Von Köln in die ganze Welt
Nelly Kostadinova, Lingua World
Nelly Kostadinova erlebte so etwas wie eine „Tellerwäscher-Karriere". Als sie 1990 aus Sofia nach Deutschland kam, sprach sie kein Wort Deutsch, hatte 50 Mark dabei und einen Koffer.
Die Geschichte hat
sie schon oft erzählt. Wie sie als junge Bulgarin in Köln für die dortige
Polizei dolmetschen sollte. „Die war im Puff", sagten die Beamten über eine junge Frau und Nelly Kostadinova, die Dolmetscherin, musste
passen. Das Wort kannte sie nicht. „Ich war 34 Jahre alt und kam aus einer
anderen Welt. Ich wusste nicht, dass ein Mädchen aus meinem Land so etwas tut."
Wenn sie sich heute diese Szene in Erinnerung ruft, tut sie das lachend. Damals liefen ihr die Tränen über die Wangen, als alle Polizisten der Dienststelle zusammenliefen. „Das war ein persönlicher Durchbruch", sagte Nelly Kostadinova im Rückblick. „Dieser Auftrag hat mein Leben verändert." In Behördenkreisen galt sie seitdem als „die Dolmetscherin, die nicht weiß, was ein Puff ist", die Aufträge rollten ihr zu. „Ich verdiente richtig Geld", erinnert sie sich, „und da musste ich entscheiden, was ich sein will."
Nelly Kostadinova wurde Unternehmerin. 1997 gründet sie Lingua World, 2004 wird daraus eine GmbH. Mit 15 Büros, vier Millionen Euro Umsatz und 25 festen sowie mehreren Tausend freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählt Lingua World heute zu den größten Anbietern Deutschlands für Übersetzungs- und Dolmetschdienstleistungen.
Ursprünglich war sie nach Deutschland gekommen, um als Journalistin mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung darüber zu schreiben, wie eine Bulgarin Deutschland sieht. Sie erlebte einen warmherzigen Empfang, aber auch eine große Sprachlosigkeit. „Ich fühlte mich anfangs wie stumm", erinnert sie sich. Drei Monate nach ihrer Ankunft spricht sie Deutsch und es dauert nicht lang, da weiß sie, dass sie in Deutschland bleiben will.
Für die Übersetzung ihres bulgarischen Diploms in Slawistik muss sie damals 700 (geliehene) DM bezahlen. „Das Geld wollte ich zurückverdienen", sagt sie, die ihre damals 11 und 13 Jahre alten Kinder bei ihrem Ex-Mann in Sofia zurückließ, um in Deutschland eine neue Zukunft aufzubauen. Sie versucht es zunächst mit journalistischer Arbeit, für deutsche Medien schreibt sie über Bulgarien, für bulgarische über Deutschland, daneben verdient sie mit Honoraraufträgen und Vorträgen Geld. „Ich war eine der ersten Bulgarinnen, die sich in diesem Bereich in Deutschland durchzuschlagen versuchten."
Als sie dann parallel anfängt zu dolmetschen, spürt sie bald: „Ich muss mich finden, ich verliere meine Identität." Sie, die immer gedacht hatte, dass sie schreibend alt wird, „wie Agatha Christie", entscheidet sich für einen neuen Weg. Als freie Dolmetscherin hatte sie erlebt, dass manche ihrer Kollegen viele, andere wiederum wenige Aufträge haben. Sie entscheidet sich - im besten Sinne - sich mit einem Büro „dazwischenzustellen". Ein Vorhaben, das sie direkt groß angeht.
180 Sprachen bietet Nelly Kostadinova schon damals an, selbst spricht sie neben Deutsch
„nur" Bulgarisch, Serbokraotisch und Russisch. Ihr erstes Büro in Köln
bewirbt sie mit einer 20.000 Mark teuren Anzeige im Telefonbuch. Als sie ihre
erste Mitarbeiterin einstellt, spürt sie, dass es ein gutes Gefühl ist, nicht
mehr allein zu arbeiten, keine Einzelkämpferin mehr zu sein.
Wenn man sie heute fragt, wie das Wachstum ihres Unternehmens möglich war, dann ist es auch diese Verantwortung für ein Team, die sie motiviert. „Dass ich für jemanden sorgen kann, darauf bin ich stolz", sagt sie, „durch meine Ideen ernähren sie ihre Familien." Ihr Ziel ist es, mehr Transparenz in die Übersetzungbranche zu bringen, darum haben ihre Büros große Schaufenster und darum macht sie mit den Gesichtern der Leute, die für Lingua World arbeiten, Werbung - bereits in den ersten Jahren großformatig auf den Kölner Straßenbahnen.
Von Anfang an agiert die Unternehmerin offensiv. Nelly Kostadinova mietet 200 Quadratmeter große Räume, obwohl sie erst zwei Mitarbeiterinnen beschäftigt, schafft es aber, diese innerhalb kurzer Zeit als Konferenzräume inklusive Dolmetscher zu vermarkten. Ihre erste Filiale eröffnet sie 2001 und stellt nach den folgenden fünf Büros fest, dass diese Art zu wachsen eine teure Angelegenheit ist.
Sie entdeckt das Prinzip Franchising und beginnt 2006 damit, ihr Konzept Partnern zu verkaufen. Längst hat sie ihre Kinder zu sich geholt, längst ist sie angekommen in Deutschland. „Ich habe den Sprung nach Köln gemacht", sagt sie, „und von Köln in die ganze Welt. Das hat mir Deutschland gegeben." Sprache ist wichtig, das hat sie selbst erlebt und das gibt sie auch in sozialen Projekten, für die sie sich engagiert weiter. Lingua World unterstützt Kinder im Kölner Stadtteil-Chorweiler in der Übermittagbetreuuung, mit Fahrten und mit Sprachkursen. „Wer nicht die Sprache des Landes spricht, in dem er lebt, wird immer benachteiligt bleiben."
Lingua World bietet heute einen 24-Stunden-Service für alle Branchen. Das weltweite Netz an freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern garantiert Übersetzungen innerhalb weniger Stunden, in alle Sprachen der Welt - von Albanisch bis Zulu.
„Ich verhalte mich
nicht wie eine Übersetzerin auf dem Markt", sagt Nelly Kostadinova, „sondern
wie eine Unternehmerin." Und da sie zurzeit beobachtet, dass das
Wachstumspotenzial in ihrer Branche durch den starken Internetmarkt begrenzt
ist, weitet sie das Portfolio in eine andere Richtung aus. Die internationale PR, unterstützt von
Muttersprachlern, will sie schrittweise in das Dienstleistungsangebot der
Lingua World aufnehmen. Damit schlägt sie zugleich einen Bogen zu ihrer ersten
Berufstätigkeit, dem Journalismus.
Zukunftspläne - und Träume hat sie immer noch. „Mein Traum ist eine
Schule für die Ausbildung von Übersetzern in Kenia."
Autorin: Andrea Blome
existenzielle 5/2010



