„Nein, ich bin nicht die ‚Puppen-Kruse’“
Käthe Kruse, Puppenfabrikantin
Aus Küchentuch, Sand und einer Kartoffel machte Käthe Kruse ihre ersten Puppen für die eigenen Kinder. Und entdeckte nicht nur ihr Talent, sondern auch einen unerwarteten Geschäftssinn.
(aus: existenzielle 1/2007)
Mit Puppen hatte Käthe Kruse ursprünglich nichts im Sinn. Im Gegenteil: Puppe Perdita, ein Geschenk zum achten Geburtstag, „war und blieb für mich ein Lederbalg mit schlenkrigen Beinen und einer blöden Fratze“, schreibt Käthe Kruse 1951 in ihrer Autobiografie „Das große Puppenspiel“. Die Bühne ist die große Leidenschaft der jungen Katharina Johanna Gertrud Simon. 17-jährig debütiert sie als Hedda Somin am Berliner Lessing-Theater. Doch auf Drängen ihres späteren Ehemannes gibt sie die Schauspielerei auf. Stattdessen avanciert sie als ‚Puppen-Kruse’ zur ‚Erfinderin’ und ‚Unternehmerin’. Diese Sichtweise behagt ihr offenbar nicht. „Nein, ich bin nicht die ‚Puppen-Kruse’. Ich habe nichts erfunden, und ich habe auch keine Werkstätte gegründet. Ich habe auch nicht gearbeitet, um Geld zu verdienen, sondern es ist alles ganz einfach gewachsen und hat mich keine sonderlichen Anstrengungen gekostet“, sagt sie über sich und ihr Unternehmen.
Glück und Erfolg sind Katharina Simon nicht in den Schoß gefallen. Am 17. September 1883 als uneheliches Kind der Näherin Christiane Simon und des Beamten Robert Rogaske in Breslau geboren, wächst sie in armen Verhältnissen auf. Als „unglücklich“ bezeichnet sie ihre Jugend. Doch nicht Armut oder der Umstand, dass sie keinen „richtigen Vater“ hat, sind für sie der Grund, sondern eine kindlich-jugendliche Melancholie, die mit den Jahren jedoch einer Schalkhaftigkeit weicht. „Sie war sehr temperamentvoll und unternehmungslustig“, beschreibt ihr jüngster und einziger noch lebender Sohn, der Schriftsteller und Kinderbuchautor, Max Kruse jun. (geistiger Vater von Urmel aus dem Eis), seine Mutter.
1901 lernt die junge Schauspielerin im Berliner ‚Café des Westens’ den 29 Jahre älteren Bildhauer Carl Max Kruse kennen. Wenige Tage später sind sie ein Paar. Käthe wird schwanger. Erst mit Maria, dann mit Sofie. Sie geht mit den Kindern nach Ascona. Max bleibt in Berlin. Käthes Bitte, dort eine Puppe für Maria zu kaufen, schlägt er trotzig aus. „Nee, ick koof Euch keene Pauppen. Ick find’se scheißlich. Macht Euch selber welche,“ schreibt Max Ende 1905 nach Ascona. Kurzerhand improvisiert die junge Mutter aus Küchentuch, Sand und einer Kartoffel ihre erste Puppe. „Nun, der Beginn dieser meiner neuen künstlerischen Entwicklung sah primitiv aus“, beschreibt sie ihre Kreation. Käthe bleibt am Ball. 1910, ein Jahr nach der Geburt der dritten Tochter Johanna und der Heirat mit Max Kruse, beteiligt sich an der Ausstellung ‚Spielzeug aus eigener Hand’ des Berliner Warenhauses Hermann Tietz. Ihre Puppen werden als ‚Ei des Kolumbus“ gelobt.
Um die nun einsetzende Nachfrage zu befriedigen, kooperiert Käthe Kruse mit einem Spielzeugfabrikanten. Doch diese Puppen „sahen aus wie aufgepumpte Flundern“, erinnert sich Käthe Kruse. Auch die Kunden finden sie hässlich. Der Vertrag wird aufgehoben. „Einen einzigen Tag saß ich ratlos herum – da kommt ein Telegramm aus Amerika.“ Die Order:150 Puppen. Liefertermin: 8. November. Es ist bereits Spätherbst. Kurzerhand wird die Wohnung an der Berliner Fasanenstraße zur Werkstatt. Zwischenzeitlich bringt sie Michael, das vierte Kind, zur Welt, gewinnt bei den Internationalen Puppenausstellung in Florenz, Frankfurt und Breslau. Während Käthe Kruse und ihre Heimwerkerinnen für den Auftrag zuschneiden, nähen und häkeln, muss sie auch noch Mann Max bei Laune halten. Immerhin soll der vom Tumult genervte Bildhauer die Puppenköpfe modellieren. Der Auftrag wird pünktlich fertig. Doch die abwaschbaren Puppenköpfe – eines der Markenzeichen der Kruse-Produkte, verlieren ihre Farbe. „Diese Tage waren die große Krise meiner Puppenpläne“, sagt Käthe Kruse. Der Kunde aus Übersee ist nachsichtig. Er wolle 500 weitere Puppen, diesmal mit abwaschbaren Köpfen. Käthe Kruse nimmt den Auftrag an. „Sie schreckte vor keiner Herausforderung zurück“, sagt Max Kruse über seine Mutter. Zunächst produziert Käthe Kruse in der Berliner Wohnung, ab 1912 in der eigens errichteten Werkstatt im 230 Kilometer entfernten Bad Kösen (Sachsen-Anhalt). Dort kommt im Winter 1912 das fünfte Kind, Sohn Joachim, zur Welt.
Kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges bringt Käthe Kruse am 15. August 1918 Friedebald, ihr sechstes, am 19. November 1921 Max jun., ihr siebtes Kind, zur Welt. „Wir wurden nebenbei großgezogen, aber nie vernachlässigt“, erinnert sich Max Kruse. Käthe Kruse ist es, die sich um die Familie kümmert. Vater Max widmet sich seiner Kunst. Die Auftragslage steigt auch aufgrund der inflationsbedingt niedrigen Preise weiter an. „Es war eine Ausplünderung“, schreibt Käthe Kruse. Doch sie will ihr „Personal, das sich meiner Führung anvertraut hatte, durchbringen“. Der unternehmerische Erfolg wird durch den Prozess gegen einen Spielwarenhersteller überschattet. Er produziert maschinell Kopien der handgefertigten Kruse-Puppen. Käthe Kruse prozessiert und gewinnt 1925 vor dem Leipziger Reichsgericht. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist Käthe Kruse in Wien, „Ich will nicht vom Krieg erzählen. Er gehört nicht zu meinem, er gehört zu unser aller Schicksal“, sagt sie später. Auch Käthe Kruse hat Tote zu betrauern. 1942 stirbt Ehemann Max Kruse im Alter von 88 Jahren. 1943 erliegt Sohn Joachim den Folgen eines Gehirntumors, 1944 stirbt Sohn Friedebald beim Rückzug der deutschen Truppen aus Tarnopol.
Die Produktionsumstände im seit 1945 sowjetisch verwalteten Sachsen-Anhalt veranlassen Käthe Kruse, mithilfe der Söhne Max und Michael Zweigwerke in Bad Pyrmont und Donauwörth zu errichten. 1950 wird die Werkstatt in Bad Kösen unter Treuhänderschaft gestellt, 1954 in einen „Volkseigenen Betrieb“ umgewandelt. Käthe Kruse zieht nach Donauwörth, später ins bayrische Murnau. 1956 überträgt sie die Geschäfte auf ihre Tochter Johanna. Im gleichen Jahr erhält sie das Bundesverdienstkreuz. Kurz vor ihrem 85. Geburtstag stirbt Käthe Kruse am 19. Juli 1968 in Murnau. Ihr Unternehmen bleibt bis 1990 in Familienbesitz. Seit Beginn wurden zirka 1,5 Millionen Puppen gemäß Käthe Kruses Philosophie in Handarbeit hergestellt. „Die Hand geht dem Herzen nach. Nur die Hand kann erzeugen, was durch die Hand wieder zum Herzen geht.“
Autorin: Beate Katharina Seiferth
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