Die Liebe zu den „Pötten“

Die Keramikerin Hedwig Bollhagen

Gebrauchskeramik im Stil des Bauhauses, einfache klare Formen - damit wurde Hedwig Bollhagen zur bekanntesten Keramikerin des Landes. Nördlich von Berlin, in Marwitz, hatte sie ihre künstlerische Heimat.



Hedwig Bollhagen / copyright: HB Werkstätten für Keramik Marwitz(aus: existenzielle 4/2005)

Das blauweißgestreifte Service ist Legende, so wie seine Schöpferin auch. Die Keramik von Hedwig Bollhagen steht in Galerien und Museen, wird im Berliner KdW genauso verkauft wie in einfachen Blumenläden. Ihre Werkstatt in Marwitz produziert vier Jahre nach ihrem Tod weiter die bekannten, meist pastellfarben, geometrisch gemusterten Geschirrstücke.

Nördlich von Berlin fand die 1907 geborene Hannoveranerin Anfang der 30er Jahre den Ort ihres lebenslangen Wirkens. Beide Eltern stammten aus Kaufmannsfamilien. Die Mutter lenkte das Interesse der Tochter früh auf moderne Kunst. Andererseits begann ihre Liebe zu den „Pötten“, die sie auf einem Bauernmarkt sah. Eine Freundin der Familie führte sie und andere Kinder in den Ferien an das Töpfern heran. Nach dem Schulabschluss 1924 musste sie feststellen, dass sie als Frau nicht so einfach in die Branche hineinkommen würde. In einer kleinen hessischen Dorftöpferei konnte sie einige Monate lernen und mitarbeiten. Später, ab 1925, besuchte sie fünf Semester die Fachhochschule Höhr-Grenzenhausen – bis heute ist der Ort im Westerwald mit verschiedenen Ausbildungs- und Forschungsstätten der Keramikstandort Deutschlands.

Schon zu Beginn der 20er Jahre kam Hedwig Bollhagen in Kontakt mit Vertretern des Bauhauses, das neben anderen reformerischen Einflüssen ihre Formensprache prägte. Ihre „Wanderjahre“ verbrachte sie unter anderem in Velten-Vordamm bei Berlin, wohin sie 1927 zur Mitarbeit eingeladen worden war. Mit noch nicht einmal 20 Jahren war sie dort Leiterin der mehr als hundert „Malmädchen“. Mit dieser Aufgabe konnte sie sich nicht nur künstlerisch weiter erproben, sondern sie eignete sich auch organisatorische Fähigkeiten an. Hier wuchs ihr Interesse am gesamten Produktionsprozess und dessen Organisation. Ende der 20er genoss sie auch das kulturelle Leben in Berlin, besuchte Cafés, Konzerte und Galerien. Sie konnte an den Vormittagen im Zoo zeichnen, um dann in Velten manche Nacht in der Werkstatt durchzuarbeiten.

Bald erkannte Hedwig Bollhagen, dass unter den damaligen schlechten Wirtschaftsbedingungen künstlerische Einzelstücke nur schwer zu verkaufen sein würden. Sie entschied sich deshalb, einfaches Geschirr herzustellen, erschwinglich für alle. Serienmäßig hergestellte, preiswerte und formschöne Gebrauchskeramik – das was ihre Vorstellung, an der sie fortan festhielt.
Die junge Frau erwarb eine der in den 20er Jahren Bankrott gegangenen Werkstätten bei Berlin. Besser: Sie fand mit Dr. Heinrich Schild den Helfer, der den juristischen und finanziellen Teil in die Hände nahm. Am 1. Mai 1934 begann in Marwitz die Produktion mit etwa 35 Mitarbeitern, die sie bis heute respekt- und liebevoll HB nennen. Die Verbindungen von Schild sicherten während der Kriegsjahre das Bestehen und damit Aufträge. Doch auch ihre Arbeiter wurden an die Front geholt, der Absatz ging zurück. Den Vereinnahmungsversuchen der Nazis widerstand HB und blieb eigenen Gestaltungsansprüchen treu.

Auch gab es den Freund, ihr „künstlerisches Gegenüber“, den Maler und Keramiker Charles Crodel. Die Nazis hatten ihn als Schöpfer „entarteter Kunst“ von der Hochschule Giebichenstein in Halle vertrieben. In Marwitz konnte er im Bereich der angewandten Künste weiter schöpferisch tätig sein. Gemeinsam erprobten sie neue Techniken, seine Produktivität beflügelte sie. Crodel schuf seine Einzelstücke oft auf Formen, die HB zuvor entworfen hatte. Mit ihm verband Hedwig Bollhagen die wohl wichtigste Freundschaft ihres Lebens.
1946 verließ sie der bisherige Geschäftsführer gen Westen. HB sah sich nun immensen Problemen gegenüber: Es fehlte an Brennstoff und Material. Bis 1972 führte sie die Werkstätten allein, als privates Unternehmen. Sie verbrauchte in dieser Zeit ihre Lebensversicherung, um Löhne auszuzahlen. Hedwig Bollhagens Nachfolgerin als künstlerische Leiterin der Werkstatt, Heidi Manthey, meint zu dieser Zeit: „Das Geschäft hinkte.“ Andererseits wurde HB schnell zur bekanntesten Keramikerin des Landes, die in den 50er Jahren auch in Westeuropa ausstellte und ausgezeichnet wurde. Inzwischen gehörte auch die Denkmalpflege zum Angebot: von der Restaurierung des Klosters Chorin über das Rote Rathaus in Berlin bis hin zur Fassade des Anhalterbahnhofs reichten die Aufträge.

Mit dem Mauerbau 1961 begann eine Differenzierung der Keramik: Während in Westdeutschland Einzelstücke eine immer größere Rolle spielten, Funktionalität fast völlig in den Hintergrund trat, stellten Betriebe in der DDR weiter Tongefäße, Steingut oder Fayencen her. Gerade das Geschirr aus Marwitz wurde bald zur so genannten Bückware, an die nur mit guten Beziehungen zu kommen war.
Mit der Verstaatlichung 1972 hätte HB eigentlich in Rente gehen können, aber sie arbeitete weiter. Es folgte ein vierjähriges Intermezzo der Zugehörigkeit zu einem Rheinsberger Hersteller. Das hieß zum Beispiel: Wochenlang nur Deckel herzustellen. Oder die Produktion in Tonnen abrechnen zu müssen, im Vergleich mit dem schweren Steingut aus Rheinsberg. 1976 wurden die Werkstätten Teil des Staatlichen Kunsthandels der DDR. Der wirtschaftliche Druck ließ nach, die gestalterische Freiheit war relativ groß. Überdies konnten zwei neue Öfen in Betrieb genommen werden. Heidi Manthey: „Das Geschäft hinkte jetzt besser.“ Probleme gab es immer wieder: Aus Tschechien erhielt man zwar Ton, aber nicht die erste Qualität, die ging in den Westen. Der dienstälteste Mitarbeiter, der gelernte Töpfer Günter Sens, heute 62, schätzte an seiner Chefin, dass sie in allen Fragen ansprechbar war. Auch an zwischenzeitlich eingesetzten Abteilungsleitern vorbei konnte nicht nur direkt mit ihr geredet, sondern auch gestritten werden.
Heidi Manthey erinnert sich an die Betriebsfeste als „die schönsten Feste, die ich je erlebt habe“. Den Mitarbeitern brachte HB von ihren Westreisen HB-Zigaretten zu Weihnachten mit, oder auch gutes Werkzeug. Ein Pfefferkuchenhaus nach HB-Schnittmuster gehörte zum Weihnachtsfest.

1990 waren die Werkstätten Betriebsteil der Art Union GmbH, dem Nachfolger des DDR-Kunsthandels. Die Treuhandgesellschaft zahlte zwar die Löhne weiter – sonst aber nichts. Verschiedene „Freier“, so HB, standen vor der Tür, die wenigsten sagten ihr zu. Besonders schwer fiel es ihr, immer mehr Mitarbeiter entlassen zu müssen. Heute arbeiten noch 26 Frauen und Männer in Marwitz.
1992 gelang dann mit Wolfgang Scholz als Geschäftsführer die Reprivatisierung und Hedwig Bollhagen wurde mit 85 Jahren die wohl älteste Unternehmerin Deutschlands. In einem Jahr wurde der Umsatz wieder verdoppelt. Teller und Tassen fanden ihren Platz auch im anspruchsvollen Manufactum-Katalog. Günter Sens bekennt allerdings, dass er sich die eigenen Produkte heute nicht mehr leisten kann.

Der tägliche Rundgang durch den Betrieb, 6.15 Uhr bei Arbeitsbeginn, gehörte bis in die letzten Jahre zur Normalität der HB in Marwitz. „Wenn wir spät abends vom Tanz kamen“, so Sens, „brannte bei ihr immer noch Licht in der Werkstatt.“ In der Regel trug sie extra geschneiderte, hellblau karierte langärmlige einfache Kittel mit extra großen Taschen. Seit den 30er Jahren das Haar im Nacken zum strengen Knoten gebunden, so kannten sie ihre Mitarbeiter. Ende der 90er Jahre musste sie kürzer treten: Mehrere Knochenbrüche machten ihr zu schaffen, die Sehkraft ließ nach. Auch als sie 2001 bereits bettlägerig war, versuchte sie immer noch, neue Dekors zu entwerfen und die Ausführung zu betreuen. Am 8. Juni 2001 verstarb Hedwig Bollhagen in Marwitz.

Autorin: Ulrike Henning








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