„Nebenbei schrieb ich auch noch Bücher“
Die Schriftstellerin Agatha Christie
"Meine schriftstellerische Tätigkeit als Beruf aufzufassen, wäre mir lächerlich erschienen", schreibt Agatha Christie in ihrer Autobiografie. Unvorstellbar für eine Autorin, die mehr als 70 Kriminalromane verfasst hat.
(aus: existenzielle 3/2007)
Agatha Mary Clarissa Miller wird am 15. September 1890 als jüngstes von drei Kindern im englischen Seebad Torquay geboren. Sie stammt aus einer gutsituierten Mittelklassefamilie. Ihre Mutter war Engländerin, ihr Vater Amerikaner.
Die Familie und ihre Bediensteten wohnen in der viktorianischen Villa Ashfield mit Obstplantage, Gewächshäusern und weitläufigen Gärten. Es ist ein behagliches, gemächliches Leben. „Jeden Morgen verließ er (der Vater) das Haus in Torquay und begab sich in seinen Club. In einer Kutsche kehrte er zum Mittagessen zurück. Anschließend eilte er abermals in den Club, spielte den ganzen Nachmittag Whist und war rechtzeitig daheim, um sich zum Dinner umziehen zu können.“ Agatha spielt derweil im Garten, ihre beiden Geschwister – Madge und Monty – sind in Internaten. Agatha geht überhaupt nicht zur Schule. „Mutter, einst leidenschaftliche Verfechterin einer Ausbildung für Mädchen, hatte jetzt, in einer für sie charakteristischen Kehrtwendung, die entgegengesetzte Stellung bezogen.
Bis zu seinem achten Lebensjahr sollte es keinem Kind erlaubt sein zu lesen; das wäre besser für die Augen und auch für den Verstand,“ meint ihre Mutter. Diese Pläne gehen nicht auf. „'Ich fürchte, Ma'am', teilte Nursie Mutter ... mit, 'Miss Agatha kann lesen.' Meine Mutter war sehr bekümmert – aber was sollte sie tun? Ich war noch keine fünf, und die Welt der Geschichtenbücher lag offen vor mir.“ Geschichten lesen, Geschichten spielen – das ist ihre Welt. Mangels Kindern im Umfeld, erfindet sie sich immer wieder ihre eigenen Spielgefährten, „die für mich wichtigsten hießen Pudel, Hörnchen und Baum. ... Sie waren keine richtigen Kinder und keine richtigen Hunde, sondern eine nicht näher zu beschreibende Mischung aus beidem.“
Agatha ist acht Jahre alt, als ihre Schwester Madge sie in die Welt des Sherlock Holmes einführt. „'Ich würde auch gern einmal eine Detektivgeschichte schreiben', sagte ich. 'Ich glaube nicht, daß du das schaffst', meinte Madge. 'Ich möchte es versuchen.' 'Wetten, du schaffst es nicht', sagte Madge. Hier endete das Gespräch. Es war keine richtige Wette; wir stellten nie Bedingungen fest – aber mein Ehrgeiz war geweckt. Von diesem Augenblick an war ich wild entschlossen, einen Krimi zu schreiben. Ich fing nicht gleich damit an, aber die Saat war im Boden!“
Als Agatha elf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Für Agatha bedeutet das – und die zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten der Familie – das „Ende der Kindheit“. Es heißt Sparen, die gesellschaftlichen Kontakte werden eingeschränkt. Eine ruhige Zeit für Agatha und ihre Mutter, sie lesen gemeinsam, gehen zuweilen ins Theater. „Dann fiel Mutter plötzlich ein, daß meine Erziehung vielleicht doch noch zu wünschen übrig ließ und daß mir ein wenig Bildung guttun würde.“ Agatha besucht nun erstmals – mit 15 Jahren – verschiedene Schulen, zuletzt ein kleines Musik-Institut in Paris. Sie überlegt, Konzertpianistin oder Opernsängerin zu werden. Allerdings ist ihre Stimme nicht kräftig genug und für eine Konzertpianistin reicht ihr Können nicht. Pragmatisch wie sie ist, verfolgt sie diese Pläne nicht weiter.
Inzwischen 22-jährig lernt Agatha 1912 ihren späteren Mann Archibald Christie, einen Flieger der königlichen Luftwaffe, kennen. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges heiraten die beiden überstürzt während eines Drei-Tage-Urlaubs, dann kehrt Archie an die Front zurück. Sie arbeitet weiter in einem Lazarett, später in der dazugehörenden Apotheke. Die Arbeit gefällt ihr, aber es gibt immer wieder Nachmittage, an denen sie kaum etwas zu tun hat. „Ich fing an, mir zu überlegen, welche Art Krimi ich schreiben könnte. Auf den Regalen rund um mich standen Gifte, und so war es vielleicht nur natürlich, daß ich einen Giftmord ins Auge faßte.“ Sie erfindet Hercule Poirot und schreibt und schreibt, bis der Roman fertig vor ihr liegt und schickt das Buch zu mehreren Verlagen.
1921 – der Krieg ist mittlerweile zu Ende, die Christies leben in London und haben eine Tochter – erscheint das längst vergessene Buch: „Das fehlende Glied in der Kette“. 2000 Exemplare werden verkauft, sie verdient 25 Pfund. Bald darauf geht Archie auf eine einjährige Arbeitsreise nach Südafrika, Australien, Neuseeland und schließlich Hawaii, Agatha begleitet ihn. Von jetzt ab veröffentlicht Agatha Christie fast jedes Jahr einen Kriminalroman, manchmal auch mehr.
Kurz nach dem Tod von Agathas Mutter gesteht Archie, dass er sich verliebt hat und die Scheidung wünscht. Agatha, schon durch den Tod ihrer Mutter stark verunsichert, bricht zusammen und verschwindet im Dezember 1926 für zehn Tage spurlos. Ihr Wagen wird verlassen an einem Waldrand aufgefunden. Polizei und Zeitungsreporter durchsuchen das Land, mal wird Archie verdächtigt, seine Frau umgebracht zu haben, dann wird Agatha beschuldigt, das Ganze als Publicitytrick inszeniert zu haben. Nach zehn Tagen wird sie in einem Hotel aufgefunden. Ein Nervenzusammenbruch? Gedächtnisverlust? Es bleibt offen, sie selbst erwähnt den Vorfall in ihrer Autobiographie mit keinem Wort.
1928 erfolgt die Scheidung und damit beginnt für Agatha die Zeit des Reisens, zunächst mit dem Orient-Express nach Istanbul, dann nach Damaskus, durch die Wüste weiter nach Bagdad und von dort nach Ur. Später verarbeitet sie die Eindrücke dieser und der vielen folgenden Reisen in ihren Büchern. Sie sagt, die Charaktere seien erfunden, doch die Schauplätze seien echt. Zwei Jahre später reist sie erneut nach Ur und lernt dort Max Mallowan, einen jungen Archäologen, kennen. Er macht ihr einen Heiratsantrag. Sie ist skeptisch, will sich nicht wieder binden, außerdem ist Max 14 Jahre jünger. Dennoch heiraten sie noch im selben Jahr und damit beginnt für Agatha – mit 40 Jahren – ein neues Leben, das Leben mit Max und der Archäologie. In diese Zeit fällt auch die „Geburt“ ihrer zweiten Hauptdarstellerin: Miss Marple.
In den folgenden Jahren nimmt Agatha an vielen Ausgrabungen teil – mit Manikürstäbchen und Gesichtsreinigungsmilch entfernt sie Staub und Dreck von den Funden und fotografiert sie – sonst lebt sie in London. „Ich schrieb Kriminalromane, Max schrieb archäologische Bücher, Berichte und Artikel. Wir waren emsig, aber wir lebten nicht unter ständigem Druck.“ Aber auch zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 1930er Jahre und sie hatte bereits an die zehn Bücher geschrieben, betrachtet sie sich noch nicht als „echte“ Schriftstellerin. „Nie und nimmer aber wäre es mir in den Sinn gekommen, beim Ausfüllen eines Formulars bei der Sparte 'Beruf' etwas anderes hinzuschreiben als das altehrwürdige Wort Hausfrau. Ich war eine verheiratete Frau, das war mein Status, und das war mein Beruf. Nebenbei schrieb ich auch noch Bücher. Meine schriftstellerische Tätigkeit als Beruf aufzufassen, wäre mir lächerlich erschienen.“
Während des Zweiten Weltkriegs ist Max für vier Jahre als Nahost-Experte in Kairo, während sie in London bleibt. 1949 geht es dann mit den archäologischen Ausgrabungen und den Reisen durch die Welt weiter. Agatha schreibt derweil Kriminalgeschichten, wo immer sie sich auch gerade aufhält, mehr als einen festen Tisch und eine Schreibmaschine braucht sie dazu nicht. In London schreibt sie mal im Schlafzimmer, mal am Esszimmertisch, wo gerade Platz ist, auf Reisen sucht sie sich einen ruhigen Fleck im Ausgrabungslager.
Am 12. Januar 1976 stirbt Agatha mit 85 Jahren in ihrem Haus Winterbrook bei Oxford. Sie schrieb mehr als 70 Kriminalromane, etliche Kurzgeschichten, Bühnenstücke und ihre Autobiographie. Unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlichte sie mehrere romantische Bücher. Nach Schätzungen wurden mehr als 2 Milliarden Bücher von ihr verkauft.
Autorin: Katharina Krebs
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