„A Million Dollar Baby“
Die Eiskunstläuferin Sonja Henie
1924 war Sonja Henie die jüngste Eiskunstläuferin bei den ersten Olympischen Winterspielen. Als Sportlerin errang sie Welterfolge, als Filmschauspielerin und Unternehmerin wurde sie eine der reichsten Amerikanerinnen ihrer Zeit.
Bundesarchiv
(aus: existenzielle 3/2008)
Olympische Winterspiele 1924 in Chamonix
„Hoppla!“ Jeder der 720 Zuschauer auf den Rängen hatte es laut und deutlich gehört. Alle hatten den Atem angehalten, als die elfjährige Sonja zu Beginn ihrer Kür auf dem Eis das Gleichgewicht verlor und auf ihrem Po landete. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund, doch dann lachte sie verlegen und lief – wieder auf den Kufen – schnell zu ihrem Trainer. Sie musste doch erklären wie das Malheur passieren konnte und zudem hatte sie ja schon wieder vergessen, was sie als nächstes machen sollte. Das gab Minuspunkte bei den Preisrichtern, aber Pluspunkte beim Publikum. Die quirlige Sonja war geradewegs in die Herzen der Zuschauer geschlittert und wurde von nun an liebevoll „Fräulein Hoppla“ genannt. Die jüngste Teilnehmerin der ersten Olympischen Winterspiele 1924 hatte alle mit einigen für die damalige Zeit sehr gewagten Übungsteilen – wie einer eingesprungenen Pirouette – gleichermaßen überrascht und schockiert. Nach ihrer vierminütigen Kür belegte sie den sensationellen dritten Platz, aber durch ihre klägliche Leistung im Pflichtprogramm mit sechs Figuren landete sie in der Gesamtwertung nur auf dem letzten Rang. Davon ließ sie sich jedoch nicht entmutigen. Ehrgeiz und ein starker Wille waren der Norwegerin bereits in die Wiege gelegt worden.
Kristiania (Oslo), 8. April 1912
Sonja Henie wurde als zweites Kind von Wilhelm Henie und seiner Frau Selma Lochmann-Nielsen geboren. Sonjas Vater war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch ein talentierter Sportler: 1894 gewann er die Amateur Rad-Weltmeisterschaft in Antwerpen. Was es heißt, die Spitze erreichen zu wollen, wusste er aus eigener Erfahrung und so unterstützte er die Karriere seiner einzigen Tochter mit allen Mitteln. Während er das Management übernahm und Unsummen investierte, reiste Sonjas Mutter mit ihr durch ganz Europa auf der Suche nach geeigneten Trainern und Eisbahnen, denn überdachte Bahnen gab es damals kaum. Auch die eigenwilligen Kostüme stammten aus mütterlicher Hand. Bis dato trugen die Eiskunstläuferinnen wadenlange Röcke und Straßenkleidung, Sonja allerdings führte kurze phantasievolle Kleider und Röcke mit dazu passenden (weißen) Schlittschuhen in den Eiskunstlauf ein. Doch nicht nur das: Tief beeindruckt von der russischen Ballerina Anna Pawlowa nahm Sonja Ballettstunden bei der Russin Tamara Karsavina und arbeitete nach und nach tänzerische Elemente in ihre Darbietungen ein. So entstand eine richtige Choreographie. Für den damaligen Stand des Eiskunstlaufens kam dies einer Revolution gleich. Innerhalb kürzester Zeit avancierte Sonja zur „Pawlowa des Eiskunstlaufs“.
Ihr Aufstieg war kometenhaft: Nachdem das „Wunderkind“ im Alter von sechs Jahren mit den abgelegten Schlittschuhen ihres Bruders einen Kinderwettbewerb gewonnen hatte, galt Sonjas Liebe dem Eis. Als Fünfzehnjährige gewann sie 1927 ihre erste Eiskunstlaufweltmeisterschaft, ein Jahr später ihre erste olympische Goldmedaille. Kurz zuvor hatte sie als Zweitplatzierte verkündet: „Dieses Mal habe ich zwar nicht gewonnen, aber nächstes Mal werde ich gewinnen und danach nie wieder verlieren.“ Sie sollte Recht behalten. Von 1927 bis 1936 war Sonja Henie zehn Mal hintereinander Weltmeisterin und von 1931 bis 1936 sechs Mal Europameisterin. Zudem errang sie drei Mal – 1928 mit 15 Jahren in Oslo, 1932 in Lake Placid und 1936 in Garmisch-Partenkirchen – bei den Winterolympiaden die Goldmedaille. Die Goldmedaillen zählten neben ihrem ersten Preis, einer perlenbesetzen Kinderschere, die sie im Alter von sechs Jahren gewann, zu ihren liebsten Trophäen. Ganz gleich an welchem Wettkampf sie teilnahm, Sonja Henie verließ als Siegerin das Eis. Eine vergleichbare Erfolgsquote in internationalen Wettkämpfen gibt es im Sport nicht. In ihrem Heimatland Norwegen wurde Sonja Henie neben Henrik Ibsen zur populärsten Person.
Madison Square Garden, New York 1936
Nachdem Sonja Henie 1936 ihre Amateur-Karriere beendet hatte, trat sie mit ihrer eigenen Eisrevue in New York auf, unter den Zuschauern Mary Pickford, Clark Gable und Douglas Fairbanks – und nur wenige Tage später wurde sie von dem Filmproduzenten Darryl F. Zanuck eingeladen. Nach harten Verhandlungen unterschrieb sie ihren ersten Fünfjahresvertrag als Hauptdarstellerin bei 20th Century Fox. Sie bekam eine Gage von 75.000 Dollar pro Film, die Zusage für einen Film pro Jahr und die Erlaubnis, zwischen den Drehtagen mit ihrer eigenen Eisrevue zu touren. In harten Verhandlungen erreichte sie, dass ihr Name vor dem Filmtitel auf den Plakaten erschien, was ihre Partner entsprechend kommentierten: „Lassen Sie sich nicht von Sonjas Grübchen und ihrem unschuldigen Gesicht täuschen. Sie ist eine Frau, die weiß was sie will und sie kriegt es.“ Ihr erster Film „One in a million“ wurde über Nacht zum Kassenschlager. Dazu kamen Fernsehfilme über ihr Leben und ihre Karriere. Elf weitere Filme mit ihr in der Hauptrolle neben den größten männlichen Stars wie Tyrone Power, Don Ameche und (später) John Payne folgten. Bereits 1938 wurde sie unter die 10 kassenträchtigsten Kinostars gewählt, und eine Zeit lang war die „Degas-Ballerina auf Schlittschuhen” (New York Times) populärer als Alice Faye. Ihr Erfolg war so groß, dass andere Studios Versuche unternahmen, weitere Eisläuferinnen vor die Kamera zu holen. Doch weder akzeptierte das Publikum die Filme mit Vera Hruba Ralston, noch konnte Joan Crawford in „The Ice Follies“ 1939 einen durchschlagenden Erfolg verzeichnen. Sonja Henies bekanntester Film wurde „Sun Valley Serenade“, in dem sie neben Glenn Miller und seinem Orchester auftrat. Die hübsche, stupsnasige Norwegerin, die das Eiskunstlaufen in Amerika populär machte, war so beliebt, dass überall, wo sie auftrat, die Straßen gesperrt werden mussten.
Hollywood, Die Sonja Henie Eis-Revue-Show, 1939-48
Durch die prächtig ausgestatteten Eisrevuen in ihren Filmen kam das „Häseken“, wie einer ihrer Spitznamen lautete, auf die Idee, selbst eine große Eisrevue aus der Taufe zu heben. Ihr Unternehmen, in dem sie als Managerin, Regisseur und Star fungierte, feierte international Erfolge. Zeitungen berichteten, dass „ es nichts Vergleichbares gibt, das die Anmut und Schönheit dieser jungen Frau innehat. Sie scheint zu schweben, wie mit hauchdünnen Flügeln, aber jeder der der Versuchung unterliegt in ätherische Sphären abzudriften, wird eingeholt von der Realität sehr formschöner Gliedmaßen, die sich mit der Sanftheit von fließendem Wasser und der Kraft der Jugend bewegen.“ Zuschauer zahlten 4,40 Dollar um den „Engel auf Kufen” zu sehen. In ihre erste Eisrevue unter dem Motto „Hier wird Schlittschuh gelaufen“ steckte Sonja Henie 300.000 US-Dollar. Die Investition lohnte sich: Sie nahm mit Henie-Holiday insgesamt vier Millionen US-Dollar ein. Mit ihrer „Ice Show 1948“ brach sie ihre vorherigen Kassenrekorde. Dabei arbeitete sie nach eigener Aussage härter als jemals zuvor: „Bei den Wettkämpfen war ich exakt vier Minuten auf dem Eis. Heute beginnt mein Arbeitstag um 6.45 Uhr und bis abends um zehn arbeite ich ununterbrochen.“ 1940 zählte Sonja Henie zu den reichsten Frauen der Vereinigten Staaten. Tatsächlich hatte sie nicht nur sportliches Talent, sondern auch das Gespür für das „große Geld“. Wohnhäuser in Chicago und Los Angeles, ein Aktienpaket des „Madison Square Garden“, eine Beteiligung am „Rockefeller Center“ in New York sowie ein Import- und Exportgeschäft in New York zählten ebenso zu ihren Einnahmequellen wie eine Ranch in Arizona und eine Likör-Brennerei. Investitionen in Eishallen zählten neben ihrer eigenen Eiskunstlaufschule und einer Henie-Eissporthalle zu ihren größten Einnahmequellen. Für Artikel, die ihren Namen trugen, erhielt sie zusätzlich Tantiemen und noch heute werden die „Henie-Souvenirs“ bei Online-Auktionen versteigert.
Die Fünfziger: Paris, Berlin, Dortmund, London, Oslo
Mit der Zeit erlahmte jedoch das Interesse des Publikums an ihren Eisextravaganzen und unglücklicherweise hatte sie sich auf Rat ihres zweiten Ehemannes 1951 von ihrem Manager Arthur Wirtz getrennt. Was nun folgte, war ein Desaster: finanziell und persönlich. Sie stand auf der „schwarzen Liste“, tourte nur noch durch kleinere Orte, ihren Vertrag mit den Filmstudios hatte sie beendet und 1952 verletzten sich über 200 Zuschauer durch eine eingestürzte Tribüne während ihrer Show in Baltimore. Völlig resigniert musste sie feststellen: „Ich kann nicht mehr. Schaut mich an. Ich bin alt. Keiner liebt mich.” Die Nachricht von Sonjas plötzlichem Misserfolg ging um die Welt, so dass der Selfmademan Morris Chalfen eine Chance sah, sie wieder nach Europa zu locken. Damit hatte er die damals berühmteste und beliebteste Eisläuferin der Welt für Holiday on Ice gewonnen und kaufte „Henie-Holiday“ auf. Paris, Berlin, Dortmund, London und Oslo standen auf der Tournee- Liste. Für Sonja war dies ein Weg aus der Krise. Allein in Norwegen sahen 360.000 Besucher die Show, in Berlin versank sie in einem Meer aus Veilchen.
Erfolg im Beruf – Pech in der Liebe
Zwei Ehen scheiterten und 1956, kurz nachdem Sonja Henie sich von ihrem zweiten Ehemann getrennt hatte, heiratete sie ihre Jugendliebe, den Reeder Nils Onstad. Beim Anblick seiner wertvollen Gemäldesammlung erklärte sie: „Aber die Bilder müssen ab“. Später schätzte sie die Kunstwerke jedoch immer mehr – ihre Eiskunstlauf-Karriere war zu diesem Zeitpunkt so gut wie beendet – und baute zusammen mit ihrem Mann eine bedeutende Kunstsammlung auf. Im Mai 1961 stellte das Ehepaar seine Gemäldesammlung in den Räumen des „Hamburger Kunstvereins“ aus, ein Jahr später stifteten sie auf der norwegischen Halbinsel Hövikodden in Baerum das „Henie-Onstads-Kunstcenter“. Dabei handelte es sich um die größte mäzenatische Schenkung in Norwegen.
Im September 1968 diagnostizierten die Ärzte Leukämie und Sonja Henie verstirbt am 12. Oktober 1969 während eines Fluges von Paris nach Oslo, nur 57 Jahre alt.
Autorin: Anke Troschke
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