Lehr- und Wanderjahre

Wie Sabine Asgodom Unternehmerin wurde

Die Selbstständigkeit ist kein Spaziergang. In ihrem Buch "Raus aus der Komfortzone" erzählt Sabine Asgodom von ihrem freiberuflichen Anfang, von Ängsten und Euphorie, von Fehlern und Erfolg.



Sabine Asgodom, Foto: Constanze Wild(aus: existenzielle 1/2008)

Frauen verraten sich gegenseitig fast alles: Ob sie epilieren oder rasieren, schäumen oder zupfen. Wie gut der Liebste im Bett und in der Küche ist. Warum sie vor den Tagen zur Furie werden und mit welcher Schokosorte sie zu zähmen sind. Sie reden über Körbchengrößen, Mensesprobleme und Sextipps. Es gibt nur noch ein letztes Tabu: Frauen reden nicht über Geld. Nicht über ihr Gehalt, nicht über Honorare. (Männer schon, aber man sollte ihnen nicht alles glauben.) Dieses Tabu gilt es zu brechen.
Ich will es hier für Sie tun, indem ich meine Geschichte der Selbstständigkeit erzähle. Auch für mich ein Tabubruch. „Über Geld spricht man nicht, man hat es“, habe ich als Kind noch gelernt. Leider hatte ich es nicht. Und später habe ich aus lauter Blödheit und Anfangs-Euphorie fast meine Existenz aufs Spiel gesetzt, als es endlich floss.

Eines Morgens wachte ich auf und wusste: „Die Welt braucht dich, dein Talent, deine Großartigkeit. Dein Genie.“ Ich fühlte mich stark, ging hinaus und machte mich einfach selbstständig. Klingt gut, aber so läuft es in der Welt nicht.
Also, Stunde der Wahrheit: Eines Nachts, im Jahr 1990, wachte ich auf und dachte an den Brief der Bank, der am Vortrag gekommen war. „Bitte gleichen Sie umgehend Ihr Konto aus!“  Und es ging mir nicht gut. Ich hatte der Bank schon bei der ers-ten Aufforderung zurückgeschrieben: „Glauben Sie mir, wenn ich es könnte, würde ich es tun!“

Ich wälzte mich schlaflos im Bett herum und überlegte, wie ich an Geld kommen könnte. Ich arbeitete vier Tage die Woche als Ressortleiterin der Frauenzeitschrift Cosmopolitan. Mein Mann arbeitete auch, unsere Kinder waren zehn und acht Jahre alt. Eigentlich hätte es uns gut gehen können, wir zogen aber seit der Familiengründung, verstärkt durch unser beider zeitweiliger Arbeitslosigkeit, einen Rattenschwanz an Schulden hinter uns her, und die Kreditraten fraßen zusammen mit der Miete an jedem Monatsanfang den Großteil unserer Gehälter auf.
In dieser schlaflosen Nacht war ich verzweifelt und überlegte, womit ich zusätzliches Geld verdienen könnte. Ich dachte ange-strengt nach: Was konnte ich eigentlich? Und kam auf: Schreiben. Ich war gelernte Journalistin, mit fast 20-jähriger Berufserfahrung. Ja, wenn ich etwas konnte, dann war es Schreiben.
Dieser Gedanke ließ mich in den folgenden Tagen nicht mehr los: Ich musste ein Buch schreiben, damit konnte ich zusätzliches Geld verdienen. Ich wusste immerhin, dass man für ein Buch einen Vorschuss bekommt, schnelles Geld also. Nur worüber sollte ich schreiben?

Im Nachhinein würde ich es Fügung nennen: Genau in dieser Zeit bekam ich in der Redaktion die Einladung zu einem Internationalen Frauenkongress in Barcelona auf den Tisch mit dem Titel „Balancing“. Balancing?  Dieses Wort sprang mich direkt an. Ich hatte es nie zuvor gehört. Ich entnahm dem Programm, dass es dabei wohl um die Balance zwischen Arbeit und Privatleben ging. Hei, mein Thema. Ich war selber berufstätig, hatte Kinder und immer zu wenig Zeit …
Ich schrieb ein Kurzkonzept für ein Buch über Balancing und schickte es an den einzigen Verlag, dessen Pressesprecherin ich persönlich kannte. Die empfahl mich dem Lektorat, nette Leute, aber die Zeit verging. Meine Bank musste ich mit geliehenem Geld beruhigen. Irgendwann kam der Anruf „Wir möchten mit Ihnen das Buch machen!“.

Und so kommt es, dass ich - aus der Not geboren - das erste Buch in Deutschland zum Thema Work-Life-Balance verfasst habe. Ich bekam tatsächlich einen Vorschuss in Form eines Schecks und den Rest des Honorars beim Erscheinen des Bu-ches. Es war weniger, als ich damals erhofft hatte, aber es war zusätzliches Geld, das uns weiterhalf.
Aber was im Nachhinein viel wichtiger war: Ich wurde von Frauen-Netzwerken eingeladen, Vorträge zu dem Thema „Balan-cing“ zu halten. Ich sagte mutig „Ja“. Ich bekam erste Anfragen: „Können Sie einen Workshop dazu machen?“ Aber klar, warum nicht? Ich nutze die Wochenenden, meinen freien Freitag und den einen oder anderen Urlaubstag für die ersten Aufträge. Und plötzlich verdiente ich nicht nur mit dem Buch Geld, sondern mithilfe des Buches. Und fand mich großartig.
Sabine Asgodom ist Deutschlands erfolgreichste Trainerin, Rednerin und Coach.So „schlich“ ich mich langsam in eine zweite Existenz als Autorin und Referentin ein. Es folgten drei weitere Bücher und eine steigende Anzahl an öffentlichen Auftritten. Ich wurde als Rednerin auf Frauenkongresse eingeladen und bekam langsam auch einen Namen in der Wirtschaft.
Irgendwann war ich so fertig, dass ich mich entscheiden musste: Festangestellte Redakteurin oder Freie Buchautorin und Trainerin? Beides ging nicht. Ich bekam Angst. Was, wenn ich nicht genug verdienen würde, was wenn ich nicht genügend Aufträge bekäme? Und ich entschied mich gegen das Neue, gegen das vermeintliche Risiko! Ich nahm keine neuen Aufträge mehr an, konzentrierte mich wieder ganz auf die Zeitschrift. Schließlich stürzte ich mich in ein neues Projekt: Ich entwickelte mit großer Hingabe eine Computerzeitschrift für Frauen, war viele Monate total eingespannt. Die Zeitschrift erschien einmal mit einigem Achtungserfolg, aber der Verlag glaubte nicht an eine Zukunft dafür und stoppte das Projekt. Meine Enttäuschung war gewaltig, frustriert zog ich mich zurück. Und dann wurde mir klar: Ich hatte das Falsche aufgegeben.

1996 erschien mein erster wirklicher Bestseller „Eigenlob stimmt – Erfolg durch Selbst-PR“. Und damit begann eine neue Runde der Vorträge und Seminare. Ich entwickelte neue Seminarkonzepte und bekam Angebote von großen Unternehmen, ihre Mit-arbeiter zu schulen. Das Beste an diesem Boom: Ich verdiente richtig gutes Geld. Mein Tagesatz stieg sehr schnell von 1000 auf 3000 Mark. Allein mit zwei Wochenenden verdiente ich schnell weitaus mehr als mit meinem festen Gehalt. Und ich holte alles nach, was ich mir in den Jahren vorher nicht hatte leisten können.
Ich bin nicht stolz auf diese Zeit. Aber ich hatte das erste Mal in meinem Leben wirklich Geld. Und warf es mit beiden Händen fröhlich aus dem Fenster. „Alles meins“ dachte ich, wenn ich die Kontoauszüge anschaute. (Steuerberaterinnen unter Ihnen wissen bereits, was später kommt, aber ich war ausgehungert und naiv.) „Nothing fails like success“ heißt es im Englischen, „Nichts kann so schiefgehen wie Erfolg“. Ja, ich war erfolgstrunken. Und der Kater sollte bald folgen.

Ich feierte am 31. März, einem Mittwoch, meinen Ausstand. Und am Donnerstag, dem 1. April 1999, hatte ich keine Stelle mehr. Ehrlich, so war das erste Gefühl – vogelfrei. Erst nach und nach überwog das Gefühl „Juhhu, ich bin jetzt frei!“. Ich hatte im Stockwerk über unserer Wohnung ein kleines Büro gemietet, der Name meines Unternehmens stand fest: „Asgodom live“. Als Monika Jonza (Assistentin bis heute, Red.) das Regiment im Büro übernahm, begann eine neue Ära. Ich nahm einen Geschäftskredit über 60 000 Euro auf. Wir fanden ein repräsentatives Büro in München-Bogenhausen, vier Zimmer, 130 Quadratmeter groß. Feinste Schreibtische, edle PC`s. Hochwertige Flyer und Mappen wurden gedruckt. Wir feierten eine rauschende Einweihungsparty mit über 100 Gästen und einer brasilianischen Bar, bis nachts um vier der letzte Caipi ausgeschlürft war.
Klingt ein bisschen nach Höhenflug? War es auch. Ich verdiente richtig viel Geld. Besser gesagt, ich machte richtig viel Umsatz.
2001 stellte ich zwei weitere Mitarbeiterinnen ein. Ich fühlte mich wie eine echte Unternehmerin, war stolz wie Oskar, dass ich Arbeitsplätze schaffte. Eine Marketingfrau fest, eine Journalistin auf Honorarbasis, die mir bei den Büchern helfen sollte. Im Nachhinein weiß ich, für viel zu hohe Beträge. Dazu kamen die stattliche Miete und die Rückzahlung des Kredits. Nachts kamen wieder einmal die Albträume, schweißgebadet wachte ich auf, sah mich wieder direkt in die Pleite schlittern. Arbeitete mehr und mehr, wurde getrieben von Erfolg und Angst. Glich es aus durch ein luxuriöses Leben. Irgendwann merkte ich, dass mir der Spaß an der Arbeit verging. Und ich zog die Notbremse: Ich trennte mich von den beiden in gutem Einverständnis, und wurde mit Monika Jonza wieder zum bewährten eingespielten Doppel. Und stellte für mich fest: Ich bin die klassische „Selbstangestellte“, der Freiheit wichtiger ist als ein großer Stab.

Doch meine Lehr- und Wanderjahre als Gründerin waren noch nicht zu Ende. Im Sommer 2003 schlug das Finanzamt zu! Ich geriet in die Falle des dritten Jahres. Den Zeitpunkt, an dem die meisten Unternehmen scheitern, die insolvent werden, wie ich heute weiß.
Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich nach einem dreiwöchigen Urlaub Ende August 2003 den Steuerbescheid für das Jahr 2001 bekam. Ich habe den Kardinalfehler der Gründer begangen: habe Umsatz und Gewinn nicht unterschieden. Was war faktisch geschehen: Ich hatte viel zu geringe Vorauszahlungen auf die zu erwartete Steuer geleistet, bei einem rasant wachsenden Umsatz. Und dann kam der Steuer-Hammer.
Der hieß „NACHZAHLUNG“: Eine stattliche Summe X für das vorletzte Jahr Steuernachzahlung, die gleiche Summe x Nachzahlung der Vorauszahlungen für das vergangene Jahr und um die Summe X erhöhte Vorauszahlungen für das laufende Jahr. Bedeutete: Innerhalb von vier Wochen sollte ich mal eben xxx Euro Steuern überweisen. Ich bekam einen hysterischen Anfall, Heulkrämpfe, Wutanfälle, Rachephantasien, pure Verzweiflung … So viel Geld hatte ich nicht zurückgelegt.

Heute weiß ich, dass ich diese Erfahrungen machen musste, da ich kein Verhältnis zu Geld hatte. Ich hatte immer gesagt: „Geld ist mir eigentlich egal, ich will nichts stapeln. Nur als Tauschmit-tel haben möchte ich es.“ Dabei hatten Geldprobleme mein gan-zes Leben beeinflusst. Ich wollte mich nicht mit Geld befassen. Es war da oder nicht da. Aber ich kannte keinerlei Finanzmana-gement, kein strategisches Vorgehen. Und glauben Sie mir, das habe ich inzwischen wirklich gelernt. Ich habe vor allem gelernt, Verantwortung für meine Finanzsituation zu übernehmen. Es ist mein Leben, mein Überleben, meine Geldsituation. Der Satz „Geld ist mir nicht wichtig“ ist eine Ausflucht, sich nicht damit befassen zu müssen, Finanzen entsprechen nicht dem Spaßprinzip. Aber sie sichern die Existenz. Egal ob man viel oder wenig hat, es kommt auf die Balance an.

(Auszüge aus dem ersten Kapitel von "Raus aus der Komfortzone" mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autorin)

Zur Person:
Sabine Asgodom
arbeitete mehr als 20 Jahre angestellt als Journalistin, bevor sie sich als Autorin und Trainerin selbstständig machen. Sie arbeitete für das Magazin "Eltern", war Ressortleiterin »Karriere« bei der Cosmopolitan und startete 1999 mit ihrem Unternehmen »Asgodom Live. Training. Coaching. Potenzialentwicklung« in München. Ihr erstes Buch "Balancing" erschien 1992 und war das erste deutschsprachige Buch zum Thema Work & Life-Balance. Heute ist Sabine Asgodom eine der bekanntesten Management-Trainer im deutschsprachigen Raum und laut Financial Times »eine der 101 wichtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft«. Sabine Asgodom hat zwei erwachsene Kinder, die Tochter ist jetzt ins Unternehmen eingestiegen.



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