Wäre sie nicht so „bös“, so eigensinnig gewesen ...

Margarete Steiff – Mutter der Kuscheltiere

Ihr Teddybär ist weltberühmt. Margarete Steiffs Biografie ist ein beeindruckendes Beispiel für den Weg ins eigene Unternehmen - mit Handicap.



Margarethe Steiff(aus: existenzielle 2/2007)

"Ich war nie so brav und folgsam gewesen wie meine Schwestern, es hiess oft `die böse Gret`, " schreibt sie später in ihr Tagebuch. Die böse Gret', das ist Margarete Steiff, Mutter der Kuscheltiere und Gründerin einer Weltfirma.
Margaretes Geburtsort Giengen an der Brenz ist heute ein mehr als tausend Jahre altes Städtchen im Schwäbischen in der Nähe von Ulm. Damals lebten dort etwa 2000 Menschen, Bauern, Weber, Zinngießer und andere Handwerksleute. Kuh- und Pferdegespanne fuhren, Federvieh gackerte und flatterte auf der Straße, es war dörflich.

Geboren wird Margarete am 24. Juli 1847 als drittes Kind des Bauwerksmeisters Friedrich Steiff und seiner Frau Maria. Mit eineinhalb Jahren erkrankt Margarete schwer und kann danach ihre Beine nicht mehr bewegen, ihr rechter Arm ist in der Beweglichkeit stark eingeschränkt. Als sie vier Jahre alt ist, erkennt ein Arzt die damals noch unerforschte Krankheit: Kinderlähmung. Die Eltern geben die Hoffnung nicht auf, ziehen mir ihr von Arzt zu Arzt, von Kur zu Kur. Aber ihr Zustand ändert sich nicht, Margarete wird niemals laufen können. Der damals übliche Lebensweg einer Frau als Hausfrau und Mutter ist ihr damit versperrt und als Behinderte wird sie wohl ihr Leben lang von Angehörigen gepflegt werden müssen, befürchten die Eltern.

Von all dem nichts ahnend ist Margarete ein quietschfideles, unternehmungslustiges Kind. Am liebsten ist sie draußen: „Alle Hausgenossen bettelte ich an: Tragt mich auf die Gasse, wenn ich auch manchmal fast erfror. (...) Im Frühling war’s dann so schön (...) in meinem Wägelchen. Da sammelten sich alle Kinder um mich, und ich ordnete Spiele an, wo ich der Mittelpunkt war.“ Etwas wehmütig fährt sie fort „Aber sehr oft kam es auch vor, daß alle davonsprangen, dann unterhielt ich mich mit den ganz Kleinen, die meiner Obhut anvertraut waren. Ich hatte immer Platz für zwei oder drei in meinem Wägelchen, und die Frau Nachbarin war froh, wenn ich die Kinder hütete.“ Und sie selbst konnte so geschickt der täglichen Pflicht, wenigstens ein Stück zu häkeln, entgehen.

Als Margarete 1853 in die Schule kommt, ziehen die anderen Kinder sie in ihrem Wägelchen bis vor die Schultür, dort trägt sie eine Nachbarin die Treppe hinauf. „In die Schule ging ich sehr gerne“, schreibt sie später, „und ließ mich durch keine Witterung abhalten, obgleich ich leicht Urlaub bekommen hätte.“ Aber sie will lernen, will unter anderen Kindern sein. Ihre Leistungen sind überdurchschnittlich, besonders im Rechnen.
Margarete ist intelligent, optimistisch, fleißig – und ein Dickkopf: „Einmal noch zur Schulzeit war meine Mutter gar nicht zufrieden und ich hatte doch fleißig gehäkelt. Da rührte ich zwei Tage keine Arbeit mehr an, sagend, wenn das nicht genug ist, schaff ich gar nichts mehr.“

Aber genau so konsequent und pragmatisch erreicht sie auch ihre Ziele. Sie lernt trotz ihrer Behinderung so gut Zitherspielen, dass sie bald selbst Unterricht geben kann, in späteren Jahren reist sie viel und sie setzt durch, dass sie zur Nähschule gehen darf. Zwar brauchte sie zunächst noch oft Hilfe, beim Stoff zurechtschieben oder beim Nadeln einfädeln, aber sie gibt nicht auf. „Das Nähen ist mir aber auch sehr schwer gefallen. Der rechte Arm tat mir bei geringer Anstrengung weh und links hatte ich kein Geschick.“ Trotzdem ist sie nach einigen Jahre eine perfekte Schneiderin.

Ihr gesundheitlicher Zustand ist trotz aller Kuren und Arztbesuche unverändert. „Das war noch ein langes Suchen nach Heilung, bis ich mir selbst sagte, Gott hat es für mich so bestimmt, daß ich nicht gehen  kann, es muß auch so recht sein.(...) Von da an, etwa mit 17 bis 18 Jahren, ließ ich mich durch keine angepriesenen Mittel oder Heilmethoden mehr aufregen, denn das unnütze Suchen nach Heilung läßt den Menschen nicht zur Ruhe kommen.“

Margarete Steiff am SchreibtischZusammen mit ihren Schwestern Pauline und Marie eröffnet Margarete im Haus der Eltern eine kleine Nähwerkstatt. Als erste in Giengen kaufen sie eine Nähmaschine. Mit ihrem lahmen rechten Arm kann Margarete sie zunächst nicht bedienen, ihr fehlte die Kraft. Doch dann dreht sie die Maschine einfach um und näht von der anderen Seite.
Als die Schwestern heiraten, führt sie das Geschäft allein weiter. 1877 gründet sie dann mit 30 Jahren ein Filzkonfektionsgeschäft und näht vor allem Frauenunterröcke und Kindermäntel. Das Geschäft floriert, schon bald wird aus der Nähwerkstatt eine kleine Fabrik und sie kann mehrere Näherinnen beschäftigen.

Zwei Jahre später findet Margarete in der Zeitschrift „Modewelt“ die Zeichnung eines kleinen Elefanten aus Stoff und bastelt 5 Stück als Nadelkissen für Weihnachten. Die Kinder funktionieren sie jedoch schnell als Spielzeug um, spannen sie vor Wagen und beladen sie wie Lasttiere. Der Anfang der Spielzeugmanufaktur ist gemacht. Jahr für Jahr steigt nun die Nachfrage. 1885 werden 596 Elefanten gefertigt. Bis 1890 ist das Sortiment auf 13 Tiere angewachsen und es werden 5480 Exemplare verkauft. Die Spielwarenproduktion boomt, aber auch der Filzversand wird noch betrieben.

Weil die Räume zu klein geworden sind, baut ihr Bruder Fritz, mittlerweile selbst Bauwerksmeister, für sie ein Haus mit behindertengerechter Wohnung im ersten Stock und einem kleinen Laden im Erdgeschoss, die „Filz-Spielwaren-Fabrik“. Dann stirbt die Mutter, und eine junge Verwandte, Johanna Röck, hilft Margarete von nun an bei allem, was sie nicht allein kann, und wird ihr eine gute Freundin. 1893 wird die Filz-Spielwaren-Fabrik Giengen an der Brenz ins Handelsregister eingetragen. Margarete ist jetzt 46 Jahre alt und Unternehmerin.

In den Jahren 1897 bis 1906 treten dann nacheinander fünf Söhne ihres Bruders Fritz in das Unternehmen ein. Richard, der Lieblingsneffe, ist der eigentliche Erfinder des Teddybären. Er entwirft 1902 den Spielbären „Bär 55 PB“. Das Tier ist nicht aus Filz, sondern einem Bärenfell nachempfunden aus zotteligem Mohair; Kopf, Arme und Beine sind drehbar. Margarete ist nicht so recht begeistert, trotzdem unterstützt sie Richard. 1903 nimmt er den Bären mit zur Leipziger Messe, stößt aber auf wenig Interesse. Erst am letzten Tag erscheint ein Amerikaner, ist begeistert und bestellt 3000 Stück. Seit 1906 heißt der Bär dann Teddybär, nach dem amerikanischen Präsidenten Theodore "Teddy" Roosevelt.

Der Teddybär brachte den Welterfolg. Nur vier Jahre nach seiner Erfindung, im Spitzenjahr 1907, stellen 400 Mitarbeiter und 1800 Heimarbeiter 974.000 Teddybären und viele andere Spielzeugartikel her. Mit ihrem Organisationstalent, ihrer Genauigkeit, aber auch ihrem Interesse und ihrer Hilfsbereitschaft gegenüber den Mitarbeiterinnen leitet Margarete Steiff bis zuletzt ihr Unternehmen. Am 9. Mai 1909 stirbt sie an den Folgen einer Lungenentzündung. Ihre Neffen führten das Unternehmen weiter. Heute ist das Unternehmen zwar noch im Besitz der Familie, wird aber extern geführt.

Autorin: Katharina Krebs

Die Zitate stammen aus dem Buch "125 Jahre Steiff Firmengeschichte" von Günther Pfeiffer, wo aus einem "nachträglich geschriebenen Tagebuch" von Margarete Steiff zitiert wird. Das Buch kostet 39,95 Euro, ist im HEEL Verlag erschienen und beschreibt in weiten Teilen auch die Firmengeschichte nach dem Tod von Margarete Steiff.

 








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