„Plattdeutsch, das bin einfach ich“
Die Sängerin und Entertainerin Ina Müller
Es ist Frühling in Hamburg, vielleicht ist sie deshalb so gut gelaunt. Ina Müller lacht und lacht und lacht. Ein Gespräch mit der Norddeutschen mit den vielen Talenten gab es dennoch. Über Frauen auf der Bühne, die Karriere ab 30 und ihre große Liebe: das Plattdeutsche.
105 Music GmbH/ Foto: Mathias Bothor
(aus: existenzielle 2/2008)
existenzielle: Frau Müller, Sie haben sich vielleicht gewundert, warum ein Unternehmerinnen-Magazin Sie anfragt ...
INA MÜLLER: Ja, das habe ich, aber ich dachte sofort: Das Thema ist spannend. Stand doch neulich groß in einer Sonntagszeitung, dass keine Unternehmerin bislang die Welt verändert hat ... ich frage mich: Ist es so, dass das keine Frau bislang geschafft hat?
Ich fand die These auch ziemlich steil.
Vielleicht hat die Autorin vergessen, dass Frauen bislang einfach weniger Zeit hatten – immerhin kriegen wir ja die Kinder. Neulich habe ich gelesen, es gibt Kliniken, ich glaube in London, die sich überlegen, ob sie überhaupt noch Frauen einstellen, weil sie sagen: Es kostet uns Millionen, in die Ausbildung von Frauen zu investieren, die dann kurz vor ihrem Facharzt mit dem Kinderkriegen anfangen. Diese Ignoranz kotzt mich an. Wenn ich ehrlich bin: Ich kann beide Seiten verstehen. Die finanzielle Seite, und auch die Frauen, die sagen ...
... irgendwer muss die Kinder halt austragen ...
... ja, aber dann schlag doch nicht so eine Karriere ein, denke ich manchmal. Und ich frage mich auch, ob dieses medial vermittelte Bild von den französischen Karrieremüttern wirklich stimmt. Oder kann es sein, dass die genauso wie die deutschen Frauen dasitzen, mit den voll gespuckten Babylappen, an denen sie dekompensieren?
Auf Frauen lastet schon ein enormer Druck.
Nur ein Beispiel: Heute Morgen höre ich wie zwei Sprecher sich im Radio über Jennifer Lopez unterhalten, weil die sich für 25.000 Dollar ein Fitnessstudio eingerichtet hat, und das wäre wohl auch höchste Zeit, wie man auf dem Foto sehen könne, hätte die ja einige Pfund zu viel auf den Hüften ... ja, Entschuldigung! Die hat auch vor kurzem zwei Kinder bekommen! Denen hätte ich am liebsten eine durchs Radio geknallt. Es nervt mich so an, dass immer gesagt wird, mollig ist total chic – es stimmt einfach nicht! Wenn Du mollig bist in dieser Gesellschaft, bist Du Randgruppe, und wenn Du dann nicht reich bist, kannst Du Dir nicht mal einen personal Trainer leisten ... Also sage ich: Feige sein und keine Kinder kriegen ist auch okay. Dann hat man diese Probleme nicht.
Und dafür inzwischen das dritte Album in den Regalen stehen ...
Was aber nie mein Ziel war.
Im Ernst?
Ja. Als ich auf die Bühne gegangen bin, war ich 30, und ganz ehrlich: Mit 25 hatte ich keine Ahnung, dass ich das jemals tun würde. Mein großes Plus in diesem Moment war, dass ich total unverkrampft sagen konnte: Gut, wenn ihr alle meint, dann probiere ich’s mal. Nicht wie bei diesen Castingshow-Mädels heute, bei denen man genau weiß, wie die als Kinder schon angemalt und mit der Rundbürste vorm Spiegel standen und „I will always love you“ singen geübt haben. Das hatte ich nie. Ich habe meinen Beruf immer sehr gemocht.
Welchen haben Sie denn gelernt?
Apothekenhelferin. Danach habe ich Pharmazie und Chemie studiert und bin in die Apotheke gegangen, als Pharmazeutisch-Technische Assistentin. Ich fand alles super spannend: die Anatomie des Menschen, warum wirkt Aspirin, wo sitzen die Rezeptoren.
Wann haben Sie mit dem Singen begonnen?
Völlig nebenbei. Ein Freund von mir war Gitarrist und fragte mich, ob ich nicht in seiner Band Background singen wollte. Als erstes wollte ich natürlich wissen, wie oft die proben, mehr als ein Mal die Woche wollte ich nicht, ich brauchte schließlich auch Zeit für meine Apothekenmädels, wir mussten ja zusammen losziehen. Aber die in der Band mochten meine Stimme, und dann hieß es, Ina, geh doch mal nach vorne. Ich glaube, das war der wichtigste Schritt in meiner Gesangskarriere, weil ich konnte dieses ... (Ina Müller nimmt eine Gabel und stößt Eunuchentöne hinein) ... dieses uhuuu, uhuuhuuuu ... (aus dem Restaurant kommt ein Räuspern) oh Gott, da sitzt ja jemand, oh Gott wie peinlich, entschuldigen Sie bitte, der Herr! (Der Herr tut so, als wäre nichts gewesen...) Ja, also, das sind ja nicht meine Töne, meine Töne klingen ja eher so... (Ohne Gabel, aber mit Fingerschnipsen) ... ah, ah, aaaaah. (Selbst der Herr vom anderen Tisch blickt jetzt auf.) Also haben wir einfach getauscht. Dann stand ich auf einmal vorn.
Das müssen die Leute geliebt haben – vorn eine Frau mit Gianna-Nanini-Format, hinten der Mann im Background-Chor ...
Wir sind ja gar nicht aufgetreten, wie gesagt, es war nur ein Hobby. Mein erster richtiger Auftritt war auf Sylt. Ich zog auf die Insel und merkte, dass mir die Band fehlt. Eines Tages ging ich dann als Zuschauer zu den „Sylter Künstlern“, einem Förderpreis, wo auch gesungen wurde. Ich weiß noch, wie ich dachte: Na, das kann ich auch. Im folgenden Jahr nahm ich gemeinsam mit Edda Schnittgard teil, meiner späteren Duett-Partnerin von „Queen Bee“. Und wir gewannen.
105 Music GmbH/ Foto: Mathias Bothor
Der Anfangspunkt Ihrer Künstlerkarriere?
Wenn man das Karriere nennen will ... ja, vielleicht. Auf jeden Fall entdeckten uns daraufhin die „Fliegenden Bauten“, ein internationales Theater in Hamburg, das auch Kabarettabende auf Sylt veranstaltet. Die nahmen uns gleich unter Vertrag, damit traten wir in die Kleinkunstszene ein. Dann wurden wir gefragt, ob wir nicht mal in Berlin spielen wollten, in der „Bar jeder Vernunft“. Es war unser erstes Sechs-Wochen-Gastspiel, und ich beschloss, von Sylt nach Hamburg zu ziehen, die Wege wären sonst einfach zu weit gewesen.
Ihren Job als PTA haben Sie aufgegeben?
Nein, um Gottes Willen! Ich hab doch immer gedacht, ich brauche das für die Rente! Für mich war völlig klar, dass wenn ich später keine Rente kriege, muss ich einen Mann heiraten, der bei der Post ist, den ich dann irgendwann von der Treppe stoße, um seine Rente einzusacken ...
(Der Herr um die Ecke hat das zum Glück nicht gehört. Ina Müller schüttet sich aus vor Lachen.)
Ich glaube, da haben Sie die Angst vieler Frauen gerade auf den Punkt gebracht ...
Ich komme halt aus einer Bauernfamilie, die sehr bodenständig ist und in der klar war, dass man heiratet und Kinder bekommt und irgendwann die Rente des Mannes haben darf, weil man ja keine eigene hat. Deshalb war mein Ziel immer, mich diesem Druck nicht auszusetzen. Ich wollte meine Rente selbst verdienen. Aber dass ich mit dem Singen tatsächlich Geld verdienen könnte, davon bin ich im Leben nicht ausgegangen. Also hab ich mir in Hamburg einen Job gesucht. Am Anfang noch Fulltime, dann runter auf 30 Stunden, irgendwann halbtags, so dass ich am Donnerstag nach Berlin konnte, auftreten. Irgendwann habe ich dann gekündigt. Natürlich nicht ohne meinen Chef zu bitten, mir eine Rückkehr-Option zu geben, falls das mit dem Singen schiefgeht.
Was hat er gesagt?
Er hat es mir schriftlich gegeben. (lacht) Ich nutze jetzt mal die Gelegenheit, mit einem Klischee aufzuräumen: Mir haben auf meinem Weg unsagbar viele Menschen geholfen, Dutzende davon waren Männer – und mit keinem von denen war ich im Bett. Mein Chef auf Sylt zum Beispiel. Der wollte Edda Schnittgard und mir 10.000 Mark geben, weil er meinte: Ihr seid so super, wollt ihr nicht eine CD aufnehmen, ich zahl Euch das. Wo wir natürlich meinten, also Chef, Sie wissen doch gar nicht, ob wir jemals eine davon verkaufen. Das ist dann ja mein Risiko, hat er gesagt.
Und? Wie viele haben Sie verkauft?
Es kam gar nicht dazu, denn zeitgleich nahmen uns die „Fliegenden Bauten“ unter Vertrag. Es ging einfach immer mehr. Und ich war noch so unbedarft in dieser Szene. Ich habe so ein Glück, dass ich wirklich erst mit 30 auf die Bühne bin. Ganz ehrlich, ich glaube, wenn man mich mit 18 dorthin geschickt hätte, wäre ich mit 25 durch gewesen. Vielleicht hätte ich dann Klingeltöne bei RTL II eingesungen oder Fettes Brot hätte mir ein Lied gewidmet, (singt), Ina, zieh Dir bitte etwas an!
Sie denken wirklich, das hätte passieren können?
Ja, es hätte passieren können, da bin ich mir sicher. So war es ein Segen, dass ich mit 30 bereits ein schwieriger Mensch war – ich wusste, was ich wollte. Mit 40 weiß ich das noch viel mehr.
Das hat sich bezahlt gemacht?
Ja klar, zum Beispiel mit meiner Plattenfirma. Da habe ich so viele Bedingungen gestellt ... ich glaube, jede andere hätte gesagt: Vielen Dank fürs Gespräch, was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?
Was waren das für Bedingungen?
Meine Position war: Ihr dürft mir nicht reinreden in die Musikauswahl, ich muss mit Frank Ramon arbeiten, es gibt kein Konzeptalbum – so nach dem Motto, Männer sind Schweine und Frauen sind toll, ab 40 sowieso. Wenn ich auf Tour gehe, dann singe ich auch plattdeutsch, aber ich mache nicht mehr als drei Auftritte am Stück und nicht mehr als 30 in drei Monaten und dazwischen bitte zwei, drei Tage frei ... Dieses Touren kostet ja eine Menge Kraft. Ich weiß jetzt schon, dass ich den Monat vor meiner Tour brauche, um fit zu werden, und ich überlege zum ersten Mal, ob ich mir jemanden suche, der mich morgens um neun Uhr abholt; und wenn ich dann oben an der Gegensprechanlage stehe und mit zugehaltener Nase in den Hörer sage: Kann heut nicht, bin krank, sagt: Dann ruf ich halt die Polizeiheiii ...
Die Plattenfirma hat all Ihre Bedingungen akzeptiert?
Ja, alle. Den Vertrag hab ich mir am Ende gar nicht mehr durchgelesen, ich hab nur gesagt: Wenn Ihr mich hier reinlegt, ich mach Euch so schlecht auf meiner Tour!
Spätzünder sein hat also auch Vorteile...
Ja, es war mein großer Vorteil. Denn es ist ja so: Ich wäre auch ohne Bühnenkarriere in meinem Leben total glücklich geworden.
Jetzt singen Sie nicht nur, Sie moderieren auch Fernseh-Shows und haben im Radio Geschichten vorgelesen.
Auch das war ja nicht geplant. Als der NDR Kiel an mich herantrat und mir vorschlug, kleine plattdeutsche Geschichten zu schreiben und einzulesen, war meine erste Antwort: Ach nee, lasst mal lieber, das kann ich nicht.
Eigentlich vermutet man bei Ihnen ja das Gegenteil: Dass Sie sich alles zutrauen.
Nein, meine erste Antwort ist immer: ‚Kann ich nicht’, das war schon immer so. Ich singe gern mal einen, das schon, da fühl ich mich auch nach wie vor am wohlsten, weil ich immer denke: Ina, das kannst du. Ich hoffe ja, es fliegt nie auf, dass ich in Wirklichkeit gar nichts richtig kann.
(Jetzt lacht Ina Müller, richtig laut. Der Herr um die Ecke ist bereits gegangen.)
Die plattdeutschen Geschichten wurden ein Riesenerfolg ...
Ja. aber auch wieder nur, weil ein Förderer auf mich zukam und sagte: Willst Du nicht? Mit der Plattenfirma war es ähnlich. Die fragten mich immer wieder, ob ich nicht mit ihnen arbeiten wollte, und irgendwann habe ich gedacht, ich bin jetzt über 40, ich habe alle Sachen gemacht, auf die ich Lust hatte, ich fühlte mich angekommen. Aber ich merkte auch, dass ich mich nicht mehr weiter entwickelte, und plötzlich hatte ich Angst, zu einer Art, wie soll ich sagen – Heide Kabel vor der Menopause zu werden.
Sie hängen sehr am Plattdeutschen, oder?
Plattdeutsch ist meine Muttersprache. In der fällt es mir immer noch leichter zu denken, zu schreiben, zu fluchen als auf hochdeutsch. Und es fällt mir leichter, humorvoll zu sein. Man kann Sachen anders sagen, Reime in Songs anders setzen ... Plattdeutsch, das bin einfach ich.
Und trotzdem eine hochdeutsche CD – haben Sie nicht Angst, sich selbst untreu zu werden, die eigene Marke zu verwässern?
Ich glaube das Gegenteil ist der Fall. Ich habe den Weg des Plattdeutschen ja nie verlassen. Ich spüre eine so große Liebe zu dieser Sprache ... Aber hochdeutsch auf der Bühne – das bin ich auch. Ich bin doch auch ne alte Rocksau irgendwie. Ich möchte gerne in Berlin, in Wien und in München auftreten. Und das würde mir mit Plattdeutsch allein doch verwehrt bleiben.
Mit wem können Sie diese Sprache eigentlich teilen?
Die Verwandtschaft, das ganze Dorf zuhause, alle sprechen platt mit mir ... selbst Leute in Hamburg sprechen mich auf platt an. Heute Morgen zum Beispiel war ich beim NDR, und da kam einer und brachte mir einen Liter frische Milch von der Kuh und begrüßte mich auf platt ... das sind einfach meine Plattdeutschen, ein ganz bestimmter Schlag Mensch, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was genau sie ausmacht. Aber ich erkenne sie unter Millionen.
Interview: Iris Hellmuth
Zur Person:
Ina Müller wuchs als vierte von fünf Töchtern auf einem Bauernhof in Köhlen (Landkreis Cuxhaven) auf. Nach einer Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin und einem Studium in Lüneburg arbeitete sie in verschiedenen Apotheken, zuerst in Bremen, später auf Sylt und in Hamburg. 1995 gründete sie mit Edda Schnittgart das Kabarett-Duo Queen Bee; zusammen gewannen sie 2001 den Deutschen Kleinkunstpreis. Seit 2002 ist sie in der NDR-Reihe "Hör mal 'n beten to" zu hören. Drei Bücher mit plattdeutschen Texten erschienen im Quickborn-Verlag. Sie moderierte die NDR-Kuppelshow "Land und Liebe - Partnersuche auf dem Bauernhof" und ist jetzt mit "Inas Norden" und "Inas Nacht" zu hören. Nach "Weiblich. Ledig. 40" geht sie im Herbst mit dem zweiten Album "Liebe macht taub" auf Tour. Ina Müller ist solo und wohnt in Hamburg.
Tweet



