach innen, denn von da kommt die Kraft", so die Empfehlung von Barbara Fromm.
Autorin: Dr. Nadja Rosmann
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