„Alles Gebotene ist beste Qualität“

Die Windbeutelgräfin Richardis von Somnitz

Die Idee war aus der Not geboren. Kuchen backen, um damit die Familie durchzubringen. Das Windbeutel-Rezept brachte ein Gast mit - der Unternehmerin Richardis von Somnitz wurden sie zum Markenzeichen.



(aus: existenzielle 3/2005)

Wer Ende der vierziger Jahre um Ruhpolding herum wanderte, traf einige Kilometer außerhalb des Ortes auf ein Zuhäusl, den Alterssitz eines größeren Hofes. Das war ein uraltes in schlechtem Zustand befindliches Häuschen, dessen Außenmauern angeblich schon im dreißigjährigen Krieg gestanden hatten. Davor war ein Schild aufgestellt:
„Von außen nicht schön, doch schau nur herein,
es wird bestimmt nicht dein Schaden sein,
denn alles Gebotene ist beste Qualität,
da seine Majestät, der Gast, sehr hoch bei uns steht.“
Wer der Einladung folgte, betrat ein kleines Wohnzimmer, das zur Gaststube umfunktioniert worden war. Dort wurde ihm neben Kaffee, Tasse für Tasse handgebrüht, ein Stück einfacher, aber garantiert frisch gebackener Kuchen, Baumkuchen, Streuselkuchen oder Bienenstich serviert. Vor allem aber konnte sich jeder Gast der ungeteilten Aufmerksamkeit und Zuwendung der Gastwirtin, Richardis von Somnitz, erfreuen.
„Meine Mutter stand nach dem Krieg mit uns vier Kindern alleine da, mein Vater war vermisst“, erinnert sich die in Oslo lebende Tochter Heilwig von Heyden. „Eines Tages 1946 oder 1947 sagte sie: ´Ich habe nur noch zwanzig Mark. Es muss etwas passieren!´ Aber was? Sie hatte nichts gelernt.“

Richardis von Somnitz war 1906 als Tochter eines adligen ostelbischen Gutsbesitzers geboren worden. Ihrem Ehemann aus pommerschem Uradel gehörten gleich drei Rittergüter in Hinterpommern, Wohnsitz der Familie war das Rittergut Goddentow im Landkreis Lauenburg/Pommern. Bereits im Sommer 1944 hatte Frau von Somnitz in weiser Voraussicht der militärischen Entwicklung zwei ihrer Töchter zu einer Tante nach Ruhpolding geschickt, angeblich auf „Ferien“. Der älteste Sohn besuchte ein Internat in Thüringen. Die Gutsherrin selber harrte mit dem jüngsten Kind, einem acht Monate alten Mädchen, vor Ort aus, bis die ersten russischen Soldaten nahezu den Ort erreicht hatten. Bis zuletzt hoffte sie darauf, dass ihr zur Wehrmacht eingezogener Ehemann, Matthias von Somnitz, sich bis zu ihr durchschlagen würde. In letzter Minute, nur wenige Stunden, bevor die ersten Russen Goddentow betraten, verließ sie ihren Besitz und flüchtete mit dem letzten Schiff, das in Gotenhafen ablegte, über die Ostsee.
Heilwig von Heyden: „Sie hatte kaum etwas von unserem Besitz mitnehmen können. Zunächst versuchte sie, die Familie dadurch zu unterhalten, dass sie von Haustür zu Haustür ging und Schmuckfedern und ähnliches verkaufte, aber ohne jeden Erfolg. Dann besann sie sich auf ihre Stärke. Was sie wirklich gut konnte, was sie auf unserem Gut in Pommern ständig praktiziert hatte, war Gastgeberin zu sein. Von einem Tag auf den anderen beschloss sie daher, ein Café zu eröffnen und stellte das Schild mit diesem Gedicht vor unsere Tür.“

Das Wohnzimmer des kleinen Häuschens, das sich die fünfköpfige Familie noch mit einem Bruder der Mutter und dessen Frau teilte, wurde zur Gaststube für das „Café Märchenwald“ umfunktioniert. In der winzigen Küche, die nur mit einem Holzbackofen ausgestattet war, backte Frau von Somnitz den ersten Kuchen ihres Lebens. Die Zutaten hatte sie von ihren letzten zwanzig Mark erstanden. „Die Küche war so klein, zudem stand noch unsere Badewanne mit im Raum, dass die beleibte Bäuerin, die meine Mutter als Hilfe engagiert hatte, buchstäblich rausgehen musste, um sich umzudrehen“, schmunzelt Heilwig von Heyden. Die Gäste fühlten sich von der Herzlichkeit der Wirtin angesprochen. Nicht selten passierte es, dass ein Besucher mitbekam, wie unerfahren sie war, sich zu ihr in die Küche drängte und ihr ein besonderes Rezept oder seinen Lieblingskuchen erklärte und beim Backen anleitete.
„Einmal kam ein Gast, dessen Lieblingsgebäck Windbeutel waren und zeigte ihr, wie man sie herstellte“, erzählt die Tochter. „Als meine Mutter das erste Mal versuchte, sie alleine zu backen, tat sie viel zu viel Teig auf das Blech, sie hatte nicht bedacht, dass er noch stark aufgehen würde. Das gab riesige Windbeutel. Gefüllt mit der Schlagsahne, die wir Kinder ganz frisch bei Bauern in der Umgebung holten, war das eine unglaubliche Köstlichkeit mitten in den Nachkriegs- und Hungerjahren! Diese Windbeutel wurden der Hit und trugen ihr den Spitznamen „Windbeutelgräfin“ ein, obwohl sie immer wieder betonte, dass ihr der Titel Gräfin nicht zustand.“

Auf verschlungenen Wegen hatte Richardis von Somnitz einige wenige Dinge aus ihrer Heimat retten können, einige Teile eines Silberbestecks und ein paar silberne Tabletts mit eingeprägtem Wappen. Diese edlen Sachen wirkten in der Bauernstube so deplaziert, dass eine Besucherin einmal damit drohte, sie anzuzeigen, da die Sachen offensichtlich gestohlen seien. Angezeigt wurde die Gastwirtin tatsächlich, aber nicht wegen ihres Silberbestecks, sondern von der Vermieterin des Zuhäusls, die sie nie über ihre Pläne, ein Café zu betreiben in Kenntnis gesetzt oder um Erlaubnis gefragt hatte. „Erstaunlicherweise hatten die Richter damals ein Einsehen mit einer Mutter, die alles unternahm, um ihre Kinder durchzubringen und erlaubten ihr, das Café weiterzubetreiben, allerdings mit der Auflage sich in Jahresfrist eine neue Bleibe zu suchen.“
Was das „Aus“ für das junge Unternehmen hätte sein können, erwies sich dank der Tatkraft und Energie der Wirtin als wesentlicher Schritt nach vorn. Richardis von Somnitz pachtete den Mühlbauernhof, einen großen stattlichen Bauernhof, der wesentlich näher an Ruhpolding lag. Auch in diesem großen Café, in dem zur Hochsaison bis zu zehn Angestellte arbeiteten, gelang es ihr, der Wirtschaft ihren Stil aufzuprägen sowie die gute Qualität und persönliche Ansprache, die ihr kleines Café ausgezeichnet hatten, zu bewahren. „Sie steckte einfach ihre Seele in das Café und das merkten die Gäste und honorierten es. So konnte meine Mutter unsere Familie problemlos unterhalten, obwohl sie keinerlei kaufmännische Vorbildung hatte und nur durch Erfahrung, manchmal auch bittere Erfahrung lernen musste.“

1977 verkaufte Richardis von Somnitz im Alter von 71 Jahren ihr Unternehmen, da die jüngste Tochter, die es eigentlich hatte übernehmen wollen, nach Südafrika geheiratet hatte. Ihr Nachfolger schlachtet die ungewöhnlichen, tragischen Umstände, die zur Firmengründung geführt hatten – immerhin hatte Richardis von Somnitz weder ihren Mann noch ihre Heimat je wiedergesehen – hemmungslos aus. Der Mühlbauernhof heißt heute „Die Windbeutelgräfin“. Busladungsweise werden die Touristen vor der Tür ausgeladen, um im verkitschten Ambiente riesige Windbeutel, die in Schwanenform als Gedeck „Lohengrin“ serviert werden, zu sich zu nehmen. Online kann man verfolgen, welche Fernsehgröße gerade den zweimillionsten Windbeutel verspeist hat. Von Richardis von Somnitz ist in diesem seelenlosen Getriebe keine Spur mehr zu finden – nicht einmal mehr die Chronik des Cafés kennt ihren Namen, sondern berichtet stattdessen von einer baltischen (!) Gräfin, die das Windbeutel-Rezept angeblich aus ihrer Heimat mitgebracht habe. Backende Gräfinnen sind offenbar immer noch besser zu vermarkten, als erfolgreiche Unternehmerinnen.

Autorin: Ruth Damwerth



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