Das Gefühl von Freiheit
Die Unternehmerin Claudia Wenck
Ob es Rechenmaschinen, Seife, destilliertes Wasser oder Alarmanlagen waren. Für die 1917 geborene Claudia Wenck war die Selbstständigkeit wichtig - bis ins hohe Alter.
(aus: existenzielle 1/2005)
„Hören Sie mal, das ist jetzt gerade ganz schlecht, ich werde hier von zwei Seiten etwas gefragt”, ruft Claudia Wenck mit energiegeladener Stimme ins Telefon. Erst im dritten Anlauf gelingt ein Gespräch mit der Gründerin und Mitinhaberin der Alarmtechnik Buschmann und Hoffmann GmbH in Braunschweig, die nebenbei noch die Diedr. Buschmann GmbH und Co KG, einen Großhandel für Wein, betreibt. Claudia Wenck ist achtundachtzig Jahre alt. „Ich hatte nie Lust, mich zur Ruhe zu setzen. Wenn man selbstständig ist und gerne arbeitet, hat man keine Lust aufzuhören”, erklärt sie. „Außerdem hält es die grauen Zellen geschwinde, wenn man stark gefordert wird.”
Claudia Wenck, geb. Buschmann, kam 1917 zur Welt. Sie wuchs in einem Unternehmerhaushalt auf. Ihr Vater leitete den 1812 gegründeten Familienbetrieb Diedr. Buschmann, der mit Drogen und Spezereien handelte und mit seinen 150 Mitarbeitern zu den zehn größten Arzneimittelgroßhändlern Deutschlands zählte. Als Jugendliche träumte sie davon, Ärztin zu werden. Aber vor die Zulassung zur Reifeprüfung und das Studium hatten die Nazis Arbeitsdienste und Mitgliedschaften in diversen nationalsozialistischen Vereinigungen gesetzt. „In unserer Familie waren alle sehr gegen die Nazis eingestellt, daher wollte ich auch nicht nach deren Pfeife tanzen. Na, da habe ich mir gesagt, ich pfeif auf das Studium!” Stattdessen besuchte die junge Frau die Höhere Handelsschule. Noch bevor sie eine Berufsausbildung anfangen konnte, erhielt sie von Bekannten das Angebot einer Anstellung als zweite Direktionssekretärin in einer Braunschweiger Firma für Rechenmaschinen. Nach acht Wochen starb die Direktionssekretärin und die ungelernte Berufsanfängerin rutschte mit achtzehn Jahren in dessen verantwortungsvolle Stellung. „Man musste sich schon etwas zutrauen!”, urteilt Claudia Wenck. „Dieses Selbstvertrauen ist auch die Grundlage für berufliche Selbstständigkeit.“
So sagte sie auch nicht nein, als Geschäftspartner des Vaters sie fragten, ob sie sich die Leitung der kleinen Berliner Niederlassung ihrer Seifenfabrik zutraute. Neben der fachlichen Herausforderung, die damit verbunden war, immerhin war sie für den kaufmännischen Teil völlig alleine zuständig, forderte das auch anderweitig ihren Mut. „Die Berliner fassten die Situation auf ihre kesse Art so zusammen: Mein Gott, es ist schon nach halb sieben und noch keine Bomber in Sicht. Den Engländern wird doch wohl nichts zugestoßen sein?”
Auch „ihre“ kleine Firma wurde ein Opfer der Bomben. Gleichzeitig wurde ihre Mitarbeit in der Leitung des Familienbetriebs notwendig, da ihr Bruder eingezogen worden war. Nach kurzer Zeit erlitten sowohl die Zentrale der Traditionsfirma in Braunschweig als auch die Niederlassungen in Göttingen und Hildesheim Bombentreffer. „So kam es, dass ich nach dem Krieg nur noch gepflegte Trümmer übernommen habe“, erinnert sich Frau Wenck. Dabei waren nicht nur die Gebäude zerstört. Die Zonengrenze, die das Handelshaus von seinem Hinterland abschnitt, brachte die Handelsaktivitäten so weit zum Erliegen, dass die Firma Vergleich anmelden musste. „Mein Vater verstarb in dieser Zeit, mein Bruder orientierte sich beruflich anderweitig. So stand ich alleine mit einem Unternehmen da, dass eigentlich nur noch ein Name war. Aber mir war klar, dass ich weitermachen wollte. Ich wollte unbedingt selbstständig bleiben. Selbstständig zu sein bedeutet für mich, dass man das Gefühl von Freiheit hat, ohne die Freiheit zu nutzen. Ich kann mir sagen: Heute scheint die Sonne, ich lass das Arbeiten und geh raus. Aber ich tu’s nicht. Trotzdem ist das Gefühl wunderschön, da wollte ich nie drauf verzichten. Ich stand also mit diesem Trümmerhaufen da und wollte die Firma unbedingt am Leben erhalten. Da habe ich ganz klein wieder angefangen und mit der Produktion von destilliertem Wasser begonnen.“ Destilliertes Wasser – für Krankenhäuser, für Batterien, zum Bügeln – war schon ein unverzichtbarer Bestandteil der Angebotspalette der Firma Diedr. Buschmann zu ihren besten Zeiten gewesen, damals ein Abfallprodukt der Grünschneidemaschine, die von einer Lokomobile, also mit Wasserdampf angetrieben wurde. „Ich kann mich heute noch an das glückliche Gefühl erinnern, das ich hatte, als der erste Postscheck bei mir eintraf. Er lautete über 75 D-Mark. Das fand ich wunderbar, für mich war damit klar, jetzt geht das Geschäft wieder los.” Das war 1952.
„Das Selbstständigsein stand bei mir immer im Vordergrund, mehr als die Frage, was für eine Firma ich eigentlich hatte. So wurde mein Betrieb durch äußerliche Umstände auf eine ganz andere Bahn gelenkt. Bei Gesprächen mit Apothekern, meinen wichtigsten Kunden, hörte ich immer wieder Klagen darüber, wie sehr sie mit Einbrüchen zu kämpfen hatten. Wie es so geht im Leben, wurde mir Ende der fünfziger Jahre die Vertretung einer Einbruchmeldeanlage angetragen. So habe ich meine Firma dahingehend ausgerichtet. Ende der siebziger Jahre kam der Elektromeister Willibald Hoffmann auf mich zu. Der wollte sich gerne selbstständig machen und bot mir an, die Vertretung zu übernehmen, wenn ich in Ruhestand ging.“ Stattdessen gründet sie 1981 mit Herrn Hoffmann zusammen die Alarmtechnik Buschmann und Hoffmann GmbH, da ist sie 64 Jahre alt. Die Firma vertreibt und installiert mittlerweile seit fast einem Vierteljahrhundert mit zehn Mitarbeitern Alarmanlagen, Brandmeldeanlagen, Eingangskontrollen, Videoüberwachung und Geräte zur Zeiterfassung.
Der einstmals „junge“ Kompagnon geht mittlerweile auf das Rentenalter zu. Im Gegensatz zu ihm denkt die im Verband der Unternehmerinnen aktive Claudia Wenck nicht ans Aufhören – höchstens mal für ein paar Tage: „Ich bin achtundachtzig Jahre und ich war noch nie in Paris. Da muss ich jetzt aber schnell machen.“
Autorin: Ruth Damwerth
(Claudia Wenck ist am 11. April 2007 im Alter von 90 Jahren gestorben)
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