„Das Ding läuft wie am Schnürchen“

Bettina Böttinger, Journalistin und Unternehmerin

Als Moderatorin von Talk-Shows und Galas ist Bettina Böttinger eine bekannte Fernsehfrau. Dabei ist die Journalistin auch Unternehmerin, 1994 gründete sie die Produktionsfirma Encanto. Sobald Doku-Soaps à la "Pinguin, Löwe & Co." im TV zu sehen sind, zieht die Tierfreundin als Produzentin die Strippen.



Bettina Böttinger(aus: existenzielle 3/2006)

existenzielle: Frau Böttinger, Sie haben sich 1994 selbstständig gemacht. Und zwar nicht als freiberufliche Journalistin, sondern mit der Gründung einer Produktionsfirma. Warum?
BETTINA BÖTTINGER: Das lag an den Umständen. Ich habe damals im WDR den Programmbereich gewechselt, das war als würde man Weltmeere durchqueren. Von der politischen Berichterstattung kam ich in die Unterhaltung, wo immer schon ganz anders und fast ausschließlich mit freien Produktionsfirmen gearbeitet wurde. Das kannte ich in meinem alten Arbeitsbereich überhaupt nicht und habe schnell festgestellt, dass meine gewohnte Arbeitsweise – ich habe ein festes WDR-Team und wir schaffen etwas, was man Sendung nennen könnte – so nicht funktioniert. Der WDR fragte mich damals, ob es nicht sinnvoll wäre, dass ich mich selbstständig mache. Ich habe damals heftig darüber nachgedacht, weil ich nicht nur eine sichere Festanstellung hatte, sondern auch schon die Hierarchie beschritten hatte.

Sie waren aufgestiegen.
Ich war Redaktions-Gruppenleiterin und es war, wenn ich das mal so sagen darf, klar im Haus, dass ich zu den Frauen bzw. Persönlichkeiten gehörte, die hier was werden wollten. Das war auch für mich klar. Insofern war die Frage für mich eine einschneidende.

Hätte das auch ein Karriere-Absturz sein können? Oder sind Sie weich gelandet?
Es war auch ein harter Kampf. Denn es ist etwas anderes, ob Sie sich in der freien Wildbahn tummeln oder ob Sie auf den gut gefederten und ausstaffierten Sesseln einer öffentlich-rechtlichen Anstalt schalten und walten. Und doch bin ich rückblickend bis heute froh über diese Entscheidung. Es ist eine andere Arbeitsweise. Es ist keine bessere, aber eine, mit der ich mich sehr angefreundet habe. Ein Team habe ich auch damals schon geleitet, aber dieses habe ich selbst zusammen geholt und ich arbeite gerne in diesem Team.

Wie groß war ihr Team 1994?
Ich habe zunächst ein kleines Büro gegründet, mit einer Sekretärin, zwei Redakteurinnen und einer Produktionsleiterin, unterstützt durch freie Mitarbeiter. 1996 habe ich Encanto in eine GmbH umgewandelt. Die Struktur ist inzwischen größer geworden, weil wir nicht mehr nur die von mir selbst moderierte Sendung, sondern auch andere Dinge produzieren.

Gab es damals für Sie Vorbilder für Ihre Firmengründung? Kannten Sie andere Journalistinnen, die eine eigene Produktionsfirma gegründet hatten?
Da fällt mir spontan Gisela Marx ein, die ist mir damals auch eingefallen. Aber sie hatte sich zu dem Zeitpunkt schon so etabliert, dass ich an diese Größenordnung gar nicht gedacht hätte. Für mich war die Frage eigentlich gar nicht: Werde ich jetzt Produzentin? Für mich war die Frage eine nahe liegende: Wie kann ich dieses Produkt, mit dem ich auf den Sender gegangen bin, nämlich B.trifft, unter optimalen Bedingungen herstellen und sichern, so dass mir die Arbeit Freude macht. Da war das der beste Weg …

… das Format durchzusetzen.
Es durchzusetzen und weiter durchzusetzen. Das Ding lief ja von der ersten Folge an. Aber ich schwebte im luftleeren Raum und musste mich einfach entscheiden. Ich habe mich damals für die Tätigkeit und das Format entschieden.

Heißt das, eine eigene Produktionsfirma bietet immer auch Raum, in dem sich freier und kreativer eigene Ideen umsetzen lassen?
Das glaube ich nicht. Es hat sich herumgesprochen, dass die Lage auf dem Fernsehmarkt nicht rosig ist. Dass es für Produzenten und Produzentinnen oft sehr schwierig ist, weil ein großer Kostendruck auf allen lastet. Der existenzielle Unterschied ist der, dass die fest angestellten Redakteure und Abteilungsleiter ihre Schäfchen im Trockenen haben. Sie wissen, was sie in einem halben Jahr machen bzw. was sie auf dem Konto haben. Als Produzentin weiß ich das nicht.

War die Selbstständigkeit damals für Sie auch eine wirtschaftlich vernünftigere Entscheidung?
Das würde ich so nicht sagen. Ich hätte ja auch was anderes machen können. Ich hätte kündigen können, um als freie Moderatorin zu arbeiten. Dann hätte ich mein Moderationshonorar auch bekommen. Die Gründung einer Produktionsfirma ist etwas, was mit Verantwortung, aber auch mit einer gewissen Belastung verbunden ist. Ich habe – auch wenn ich nur einmal in der Woche abends im Fernsehen zu sehen bin – einen umfangreichen Büroalltag, neben all den Sachen, die man in der Öffentlichkeit sieht.

Aber die freie Moderatorin war dennoch keine attraktive Alternative?
Nein, weil ich – wenn schon – dann auch selbst bestimmen wollte, mit wem ich arbeite, in welche Richtung es inhaltlich geht und weiterhin gehen soll.

Mit einer eigenen Firma ist es nicht unbedingt leichter, eigene Ideen umzusetzen. Mit Ihren Produktionen – Talkformaten und vor allem den Tier-Doku-Soaps – entwickeln Sie aber offensichtlich Formate, die Ihnen entsprechen und Spaß machen.
Mit den Tier-Doku-Soaps haben wir damals einfach eine gute Nase gehabt. Das hängt sicher mit persönlichen Vorlieben zusammen, aber als Produzentin muss ich mich fragen, ob ich eine Marke setzen kann. Als wir 1999 damit anfingen und unter den ersten waren, die überhaupt auf so eine Idee kamen, da lautete die journalistische Überlegung von uns Fernsehschaffenden schlicht und einfach: Tiere schaffen immer Emotionen und wenn wir das mit Geschichten verknüpfen, muss das einfach zukunftsträchtig werden. Und so war es dann auch.

Eine Unternehmerin würde die Frage ‚Wie kann ich eine Marke setzen?’ eine unternehmerische Entscheidung nennen. Sie sprechen von journalistischen Überlegungen. Was heißt das für Ihr Selbstverständnis?
Ich bin und bleibe Journalistin. Vom Herzen und auch vom Kopf her treffe ich immer zuerst eine journalistische Entscheidung. Und dann frage ich nach den Kosten und nach dem, was andere Unternehmerinnen vielleicht zuerst fragen würden. Aber ich habe mit meiner Produktionsleiterin immer noch den „Sicherheitsposten“ – übrigens noch dieselbe Frau wie in den  Anfängen -, die dafür sorgt, dass alles im grünen Bereich ist.

Aber Sie sind Geschäftsführerin.
Ja, natürlich!

Sie engagieren sich in sozialen Projekten, z.B. bei medica mondiale. Encanto produziert aber keine entsprechenden Formate. Warum nicht?
Weil Sie damit heutzutage auf dem Fernsehmarkt, der mehr auf Unterhaltung und ähnliche Dinge setzt, einen sehr schweren Stand haben. Ich habe mal versucht, dem WDR eine große Reportage über Afghanistan zu verkaufen. Das hat der Sender abgelehnt, weil er kein Interesse hatte. Ich unternehme in meiner Freizeit als Journalistin Reisen bzw. unterstütze Projekte, die für mich politisch sinnvoll sind. Das ist mein ganz persönlicher Einsatz, den ich aber sehr wohl als Journalistin bestreite, weil aus der Arbeit z.B. Zeitungsberichte erwachsen. Im Juni war ich in Bosnien und habe mich im Jahr 11 nach dem so genannten Friedenschluss von Dayton über die Situation der Frauen informiert. Dass ich mich in erster Linie um Frauenprojekte kümmere, ist meine persönliche Ausrichtung. Das wird in dieser Welt immer gerne hintangestellt und ich mache das aus politischen Gründen ganz konsequent über medica mondiale.

Aber als Produzentin können Sie Themen wie diese im Fernsehen nicht setzen?
Würde ich gerne machen, ist mir bisher nicht gelungen.

Gab es für Ihr Unternehmen eigentlich auch schwierige Zeiten? Haben Sie unternehmerische Krisen erlebt?
Nein. Die Frage würde ich glattweg verneinen. Das liegt natürlich auch daran, dass die wöchentliche Talksendung unser Flaggschiff war und ist. Damit läuft der Laden erst mal rund. In diesem Jahr haben wir ein sehr erfolgreiches Jahr, weil wir den Zoo in der ARD täglich machen. Wir haben im November angefangen zu drehen und haben ab Januar täglich gesendet. Diese Logistik war schon ein prächtiges Gesellenstück einer kleinen Produktionsfirma.

Bei den Talkformaten kam nach B.trifft Böttinger, jetzt der Kölner Treff, ein Urgestein im WDR. Lassen sich im Talk schwerer neue Trends und neue Marken setzen?
Ich glaube, dass das Genre, was die Einfallsmöglichkeiten angeht, doch einigermaßen ausgereizt ist. Der Sender wollte den Kölner Treff, diesen Klassiker aus früheren Zeiten gerne neu beleben  und hat mich gefragt, ob ich das übernehmen will.  Da es vorher schwierig war, für Böttinger einen festen Sendeplatz zu finden, haben wir entschieden, das zu machen.

Wird Ihnen das Talken eigentlich nicht langweilig?
Bis jetzt noch nicht. (lacht) Fragen Sie mich noch mal in 5 Jahren … Wobei: Ich möchte nicht täglich talken – das soll kein Seitenhieb gegen Kerner sein. Ich möchte aber nach wie vor längere Gespräche führen, weil ich durch die Vorbereitung permanent bei einer bestimmten Neugier bleibe und auch bleiben muss.

Gibt es eigentlich unter den Produzentinnen im Fernsehen ein Netzwerk, einen kollegialen Austausch?
Unter den Produzentinnen zurzeit noch nicht. Es wäre schön, wenn es das gäbe. Aber natürlich bin ich dem Produzentenverband angeschlossen.

Was wäre schön an einem Frauennetzwerk in der Branche? Wofür würden Sie es nutzen?
Für einen Erfahrungsaustausch, eine gewisse Transparenz, auch für vertrauensbildende Maßnahmen. Das ist ja auch das, was Männerbünde auszeichnet, dass Ältere den Jüngeren helfen, die Größeren den Kleineren. Helfen im Sinne von unterstützen, Rat geben, im Sinne von Mentoring. Der Trend, dass sich mehr kleine Produzenten und Produzentinnen auf dem Markt einen Platz suchen, wird weitergehen und es wäre sicher sinnvoll, ihnen auch mit Tipps unter die Arme zu greifen. Wir sind natürlich Konkurrentinnen, wenn es um Aufträge geht. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, die andere Seite ist die, dass das Netzwerken einen weiterbringen kann.

Wachsende Konkurrenz beunruhigt Sie nicht?
Ohne übertreiben zu wollen oder hochnäsig zu sein, glaube ich, dass wir uns auf dem Markt ganz gut etabliert haben. Aber im Unterschied zu einer Festanstellung in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt müssen wir uns immer nach der Decke strecken  und immer versuchen, die Nase dorthin zu halten, wo der Wind herkommt. Aber ich habe keine Angst, dass irgendwas passieren könnte. Das gehört auch zum freien Unternehmertum. Wenn Sie Angst haben, sind Sie falsch gewickelt. Sie müssen vorsichtig und auch bedächtig sein, weil Sie eine Verantwortung haben. Ich bin ein Team-Mensch, aber habe als Alpha-Tier Verantwortung für mein Team. Ich bin mir bewusst, dass ich es nur mit ihnen zusammen zu dem gebracht habe, was unsere Marke Encanto ausmacht.

Was ist für Sie Erfolg?
Was mir an den Talkshows – auch an meiner eigenen – ein bisschen auf die Nerven geht, ist dass wir ständig über das Besondere oder den Erfolg berichten. Wir beschäftigen uns sehr stark mit Menschen, die Erfolg haben und diesen nach außen zeigen.
Für mich ist es ein Erfolg, wenn man sich zwar in seinem Leben behauptet, aber sich doch nicht verbiegen lässt. Für mich ist Erfolg, dass ich in diesem Team gerne bin. Ich fände es nicht sehr schön, irgendwo in einem hohen Amt zu sitzen, mich morgens mit leichten Kopfschmerzen ins Büro zu begeben und so gar kein Empfinden zu haben, wenn ich meine Mitarbeiter erblicke. Das wäre für mich ein Misserfolg. Diese Seite des Miteinanders gehört für mich ganz wesentlich zum Erfolg. Aber es ist natürlich auch ein Erfolg, wenn Sie ein Produkt auf den Markt bringen und das Ding läuft wie am Schnürchen.

Interview: Andrea Blome

Zur Person:
Betttina Böttinger
, Jg. 1956, begann ihre journalistische und Fernseh-Karriere beim WDR. Sie war Redakteurin und Moderatorin verschiedener Hörfunk- und TV-Formate. Einem breiten Fernsehpublikum wurde sie bekannt durch die TV-Medienshow „Parlazzo“ und ihre eigenen Talkshows „B.trifft“ und „Böttinger“. Heute moderiert Bettina Böttinger die Talkshow „Kölner Treff“, daneben Galas und Veranstaltungen.
Unternehmerin wurde Bettina Böttinger 1994 mit der Gründung ihrer eigenen Produktionsfirma Encanto. Mit Tier-Doku-Soaps wie „Ein Heim für alle Felle“, „Eine Couch für alle Felle“ oder „Pinguin, Löwe & Co.“ entwickelte Encanto erfolgreiche Fernsehformate. Das Unternehmen mit Sitz in Köln beschäftigt heute 20 Festangestellte und projektbezogen viele freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

aus: existenzielle 3/2006








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