„Wenn die Damen pfeifen, gehen die Grazien flöten“
Harfenmädchen, die Musikantinnen aus Böhmen
Anfang des 18. Jahrhunderts zogen Frauen aus der Region Preßnitz als Wandermusikerinnen in die Welt. Sie durchbrachen Rollenbilder, brachten fremde Sprachen, die neueste Mode und den Bubikopf mit ins Erzgebirge. Sie lebten von und mit Vorurteilen und so manche zerbrach daran.
Archiv Prof. Dr. Sabine Giesbrecht, www.bildpostkarten.uni-osnabrueck.de
(aus: existenzielle 4/2008)
Zypressenduft liegt über den Gräbern in Piräus. Spatzen hocken im Schatten der weißen Steinkreuze. Auf einigen Steinplatten liegen Blumen, brennen Kerzen für die Verstorbenen. Am Grab von Martha Hirsch allerdings steht nur noch dürres Gras, hat die salzige Mittelmeerluft die Kerzenhalterung zerfressen.
Die böhmisch-deutsche Musikantin hatte es vor mehr als 90 Jahren nach Griechenland verschlagen. Nur noch einmal reiste sie die knapp 1.700 Kilometer ins karge Erzgebirge zurück: Mit zwei bildhübschen Jungen an der Hand, vornehm gekleidet und mit einem Fabrikanten verheiratet, wie man sich in ihrer einstigen Heimat im Kreis Preßnitz erzählte.
Die Böhmen wären unter allen Nationen in Deutschland, ja vielleicht in ganz Europa die musikalischsten, schrieb 1772 ein Engländer. Schon damals zogen Wandermusiker als „Schaller“ oder „Fatzer“ durch die Lande, und spielten als Straßenmusiker auf. Oder gingen als Kurkapelle in die böhmischen Badeorte Karlsbad, Franzensbad und Marienbad – dort allerdings mit teils zweifelhaften Erfolg: So klagte ein Kurgast Anfang des 19. Jahrhunderts über die „verzerrteste und heilloseste Weise“ , mit der „elende Tanzstücke, Walzer und dergleichen Zeugs“ die Ohren der Kurgäste zerreiße. Möglicherweise entsprach der Stil nicht ganz dem des Herren. Vielleicht hatte er aber auch Pech: Denn die Musikanten lernten ihr Instrument nach Gehör, in den Kapellen, auf Wanderschaft. So lernte auch die junge Anna Maria Görner im ausklingenden 18. Jahrhundert das Harfenspiel.
Als durch die Napoleonischen Kriege die Not im Gebirge immer größer wurde, nahm sie ihr Glück in die Hand. Packte ihre Hakenharfe auf den Rücken und wanderte die Passstraße entlang durch dunkle feuchtkalte Fichtenwälder nach Leipzig. Sie war gut, ihr Aufenthalt in der Messestadt lukrativ und viele Preßnitzerinnen folgten ihr.
Als Anna 1806 längst verschollen war, trieb die Not nach dem großen Brand 1811 die Kapellen und Musikantinnen in die Welt. 1834 waren schon 16 Harfenmädchen aus Preßnitz und Umgebung auf Tour, hinzu kamen zahlreiche Damen- und gemischte Kapellen. 1860 hatten 168 Gruppen im Bezirk Preßnitz die Erlaubnis, in Österreich, der Moldau und der Wallachei, in der Türkei, Italien und Russland zu spielen. Weitere 87 Gruppen wanderten mit Harfen, Geigen und Flöten durch Deutschland, Dänemark und Schweden.
Die Preßnitzer spielten vor Kaiser Franz II. von Österreich, vor Zar Alexander I. und Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Sie traten in den Konzertsälen großer Häuser auf, wie dem Shepard-Hotel in Kairo, vor den Ingenieuren des Suez-Kanals in Port Said, auf Decks von Ozeandampfern und an den Fürstenhöfen Indiens, in Saigon, Schanghai, Schweden, Finnland und Norwegen. Sie brachten Kneipenwitze aus dem zentralasiatischen Kaschgar mit, Storys aus Astrachan an der Wolga, Kaschmir-Schals aus Indien, Malachitperlen aus Südamerika, Straußeneier aus Australien.
Die Harfenistinnen nahmen viele Strapazen auf sich, erwanderten kürzere Strecken bis zu 30 Kilometer, erst bei längeren nahmen sie die Kutsche oder die Bahn. Kost und Unterkunft waren oft überaus einfach. So schreibt eine der Damen 1897 im Schaustellerblättchen „Artist“, dass die Kapellenmitglieder Würste voller Würmer bekommen hätten und in grauenvoll schmutzigen Betten schlafen mussten.
Mit 30 in den hinteren Reihen
Die Preßnitzer hatten einen Ruf. Und dafür arbeiteten sie hart. Mitte des 18. Jahrhunderts entstand eine Musikschule im Ort, gefördert von der k.u.k.-Monarchie in Wien. Dort lernten die Kinder in bis zu vier Jahren das Spielen im Orchester, Musiktheorie sowie „Sitte und Moral“. Andere lernten in den Familien, bei den Heimgekehrten, meist Frauen. Denn die wurden ab 30 auf Wunsch der Wirte in den hinteren Reihen der Ensembles versteckt, mussten die Ensembles mit spätestens 40 verlassen.
Da lebte es sich in der Heimat besser – als Ziehmutter der Enkel und anderer Musikantenkinder und als Lehrerin, so wie es Josefa Pöschel tat. Sie unterrichtete bis zu ihrem Tod 1883 Scharen von Mädchen nach dem Gehör in Harfenspiel und Gesang, wie sich Eveline Müller, selbst Spross einer solchen Preßnitzer Musikantendynastie, erinnerte. Zum Dank floss weiter Geld in den Ort, gab es Geschenke aus der Ferne.
Barfuß hinaus und in Samt und Seide zurück.
Die Mühen müssen sich für einige gelohnt haben. In den örtlichen Erzählungen ist von unermesslichem Reichtum die Rede. Von Familien, die das Mitbringsel Kaviar mit Suppenlöffeln aßen, von Kindern, die arm, barfuß und scheu auszogen und als vornehme Damen in Samt und Seide gekleidet zurückkehrten. Das bestätigt auch der Reiseprediger Hesekiel, den 1864 zwei der vornehmen Heimkehrerinnen in ihrer Kutsche zum Fronleichnamsfest mit nach Preßnitz nahmen. An diesen Tagen zog es alle Truppen in der Nähe ins Heimatstädtchen zurück. Schön und reich gekleidet stolzierten sie über den Markt des Städtchens und zeigten auf dem holprigen Pflaster, wie weit sie es geschafft hatten.
Je exotischer sie waren, desto erfolgreicher. Und Frauen mit einem Cello zwischen den Beinen, die auf die Pauke hauen, oder ins Horn stoßen, die waren exotisch, waren erste Wahl für die Tingel-Tangel-, Tanz- und Gartenlokale, die damals wie die Pilze aus dem Boden schossen. Sie traten auf Messen, in Gasthäusern, Musikhallen, Cafés, Hotels, Konzerthäusern und Varietes auf, gleich neben dem „Starken Mann“ auf dem Hamburger Spielbudenplatz, dem Vorläufer des heutigen St. Pauli.
So begeisterte Maria Knebelsberger-Auer als Kind als begnadete Zitterspielerin. Als Erwachsene reiste sie mit ihrer Damenkapelle nach Ägypten. 1876, zwei Jahre später wanderte sie mit ihrem Ensemble durch Nordfrankreich, Belgien, Holland und Deutschland, spielte im Amsterdamer Kristallpalast vor 2.000 Menschen, brachte der belgischen und holländischen Königin ein Ständchen. Und die bis zu 40-köpfige Kapelle von Maria Schiebeck hatte es dem englischen Hochadel angetan. Sie trat im Westminsterpalast und anderen herrschaftlichen Häusern der Insel auf.
Die meisten der Kapellen und Salonorchester hatten mindestens 300 bis 400 Nummern im Repertoire, traten gepflegt und elegant auf. Das „Damen-Concert-Orchester Austria“ beispielsweise warb mit mehr als 2.000 modernen und klassischen Stücken und natürlich jungen und hübschen Damen – wie alle damals.
Trotz aller Erfolge einzelner, die Frauen blieben auf der Bühne trotzt aller Professionalität ein Kuriosum. Oder, wie ein Kritiker im „Artisten“ schreibt, „wenn die Damen pfeifen, gehen die Grazien flöten“: Sie bildeten einen krassen Kontrast zum bürgerlichen Frauenbild. Sie erlebten Ausgrenzungen und gerieten in materielle Notlagen.
Musikantinnen vor allem der „niederen“ Ensembles sammelten nach den Vorstellungen Spenden beim Publikum. Die Gagen reichten oft nicht zum Überleben: Es mussten Vermittlungsgebühren, Noten, Instrumente, Kostüme und Reisen davon finanziert werden. Außerdem war es für viele Damen Pflicht, das überwiegend männliche Publikum bis tief in die Nacht zum Essen und Trinken zu animieren. Pro Bier erhielten sie laut „Artist“ 20 Pfennig Provision.
Die Tanz- und Unterhaltungsmusikerinnen provozierten Widerstand. Sittenwächter und Herrenkapellen versuchten, sie in ihre Schranken zu weisen. Wie in Dresden, wo die Damenkapellen komplett verboten werden sollten. Das konnten die Behörden zwar nicht durchsetzen, beschränkten aber auf Betreiben der Musikvereine die Zahl der täglich auftretenden Damenkapellen auf fünf. Und auch die Harfenmädchen wurden nicht immer anerkennend mit der damals populären Sängerin Jenny Lind verglichen, sondern mussten Schmähungen und Spottverse ertragen.
Erotische Postkarten von Harfe spielenden Nymphen und Loreleien kursierten und noch heute interpretieren Traumdeuter Harfenträume als Warnung vor leichtsinniger Gesellschaft und oder Sehnsucht nach einem erotischen Abenteuer. Da halfen auch die „Ehrenmütter“ wenig, die die Preßnitzerinnen vor den gröbsten Ausrutschern bewahren sollten. Die mutigen Damen galten als promisk, das Vorurteil der Prostitution hing ihnen an. In Hamburg beispielsweise wurden die Damenkapellen bei der Anmeldung prinzipiell wie Prostituierte behandelt und mussten eine sittenpolizeiliche Kontrolle ihrer Auftrittsorte tolerieren.
Die weiten Reisen waren gefährlich. Menschenhandel, Naturgewalten, Überfälle und wilde Tiere, die Gefahr lauerte überall. Viele blieben verschollen. Für unverheiratete Musikerinnen waren Engagements im Ausland ein Hasardspiel – es ging um alles oder nichts, der Menschenhandel florierte. Opfer waren vor allem die ganz Jungen, oder die schlechter ausgebildeten. Davon künden noch heute Anzeigen im „Artisten“. In ihr werden „hochanständige, solide, tüchtige, junge Kräfte“ am Piano oder Harmonium für Südamerika in Verbindung mit einer vom Generalkonsulat in Buenos Aires bestätigten Erklärung einer Eugenia Franke, Violinenvirtuosin in Südamerika gesucht, in der die Musikerin von ihren guten Erfahrungen in der Neuen Welt berichtet.
Die anderen blieben freiwillig in der Fremde, heirateten und stiegen aus dem Musikgeschäft aus – wie Martha Hirsch. Sie hatte Glück in Piräus, anders als Anna Frank, die in der griechischen Metropole einen Unteroffizier heiratete, der sie im Streit erschoss. Oder als Resi Huss. Sie nahm Gift. Aus Schmach, weil ihr Gatte sie mit einer bösartigen Krankheit angesteckt hatte.
Mit Grammophon, Radio und Tonfilm klang die Ära der Wandermusikanten aus, mit dem Zweiten Weltkrieg war sie endgültig vorbei. Mit dem Krieg, der Flucht und der Vertreibung geht auch Preßnitz unter: Am 6. Juni 1973 werden die verbliebenen Häuser mit den ihnen gebührenden Pomp und 700 Kilogramm Dynamit filmreif gesprengt – der Streifen „Traumstadt“ von Johannes Schaaf zeugt heute noch davon. Drei Jahre später spült die Preßnitz die Reste davon, bedeckt ein Stausee die Musikerstadt, kündet nur noch der Name des Flüsschens von dem stolzen Städtchen.
Autorin: Anja Neubert
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