„Ich bin ein reiner Bauchmensch“
Die Schauspielerin Monika Baumgartner verkauft in München Gardinen
Als Schauspielerin steht sie seit den 80er Jahren auf der Bühne und vor der Kamera. Dass Monika Baumgartner außerdem in München gemeinsam mit ihrer Schwester ein Gardinen-Geschäft führt, ist dagegen kaum bekannt.
Foto: Christina Pahnke/sampics
(aus: existenzielle 3/2007)
Der kleine Laden auf der Ecke wirkt ruhig, fast ein wenig verschlafen, an diesem frühen Nachmittag. Doch der Eindruck trügt. Hinter den mit Stilmöbeln, Stoffmustern und Rollos bestückten Schaufenstern klingelt pausenlos das Telefon. Ein Teppichboden ist in der falschen Farbe angeliefert worden, Kostenvoranschläge rattern durchs Faxgerät und „Tatort“-Kommissar Miroslav Nemec erkundigt sich nach den Fortschritten in seiner Wohnung. Die Stammkunden im Münchner Westend wissen längst, dass bei den „Hermanas“ etliche bekannte Gesichter ein und aus gehen. Und dass sie selbst dort zuweilen von einer ungewöhnlich prominenten Fachkraft beraten werden. Manchmal kommt auch heute noch ein Kunde mit dem Fotoapparat zurück und macht vorsichtshalber ein Bild. „Das glaubt mir sonst kein Mensch, dass mir die Monika Baumgartner Vorhänge verkauft hat!“ heißt es dann. Vor gut zehn Jahren haben sich die Schauspielerin und ihre Schwester Waltraud Wäscher mit ihrem Fachgeschäft für Raumausstattung in dem Viertel niedergelassen. Auf den Firmennamen sind sie in einem Café auf Mallorca gekommen. „Hermanas“ kommt aus dem Spanischen und bedeutet Schwestern. „Das passt!“, da waren sie sich auf Anhieb einig. Die beiden waschechten Münchnerinnen, die aus kleinen Verhältnissen stammen, verbindet nicht nur eine fast symbiotische Beziehung, sondern auch ein großes Geschick für alles Handwerkliche. In der fünfköpfigen Familie haben alle von klein auf mit angefasst. „Viele Hände schaffen ein schnelles Ende“ - der Leitspruch sitzt bis heute.
„Ich bin kein Mensch, der Zuhause sitzt und wartet, bis wieder das Telefon läutet. Mit meinem ersten Mann habe ich dreizehn Jahre lang eine Firma für Bühnenbau geführt. Wir hatten eine Schreinerei, eine Schlosserei, einen Malersaal und haben Riesendekorationen gebaut. Richtig große Aufträge für RTL, für den Bayerischen Rundfunk oder auch für das Prinzregententheater. Alles haben wir selbst in die Hand genommen, Strom verlegt, Wasserleitungen, die Maschinen bedient. Ich liebe es, an der Säge zu stehen, am Hobel oder auch an der Fräse! Manchmal habe ich bis um fünf in der Früh Teile gestrichen, um sie anschließend mit einem großen LKW zum Rundfunkgelände rauszufahren. Meine Schwester hat damals schon viel für uns gemacht. Sie kam zwar aus dem Kaufmännischen und arbeitete als Buchhalterin, hat aber nebenher immer genäht. Mit Stoffen, mit Vorhängen – die schwierigsten Techniken konnte sie, ganz ohne Ausbildung.“
Foto: Christina Pahnke/sampics
Mitte der Neunziger stehen beide Schwestern an einem Wendepunkt. Die zwei Jahre ältere Monika verliert nach der Scheidung den Betrieb. Die Jüngere ihren Chef, den es nach Dresden zieht. Für beide stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Den entscheidenden Impuls gibt eine befreundete Bühnenbildnerin. Du machst so schöne Sachen, sagt sie zu Waltraud. Warum machst du daraus keinen Beruf? Die Mutter von zwei Söhnen wagt den Sprung und fängt mit 41 Jahren eine Lehre als Raumausstatterin an. In der Berufsschule schließen sie Wetten ab, wann die Mitschülerin das Handtuch werfen wird. Doch keine Spur. Nach der erfolgreich abgeschlossenen Lehre gründen die beiden Schwestern eine GbR und eröffnen ihren Laden im Westend. Inhaberin ist Monika Baumgartner, denn „Traudi“ muss als Gesellin drei Jahre im Angestelltenverhältnis arbeiten, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Heute prangt der Meisterbrief schön gerahmt direkt gegenüber der Eingangstür.
„Meine Schwester ist wie ich. Wir hören selten auf – nur wenn’s gar nicht mehr geht. Wobei es wahnsinnig anstrengend war, auch wenn ich jede freie Minute hier verbracht habe, um die Stellung zu halten. Damals hatte ich ziemlich viel Zeit. Ich hatte gerade den Bayerischen Fernsehpreis erhalten - und mit einem Schlag tat sich gar nichts mehr. Ein halbes Jahr lang kam nicht ein einziges Angebot. Das scheint nach Preisen oder Auszeichnungen häufig zu passieren, haben mir Kollegen bestätigt. Ach, sagen die Leute, die können wir sowieso nicht bezahlen oder die hat eh keine Zeit. Okay, habe ich mir dann gedacht, ich habe hier genug zu tun. Denn ganz ehrlich: Ich kann zwar für andere reden, aber mich selbst verkaufe ich ganz schlecht. Es gibt Schauspieler. die können sich immer wieder einbringen und sagen: Hallo, habt ihr vielleicht was für mich? Das liegt mir nicht. Ich bin jetzt so lange im Geschäft und denke, die wissen, dass es mich gibt. Dafür scheu ich mich aber auch nicht, Ältere zu spielen. In dieser Zugspitzgeschichte „Gipfelsturm“, die Ostern gelaufen ist, war ich ein siebzigjähriges Kräuterweiblein, mit Gummimilch im Gesicht und Falten und allem. Da waren viele entsetzt, nach dem Motto: Bist du wahnsinnig, dann kriegst du doch nichts anderes mehr! Aber ich habe überhaupt kein Problem damit.“
Resolut führt die zierliche Schauspielerin durch den kleinen Laden in der Kazmairstraße, der in den vergangenen Jahren gewaltig expandiert ist. Im hinteren Teil des Verkaufsraums, wo früher noch aufgepolstert, geschnitten, genäht und gebügelt wurde, lassen sich heute die Kunden zur Beratung nieder. Die Werkstatt ist vergrößert und in einem Rückgebäude hinterm Hof untergebracht worden. Zur Entlastung haben sich die beiden Inhaberinnen zwei selbstständige Raumausstatter mit ins Boot geholt, die Polsterarbeiten in eigener Regie erledigen; auch zwei Näherinnen sind im Atelier dazu gekommen. Monika Baumgartner verbringt längst nicht mehr so viel Zeit in dem gemeinsamen Geschäft. Gerade hat sie vier Wochen in Schottland gedreht, bei der Verfilmung des ersten „Tabor Süden“-Krimis war sie dabei und als patente Oma steht sie für die Fortsetzung des TV-Erfolgs „Molly und der Mops“ ab Herbst wieder vor der Kamera. Ihre Bodenhaftung geht der Schauspielerin trotzdem nicht verloren.
„Ich habe gerne mit Kunden zu tun, weil es auch viel mit Menschenkenntnis zu tun hat. Es ist total interessant herauszufinden, was im Einzelfall passend ist. Ohne den eigenen Geschmack aufzudrücken, denn das kann nie gut gehen. Ich finde, es ist wirklich ein ganz tolles Handwerk, und sehr anspruchsvoll! Deshalb waren wir auch völlig entsetzt, als die Meisterprüfung für dieses Gewerbe einfach abgeschafft worden ist. Man braucht nicht einmal mehr eine Ausbildung, um sich als Raumausstatter niederzulassen. Im Endeffekt ist die Sache aber gut für uns gelaufen. Wir stellen fest, dass der Meistertitel eine viel höhere Wertigkeit bekommen hat. Die Kunden wollen wissen, wem sie ihre Stühle, Sessel oder Wohnungen anvertrauen, an denen sie hängen. Wer dafür Geld ausgibt, legt Wert auf Qualität.“
Es kommt vor, dass Monika Baumgartner ihre Schwester anruft und es ist besetzt. Weil diese es gerade bei ihr versucht. Oder beide verletzen sich zur selben Zeit am Knie. Als Kinder waren die Schwestern wie Zwillinge gekleidet – zum Leidwesen der Älteren. Das innige Verhältnis ist geblieben. Sie ergänzen sich offenbar perfekt, die ruhige und bedächtige Waltraud, die den Laden am Laufen hält, während ihre quirlige Schwester hier und dort durch Welt reist. Hätte sie gewusst, was auf sie zukommt, die „Traudi“ hätte sich die Geschäftsgründung dreimal überlegt. Nicht selten stand die Geschäftsführerin morgens um fünf schon zum Zuschneiden am Tisch und war noch am Abend zum Ausmessen unterwegs.
„Es sind halt doch viele Stunden, die man nicht bezahlt kriegt. Heute in der Früh habe ich bei einer alten Dame Vorhänge aufgehängt. Die saß so da, schaute mir zu und meinte dann: ‚Das ist fei schon zeitintensiv, was Sie da machen. Erst war ich im Geschäft und hab was rausgesucht. Dann sind Sie gekommen und haben sich das bei mir angesehen und ausgemessen. Dann war ich mit meiner Enkelin noch mal da, weil die den Stoff auch gerne sehen wollte. Dann haben Sie alles gebügelt und genäht und jetzt sind Sie wieder da und hängen das Ganze auf. Da steckt viel Zeit drin.’ Da war ich schon überrascht. Denn viele Kunden meinen ja, ich schüttel das alles so aus dem Ärmel.“
Foto: Christina Pahnke/sampics
Auch wenn sie stolz ist auf die „Hermanas“: Als berufliche Alternative hat Monika Baumgartner ihr zweites Standbein nie verstanden. Nicht einmal in Krisenzeiten. Schließlich stand für die Tochter eines Postbeamten schon früh fest, dass sie Schauspielerin werden wollte. Das Geld für die Ausbildung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München hat sie sich nach der Mittleren Reife selbst zusammengespart, als Aushilfskraft in der Buchhaltung. Direkt neben dem Schreibtisch ihrer Mutter, die den ambitionierten Berufswunsch ihrer Tochter ohne Wenn und Aber unterstützte. Doch als das Jahr um war, wäre Monika Baumgartner am liebsten geblieben. Die junge Mitarbeiterin fühlte sich wohl in der Firma, wurde geschätzt und verdiente 500 Mark – viel Geld im Jahr 1968. Erst als die Eltern insistierten, setzte sie sich hin, lernte etwas auswendig, schrieb noch schnell eine Szene, in der sie fünf Personen gleichzeitig spielte und trat zur Aufnahmeprüfung an.
„Ich bin ein reiner Bauchmensch. Es war mir völlig wurscht, ob die mich nehmen oder nicht. Eigentlich sehr untypisch für mich. Denn wenn ich etwas will, dann ziehe ich das auch durch. Heute sehe ich mich als Schauspielerin, das ist mein Beruf. Das Handwerkliche möchte ich deshalb nicht missen, ich trenne es auch gar nicht. Selbst wenn es Jahre gibt, wo es mit den Rollenangeboten ein bissel zäh ist. Das läuft wie im Betrieb auch: Es geht permanent auf und ab. Aber so ist die Verbindung natürlich genial. Wenn ich als Schauspielerin ständig der Dinge harren müsste, die da kommen oder auch nicht - das würde mich wahnsinnig machen!"
Protokoll: Gunda Achterhold
Zur Person:
Die Münchner Abendzeitung kürte Monika Baumgartner vor einigen Jahren zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt. Als einzige Frau wurde Monika Baumgartner von den Lesern unter die zehn prominentesten Münchner gewählt - lebenden wie toten, wohlgemerkt. Niemand war von dem Ergebnis mehr überrascht als sie selbst. Denn Schlagzeilen sind ihre Sache nicht. Die 1951 geborene Darstellerin beeindruckt vielmehr durch Präsenz. Aus der bayerischen Filmszene ist die gelernte Theaterschauspielerin gar nicht wegzudenken, seitdem sie Anfang der Achtziger als „Rumplhanni“ auch dem Fernsehpublikum bekannt wurde. Neben zahlreichen Theater- und Filmengagements ( „Das schreckliche Mädchen“, „Der Tod ist kein Beweis“) war sie in allen beliebten Serien zu Gast, vom „Derrick“ über den „Pumuckl“ bis „München 7“. 1998 führte Monika Baumgartner für den Bayerischen Rundfunk zum ersten Mal Regie. Im Herbst 2007 wird die vielseitige Schauspielerin gleich in mehreren Krimis zu sehen sein: Pünktlich zum Oktoberfest als Wiesnwirtin Johanna im Tatort „A gmahde Wiesn“ und als Vertretungs-Kommissarin bei der SOKO 5113.
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