„Die ehrbare Frau Uthmännin“
Barbara Uthmann, Montanunternehmerin und "Erfinderin des Klöppelns"
Barbara Uthmann war die bedeutendste Unternehmerin des 16. Jahrhunderts. Sie ging vor allem als „Erfinderin des Klöppelns“ in die Geschichte ein, dabei begann ihre berufliche Karriere als Montanunternehmerin.
(aus: existenzielle 4/2007)
So hoch wollte Barbara Uthmann wahrscheinlich nicht hinaus: Mit einer Geschwindigkeit von 22 km/s bewegt sie sich auf einer Bahn um die Sonne, 225 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Am 1. Februar 1998 wurde in der Volkssternwarte Drebach mit einem Spiegelteleskop ein unbekannter Kleinplanet mit einem Durchmesser von 10 km entdeckt, den man Uthmann nannte. Begeben wir uns mit dem Kleinplaneten auf seiner Umlaufbahn zwischen Mars und Jupiter auf eine Zeitreise und fliegen knapp fünf Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit. Dort lernen wir im Miriquidi, im „großen Wald“ des heutigen Erzgebirges, die größte Unternehmerin des 16. Jahrhunderts, die Namenspatronin unseres Planeten 31231 kennen: Barbara Uthmann. All das was unser Frauenbild heute mitbestimmt – unternehmerisches Engagement, Selbstständigkeit und emanzipatorisches Denken – verkörperte Barbara Uthmann in einer Zeit, in der Geschlechterrolle und gesellschaftlicher Stand prägend waren.
Barbara Uthmann zählte zur Patrizierschicht, dem Ritterstand ähnlich die „oberen Zehntausend“ der Stadtbevölkerung. Auch wenn die Familie nicht adelig war, so galt ihr Vater dennoch als einer der reichsten und einflussreichsten Männer des Städtchens Annaberg, das nach Silber- und Erzfunden binnen weniger Jahre zu den größten Städten des Erzgebirges herangewachsen war. Als dem Bergherrn Heinrich von Elterlein und seiner Frau Ottilie 1514 als viertes von neun Kindern ein Mädchen geboren wurde und sie es in Anlehnung an die Schutzpatronin der Bergleute Barbara tauften, ahnten sie nicht, wie sehr die Tochter ihrem Namen Ehre machen würde. Natürlich war ihr Vater der Meinung, dass sich seine Tochter gemäß den ethischen Familienprinzipien und patriarchalischen Rollenstrukturen der Renaissance verhalten würde. So heiratete das Mädchen im Alter von nur fünfzehn Jahren ganz standesgemäß - um den Wohlstand der Familie zu erhalten - den sieben Jahre älteren, aus Löwenberg in Schlesien zugezogenen Christoph Uthmann, der neben Erz- und Kupfergruben in der Annaberger Gegend ein sehr einträgliches Privileg des Herzogs besaß: Er hatte das Monopol auf den Einkauf von Kupfer in den umliegenden Gruben. Als wirtschaftlich bedeutsamster Besitz erwies sich die 1550 erworbene Saigerhütte in Grünthal bei Olbernhau. Diese besaß das Monopol der Kupferverhüttung in Sachsen. Barbara interessierte sich von Anfang an für die Geschäfte ihres Mannes und stand ihm zur Seite wann immer es erforderlich war. Gänzlich ungewöhnlich für diese Zeit hatte Barbara die gleiche Ausbildung wie ihre Brüder erhalten, da sie sich schon frühzeitig durch Wissbegierde und Durchsetzungsvermögen auszeichnete. So bekam sie die Gelegenheit, die Rechenschule des später zu Weltruhm gelangenden Adam Ries besuchen, der ebenfalls in Annaberg lebte.
Im Alter von nur 39 Jahren wurde Barbara Uthmann, die mittlerweile zwölf Kinder zur Welt gebracht hatte, Witwe. Obwohl sie als Frau nur vermindert rechtsfähig war und auch als Witwe der Munt, also der personenrechtlichen Herrschaftsgewalt eines Mannes, unterstand, setzte sie durch, die bergmännischen Unternehmen ihres Mannes selbstständig weiterzuführen. Gemeinsam mit ihren Söhnen Hans, Heinrich und Paul betrieb Barbara Uthmann die sehr gewinnbringende Saigerhütte weiter und investierte große Summen. Das ihrem verstorbenen Mann zugesicherte Kupfermonopol wurde vom Kurfürsten August I. mehrfach verlängert, „weil sie (die Uthmännin) diesen Handel allbereit dermaßen geschickt“ anstellte, „daß sie denselben bestellen könnte“, wie der Kurfürst in einem Dekret verlauten ließ. Die Hütte florierte, rief aber den Unmut der Gewerker hervor, die sich über die Preise und das Geschäftsgebaren der Uthmännin beim Kurfürsten beschwerten. Ein Erlass des Herzogs sollte der Preispolitik der Unternehmerin Einhalt gebieten. Nach zwölf Jahren lehnte August die erneute Verlängerung des Privilegs ab, weil ihm der Gewinn der Saigerhütte und das „Regiment“ der Patrizierfrau ein Dorn im Auge waren. Zudem war die Lobby der männlichen Montanunternehmer zu groß. Per Erlass wurde Barbara Uthmann die Rohstoffgrundlage entzogen und der Verkauf zu einem Preis erzwungen, der weit unter dem Schätzwert des Anwesens lag. Dennoch konstatierte der Chronist Reinhart Unger: „Wie Barbara mit ihren Kindern das Schmelzwesen mit hohen Fertigkeiten gefördert und wie sie ihre Geschäftsinteressen auch dem Landesherrn gegenüber verfochten hat, nötigen uns auch heute noch Achtung ab.“
Doch Barbara Uthmann gab nicht auf: Da ihre Heimatstadt Annaberg eine blühende Stadt war, wuchs mit dem Wohlstand auch das Bedürfnis nach schöner Kleidung und Luxus. Die Unternehmerin sah die neuen Erwerbsmöglichkeiten und baute als erste eine umfangreiche Verlagsproduktion von Borten auf. So ging Barbara Uthmann in die Geschichte ein, als vermeintliche „Erfinderin des Klöppelns und als Wohltäterin der Armen“. 1561 beschäftigte sie 900 Frauen und Mädchen und sicherte die Existenz vieler Familien.
Zehn Jahre florierte der Handel, doch dann musste die „Uthmännin“ aufgrund gesunkener Nachfrage des Luxusartikels viele Frauen entlassen. Aus einem Schreiben Annaberger Bürgerinnen von 1571 geht hervor, „daß E. E. R. eigentlichen vnd warhafftig berichtt sein, das die Erbare Frau Vtmanin allein in neunhundert Personen Borttenwirckerin gefürddert. Volgend hat es ymer abgenommen biß es lezlich auf 8, 7, 5, 4 vnd drey hundert vnd noch weniger worden, biß es entlichen dohin gedien, das sie gar dauon ablasen musen. Welches solchen armen personen die also gefürddertt worden sind, gar ein groser vnd vnuerwindlicher nachtheil worden ist.“
Der Annaberger Chronist Stübel hielt im Jahr 1575 in den Annalen der Erzgebirgs-Stadt eine der wenigen direkten Überlieferungen über Barbara Uthmann fest: "Den 15. Januar starb Frau Barbara, Christoph Uthmanns Wittib, eine Tochter Heinrich von Elterleins, ein reiches Weib vom Bergwerck, glückliche Bortenhändlerin und Wohltäterin des Armuths, eine Mutter 64 Kinder und Kindeskinder.“
Seit ihrem Tod ranken sich Sagen und Legenden um die Geschichte der ersten Montanunternehmerin. In ihrer Heimatstadt Annaberg ist das Andenken an die „Heroin der Renaissance“ wie sie in der Literatur gerne betitelt wird, für jedermann sichtbar. Nachdem eine öffentliche Ehrung für Barbara Uthmann aufgrund ihres „kapitalistischen“ Hintergrundes zu Zeiten der DDR undenkbar war, wurde vor neun Jahren das ursprüngliche Denkmal der Uthmann-Brunnen aus dem 19. Jahrhundert rekonstruiert und ziert seitdem den Marktplatz der Stadt.
Autorin: Anke Troschke
Tweet



