„Es gibt nichts Köstlicheres ..."

Charlotte Meentzen, Pionierin der Naturkosmetik

In einer Zeit, in der Kernseife für die meisten Frauen der Höhepunkt ihrer Gesichtspflege war, überzeugte Charlotte Meentzen sie von ihrer Heilkräuterkosmetik. Und begründete die einzige ostdeutsche Kosmetikfirma, die die DDR-Zeit überlebt hat.



(aus: existenzielle 1/2006)

Die Prager Straße in Dresden war eine der exklusivsten Adressen der Weimarer Republik. Entstanden nach dem Neubau des Dresdner Hauptbahnhofes 1851 als direkte Verbindung zwischen Bahnhof und Altstadt zog sie schon bald mondäne Kaufhäuser, exklusive Cafés und die ersten Lichtspielhäuser an. In dieses erlesene Umfeld wagte sich Charlotte Meentzen, als sie 1930 in der Prager Straße 24 ihr „Institut für natürliche Kosmetik“ eröffnet – im Alter von gerade mal 26 Jahren. Diese Firmengründung war nicht nur ein unternehmerisches Wagnis in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Unruhen und geringer Kaufkraft. Charlotte Meentzen betrat damit außerdem ein Betätigungsfeld, das noch auf dem Wege war, seine Anrüchigkeit abzulegen, und sie tat es auf höchst unkonventionelle Art und Weise.

„Nur dann, wenn wir natürlich leben und die innere Beziehung zur Natur wieder finden, können die Wirkstoffe der Pflanzen Heilung bringen. Wir Menschen des 20. Jahrhunderts vermeinten ja, die letzten schöpferischen Geheimnisse durch chemische Formeln enträtseln und nachbilden zu können, vergaßen dabei aber, dass in allem Lebendigen ein Stück Unerforschliches ist, das man nur gläubig erfühlen, aber niemals verstandesmäßig erfassen und noch weniger künstlich nachbilden kann“, beschreibt die gelernte Heilpraktikerin im Vorwort zu ihrem Buch „Heilkräuter im Dienste der Schönheit. Ein Ratgeber für natürliche Schönheitspflege“. Schon als Kind hatte Charlotte durch ihre Mutter, die ihr breites überliefertes Wissen an sie weitergab, von Heilkräutern erfahren. Dass sie in der technikbegeisterten Zeit der Nachgründerjahre daran festhielt, war ungewöhnlich genug, dass sie dieses Wissen jedoch in den Dienst der Schönheit stellte, war etwas unerhört Neues. Zwar galt Dresden neben seinem Ruf als mondäne Weltstadt auch als einer der Sammelpunkte für junge Menschen, die angeregt von der Wandervogelbewegung alternative Lebensformen suchten – die Kosmetik lag ihnen dabei jedoch sicherlich am wenigsten am Herzen, galt Schminken doch an sich als unnatürlich. Charlotte Meentzen brachte diese Gegensätze durch ihre feste Überzeugung, dass Gesundheits- und Schönheitspflege nicht voneinander zu trennen und die Kräfte der Natur unübertroffen waren, zusammen.

Dabei begnügte sich die energische junge Frau keineswegs mit der Behandlung von Kundinnen in ihrem Institut. Noch im gleichen Jahr gründete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Gertrude Seltmann-Meentzen eine Produktionsfirma für Naturkosmetika sowie eine Schule für natürliche Kosmetik. In sechsmonatigen Kursen konnte man sich hier unter der Anleitung von Ärzten, Chemikern und Hygienikern zur Kosmetikerin ausbilden lassen. Dieser Beruf steckte noch in den Kinderschuhen. Erst in den „ roaring twenties“, den Goldenen Zwanzigern war die Verwendung von Kosmetik salonfähig geworden – im wahrsten Sinne des Wortes: Schönheitssalons waren wie Pilze aus dem Boden gesprossen. Der zunächst noch als ein wenig anrüchig geltende Beruf der Kosmetikerin wurde seriös – nicht zuletzt durch Kosmetikschulen wie die der Geschwister Meentzen, die zu einer der ersten staatlich anerkannten Ausbildungsstätten wurde.

„Es gibt nichts Köstlicheres als das, was die Natur uns bietet“, war das Credo Charlotte Meentzens. Ihre Kosmetikprodukte bestanden aus mildesten Pflanzenölen, reinem Bienenwachs und balsamischen und ätherischen Stoffen von Sträuchern, Kräutern und Pflanzen und werden in einem Prospekt aus den dreißiger Jahren so liebevoll beschrieben, dass die Hautzellen sich schon beim Lesen regenerieren. Da gibt es die Orangenmilch, die nach einem altrömischen Rezept aus in Honig mazerierten Orangen und mildem Wachs besteht oder Fenchelcreme, Lindenblütenwasser, Citronencreme. Zur Produktpalette gehörten aber nicht nur Pflegeserien sondern auch Schminkutensilien wie das „Wangenrot, eine zartfärbende Hautsalbe aus Honigwachs und farbigen Edelfruchtölen. Daher vollkommen natürlich und unschädlich - lässt sich von echter Gesichtsfärbung nicht unterscheiden“ und „Blütenstaubpuder: der Inbegriff der Natürlichkeit, er bedeckt als völlig unsichtbarer Hauch das Gesicht, ohne die so wichtige Hautatmung zu behindern. Zur Herstellung dieses handgesiebten Puders verwendet Charlotte Meentzen reinen Blütenstaub in Verbindung mit anderen wertvollen Ingredienzien.“
In einer Zeit, in der Kernseife für die meisten Frauen der Höhepunkt ihrer Gesichtspflege war und Schminken als „undeutsch“ galt, gelang es Charlotte Meentzen immer mehr Verbraucherinnen von ihrer Heilkräuterkosmetik zu überzeugen. Schon bald eröffneten Ableger des Instituts für natürliche Kosmetik in Berlin und Chemnitz.

Charlotte Meentzen selbst, die so sehr auf die Kraft der Natur vertraut hatte, starb bei einem der natürlichsten Vorgänge der Welt: der Geburt ihres ersten Kindes, des Sohnes Sigismund. 1940 musste daher ihre Schwester Gertrud die Geschäftsführung plötzlich alleine übernehmen. Hatte sie bis dahin eher als rechnender Kopf hinter der visionären und wagemutigen Charlotte gegolten, musste die verwitwete Mutter zweier Kinder die Firma nun völlig allein leiten und zudem noch durch die schwierigen Kriegsjahre lotsen.
Von der Zerstörung Dresdens 1945 blieb auch die Prager Straße nicht verschont. Die einzige Prachtstraße wurde dem Erdboden gleichgemacht, mit ihr die Firma Charlotte Meentzen: Produktion, Schule und Institut für natürliche Kosmetik. Den Wiederaufbau wagte Gertrud Seltmann-Meentzen in der Wiener Straße. Wie schon in den Jahren nach der „ersten“ Gründung legte sie großen Wert auf die Kombination von Schulung und Produktion, was sich schnell bezahlt machte, weil viele der Kosmetikerinnen, die mit Produkten aus dem Hause Charlotte Meentzen gelernt hatten, diesen ein Leben lang die Treue hielten und der Kundenkreis sich schnell in alle Gebiete der damaligen DDR erweiterte. 1972 wurde das Unternehmen verstaatlicht und in den VEB Kräutervital-Kosmetik Dresden umbenannt, die Mitglieder der Unternehmerfamilie staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Trotzdem gelang es immer wenigstens einem Familienmitglied, im Unternehmen zu arbeiten. Von Vorteil erwies sich auch, dass die Immobilie in Familienbesitz blieb. So gelang es Charlotte Meentzens Sohn Sigismund, Geert-Dietrich Seltmann, einem Sohn Gertruds und ihrem Enkel Alexander Gerry Badze das Unternehmen 1991 wieder zu übernehmen. Gut sechzig Jahre nachdem sie sich selbstständig gemacht hatte und fünfzig Jahre nach ihrem Tod wurde „Charlotte Meentzen“ wieder zu einem Markenzeichen. Zum Teil nach ihren Originalrezepten produzieren heute 40 Mitarbeiter auf 3000 Quadratmetern über hundert Produkte, die in zwölf Ländern vertrieben werden. Damit ist „Charlotte Meentzen“ die einzige ostdeutsche Kosmetikfirma, die die DDR-Zeit überlebt hat. Nicht nur die DDR-Zeit. Überzeugung trägt.

Autorin: Ruth Damwerth








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