Fragen an das Leben stellen
Die Regisseurin Caroline Link
Caroline Link ist pünktlich. Sie lässt nur ungern Minuten ungenutzt verstreichen. Ein Gespräch über Filmgeschichten, Nudelsuppe und den Oscar.
Foto: Ruth Kappus
(aus: existenzielle 4/2008)
existenzielle: Frau Link, Sie wurden 2002 für Ihren Film „Nirgendwo in Afrika“ mit dem Oscar ausgezeichnet. Was kann danach eigentlich noch kommen?
CAROLINE LINK: Es war nicht nur ein Glücksfall, wie viele dachten, sondern auch ein Dilemma. Für mich kam er zeitlich etwas unpassend, denn der Oscar bringt viele aufregende Möglichkeiten mit sich. Die konnte ich nicht wahrnehmen, denn im gleichen Jahr hatte ich mein Baby bekommen. Ich hatte mich sehr danach gesehnt, Mutter zu werden und als ich dann mein Kind bekam, wollte ich ihm alle Kraft und Zeit widmen. Es wäre mir sehr schwer gefallen, mein Baby zurückzulassen und aus dem Oscar das zu machen, was man aus ihm machen kann, wenn man seine ganze Energie in die Arbeit steckt.
Wie ging es stattdessen weiter?
Alles war anders. Ich frage mich, was ich die ganze Zeit gemacht habe, als ich noch kein Kind hatte. 38 Jahre lang musste ich mich nur um mich selbst kümmern. Jetzt muss ich jeden Schritt planen. Diese Art zu denken war mir völlig fremd.
Sie sind damals nicht zur Oscar-Verleihung gereist, da Ihre kleine Tochter krank war. Haben Sie es je bereut, nicht dabei gewesen zu sein?
Nie. Ich hatte die Verleihung ja schon 1998 erlebt, als „Jenseits der Stille“ nominiert war. Sicher es ist aufregend, aber dabei völlig irreal. Mir bedeutet es nicht so viel, mit Stars in einem Raum zu sitzen, wenn man ja doch nicht miteinander ins Gespräch kommt. Eine wirklich nette Begegnung hatte ich damals mit Robert de Niro, weil wir uns tatsächlich ausgetauscht hatten. Aber sonst muss ich nicht auf diesen Partys herumstehen. Ich fühle mich dort überflüssig.
Nach diesem Preis war der Erfolgsdruck sicher riesig. Immerhin liegen fast sieben Jahre zwischen beiden Filmen. Fiel es Ihnen schwer, ein neues Projekt anzufangen?
Die Angst, dass jetzt endgültig herauskommt, dass man eigentlich doch nix kann, hat man vor jedem Dreh. Aber mein eigentlicher Druck ist der, die richtigen Projekte für mich immer wieder neu zu finden. Ich wollte nach dem Oscar nicht versuchen, ab jetzt mit jedem Film teurer, größer und aufregender zu werden. Ich muss Projekte finden, die aus mir heraus kommen, anstatt mich von außen fremd verwalten zu lassen und unbedingt einen großen Hollywoodfilm zu drehen.
Fremd verwalten? Erklären Sie das bitte.
Man wird zwar in den USA als Regisseur auf Händen getragen und verdient das Vierfache, das ist gar kein Vergleich zu Deutschland, außerdem haben die Filme ein größeres Budget. Aber man hat nicht so viele Freiheiten wie hier. Die Produzenten, Manager, Agenten reden sehr intensiv auch bei kreativen Fragen mit.
Das Angebot für Ihren aktuellen Film „Im Winter ein Jahr“ kam ursprünglich aus den USA.
Ja, und ich habe auch versucht, den Film dort zu drehen. Aber es war schwer, dort einen Schauspieler der Top 20 für die Rolle des Malers zu besetzen. Es ist zwar eine wichtige, aber keine klassische Hauptrolle. Die Investoren wollten den Film aber nur machen, wenn ein Star dabei ist, der ‚bankable’ ist.
Dann haben Sie doch in Deutschland gedreht ...
... und ich bereue es keine Sekunde. Es ist wunderbar, in der eigenen Sprache und mit Menschen zu arbeiten, die ich kenne und die mir vertrauen. Meine Produzenten geben mir extrem viel Freiheit.
Sie haben selbst das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, im Schneideraum gesessen, Sie wählen den Komponisten, die Cutterin aus, besprechen jede einzelne Szene. Muss man als Regisseurin etwas von einem Diktator haben?
Meine Tochter fragt mich oft, ob ich alles bestimmen darf, diese Vorstellung findet sie ganz toll. Aber jeder, der in seinem Beruf ein „Bestimmer“ ist, weiß auch, was für eine Verantwortung damit verbunden ist. Ich meine damit nicht das Wohlergehen der einzelnen Teammitglieder, ich meine das Gelingen des Projekts. Diese Verantwortung führt dazu, dass man manchmal sehr entschieden versucht, die eigene Sichtweise durchzusetzen.
Fällt Ihnen das leicht?
Ich glaube, Frauen haben es schwerer, weil wir liebe Mädchen sein und gemocht werden wollen. Ich mag mich manchmal selber nicht, wenn ich zu dominant bin, aber das muss ich doch sein in meinem Job, sonst könnte ich mich ja gar nicht durchsetzen. Vielleicht ist ein Regisseur tatsächlich eine Art Despot.
Ein Despot, der perfektionistisch ist?
Mir sind nicht alle Dinge gleich wichtig. Wenn ich mich darauf freue, einen wichtigen Dialog zwischen zwei Schauspielern zu inszenieren, es aber dann außerplanmäßig regnet, würden manche Kollegen vielleicht so lange warten, bis die Sonne wieder scheint und das Licht stimmt. Solche Äußerlichkeiten sind mir oft eher egal, da bin ich nicht so streng. Aber wenn es um die Figuren geht, mache ich keine Kompromisse, da feile ich so lange an einer Szene, bis sie für mich perfekt ist.
Lassen Sie auch Widerspruch zu?
Sicher. Wir wollen alle überzeugt werden. Wenn jemand am Set eine gute Idee hat, kann ich auch ziemlich spontan sein.
Ihr Mann, Dominik Graf, ist auch Regisseur. Darf er sich einmischen?
Ich respektiere ihn sehr, seine Meinung ist mir die wichtigste von allen. Dennoch mache ich nicht unbedingt das, was er mir rät. Wir machen ja auch sehr unterschiedliche Filme.
Fotos: Ruth Kappus

Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen können, so, jetzt ist es gut, jetzt kann ich aufhören?
Wirklich zufrieden ist man nie. Die Verantwortung gebe ich erst ab, wenn der Verleih den Film ins Kino bringt. Aber ich glaube, ich kann eine ziemliche Nervensäge sein. Bis zur Gestaltung der Einladungskarten zur Premierenfeier gebe ich gerne meinen Senf dazu. Zum Glück habe ich in Deutschland Partner, die mich das auch tun lassen. Manchmal weisen sie mich allerdings auch in meine Schranken.
Könnte man Ihre Arbeit mit der einer Managerin vergleichen?
Eigentlich sind eher die Produzenten die Manager, sie müssen versuchen, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Ich bin keine Person, die gut mit Geld oder mit der Verantwortung umgehen könnte, dass jeder zu seinem Recht kommt. Meine Aufgabe ist es vor allem einen guten Film zu machen. Die Geschichte ist dabei wie ein Schiff, das ich in einen künstlerischen Hafen bringen muss.
Und wie?
Man muss wissen, was man erzählen will! Es gibt viele Leute, die zum Film wollen, aber es gibt nicht genauso viele junge Filmemacher, die auch wirklich etwas zu erzählen haben. Wie heißt es so schön: Wer nur von Film etwas versteht, versteht auch davon nichts. Man muss schon auch was vom Leben verstehen wollen. Man muss die richtigen Fragen an das Leben stellen.
Weil Sie gerne Fragen stellen, sind Sie Regisseurin geworden?
Das war kein Plan von mir, das hat sich so ergeben. Als ich nach einem Jahr als Au-pair-Mädchen in den USA nach Deutschland zurückkam, wusste ich überhaupt nicht, was ich werden will, und ich war auch nicht öfter im Kino als andere. Dann habe ich mir mit Statistenrollen in München ein bisschen Geld verdient und irgendwann ein bisschen im Kamerateam mitgeholfen. Ich dachte, das könnte mir Spaß machen, weil ich gern fotografiere. Der Job einer Kamerafrau ist allerdings extrem hart, auch körperlich. Ich fand es aber immer wunderbar, dass man mit Filmen Menschengeschichten erzählen kann. Irgendwann hab ich mich an der Filmhochschule beworben, um eigene Geschichten zu erzählen.
Sie stellen in Ihren Filmen ganz existenzielle Fragen. In „Jenseits der Stille“ geht es um ein musikalisches Mädchen in der gehörlosen Welt ihrer Eltern. „Nirgendwo in Afrika“ erzählt von einer Familie, die dem Tod entkommt, dafür aber in der Fremde leben muss. Und „Im Winter ein Jahr“ beleuchtet die Trauerarbeit der einzelnen Familienmitglieder nach dem Selbstmord des Sohnes und Bruders.
Filme müssen für mich eine gewisse Relevanz haben, interessante und erwachsene Fragen an das Leben stellen. Im Kino sehe ich selbst gerne Menschen zu, die an einem Wendepunkt stehen. Filme, in denen es darum geht, welcher Typ der richtige neue Boyfriend ist oder wer sich welches Paar Schuhe kauft, langweilen mich. Es gibt so viele Themen im Leben, die es wert sind, besprochen zu werden.
Wie stoßen Sie auf diese Themen?
Ein guter Stoff muss mir begegnen, das kann auch dauern, er liegt nicht bei mir in der Schublade und wartet darauf, umgesetzt zu werden. Aber wenn ich einen finde, dann konzentriere ich mich mit meiner ganzen Kraft darauf. Es gibt ganz spannende Stoffe, die sehr handlungsorientiert sind, gut gebaute Konstruktionen. Ich gehe allerdings bei meinen Filmen eher von Figuren aus, von ‚innerer Handlung’ sozusagen.
Zwischen Ihrem letzten Film und dem neuen, der jetzt in den Kinos läuft, liegen fast sieben Jahre. Wovon haben Sie in der Zwischenzeit gelebt?
Ich werde gut bezahlt für meine Arbeit, und wenn ich Pausen habe, dann drehe ich Werbefilme, das habe ich früher schon gemacht.
Für Nudelsuppen?
(lacht) Das habe ich früher immer gesagt, das stimmte auch. Heute drehe ich viel Werbung mit Kindern. Die Kunden fühlen sich dabei wohl mit mir, weil ich viel mit Kindern gearbeitet habe und das sehr gerne tue. Für einige Kollegen sind Kinder und Tiere am Set eher ein rotes Tuch.
Weil sie nicht das machen, was der Regisseur will?
Sie sind natürlich keine Profis, aber daraus kann man auch schöpfen, Man bekommt dafür viel Spontaneität und einzigartige, echte Momente.
Auf welchen Film sind Sie stolz?
Ich finde, die eigenen Filme sind wie Kinder. Man kann und will sie nicht miteinander vergleichen. Der Erfolg von „Jenseits der Stille“ war damals so überwältigend, weil ich überhaupt nichts erwartet hatte, außer, dass er in die Kinos kommt.
Dann wurde er für den Oscar nominiert.
Der Erfolg hat mich umgenietet und sehr glücklich gemacht. Aber schön war auch „Pünktchen und Anton“, da stand ich mit den Kindern vor den Kinosälen und quatschte mit ihnen über Erich Kästner und das Filmemachen. Und ich bin auch stolz auf den Afrikafilm, weil es eine echte Herausforderung war, ihn zu drehen. Vor allem liebe ich an meiner Arbeit die Recherche. Es ist ein großes Geschenk, dass ich überall hinein marschieren und neugierige Fragen stellen darf.
Was steht als nächstes an?
Noch kann ich nichts Konkretes sagen. Aber es geht mir schon der Gedanke durch den Kopf, jetzt hast du diesen blöden Oscar gewonnen, jetzt musst du doch irgendetwas aus ihm machen. Vielleicht drehe ich ja irgendwann doch noch mal einen Film in den USA. Vielleicht dann wenn es niemand mehr von mir erwartet!
Wo steht er denn bei Ihnen, der goldene Oscar?
Im Wohnzimmer, zwischen den Spielsachen meiner Tochter.
Interview: Carolin Pirich
Zur Person:
Caroline Link war ihr Berufswunsch lange Zeit nicht klar. Sie wusste nur, dass sie von Menschen und den Wendepunkten in ihrem Leben erzählen wollte. Als Caroline Link, geboren 1964 in Bad Nauheim, nach einem Au-Pair-Jahr in Kalifornien bei Dreharbeiten in München jobbte, entdeckte sie, dass sich solche Geschichten mit Filmen erzählen ließen. Sie bewarb sich an der Hochschule für Film und Fernsehen in München und studierte in der Abteilung Dokumentarfilm.
Ihr Kinodebut „Jenseits der Stille“ wurde 1997 für den Oscar nominiert; für ihren dritten Kinofilm „Nirgendwo in Afrika“ (2001) bekam sie ihn dann. Ihre Filme fangen die Atmosphäre zwischen den Charakteren so feinfühlig ein, dass sich manchmal das Gefühl einschleicht, man selbst sei Teil von ihnen. Caroline Link lebt mit ihrem Mann, dem Regisseur Dominik Graf und ihrer Tochter in München.
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