"Das Strahlen führt zum Erfolg"
Petra Schuseil über Lebenstempo-Coaching, Genius-Arbeit und die Suche nach dem persönlichen Schatz
Sie selbst hat drei Jahre in Hong Kong gelebt und dort gelernt, dem Leben einen neuen Rhythmus zu geben. Im Lebenstempo-Coaching bei Petra Schuseil geht es für die meisten Menschen darum, rauszukommen aus der Hektik im Hamsterrad, manchmal aber auch darum, ein paar Gänge hochzuschalten. Rituale helfen, die Erinnerung und manchmal auch eine richtige Auszeit.
Frau Schuseil, „So erreichen Sie mich schnell“,
steht in Ihrem Blog. Lebenstempo-Coaching hatte
ich mir langsamer vorgestellt.
Oh, sollte ich das
verändern? Wo steht das denn?
Das stimmt, die
meisten suchen Langsamkeit. Und die erleben sie häufig schon im ersten Gespräch
mit mir. (lacht)
Heute empfinde ich
eine gemütliche Fünf, mit Spielraum nach oben und nach unten. Das kann morgen
schon wieder anders sein.
So dynamisch kennen es viele Menschen nicht,
sie erleben ihr Tempo durchgängig als zu hoch. In Ihrem Coaching geht es um die
Kunst, das eigene Lebenstempo zu finden. Wie kommen Sie dieser Kunst auf die
Spur?
Die meisten
Menschen haben trotz Stress und Zeitdruck auch andere Erfahrungen. Das ist eine
Ressource, die wir im Coaching in Erinnerung bringen. In ihrer Eile und im Hamsterrad
vergessen Menschen, was sie können, sie verlieren ein Gefühl für sich. Sich
daran zu erinnern, wo man sich wohl gefühlt hat, wo man entspannen konnte, auf
einer Parkbank oder im Urlaub, ermöglicht es, an diese Ressourcen anzuknüpfen.
Und das kann jeder?
Ja, jeder hat eine
Antwort und dann oft ein Aha-Erlebnis. Und dann geht es darum, gedanklich an
diesen Ort und in das Gefühl zu kommen.
Manchmal muss man in der Erinnerung
vermutlich weit zurück.
Ja, im
Genius-Coaching ist das eine wichtige Rückblende: Die Erinnerung an schöne
Kindheitserlebnisse. Die Frage:
Was hat Ihre Augen in der Kindheit zum Leuchten gebracht? ist eine
Schlüsselfrage. Ich hatte eine Marketingexpertin im Coaching, die begeistert
von ihrer Kindheit auf dem Land erzählte, vom Matschen und Bauen, Spielen im
Wald. Ihr Thema ist Kreativität. Oder ein Manager, der sich strahlend daran
erinnert, wie er als Kind die Ferien in Frankreich verbrachte und es liebte,
Boule zu spielen. Dem versucht er nun näher zu kommen, in seinem Lebensgefühl,
aber auch beruflich. Die Wurzeln für unser heutiges Tun und unsere
Einzigartigkeit liegen häufig in der Kindheit.
Was meinen Sie mit Genius-Coaching?
Ich gehe davon aus,
das jeder Mensch einen Genius hat, ein Lebensleitmotiv. Eine Antwort auf die Frage:
Wie bin ich für mich und andere ein Geschenk auf dieser Welt? Die Griechen und
Römer sagten, jeder Mensch komme mit einem Schutzengel auf die Welt. So ist der
Genius, wie ein kostbarer Schatz.
Wenn ich meinem Genius auf die Spur komme,
kann ich auch mein Tempo verändern?
Ja, wenn man das
hat, hört das sich Verzetteln auf. Zu erkennen, was mich als Kind begeisterte,
ist wie ein Schlüssel. Ich beziehe dabei aber auch den
bisherigen beruflichen roten Faden mit ein und einen Ausblick in die Zukunft.
Ich erlebe dann immer sehr inspirierende Aha-Erlebnisse bei meinen Coachees. Wenn
man den eigenen Genius hat, wird alles klar und einfach, Sie gewinnen
Lebensfreude.
Das erinnert mich an die Aussage vieler
Gründerinnen, die sich nach einer Phase der Berufstätigkeit für die
Selbstständigkeit entscheiden und sagen: Jetzt mache ich, was ich wirklich
will. Führt diese Haltung zum Erfolg?
Ja, das Strahlen
führt zum Erfolg. Davon bin ich fest überzeugt. Wenn ich gefunden habe, was
mich ausmacht, muss ich nicht mehr rechts oder links gucken, dann kann ich
unbeirrt meinen Weg gehen. Diese Gründerinnen wissen: Je nischiger die Nische,
umso mehr werde ich gefunden. Auch ich bin immer noch dabei, mein Angebot
weiter zuzuspitzen, zu reduzieren, nischiger zu werden.
Was ist Ihr Genius?
Ich bin die, die
nach Perlen taucht.
Wie haben Sie den gefunden?
Das ist eine
Suchbewegung, die Zeit braucht und eine Antwort auf die Frage zu geben
versucht: Wer bin ich? Manchmal ist es simpel und ganz einfach, den Genius zu
finden. Aber etwas, was auf der Hand liegt, kann auch leicht wieder
herunterfallen. Mir fällt eine Frau ein, deren Genius ist „Sinn finden“ …
Oh, wie anstrengend!
Finden Sie?
Ja, das ist doch eine vielleicht etwas sehr
große Aufgabe.
Eine andere hat den
Genius „Hinweise sammeln“. Sie ist jemand, die immer nach Informationen sucht,
es immer genauer wissen will. Das hört natürlich auch nie auf. Darum geht es:
Zu erkennen, was meine Aufgabe in der Welt ist und wie ich mit dieser leben
kann.
Und dann kommt das Lebenstempo wieder ins
Gespräch.
Genau. Genius und
Lebenstempo gehören zusammen.
Wir leben in einer schnelllebigen Welt. Was
passiert denn, wenn ich meinen Alltag entschleunige und der Rest dreht sich
weiter im schnellen Takt?
Das
gesellschaftliche Tempo wird sich nicht entschleunigen, das sagen alle Zeitforscher.
Das Tempo durch Technik und Kommunikation bleibt, das werden wir nicht
zurückdrehen. Aber jeder hat die Wahl, in seinem eigenen Leben die Pause- oder
Stopp-Taste zu drücken.
Was Sie dann erleben:
Ich komme entschleunigt daher. Ich kann auch mal faulenzen, ich muss nicht
immer twittern oder bloggen, man kann mich auch am Wochenende besuchen, weil
ich nicht durchgängig arbeite. Ich habe nichts gegen 12-Stunden-Tage, gegen
Arbeit am Abend oder am Wochenende. Wann Sie die Pause-Taste einstellen, ist
Ihnen überlassen, aber Sie brauchen sie.
Und dennoch fällt es vielen Menschen schwer,
aus dem Hamsterrad auszusteigen. Was hilft im Alltag?
Rituale. Regelmäßig
essen zum Beispiel. Spontan fallen mir auch die Raucher ein, die auf eine
Zigarette rausgehen und mit Kollegen schnacken. Das ist ein wichtiger Impuls,
so etwas müssten die Nichtraucher auch finden. Tragen Sie sich einmal in der
Woche in den Kalender einen freien Vormittag für sich ein. Stellen Sie den Anrufbeantworter
an, wenn Sie etwas Schwieriges am Stück bearbeiten wollen. Ich habe früher in
Stresszeiten mein Handy gestellt, damit es mich einmal pro Stunde daran
erinnert, runterzukommen.
Das ist ja schrecklich! Den Wecker stellen,
um die Auszeit nicht zu vergessen …
Vor zehn Jahren war
das wichtig für mich.
Und irgendwann hat Sie der Burnout erwischt.
Ja, das war rund um
2000 in der Wirtschaftskrise. Ich war Personalberaterin in der Werbebranche,
aber es wurden eben keine Kreativen mehr vermittelt. Als Einzelkämpferin und
Headhunterin war das natürlich schwer. Das war auch persönlich eine Krisenzeit.
Ich musste mich nach diesem Scheitern ganz neu positionieren.
Sie haben drei Jahre in Hong Kong gelebt.
Wie ist das Tempo dort?
Hong Kong ist eine
große und eine schnelle Stadt, sie haben achtspurige Straßen, die mitten durch
die Stadt führt, da herrscht ein wahnsinnig hoher Takt. Allerdings habe ich das
Ameisengleiche, das Sie besonders in der Mittagspause erleben, wenn alle
Menschen in der Stadt unterwegs sind, auch ganz anders erlebt. Die Asiaten
gehen nicht schnell, ich habe mich selbst immer wieder dabei ertappt, dass ich
sie überholen wollte. Ich habe, auch durch meine Lebenssituation, in Hong Kong
immer mehr mein Tempo gefunden.
Und wurden Lebenstempo-Coach …
Ja, ich war mit
meinem Mann in Hong Kong, weil er dort beruflich zu tun hatte. Ich komme aus
einem selbstständigen Haushalt, ich war in den letzten 15 Jahren Freelancerin.
Also habe ich dort das Coaching, das ich schon in Frankfurt nebenberuflich gemacht
hatte, ausgebaut. In Hong Kong ist es ganz einfach, sich selbstständig zu
machen. Sie gehen zum Revenue Tower, warten in der Schlange, füllen ein
Formular aus und dann sind Sie selbstständig. Ich habe dann Expatriats
gecoacht, viele Frauen und auch Männer auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben.
Seit einem Jahr sind Sie zurück in
Frankfurt. War es leicht, hier wieder anzuknüpfen?
Nein, das war es
überhaupt nicht. Ich hatte in Hong Kong die beste Zeit meines Lebens. Ich hatte
keinen Stress, ich habe mich dort neu entdeckt, ich habe neue Seiten an mir
kennengelernt. Ich wusste nicht, dass ich riesige asiatische Städte allein
bereisen kann. Ich habe mich sehr verändert und denke heute über mich vor sechs
Jahren: Ich war ja so was von oberflächlich.
(lacht)
Nicht jeder Mensch kann sich so eine Auszeit
oder ein Sabbatical leisten …
Und dennoch würde
ich immer Mut dazu machen: Ja, gehen Sie. Unbedingt. Viele Menschen haben Angst
vor Veränderungen, schon vor einem Umzug innerhalb der eigenen Stadt. Fangen
Sie mit der Frage an: Wenn ich könnte, wie ich wollte, was würde ich tun? Wohin
würde ich gehen? Es geht darum, dem Lebensgefühl Raum zu geben. Und dann ist
nur ein Schritt notwendig. Der erste zur Verwirklichung der Träume.
Zur Person:
Petra Schuseil war mal Chefsekretärin, sie arbeitete als Freelancerin und führte eine eigene Personalberatungsagentur. Seit vielen Jahren arbeitet sie freiberuflich als Coach. 2006 bis 2009 lebte sie in Hong Kong und baute dort ihren Schwerpunkt Zeitmanagement und Lebenstempo aus. Petra Schuseil lebt und arbeitet in Frankfurt. www.petraschuseil.de
Interview: Andrea Blome
existenzielle 6/2010
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