„Meine Mutter glaubte an die Frauen vor Ort“
Zum Tod von Eugenie Burgholte-Kellermann
Ihr erging es wie vielen Unternehmerinnen ihrer Generation. Nach dem Tod des Vaters wurde Eugenie Burgholte-Kellermann unversehens zur Chefin eines Industriebetriebes.
(aus: existenzielle 2/2005)
Es ist im wahrsten Sinne des Wortes bewegend, wenn die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Eugenie Burgholte-Kellermann war gerade Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU) geworden, als die Mauer fiel, der Ostblock zusammenbrach. „Meine Mutter glaubte an die Frauen vor Ort, an ihre Power, ihre Findigkeit. Mit ungeheurer Energie, persönlichem Engagement und Herzblut hat sie sich dafür eingesetzt, dass sie die Chance, die diese Umbruchsituation ja auch bedeutete, nutzen konnten und sich selbstständig am Aufbau der Wirtschaft beteiligen konnten“, erinnert sich ihre Tochter Johanna Struckmann. Für all das, was sie mit ihrem Engagement in Ostdeutschland in Bewegung gesetzt hat, wurde Eugenie Burgholte-Kellermann 1995 das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Der feste Glauben an die Kompetenz von Frauen gerade auch in unternehmerischen Fragen war der Industriellentochter nicht in die Wiege gelegt worden. Zwar waren ihr die Aufgaben und Anforderungen, die aus der Selbstständigkeit erwachsen, von klein auf vertraut. Ihr Vater hatte 1935 die Firma „Rudolf Kellermann Fabrik für Gewindeteile“ in Osterode am Harz gegründet. 1955 produzierten bereits weit über tausend Mitarbeiter 6.000 Tonnen Schrauben, ein zweites Werk musste errichtet werden.
„Ich bin noch buchstäblich in der Firma großgeworden. In der Familie habe ich bei Tisch die Gespräche darüber mitbekommen“, schilderte die Unternehmerin ihr Hineinwachsen in die verantwortungsvolle Tätigkeit in einem Interview zu Beginn dieses Jahrtausends. Dennoch erlebte sie unternehmerische Verantwortung auch in einem Familienbetrieb nicht als Selbstläufer. Im gleichen Interview erzählte sie zustimmend, dass ihr Vater stets Goethe zitiert habe: „Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ So habe auch bei ihrem Einstieg kein Automatismus funktioniert, sondern ihre Anstrengung sei gefragt gewesen.
Die 1933 geborene studierte Sozialwissenschaftlerin und Mutter von drei Kindern rutschte nach dem Tod ihres Vaters und Firmengründers 1973 unvermittelt in die Position der Vorsitzenden des Unternehmensbeirates der Kamax-Werke, wie das Familienunternehmen mittlerweile hieß. „Obwohl sie dem Beirat schon früher angehört hatte, empfand sie diesen Schritt als einen Sprung ins eiskalte Wasser, fand es eine besondere Herausforderung, sich als einzige Frau innerhalb der reinen Männerrunde durchzusetzen“, erinnert sich ihre Tochter. „Ein Schritt auf diesem Weg, der zu ihrem Erfolg beitrug, war sicherlich, dass sie sich nicht scheute, in der Werkstatt den Kopf in die Maschinen zu stecken, der letzte Arbeiter in der Werkstatt kannte sie und wusste, dass er sie ansprechen durfte, wenn es nötig war. Außerdem hatte sie ein Gespür dafür, die richtigen Leute in die Geschäftsführung zu holen, sowohl im technischen als auch im betriebswirtschaftlichen Bereich. Trotzdem hat sie viel Selbstbewusstsein und persönlichen Mut erst entwickeln müssen. Nachdem sie diesen Weg für sich gegangen war, wollte sie ihre Erfahrungen an andere Frauen weitergeben, ihnen Mut zusprechen, ihnen den Rücken stärken.“
Eine Plattform für dieses Anliegen findet die rührige Unternehmerin im VdU. „Es war ihr ganz wichtig, ein Netzwerk von selbstständig tätigen Frauen, Frauen die persönlich haften und mit ihrer Person hinter oder besser vor dem Unternehmen stehen, zu entwickeln und zu stützen“, erinnert sich Dorothea Ossenberg-Engels, langjährige Weggefährtin von Eugenie Burgholte-Kellermann und als Vizepräsidentin ihre Stellvertreterin im VdU. Dabei beschränkte sich die Verbandspräsidentin, deren Unternehmen mittlerweile mit 2400 Mitarbeitern an acht internationalen Standorten produzierte, auch im Engagement für ihre Kolleginnen nicht auf den nationalen Bereich. Die Intensivierung der Verbindung zum internationalen Dachverband für Unternehmerinnen „Femmes Chefs d´Entreprises Mondiales“ (FCEM) stand im Zentrum ihrer Aktivitäten. Diese Kontakte, dieses Netzwerk, beruhten oft auf jahrelangem Ringen um Vertrauen bei den Unternehmerinnen vor Ort.
Das beste Beispiel dafür waren die ostdeutschen Frauen, die zunächst zum Teil sehr zurückhaltend auf die „Kapitalistinnen“ aus dem Westen reagierten. Hatte man ihnen nicht jahrelang gepredigt, diese seien die Wurzel allen Übels? Und hatte nicht die erste Welle der dubiosen Geschäftemacher, die den Osten überschwemmte, die Versicherungsvertreter und Klinkenputzer, das negative Vorurteil bestätigt?
Außerdem waren Frauen im Osten unglaublich stolz. „Das Wort Hilfe durften wir gar nicht in den Mund nehmen, das war verpönt, Hilfe war etwas Negatives!“, betont Frau Ossenberg-Engels. Mit sehr viel Kleinarbeit, wie z.B. Betriebsführungen, Wochenendseminaren über Marktwirtschaft, Patenschaften zwischen Unternehmerinnen hüben und drüben, Unterstützung bei konkreten Problemen usw. gelang es Eugenie Burgholte-Kellermann nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in osteuropäischen Ländern, in Afrika oder Asien, Vertrauen aufzubauen, Frauen voranzubringen und dauerhafte Netzwerke für die Unternehmerinnen vor Ort zu etablieren.
Im Jahre 2000 war der deutsche Verband mit der Ausrichtung des Committee-Treffens des internationalen Verbandes an der Reihe. Zum Abschluss der Tagung fuhren die vielen Frauen aus allen Winkeln der Erde gemeinsam zur Expo nach Hannover. Eugenie Burgholte-Kellermanns Tochter Johanna Struckmann schildert ihre Eindrücke von damals: „Das war eine bunte Schar Frauen, eine Gruppe, wie sie heterogener kaum sein konnte, Frauen aller Hautfarben, Kulturen. Die einen schlossen sich, kaum auf der Expo angekommen, den Tänzen ihrer jeweiligen Heimat an, während andere steif beobachteten. Aber alle diese unterschiedlichen Frauen verband, wesentlich von meiner Mutter gefördert, untrennbar ein Wir-Gefühl.“
Am 11. April 2005 ist Eugenie Burgholte-Kellermann im Alter von 72 Jahren gestorben.
Autorin: Ruth Damwerth
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