Eine Erfinderin für Kinder
Sabine Bohlmann ist Schauspielerin und Autorin
Manchmal fügen sich die Dinge. Wenn Sabine Bohlmann beschreibt, wie sie Kinderfeste, über Erdbären Bücher schreibt oder sich Monster-Musicals ausdenkt. Die Schauspielerin hat einen ganz eigenen Weg gefunden, das Muttersein mit der Freiberuflichkeit zu verbinden.
Foto: Christian Hartmann
(aus: existenzielle 2/2007)
Ein sonniger Morgen in der Münchner Borstei, einer großzügigen, alten Vorzeigesiedlung mit Sprossenfenstern und Erkern, in der die Nachbarschaft das Leben prägt. Sabine Bohlmann hat ein paar Stückchen beim Bäcker gegenüber gekauft und den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen. Ungünstig vor allem, weil in Bohlmanns Backofen eine kleine Kostbarkeit schmurgelt: Ein Fimo-Engels, eine Überraschung für die Tochter, die am Wochenende ihre Erstkommunion feiert und einen Ast mit Engeln erhalten soll von Familie und Freunden, liebevolle Basteleien. Gut, einen freiberuflichen Ehemann zu haben. Andreas Rümmelein bringt den Hausschlüssel, die Fimofigur wird gerettet. Sabine Bohlmann entspannt sich. Sie sitzt am großen Eichentisch im Wohnzimmer, zwei Familienkaninchen klappern am Käfiggitter. Sabine Bohlmann ist eine schmale, rothaarige Frau mit gewinnendem Lachen, vielen bekannt aus neun Jahren Vorabendserie „Marienhof“, in der sie die Jenny spielte. Jetzt, drei Jahre nach ihrem Ausscheiden aus der Serie, wagt sie sich als Autorin in die Öffentlichkeit. Und will jetzt die Früchte ihrer Arbeit ernten.
„Die Rolle der Jenny war eine typische Daily-Soap-Rolle, eine Frau, die alles durchmacht, was man in einer Daily-Soap durchmachen kann: Eine Vergewaltigung, einen Selbstmordversuch, eine todkranke Mutter: Jenny ist mal weg gelaufen, war zweimal schwanger, hatte fünf Männer, war drei- oder viermal verheiratet, ein Mann starb an Krebs...Das Komische daran ist, dass so eine Daily-Soap-Figur das alles sehr schnell wieder wegsteckt. Vielleicht schauen gerade deshalb Leute, denen es nicht so gut geht, gern Daily-Soaps. Die Lisa aus den „Simpsons“ synchronisiere ich heute noch. Mir gefällt die Rolle. Und die „Simpsons“ finden Leute aller Richtungen cool. Das macht mich schon stolz. Aus „Marienhof“ bin ich nicht freiwillig ausgestiegen. Sie haben acht Schauspieler ausgetauscht, um die Serie zu erneuern. Ich gehörte dazu. Also habe ich angefangen, meine Ideen zu sichten, die in den Schubladen steckten.“
Fotos: Andreas Rümmelein
Sabine Bohlmann, bislang Schauspielerin und Synchronsprecherin vor allem von Kinderrollen und Zeichentrickfiguren, begann zu schreiben. Drei Jahre lang prüfte sie ihre Ideen, entwickelte Konzepte, ohne Auftrag, ohne Feedback. Erzog gemeinsam mit ihrem Mann die beiden Kinder, arbeitete im Synchronstudio, organisierte die großen Sommerfeste in der Borstei, ehrenamtlich, aber mit Freude. Dass ihr erstes Sachbuch „Mit einem Löffelchen Zucker...“ im Ratgeberbetrieb eine Lücke füllte, liegt auf der Hand: Statt pädagogisch zu argumentieren sammelte sie vergnügliche Tricks, wie sich eine Mutter das Leben erleichtert: Indem sie das Schöne und Lustige auch im Langweiligen findet und den Kindern die Pflicht spielerisch mit Humor versüßt. Vorbild war die großartige Mary Poppins, die mit einem Fingerschnips Spielsachen und Kleider in die Kinderzimmerschränke hineinzaubert. Ein Kindertraum. Während das Buch entstand, war allerdings längst nicht klar, ob die Rechnung der Autorin aufgehen würde.
„Das war schon ein Risiko: Alle Kosten liefen weiter, neue kamen dazu. Da lag ich schon oft wach und wusste nicht, wie es weiter geht. Es hätte ja sein können, dass die Sachen, an denen ich arbeite, gar keine Früchte tragen. Zehn mal habe ich Exposés an Verlage geschickt, ohne Erfolg. Eine Freundin, die sich in der Branche auskennt, hat mich dann auf die Buchmesse begleitet. Sie wusste genau, wen wir fragen mussten. Und es hat geklappt. Mein Erziehungsbuch „Mit einem Löffelchen Zucker...“ hat sich inzwischen 21.000 Mal verkauft. Das hat mich sehr aufgebaut. Mit dem Buch „Feiereien“ haben wir nachgezogen. Ein drittes Buch, das vielleicht mit Kochen zu tun hat, ist in Planung. Dann habe ich zusammen mit der Jazzsaxophonistin Carolyn Breuer ein Jazzical für Kinder gemacht. Und zur Buchmesse erscheinen zwei Bücher von mir im Baumhausverlag über ein Land, in dem Monster leben, Monstrosia. Ich habe es für meinen Sohn Jakob erfunden, als er drei oder vier Jahre alt war und Angst hatte, ein Monster läge unter seinem Bett. Also erzählte ich ihm vom kleinen Monster, das Angst hat, unter seinem Bett liege ein Mensch. Von da an konnte er wieder ruhig einschlafen.“
Das Jazzical „Der kleine Erdbär“ produzierten Sabine Bohlmann und Carolyn Breuer selbst im Studio, ein Produzent hatte sich einfach nicht finden lassen. Vielleicht ist die Musik doch ein wenig zu anspruchsvoll für ein breites Publikum. Sabine Bohlmann ließ sich nicht einschüchtern. Einen Versuch war die spannende Geschichte von dem kleinen Bären, der auf einem Erdballon davon fliegt und die unterschiedlichsten Bekanntschaften macht, auf jeden Fall wert. Andere anspruchsvolle Musik-Produktionen wie „Ritter Rost“ haben es nach anfänglichen Schwierigkeiten schließlich auch auf den Markt geschafft.
Die beiden „Monstrosia“-Bände richten sich an ein größeres Lesepublikum, an Erstleser zwischen sechs und neun Jahren. Insofern hat die Autorin vermutlich genau den richtigen Verlag gefunden. Denn der Baumhaus-Verlag hat mit beachtlichem Marketingerfolg „Die wilden Kerle“ und „Lauras Stern“ heraus gebracht. Ob auch Monstrosia, die witzige Geschichte einer Parallelwelt, in der es ein bisschen ähnlich und zugleich sehr anders zugeht als in der Menschenwelt, einmal verfilmt werden wird, ob es bald Monsteraufkleber gibt und Monsterfedermäppchen und Monstertattoos, das hängt vom Erfolg der Bücher ab – und von der Marketing-Maschine, die sie in Gang setzen kann. Einen Zeichentrickzeichner hat Sabine Bohlmann bereits dafür gewonnen, die giftgrünen Monster in Bewegung zu setzen. Aber sie wäre nicht die vielseitige Frau, die sie ist, wenn sie sich künftig darauf beschränken würde, Kinderbücher zu schreiben. Sie experimentiert weiterhin mit ihren Fähigkeiten. Kinder hat sie dabei immer im Blick.
„Angedacht ist auch, dass ich Parties organisiere. Ich mache das jedes Jahr für die dreihundert Kinder, die hier in der Borstei wohnen. Große Parties, mit Ritterburgen und Kostümen und Theaterstücken, die ich mit ein paar Kindern einstudiere, Gaukler habe ich da, Menschenpyramiden, wir studieren Tänze ein und Kämpfe, eine richtige Stuntshow in Zeitlupe. Das alles ist ehrenamtlich. Ich würde gern mehr daraus machen. Viele Kinderveranstaltungen sind so lieblos. Mir fehlt da das Herz. Bestimmt werde ich immer bei dem Kinderthema bleiben. Es ist einfach meins.“
Eine hohe, eher kindliche Stimme hat Sabine Bohlmann und eine mädchenhafte Statur, als sei sie nicht 38, nicht zweifache Mutter. Früher, als Kinder noch von Erwachsenen synchronisiert wurden, hat sie vielen Kindern ihre Stimme verliehen. Einer Frau mit so viel Vergnügen am Kindlichen, so viel Spaß am Spielerischen, lustigen Umgang mit Kindern, glaubt man sofort, dass das Kunststück gelingen kann: Die Karriere runterfahren, die Familie ins Zentrum rücken mit Freude. Ohne Missmut. Sich an und mit den Kindern entfalten.
„Meine Priorität ist die Familie. Das habe ich in Budapest entschieden, in der Stillzeit, als ich am Set war und mein Baby schrie und ich meinen Text plötzlich schneller gesprochen habe, um rasch bei ihm zu sein. Als ich das Baby an der Brust hatte, standen alle um mich herum und haben mich gedrängt, fertig zu werden. Dieser Preis war mir zu hoch. Die Karriere musste eben warten. Ich habe kapiert, dass Familie begrenzt ist auf ein paar Jahre. Dann brauchen einen die Kinder immer weniger. Ich möchte mir nie vorwerfen müssen, meinen Sohn und meine Tochter verpasst zu haben. Das ist was, sehr vielen Müttern fehlt: der Genuss an ihren Kindern. Das Einlassen. Auf das Abenteuer Kind. Natürlich habe ich nicht immer Zeit für meine Kinder. Dann verabrede ich mich halt mit ihnen für meinen nächsten freien Tag. Inzwischen sind sie so groß, dass ich manchmal einen Nachmittag für sie frei halte, sie aber schon verabredet sind mit Freunden. Dann bin ich es, die flexibel sein muss.“
Foto: Andreas Rümmelein
Erfindungsreichtum mag eine Frage der Kreativität sein, es ist auch eine Frage der Energie. Sabine Bohlmann setzt sich nicht hin, um zu erfinden. Sie erfindet wie nebenbei. Aus dem Schrank holt sie ein Heft, vollgekritzelt, manchmal nur Wörter, Mindmaps, wie sie kreativen Geistern, die das Gelistete, Geordnete nicht schätzen, empfohlen werden zur Selbstorganisation. Sie zeichnet, obwohl sie das Zeichnen nie gelernt hat, erfindet Geschichten, Figuren, Spiele, als wäre es das Einfachste von der Welt.
Foto: Andreas Rümmelein
„Ich habe lauter Listen. Ich glaube, ich bin mit Listen auf die Welt gekommen, Bücher und Blocks, in die ich eintrage, was mir einfällt. Das passiert einfach so, nebenbei und fällt mir ganz leicht. Ich schreibe auf, was die Kinder Lustiges gesagt haben oder was man unbedingt braucht für ein großes Piratenfest. Ich male Skizzen rein, Entwürfe für Basteleien und Feste und Bücher. Mangel an Ideen habe ich nie. Selbst auf die Zettel fürs Synchronsprechen mache ich kleine Skizzen. Mir fällt es nicht schwer, etwas zu erfinden, eher schon, Sachen zu streichen. Wenn ich ein Kinderfest plane zum Beispiel: Am liebsten würde ich dann alle Spiele spielen, nicht nur ein paar. Ich glaube, dass Schauspieler und Autoren etwas verbindet. Etwas Künstlerisches. Viele Schauspieler singen, malen oder schreiben. Es geht darum, sich in andere hinein zu versetzen. Das geschieht beim Schauspiel genauso wie in der Malerei. Wenn ich meinen Bären zeichne, versetze ich mich in ihn hinein, überlege, wie er sich fühlt, wie er aussieht, wenn er traurig ist. Beim Schreiben ist das genauso.“
Bei den Bohlmanns verläuft jeder Tag anders. Feste Arbeitszeiten hat Sabine Bohlmann nicht. Mal verbringt sie acht Stunden im Synchronstudio, spurtet anschließend zum Elternsprechtag in die Schule ihres Sohnes, flitzt nach Hause und setzt sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, noch an den Computer, um zu schreiben. Am nächsten Tag kann es sein, dass sie ein Lied aufnehmen muss für eine Puppenserie. Dann wieder sagt sie einen Synchrontermin ab, um weiter zu schreiben. Ohne Verzicht geht es nicht. Mitunter verzichtet sie auch auf Schlaf: Dann arbeitet sie nicht bis in die Puppen, sondern beginnt den Tag in aller Herrgottsfrühe, um beim Schreiben ihre Ruhe zu haben.
„Schlimm ist die Zeitmühle. Viele Termine in der Woche sind ein echter Spaßkiller. Mein Mann arbeitet auch freiberuflich. Und natürlich haben wir immer gleichzeitig viel zu tun. Und wenn einer mal nicht viel zu tun hat und der kommende Monat noch ganz leer aussieht und man sich fragt, ob überhaupt Geld reinkommen wird, muss man auch was tun, nämlich ankurbeln. Also sind wir eigentlich immer im Stress. Manchmal weiß ich nicht, was mein Mann anhatte, als er aus dem Haus gegangen ist. Weil wir uns gar nicht richtig angeschaut haben. Dabei ist es so wichtig, sich bewusst anzuschauen. Also versuchen wir, daran zu arbeiten. Wir sagen: Stopp! Und machen irgendetwas, was die Mühle anhält und das Leben ein bisschen verändert. Ich versuche, Zeit zum Innehalten einzubauen, Auszeiten. Zwei Wochen nicht fern gucken zum Beispiel. Dasitzen. Schauen, was man tun kann. Und siehe da: Auf einmal nutzt man die gewonnene Stunde, unterhält sich, spielt Lego im Kinderzimmer... Sehr oft überschreite ich aber doch meine Grenzen. Weil ich mit gleichzeitig viel zu viel auflade. Ich kann eben ganz schlecht nein sagen. Manchmal genieße ich dann überhaupt nicht mehr, was ich tue und würde am liebsten alles hinschmeißen. Aber wenn so ein Kinderfest aufgebaut ist und die Kinder kommen und ihre Augen leuchten, dann stehe ich da und denke: Es hat sich gelohnt.“
Und doch: Der Buchmarkt ist überschwemmt von Kinderbüchern, schier unschlagbare Klassiker konkurrieren mit Gegenwartsautoren wie Kirsten Boje oder Cornelia Funke, die Qualität liefern und keinen geringen Output haben. Erstlesebücher gibt es zu Hauf, sie genießen nicht den besten Ruf, sind häufig rasch gelesen und schnell vergessen. Schon möglich, dass dem grünen Bohlmannmonster nur eine Randexistenz vergönnt ist und nicht der erhoffte durchschlagende Erfolg. Für Sabine Bohlmann, ganz sensible Künstlerin, wäre es nicht einfach, auf die ersehnten Früchte, die lang vorbereitete gute Ernte verzichten zu müssen.
„Kritik ist nicht einfach auszuhalten. Sie kommt ja auch meistens dann, wenn man sie am schlechtesten verträgt. Wenn man ganz viel arbeitet und tausend Komplikationen auftreten, sagt einer: ‚Weißt du eigentlich, dass die Leute finden, ihr wollt euch nur produzieren und in den Mittelpunkt spielen?’ Ich kann mich da ganz schlecht abgrenzen. Ich weiß ja, dass es Macher gibt und Nichtmacher. Das ist völlig in Ordnung so. Ich gehöre zu den Machern. Wer als Macher in die Öffentlichkeit tritt, wird kritisiert. Einmal bin ich in ein Forum geraten zu einer japanischen Zeichentrickserie, die ich mit synchronisiert hatte. Einer fand die Stimme meiner Figur so furchtbar. Das trifft mich schon. Es wäre schön, wenn man sich über das Positive freuen und das Negative einfach so lassen könnte, wie es ist. Aber meistens ist es doch so, dass man zehn positive Kritiken bekommt und das toll findet, die elfte aber negativ ist und einen runter zieht. Trotzdem: Ich gehe nicht vom Schlimmsten, sondern vom Besten aus.“
Autorin: Monika Goetsch
Zur Person:
Sabine Bohlmann ist in München geboren und aufgewachsen. Nach ihrer Schauspielausbildung spielte sie mit in verschiedenen TV-Filmen und Serien wie „Pumuckl“, „Unser Charly“, „Der Alte“, „Ein Richter zum Küssen“. Von 1992 bis 2004 wurde sie einem breiten Publikum bekannt als Jenny in der ARD-Serie „Marienhof“. Außerdem ist sie seit 1985 als Synchronsprecherin tätig und leiht u.a. Lisa Simpson, Vanessa Paradies, Sailor Moon ihre Stimme. 1993 heiratete sie den Industriedesigner Andreas Rümmelein. 1995 kam ihr Sohn Jakob zur Welt, zwei Jahre später Tochter Paulina. 2004 erschien ihr Buch „Ein Löffelchen voll Zucker“ im vgs Verlag, im April 2007 ihre erste eigene Kinder CD, „Der kleine Erdbär“, produziert mit der Jazzsaxophonistin Carolyn Breuer. Im vgs Verlag folgte das Buch „Feiereien“. In Arbeit ist ihr erstes Kinderbuch „Monstrosia“, das im Herbst 2007 erscheint.
Tweet



