Selbstbewusst schweigen

Cornelia Topf: „Einfach mal die Klappe halten"

Ein Gespräch über Plaudertaschen und Lautsprecher, die Kunst des Schweigens und Strategien gegen den Sprechzwang.



Frau Topf, warum sollen wir die Klappe halten?

Weil ich immer wieder feststelle, dass wir uns viel zu schnell und zu oft um Kopf und Kragen reden. Es wird unglaublich viel gesülzt, nur um Zeit totzuschlagen.

Um Kopf und Kragen ...?

Durchaus. Ich kenne viele Beispiele, wo wir einen schlechten Eindruck machen, weil wir meinen, reden zu müssen. Mir fällt es extrem auf, dass viele Menschen ihre inneren Prozesse nach außen tragen, anstatt zu schweigen.

Zum Beispiel?

Wenn bei einer Präsentation eine Panne passiert, dann kommt es gar nicht gut, wenn Sie anfangen das Problem zu beschreiben und ihren inneren Stress nach außen tragen. Den Mund halten, ein bisschen intelligent gucken, das ist auf jeden Fall die bessere Lösung.

Warum Schweigen besser ist als Reden, heißt der Untertitel Ihres Buches. Schweigend mache ich aber kein Geschäft, oder?

Es geht nicht darum, die schweigende Sphinx zu geben, bescheiden zu Boden zu blicken, alle anderen reden zu lassen und sich nicht mit eigenen Beiträgen zu beteiligen. Sondern es geht um klug eingesetztes Schweigen im richtigen Moment. Mit einem klaren Ja oder Nein erreichen Sie häufig mehr als mit langen komplizierten Reden.

Aber die Lautsprecher, schreiben Sie in Ihrem Buch, kommen in der Wirtschaft durchaus gut an.

Das kann ich nicht leugnen. Was aber nicht heißt, dass man nicht im eigenen kleinen Bereich ein bisschen versuchen kann, was anders zu machen. Meine Erfahrung ist: Schweigen als Instrument irritiert zunächst. Wenn ich in Rhetorik- oder Verhandlungsseminaren die Toolbox öffne und das Schweigen als eines meiner Instrumente vorstelle, dann ist die Verunsicherung oft groß. Es geht darum, in Verhandlungen oder Meetings gekonnt einen Moment zu schweigen. Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen, selbst Finanzvorstände, anfangen zu schwatzen, wenn sie unter Druck geraten. Schweigen ist ein Instrument der Stärke, es einzusetzen bedarf viel innerer Stärke.

Sie haben viele Bücher über Frauen und Sprache geschrieben. Schweigen Frauen anders als Männer?

(überlegt) So weit wage ich mich jetzt nich aus dem Fenster ... Frauen empfinden Schweigen vielleicht häufiger als peinlich. Männer schweigen schon mal eher beleidigt oder vermeiden zu schweigen, weil sie Machtverlust befürchten, wenn sie nicht verbal das Beinchen heben können.

Viel reden ist nicht nur Machtdemonstration. In welchen Situationen reden Menschen zu viel?

Wenn ein Angriff oder ein Vorwurf kommt und sie meinen, sich rechtfertigen zu müssen. Entscheiden Sie selbst, was ein Angriff ist und was nicht. Dann können Sie schweigen. Es gibt auch Menschen, die alles kommentieren. Das können Sie hinnehmen, aber Sie müssen nicht einsteigen. Es ist eine schwere Übung, den Kommentar des anderen stehen zu lassen.

Wenn ich einer Plaudertasche schweigend begegne, redet die doch vermutlich weiter. Wie stoppe ich denn eine Plaudertasche?

Ich habe eine Freundin, deren Ansagen auf dem Anrufbeantworter immer so lang sind, dass ich sie einfach nicht zuende höre.

Weiß Sie das?

Nee.

Nicht alles kommentieren ... 

Aber durch Schweigen stoppt man keine Plaudertasche. Denn diese wird das Vakuum, das durch Ihr Schweigen im Gespräch entsteht, immer füllen wollen. Damit müssen Sie rechnen. Ein Kunde darf natürlich so lange reden, wie er möchte. Ein Kunde darf grundsätzlich mehr. Sie können davon auch profitieren, denn Sie erfahren viel über ihn. Nutzen Sie das Schweigen. Das gilt auch in Verhandlungen: Wer fragt führt, heißt es. Wenn ich so frage, dass der andere redet - und er redet sich vielleicht um Kopf und Kragen - dann halte ich mein Pulver trocken. Bewusst schweigen, um etwas zu erreichen.

Als Coach setzen Sie das Schweigen ein, um Klienten ihren Weg selbst finden zu lassen. Wie stoppen Sie denn dort eine Plaudertasche?

Als Coach helfe ich dem Klienten, seinen Weg zu finden. Das kann ich natürlich mit Fragen und Zuhören besser als mit Ratschlägen. Aber auch ein Coach darf mal unterbrechen. Mein Lehrcoach hat mir dafür drei Möglichkeiten genannt: Er fragt: Und? Mit einem großen Fragezeichen. Oder er geht zum Fenster und guckt raus. Oder er sagt: Muss ich das wirklich alles wissen, um Ihnen nützlich zu sein?

Warum reden wir überhaupt so viel?

Das hat auch mit ständiger Verfügbarkeit zu tun. Man will immer alles und immer sofort. Bedürfnisse und Wünsche werden in unserer Gesellschaft immer weniger aufgeschoben. Früher aß man zum Beispiel nicht auf der Straße. Das Bedürfnis zu sprechen ist dem vergleichbar. Ich denke etwas und habe etwas zu sagen, das muss dann sofort die ganze Welt wissen.

Warum ist es denn so schwer, zu schweigen?

Das hängt sicher mit kulturellen und zeitgeschichtlichen Entwicklungen zusammen. Früher wurde beim Essen nicht gesprochen, heute gehört das Tischgespräch einfach dazu. Da hat sich im Verständnis viel geändert. Aufs Reden zu verzichten bedeutet immer eine Wendung nach innen. Reden ist ja auch anstrengend. Alte Menschen reden weniger. Wenn ich einen Workshop oder einen Vortrag gehalten habe, dann spüre ich abends die Anstrengung. Die Energie steht für Meditation und Kontemplation nicht zur Verfügung.

Wie kommen wir dem Schweigen wieder näher?

Im Alltag ist es hilfreich, das Entstehen des eigenen Gedankens zu bemerken. Wenn Sie den Impuls spüren „Ach du Scheiße!" oder „Geht ja gar nicht !", dann versuchen Sie, diesen Gedanken nicht auszusprechen. Ein anderer Übungspunkt: Kommentare unterdrücken. Wenn Ihre Freundin an der Ampel sagt: „Es ist jetzt grün", dann unterdrücken Sie den Impuls zu erwidern: „Ja, das sehe ich auch." Das geht ganz spielerisch. Fragen Sie sich immer mal wieder: Musste ich das jetzt sagen? War das nötig? Und dann ist es gut zu wissen: Wo sind meine peinlichen Schweigeminuten? Wir können lernen, selbstbewusst zu schweigen.

 

Interview: Andrea Blome
existenzielle 9/2010

Leseprobe "Einfach mal die Klappe halten"

Zur existenzielle-Rezension

 

Zur Person

Dr. Cornelia Topf hat im Rahmen Ihres Buches „Einfach mal die Klappe halten" ein dreitägiges Schweigeseminar gemacht. „Das fand ich nicht schwer", sagt sie, „ich weiß aber nicht, ob sich die Erfahrung teilen lässt." In ihrem Buch geht es eher darum, das Schweigen in den privaten und beruflichen Alltag zu integrieren. 
Als Coach arbeitet Cornelia Topf seit mehr als 20 Jahren freiberuflich mit dem Schwerpunkt Kommunikation. Sie ist Geschäftsführerin des Trainignsinstituts Metatalk in Augsburg und Autorin zahlreicher Ratgeber.

 








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