Ein ganzes Leben für das Frauenwahlrecht
Die Suffragette Emmeline Pankhurst
Unter Einsatz ihres Lebens kämpften die Frauen in England um 1900 für ihr Wahlrecht. 1928 wurde das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen eingeführt, die Suffragette Emmeline Pankhurst erlebte das nicht mehr.
Underwood & Underwood
(aus: existenzielle 1/2008)
„Falls sich die Zivilisation in Zukunft überhaupt weiterentwickeln soll, dann kann das nur mit Hilfe von Frauen geschehen, von Frauen, die von ihren politischen Fesseln befreit sind, von Frauen mit dem vollen Recht, auch ihren Willen in der Gesellschaft durchzusetzen.“ Dieser Überzeugung folgend hat sich Emmeline Pankhurst nahezu ihr gesamtes Leben für das Frauenwahlrecht in England eingesetzt.
Geboren wurde sie am 4. Juli 1858 in Manchester als Emmeline Goulden. Dort wuchs sie in einer politisch aktiven Mittelstandsfamilie auf. Ihre Eltern Robert Goulden und Sophia Crane engagierten sich für die Abschaffung der Sklaverei und für das Frauenwahlrecht. Mit 14 Jahren besuchte Emmeline erstmals eine Frauenwahlrechtsversammlung. „Ich verließ die Ver-sammlung als bewußte und entschlossene Befürworterin des Wahlrechts für Frauen“, schrieb sie später in ihren Memoiren. Vorerst jedoch ging sie nach Paris zur Schule.
Nach einigen Jahren zurück in Manchester lernte sie Dr. Richard Pankhurst, einen engagierten Anwalt und Politiker, der sich für das Frauenwahlrecht einsetzte, kennen und heiratete 1879 den 24 Jahre älteren Mann. Die beiden führten eine glückliche Ehe. Sie kümmerte sich um die fünf Kinder, unterstützte die politische Karriere ihres Mannes und engagierte sich gleichzeitig in der damals recht aktiven Frauenbewegung.
Jahrzehntelang hatte die Frauenbewegung in England Resolutionen verfasst und sich damit immer wieder an die Politiker gewandt. Ohne Erfolg. Die Regierung trickste die Suffragetten aus, indem sie die Frage des Frauenwahlrechts immer wieder auf den letzten Punkt der Tagesordnung setzte und ihn dann nicht mehr behandelte. Außerdem wurden Liberale Frauenvereine gegründet, um die funktionierende Organisation für das Frauenwahlrecht zu unterlaufen und die Frauen anderweitig zu beschäftigen und zu beschwichtigen. Die Methode hatte Erfolg, 1884 war die Frauenrechtsbewegung in England weitgehend tot.
Für einige Jahre gingen die Pankhursts nach London. Zurück in Manchester kümmerte sich Emmeline ehrenamtlich um die Armenrechtspflege. Das Elend der Menschen und das rein fiskalische Umgehen der Sozialpolitiker damit entsetzte Emmeline Pankhurst. Da sie bei Frauen viel pragmatischere Vorstellungen zur Armutsbekämpfung als bei Männern sah, wurde für sie das Frauenwahlrecht zunehmend zur Schlüsselfrage. „Ich begann das Wahlrecht für Frauen nicht nur als unser Recht, sondern als eine verzweifelte Notwendigkeit zu betrachten.“
1898 starb ihr Mann und sie blieb allein mit vier Kindern (ein Kind war früh gestorben) zurück. Jetzt musste sie sich und ihre Kinder mit dem kargen Lohn einer Standesbeamtin durchbringen. Doch Emmeline Pankhurst ließ ihr Ziel – das Frauenwahlrecht – nicht aus den Augen. 1903 gründete sie gemeinsam mit ihren Töchtern Sylvia und Christabel die WSPU, die „Soziale und Politische Frauenunion“. Ihr Motto: Taten statt Worte. Die WSPU verzichtete auf Bündnisse mit den etablierten Parteien und vereinte Frauen aus allen Gesellschafts-schichten. Die Frauen agitierten auf der Straße, hielten Reden und verteilten Broschüren; bekannte Bühnenkünstlerinnen gaben Gratisvorstellungen, Designerinnen fertigten Banner und Transparente.
Weltbekannt wurde die Suffragettenbewegung 1905 durch eine Aktion von Annie Kenney, einer Textilarbeiterin, und Christabel Pankhurst. Sie hatten eine Versammlung der liberalen Partei besucht und wiederholt mit dem lauten Zwischenruf: „Wann wird die Regierung den Frauen das Stimmrecht geben?“ gestört. Beide wurden aus dem Saal gezerrt und bei der anschließenden Protestveranstaltung vor der Tür festgenommen. Annie Kenney wurde zu fünf Schilling bzw. drei Tagen Haft verurteilt, Christabel Pankhurst zu 10 Schilling oder 7 Tagen Haft. Sie weigerten sich zu zahlen und wurden ins Gefängnis gebracht. Die Nachricht, dass Christabel Pankhurst, die Tochter eines angesehenen Juristen, im Gefängnis saß, ver-breitete sich wie ein Lauffeuer. Die Kurzfassung der Frage „Votes for Women“ wurde zum Slogan.
Obwohl sie als Mannweiber, sexuell Frustrierte, als Hexen und Hysterikerinnen diffamiert wurden, schlossen sich immer mehr Frauen den Suffragetten an. 1909 hatte die WPSU 50.000 Mitglieder in 105 Ortsgruppen.
Die Suffragetten zerschnitten Telegrafen- und Telefonverbindungen, so dass die komplette Kommunikation zwischen London und Glasgow für einige Stunden unterbrochen war. Sie warfen Fensterscheiben einiger Londoner Clubs ein, zerstörten Golfplätze mit Säure, zündeten leer stehende Landsitze an und stürmten das Juwelenzimmer im Londoner Tower, sogar die Residenz von Prinz Christian und der Sitz des Erzbischofs von Canterbury wurden aufgesucht und die Fenster eingeworfen. Die Aktionen wurden zunehmend militanter, die Suffragetten setzten das eigene Lebens aufs Spiel, nie jedoch das Leben anderer, auch nicht das ihrer Gegner.
Die Gerichte verhängten harte Strafen und die Frauengefängnisse füllten sich. Zeitweise saßen mehr als 1.000 Suffragetten gleichzeitig in Haft. In den Gefängnissen ging der Kampf weiter. Die Suffragetten forderten die Rechte als politische Gefangene – eigene Kleidung, Bücher, Zeitungen, Schreibmaterial – wurden jedoch als „normale“ Kriminelle in grobe Anstaltskittel gesteckt und mussten in schmutzigen, feuchten, kalten Einzelzellen hausen. Dagegen protestierten die Suffragetten ab 1909 mit Hunger-, später auch mit Durststreiks. Um keine Märtyrerinnen zu schaffen, wurden sie äußerst brutal zwangsernährt.
Am 18. November 1910, dem „schwarzen Freitag“, versuchten 450 Suffragetten in das Londoner Parlament zu gelangen, um das Frauenstimmrecht zu fordern. Über 1.000 Polizisten und bewaffnete Banden fielen über die Suffragetten her. Sie wurden niedergeknüppelt, niedergeritten, am Boden liegend noch getreten und an den Haaren geschleift. Sechs Stunden dauerte die Straßenschlacht, 150 Frauen wurden verhaftet, zwei starben an den Folgen der Verletzungen.
Die Regierung ging mit unglaublicher Brutalität gegen die Suffragetten vor. Nachdem die Zwangsernährung aufgrund öffentlicher Proteste 1913 schließlich eingestellt worden war, hatte die Regierung eine neue Methode erdacht und dafür eigens ein Gesetz erlassen, den „Cat and Mouse Act“. Suffragetten wurden für das kleinste Vergehen festgenommen. Im Gefängnis traten sie in Hungerstreik, wurden immer schwächer, bis sie kurz vor ihrem Tod aus dem Gefängnis entlassen wurden, um sich zu Hause zu erholen. Kaum waren sie wieder einigermaßen fit, wurden sie zurück ins Gefängnis geworfen, wobei die „Erholungsphase“ nicht auf die Strafe angerechnet wurde. Diese Vorgehensweise war – aus Sicht der Regierung – sehr effektiv. Nie starb eine Suffragette in einem Gefängnis, wohl aber sehr viele an den Folgen der Haft. Emmeline Pankhurst durchstand 10 Hungerstreiks in 18 Monaten.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges trat das Ziel Frauenwahlrecht schnell in den Hintergrund. Patriotisch warb Emmeline Pankhurst für den Kriegsdienst, die Frauen strömten in die Hilfsdienste und arbeiteten als Erntehelferinnen, Krankenschwestern oder sprangen da ein, wo Männer eingezogen worden waren.
Nach Ende des Krieges 1918 trat Emmeline Pankhurst der konservativen Partei bei, war aber kaum noch politisch aktiv. Ebenfalls 1918 wurde in England das Frauenwahlrecht für Frauen ab 30 Jahren eingeführt. Sylvia Pankhurst wurde eine radikale Sozialistin und kämpfte für die Unabhängigkeit Äthiopiens. Christabel engagierte sich als Evangelistin in Amerika.
Emmeline Pankhurst starb am 14. Juni 1928 in London, wenige Wochen später wurde das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen in England eingeführt.
Autorin: Katharina Krebs
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