Mit einem Bauchladen und Freiheit
Die Journalistin Susanne von Paczensky
„Hired!“ Mit diesem Ausruf begann im Oktober 1945 die journalistische Karriere Susanne von Paczenskys, ein Ausdruck von Leichtigkeit und Vertrauensvorschuss, der sie auch Jahrzehnte später noch tief beeindruckt:
(aus: existenzielle 4/ 2004)
“Ich war damals gerade 21 geworden, hatte ein Abitur, ein Viertelstudium, keinerlei berufliche Fachkenntnisse, nur den brennenden Wunsch, Journalistin zu werden.“ Ob ihre Anstellung durch die Amerikaner wirklich nur Vertrauensvorschuss war? Oder ob die Amerikaner realisierten, dass die junge Frau vor ihnen mehr mitbrachte, als ihr selber bewusst war, nämlich die Erfahrung gedemütigt und staatlicher Willkür ausgesetzt worden zu sein, ein daraus resultierender Trotz; schon das Studium hatte sie sich mit einem gefälschten Arierausweis „erschlichen“. In jedem Fall erhielt sie eine Anstellung bei der neugegründeten deutsch-amerikanischen Nachrichtenagentur DANA.
Kaum ein Jahr später war sie die einzige deutsche Berichterstatterin bei den Nürnberger Prozessen. „Das war eine solche Ehre! Das größte Presseereignis des Jahrzehnts, das die berühmtesten und wunderbarsten Journalisten aus aller Welt versammelte, wurde mir anvertraut.“ Als Belastung empfand sie den Auftrag nur im Hinblick auf ihre Arbeit. „Es war befriedigend, Menschen, vor denen ich mich wahnsinnig fürchtete, die mir nach dem Leben getrachtet hatten, die einen Teil meiner Familie ermordet hatten, da stehen zu sehen als jämmerliche Geschöpfe. Um mich herum haben schon Menschen geschluchzt und gezittert, aber das konnte ich mir gar nicht erlauben. Ich war Agenturjournalistin und musste den kompletten Inhalt in Konkurrenz zu Reuters, upi und solchen Leuten wiedergeben.“ Erleichtert stellte die Berufsanfängerin fest, dass sie der Konkurrenz gewachsen war. Ihr Name erschien bald täglich auf den ersten Seiten der Tageszeitungen. „Das hat meinen Ehrgeiz geweckt: Ich wollte etwas Besonderes aus dem Beruf machen.“
Fast fünfundfünfzig Jahre arbeitete Susanne von Paczensky erfolgreich als freie Journalistin. Ihrem Erfolg zu Grunde lag dabei eine ganz eigene, ihre eigene Art von politischem Journalismus, ein Journalismus, der das Politische immer mit dem Privaten verband, egal ob sie für Illustrierte über Fürstenhäuser oder für die ZEIT über den US-amerikanischen Strafvollzug berichtete. Nicht zuletzt aufgrund eigener bitterer Erfahrung in der Nazizeit schloss sie sich den Gegnerinnen des § 218 an und entwickelte sich in den siebziger und achtziger Jahren zu der publizistischen Vorkämpferin für die Abschaffung des Abtreibungsverbots. Zu zahlreichen Reportagen, Artikeln und Kampfschriften kamen in diesen Jahren Bücher wie „Die neuen Moralisten“ (roro, 1984) und „Gemischte Gefühle von Frauen, die ungewollt schwanger sind“ (beck’sche Reihe 1987). Von 1977 bis 1983 gab sie die Reihe „Frauen aktuell“ im Rowohlt Verlag mit mehr als vierzig Büchern heraus. In diesen Jahren begann sie neben ihrer publizistischen Tätigkeit noch das Studium der Soziologie, dass sie 1981, kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag, mit der Promotion krönte.
1991 zog sie als Auslandskorrespondentin nach Kalifornien; ein wiedervereinigtes Deutschland wollte sie doch lieber erst einmal aus der Ferne betrachten. Erst mit achtzig Jahren gönnte sie sich selber den „Ruhestand.“ Ihr Lebenswerk wurde mehrfach geehrt, 1996 mit dem Fritz-Sänger-Preis für kritischen Journalismus, 2004 gleich doppelt mit dem Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union und der Hedwig-Dohm Urkunde vom Journalistinnenbund.
Dabei war ihr der große Erfolg trotz des fulminanten Berufsstarts keineswegs leicht gemacht worden. So steil, wie ihre Karriere anfangs verlief, so abrupt kam der Absturz. Wenige Jahre nach ihrer Tätigkeit bei den Nürnberger Prozessen verlor sie ihre Stelle. Der Grund? Sie hatte geheiratet und ihr Mann, ebenfalls Journalist, wurde als Korrespondent ins Ausland geschickt. „Nicht zu arbeiten gefiel mir gar nicht. Sofort habe ich begonnen free lance zu schreiben, zunächst für die ‚Welt’, und für den Rundfunk kleine Stückchen zu machen. Der Anfang war schwer! Ich war schüchtern, war mit nicht sicher, wie man an eine Zeitung herantritt, wenn man nicht fest angestellt ist. Ich hatte aber recht schnell immer gut zu tun, was auch kein Wunder war: Ich arbeitete als Auslandskorrespondentin gegen Zeilenhonorar!
Trotz des schlechten Verdienstes hat mir dieses freie Arbeiten von Anfang an sehr gut gefallen, das war ein herrlich freies Leben. Ich hatte mich in der kurzen Zeit als Angestellte schon über Vorgesetzte geärgert, dass ich froh war, keine mehr zu haben und meinen Bauchladen von Auftraggebern frei zu bedienen.“ Trotzdem war es ein Kampf, nachdem ihre beiden Kinder geboren wurden um genug Zeit und Ruhe zum Arbeiten, nach der Trennung von ihrem Mann um genug Einkommen. „Aber die Versuchung, mich fest anstellen zu lassen, kam nie auf. Was andere Menschen so gruselte, nicht krankenversichert zu sein und nicht zu wissen, was man im nächsten Monat verdienen würde, das hat mich nie sehr beschäftigt.“ Dennoch: Als eine der Gründerinnen des Schriftstellerverbandes kämpfte sie mit Arbeitskolleginnen und –kollegen um die Gründung der Künstlersozialkasse. Wenn ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger heute zumindest aus finanzieller Sicht keine Angst mehr vor dem „elenden Alter oder Krankheit“ haben müssen, gehört auch das zu den vielen Spuren, die Susanne von Paczensky im deutschen Denken und Sein hinterlassen hat.
Autorin: Ruth Damwerth
(existenzielle, 4/ 2004)
Susanne von Paczensky ist am 15. Mai 2010 gestorben. Die Laudatio anlässlich der Verleihung der Hedwig-Dohm-Urkunde durch den Journalistinnenbund finden Sie hier: Laudatio von Magdalena Kemper und das Interview "Ich bin doch keine Dichterin!"
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