„Ich habe doch nur meine Pflicht getan“

Elisabeth Boysen, Chefin der Friedrich Boysen GmbH

Ihr Leben war von Schalldämpfern, Krümmern, Katalysatoren, und Abgassystemen geprägt. Elisabeth Boysen hatte sich ihrem Unternehmen verschrieben, sie war eine der wenigen Chefinnen in der Automobilindustrie.



Elisabeth Boysen(aus: existenzielle 4/2006)

Dass eine Frau in der von Männern beherrschten Domäne der Automobilindustrie die Fäden in der Hand hält, war für die 60er Jahre eine Sensation. 1966 beruft ihr erkrankter Mann Elisabeth Boysen in die Geschäftsführung seiner im schwarzwäldischen Altensteig ansässigen Firma. Nach seinem Tod 1975 übernimmt sie alleinverantwortlich die Unternehmensleitung. „Es war sicherlich für Sie persönlich eine große Herausforderung“, mutmaßte der langjährige Wirtschaftsprüfer und Steuerberater des Unternehmens, Walter Rentschler, an Elisabeth Boysens 80. Geburtstag. „Als Unternehmerin habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das Lebenswerk meines Mannes fortzuführen“, sagte sie nur. Mehr nicht.

Elisabeth Boysen war, zumindest in der Öffentlichkeit, eher wortkarg. Ob die Firmenführung ihrem eigenen Plan vom Leben entspricht, lässt sie unbeantwortet. Über die Privatperson Elisabeth Boysen ist wenig bekannt. Mitten in den Goldenen Zwanzigern kommt Elisabeth Boysen, geborene Wolke, am 11. November 1924 im mondänen Ostseebad Zoppot an der Danziger Bucht zur Welt. Ihr Vater, der einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, fährt zur See. Ob sie lieber wie ihr Vater auf der Brücke eines Schiffes anstelle eines Unternehmens gestanden hätte, bleibt offen.

Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird Elisabeth Wolkes unbeschwerte und behütete Jugend jäh unterbrochen. Sie flieht mit ihrer Familie Richtung Westen. Der beschwerliche Weg führt über die Kurische Nehrung zunächst in Flüchtlingslager. Dann folgt die Schwäbische Alb. Jahre später findet sie ihre zweite Heimat in Stuttgart. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann, den Erfinder, Konstrukteur und Unternehmer Friedrich August Boysen kennen. 1960, an ihrem 34. Geburtstag, gibt sie dem Mann, der sein Leben der Lärmbekämpfung und Abgasentgiftung widmete, das Ja-Wort. Sechs Jahre nach der Hochzeit erkrankt der Unternehmer. Damit die Firma weiterhin von der Familie geführt wird, beruft er seine Frau in die Geschäftsleitung. Bis zu ihrem Tod am 15. August 2006 ist nun auch ihr Leben von der Herstellung von Schalldämpfern, Krümmern, Katalysatoren, und Abgassystemen geprägt.

Obwohl Elisabeth Boysen das Unternehmen systematisch zum Erfolg führt, verliert sie die Menschlichkeit offenbar nicht aus den Augen. „Wir nehmen heute Abschied von Frau Boysen, die für uns Mitarbeiter, die sie näher kannten, mehr war als nur eine Unternehmerin“, sagte der Betriebsratsvorsitzende der Firma Boysen, Jürgen Wollnik, während der Trauerfeier für die Verstorbene. Er beschrieb seine einstige Chefin als eine „Frau, die zwar für das Unternehmen und das Erbe ihres Mannes gelebt hat, aber wir verabschieden uns auch von einer Chefin, die in ihren Mitarbeitern Menschen gesehen hat, die mitfühlen konnte bei unseren Problemen und für jeden immer ein aufmunterndes Wort oder einen guten Rat hatte.“
Doch es scheint es auch eine andere Seite gegeben zu haben. „Elisabeth Boysen war eine resolute Unternehmerin. Sie wuchs in ihrem Amt, aber es war nicht immer einfach mit ihr“, erinnerte sich Gerhard Sorge während der Bestattungsfeier. „Sie brauchte die tüchtigen Mitarbeiter, aber sie sollten ihr auch nicht über den Kopf wachsen. Elisabeth Boysen hat die Fäden immer in der Hand halten wollen“, so der Lektor der evangelischen Kirchengemeinde Altensteig in seiner Predigt weiter.

Die Friedrich Boysen GmbH und Co. KG, 1966 noch mit 222 Mitabeitern, wächst in den knapp 40 Jahren unter Elisabeth Boysens Führung zu einem weltweit operierenden Konzern. Derzeit beschäftigt das Unternehmen an seinen acht Standorten in Deutschland, Indien, Frankreich und den USA 1250 Menschen. Die Expansion verläuft offenbar nicht immer rei-bungslos. „So gab es auch manche Konflikte in den Jahren, in denen die Firma immer stärker expandierte“, erwähnte Gerhard Sorge. Nicht immer sei Elisabeth Boysen einer Meinung mit den zuweilen divergierenden Ansichten ihrer leitenden Mitarbeiter gewesen. Und sie habe ein gewisses Misstrauen gegen die vielen Veränderungen gehegt. Doch die Firmenchefin war hoch motiviert, den Betrieb konkurrenzfähig zu halten. „Die Verstorbene war eine rastlose und engagierte Unternehmerin“. Was spornte Elisabeth Boysen an? Eine Frage, über die man nur mutmaßen kann. „Vielleicht trieb sie der Ehrgeiz, ihrem Mann selbst im Tod noch zu zeigen, dass sie es schaffte, das Unternehmen weiter zu führen und sogar noch erheblich zu vergrößern“, so Gerhard Sorges Einschätzung.

Zeit ihres Lebens im Mittelpunkt des Unternehmens stehend, meidet Elisabeth Boysen öffentliche Auftritte wann immer es geht. Als sie 1994 bei der Verleihung der Altensteiger Bürgermedaille entgegen ihren Gewohnheiten im Rampenlicht steht, erwidert sie auf die Laudatio zurückhaltend: „Ich habe doch nur meine Pflicht getan.“ Und sie fügt hinzu: „Im übrigen ist unser Erfolg immer die Initiative vieler.“ Doch Bürgermeister Jürgen Großmann kann diese Bescheidenheit nicht einfach im Raum stehen lassen. „Elisabeth Boysen hat die soziale und gesellschaftliche Verantwortung nie aus dem Blickfeld verloren“, betont der Stadtchef. Und das Unternehmen habe die Aufwärtsentwicklung der Stadt Altensteig wesentlich geprägt.     

Für die Zeit nach ihrem Tod hat Elisabeth Boysen rechtzeitig vorgesorgt. 1985 betraut sie den langjährigen Mitarbeiter Rolf Geisel mit der Geschäftsführung. Sie selbst zieht sich behutsam zurück. Um den Fortbestand des Betriebs langfristig zu sichern, wird das Firmenkapital in den 90er Jahren in die gemeinnützige Friedrich-und-Elisabeth-Boysen Stiftung eingebracht. Die Stiftung vergibt seit 2001 einen mit 5000 Euro dotierten Preis für Dissertationen junger Wissenschaftler auf dem Gebiet der Umwelttechnik an der Technischen Universität Dresden.
Zuletzt lebt Elisabeth Boysen in einem Senioren-Stift in Baden-Baden, wo sie am 15. August stirbt. Nachkommen hinterlässt sie nicht, die Ehe mit Friedrich August Boysen blieb kinderlos. Zur Trauerfeier erklingt auf ihren Wunsch der Song: „Time to say goodbye“. 

Autorin: Beate Katharina Seiferth








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