Ein Mädchen, das gern sehr schnell fährt

Jackie Weiss ist Deutschlands jüngste Formel-Rennfahrerin

Jackie Weiss hat ein klares Ziel: Sie will Formel-1-Pilotin werden. Und ist auf dem Weg in ein knallhartes Geschäft. Eine Begegnung mit einer ehrgeizigen jungen Sportlerin, die die Faszination für schnelle Autos nicht mehr loslässt.



Jackie Weiss, Deutschlands jüngste Formel-Rennfahrerin(aus: existenzielle 3/2008)

Man würde ja gern verstehen, wie das alles angefangen hat mit Jackie und den Autorennen, aber bei diesem Tempo fällt das Mithalten wirklich schwer. Wie bist du zum Rennsport gekommen, Jackie? „Mit 13 saß ich in Las Vegas zum ersten Mal in einem Kart, von da an hat es mich nicht mehr losgelassen.“ Warum denn ausgerechnet Las Vegas? „Das Klima war dort besser, in Florida war es uns zu feucht.“ Aber warum ausgerechnet Florida? „Vorher lebten wir in Spanien, da hat es meine Eltern in die USA gezogen, einfach so.“ 

Man braucht ein paar Minuten, um sich in dieses sprunghafte Leben hineinzudenken. Es ist ein atemloses Interview. Jackie freut sich über die Fragen, beantwortet sie lang. Das könnte ewig so weitergehen, Frage, Antwort, Frage, Antwort. Erst später fällt auf, dass sie das alles auch anders hätte erzählen können. Ernster und langsamer, womöglich: deutscher. Sie hätte sagen können, dass es nicht einfach ist, als halbe Amerikanerin in ein hessisches Kuhkaff zu ziehen, mit so einem Berufsziel. Oder dass es sich nicht immer leicht anfühlt zu wissen, dass ihretwegen die ganze Familie nach Deutschland zurückgekehrt ist. Aber sie sagt solche Dinge nicht. Es ist, als ob sie nur ihren Traum im Kopf hat: diesen einen, den sie träumt, seitdem sie ein kleines Mädchen ist. 

Jackie Weiss, 17 Jahre alt, geboren in Heilbronn und aufgewachsen in Valencia, Florida und Las Vegas, will Rennfahrerin werden. Es ist nicht der leichteste Weg, den sie sich da ausgesucht hat. Frauen im Rennanzug sind im großen und lauten Formel-1-Zirkus noch immer Exotinnen. Wenn sie dort auftauchen, dann bislang nur am Rand der Rennstrecken, zum Schildchen halten bei der Startaufstellung. Oder an der Seite ihrer Männer. Fünf Rennfahrerinnen haben es bislang in die Formel 1 geschafft. Nur fünf Prozent der Fahrerlizenzen im Deutschen Motorsport Bund sind in Frauenhand. Wer es in dieser Welt schafft, muss Mut mitbringen – und eine ganze Menge Geld. In keiner anderen Sportart ist man so sehr auf finanzkräftige Gönner angewiesen wie hier. Es gilt, sich selbst zur Marke zu machen. Jackie Weiss lässt sich davon nicht beeindrucken. Wer bremst, verliert und wer ein Manöver antäuscht, hat noch lange nicht das Rennen gewonnen.  

Jackie Weiss im Formel BMW Talent CupMan könnte denken, dass allein ihre Geschichte ausreicht, um eine attraktive Werbepartnerin zu sein. Wie Jackie mit 13 Jahren zum ersten Mal in einem Kart sitzt und nicht mehr aussteigen will. Wie der Kartlehrer in Las Vegas ihr einen giftgrünen, viel zu großen Rennanzug schenkt. Wie aus dem Mädchen Jacqueline Françoise Weiss die Pilotin „Jackie“ wurde. Und wie sich ihre ersten richtigen Auto-Rennen in Amerika fährt, als einziger Teenager unter lauter erwachsenen Männern. Es ist eine typische Rennfahrer-Karriere, die Jackie bislang durchlaufen hat, auch Formel-1-Stars wie Alain Prost, Ayrton Senna oder Michael Schumacher begannen ihre Laufbahn im Kart und infizierten sich sofort mit dem Rennfahrer-Virus. Wer damit infiziert ist, kann ohne den Geruch von verbranntem Gummi und das Heulen der Motoren nicht mehr leben. Dem ist die Rennbahn eine ganze Heimat. Nächtelang hat Jackie mit ihrem Vater in Las Vegas vor dem Fernseher verbracht, um die Rennen ihres Idols Michael Schumacher zu gucken. „Ich werde oft gefragt, ob ich als Kind nie mit Puppen gespielt habe“, sagt Jackie. „Natürlich habe ich das. Ich bin ein ganz normales Mädchen. Nur halt eines, das gern sehr schnell fährt.“  

Auf der Suche nach einem Sponsor, ist Jackie bislang nicht sehr glücklich gewesen. Das Wiener Verlagshaus, das ihr im vergangenen Jahr seine Unterstützung zugesagt hatte, sprang einfach ab. Ohne einen Grund zu nennen. Ein harter Schlag für ihre junge Karriere, denn mit einem starken Partner an der Seite hätte sie in der letzten Saison sogar in der Formel BMW Deutschland starten können, einer weltweit anerkannten Rennserie, in der auch die deutschen Piloten Nico Rosberg und Sebastian Vettel fuhren, bevor sie den Sprung in die Formel 1 schafften.
Die ist auch Jackies Fernziel, doch in dieser Saison muss sie sich mit dem BMW Talent Cup begnügen, eine Stufe tiefer. „Ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass die Sponsorensuche in Deutschland so schwierig ist“, sagt sie. „Aber bei mir vermutet man halt doch, dass ich mit Anfang 20 schwanger werde und eine Familie gründe, und dann hätte man natürlich umsonst in mich investiert.“ Jackie Weiss sagt das nicht vorwurfsvoll. Nur einfach wie jemand, der langsam begreift. Es ist eine Form der leisen Diskriminierung, die Sportlerinnen auf der ganzen Welt trifft, egal in welcher Disziplin.
Hinter der Zurückhaltung der Investoren steckt noch ein anderer Grund: Jackie steht ganz am Anfang einer Karriere, von der man nicht weiß, wie sie verlaufen wird. „Sponsoren möchten ihre Botschaften transportieren, sie möchten ihre Produkte mit bestimmten Eigenschaften verknüpfen“, sagt Sabine Kehm, langjährige Medienberaterin von Michael Schumacher. „Wenn die Kameras auf Jackie Weiss gerichtet sind, hat das momentan wohl eher damit zu tun, dass die Medien sie als ungewöhnliches Motiv sehen. Das allein reicht aber nicht. Als Sponsor möchte man schon wissen, wofür sie steht.“ 

Jackie Weiss, Foto: Christina Kalweit-StärzEtwa 100.000 Euro muss Jackie pro Saison für ihren großen Traum aufbringen. „Im Rennsport ist eine Menge Geld im Umlauf, hohe Summen sind die Normalität“, sagt René Hofmann, zuständig für den Bereich Motorsport im Sportressort der Süddeutschen Zeitung. „Frauen haben da grundsätzlich eine gute Chance, es gibt sie bislang eben nicht so häufig in diesem Sport.“
Es ist eine Chance und gleichzeitig ein Risiko, auf dieses Exotendasein zu bauen. Wer auf dem schmalen Grat wandert, muss eine gute Balance haben. Die amerikanische Rennfahrerin Danica Patrick, 26, hat sie. Seitdem sie vergangenen April als erste Frau ein Rennen der amerikanischen Rennserie IRL gewonnen hat, belächelt sie in den USA keiner mehr. Im aktuellen IRL-Jahrbuch zeigt sie deshalb viel Haut, für eine Bikini-Modestrecke der Zeitschrift Sports Illustrated posierte sie neben Heidi Klum. Sie bedient ein Klischee, aber sie tut es bewusst. „Jede Publicity ist gute Publicity“, sagt sie. Der konstante Erfolg gibt ihr Recht, sie hat sich durchgesetzt in der Männerwelt Motorsport. Anfangs sah das nicht so aus. Als Danica Patrick vor drei Jahren das älteste Rundstreckenrennen der Welt, die 500 Meilen von Indianapolis, anführte, fiel sie wenige Runden vor dem Ziel auf Platz vier zurück – ihr war das Benzin ausgegangen. Viele Sportjournalisten hielten das für eine sehr erzählenswerte Anekdote.
Auch in den kleinen Fernsehbeiträgen, die Jackie Weiss auf ihre Homepage gestellt hat, wird gern mit dem Frauen-und-Auto-Klischee gespielt, „Frau am Steuer, Ungeheuer“, sagt eine Moderatorin, will dabei ironisch klingen und lacht ziemlich hilflos in die Kamera. Eine vielsagende Szene. Jackie Weiss nimmt das Spiel mit den Rollen erst gar nicht an. Die plumpen Sprüche übergeht sie. Mit ihrer amerikanischen Coolness steht sie ohnehin über den Dingen. 

Autorin: Iris Hellmuth

Zur Person
Jackie Weiss
, Jg. 1991, ist Deutschlands jüngst Formel-Rennfahrerin. Ihr Ziel ist eine Profi-Karriere in der Formel 1. Jacqueline Francoise Weiss wurde in Deutschland geboren, wuchs in Las Vegas auf, Florida und Valencia auf. Heute lebt sie mit ihren Eltern und Geschwistern im hessischen Friedberg. Jackie Weiss machte 2006 in den USA ihren Highschool-Abschluss, sie arbeitet neben dem Rennsport als Redaktionsvolontärin beim "speed magazine", einem amerikanischen Rennsportmagazin, deren deutscheOnline-Redaktion von ihren Eltern geleitet wird. Elisabeth und Dieter Weiss, die in der PR-Branche zuhause sind, unterstützen ihre Tochter außerdem bei der Sponsorensuche und Vermarktung. In der aktuellen Saison (2008) fährt Jackie Weiss im BMW Talent Cup.








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