„Wir behalten nur, was uns bewegt"
Ein Gespräch mit der Gehirntrainerin Anke Lindau
„Frank Schirrmacher erklärt viel zu wenig, was eigentlich im Gehirn passiert", sagt Anke Lindau über sein Buch "Payback". Ein Gespräch mit der Gründerin und Inhaberin des DENK-ZENTRUMS in Mülheim/Ruhr über die Netzwerke im Kopf.
"Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?" Die Jahresfrage des Onlinemagazins für Wissenskultur www.edge.org beschäftigt auch die deutschen Medien. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat ihr gleich ein ganzes Buch gewidmet. Ende 2009 erschien „Payback". Seine These: Das Internet verändert unsere Aufmerksamkeit, den Umgang mit Informationen, unser Denken.
Frau Lindau, verändert das Internet das Denken?
Anke Lindau: Es verändert die Aufnahme von Informationen, das Lernen und somit das Denken. Wir haben früher im Studium sehr viel mehr mit Büchern gearbeitet als die Studierenden heute. Mit dem erlernten Wissen erinnern wir auch das Schriftbild, die Eigenschaften des Papiers, den farbigen Einband des Buchs und vielleicht den Geruch. Dazu könnten wir noch Querverweise an den Rand geschrieben oder skizziert haben.
Was heißt das für das Lernen?
Viele Sinneskanäle sind beteiligt und speichern das Wissen sehr vernetzt - mit all diesen „Nebeninformationen". So arbeitet unser Gehirn. Es speichert Informationen, um sie als Grundlage für unsere Entscheidungen und Gedankengänge - zu einem großen Teil unbewusst - aufzurufen und einzubringen. Es kann diese Infos in neue Zusammenhänge bringen und dadurch Neues logisch erschließen.
Auch der Computer schafft doch neue Zusammenhänge ...
Der Computer kann nur Daten bieten und sie nicht in einen sinnvollen Zusammenhang bringen oder emotional bewerten. Das ist nur dem menschlichen Gehirn möglich. Lernen wir überwiegend aus E-Books, Mails etc., dann fallen die meisten Zusatzinformationen weg. Dadurch vernetzen wir das Neue nicht mehr so stark und schränken die Vielfalt ein. Sie ist aber gerade die Voraussetzung für gehirngerechtes Lernen.
Aber der PC ist unser Arbeitsgerät, Kommunikationsmittel ...
Es geht auch nicht darum, die Technik zu verteufeln oder abzuschaffen. Das ist ein unumkehrbarer Prozess. Wichtig ist nur: Wie gehen wir damit um?
Was mich an dieser Frage auch beschäftigt: Wie hat die Erfindung des Buchdrucks das Denken damals verändert? Bis dahin wurden Informationen mündlich überliefert. Mit dem Buchdruck konnte man Wissen abschreiben und noch mal nachlesen. War die Konsequenz damals: Also höre ich gar nicht mehr so genau hin, wenn mir jemand etwas erzählt? Es ist schwer nachvollziehbar, wie das Denken und das Gedächtnis vorher waren. Aber vielleicht finden wir hier einen Ansatzpunkt.
Das bedeutet für den gegenwärtigen Wandel?
Wenn wir heute alle Informationen im Internet finden, dann bedeutet das für das Denken: Wir werden weniger Informationen im Gedächtnis speichern müssen. Was mehr Bedeutung bekommt, ist die Fähigkeit, gezielt die richtigen Informationen zu suchen und diese sinnvoll weiterzuverarbeiten.
Da geht es wieder um Vernetzung, das kann das Gehirn ja gut. Hilft uns der Computer beim vernetzten Denken?
Ich glaube nicht und darin sehe ich auch die große Gefahr für die kommenden Generationen. Uns gelingt es noch, Informationen, die wir online finden, zurückzukoppeln. Kinder und Jugendliche haben ungünstige Bedingungen. Sie verbringen wesentlich mehr Zeit vor den verschiedenen Bildschirmen und lernen ihre Umwelt im wahrsten Sinne verflacht kennen. Wenn dem Gehirn Informationen zur Vernetzung fehlen, dann steht alles später Gelernte auf einem sehr wackligen Fundament.
Wenn die Gehirne von uns Erwachsenen eine viel solidere Basis haben, warum macht es uns die Informationsflut dennoch so schwer? Ich sitze vor dem Rechner und weiß, dass laufend Mails ankommen, bei Facebook Freunde online sind, auf dem Nachrichtenportal Aktuelles gemeldet wird. Wenn ich überall klicke, kostet das Aufmerksamkeit, die mir für andere Aufgaben fehlt. Nicht zu klicken, kostet auch Energie, schreibt Frank Schirrmacher. Wo ist also der Ausweg?
Wenn Sie bekommen, was Sie wollen - also die Seiten anklicken, von denen Sie sich eingeladen fühlen - dann wird Dopamin freigesetzt, ein „Glücksstoff", der zu unserem körpereigenen Belohnungssystem gehört. Wenn Sie sich zwingen, nicht zu klicken, fehlt Ihnen erstmal das Dopamin. Also sollten Sie sich die Belohnung an anderer Stelle holen, um sich zu diesem Verhalten zu motivieren.
Im DENK-ZENTRUM trainiere ich mit den Schülern, die Belohnung an sinnvoller Stelle einzusetzen: Setz dir eine Zeitspanne, in der eine notwendige Arbeit erledigt wird (z.B. Hausaufgaben machen) und wenn das fertig ist, dann gönn dir eine kleine Pause oder irgendwas, was dir Spaß macht. So kommt das Dopamin wieder ins Spiel und das weitere Lernen nach der Pause gelingt durch den Botenstoff leichter.
Okay, das sind Verhaltensregeln und noch kein Gehirntraining. Was passiert im Gehirntraining?
Wir helfen dem Gehirn fit zu werden, denn mit einem fitten Gehirn lebt es sich leichter. Wir trainieren die Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche im Gehirn. Wir sorgen für einen persönlichen Bezug, denn Dinge, die uns persönlich betreffen, behalten wir viel leichter. Ein Schüler, der gerade in die Bruchrechnung einsteigt, lernt schneller, wenn er eine zu teilende Pizza vor sich sieht. Und wir fördern die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gezielt auf das jeweils Wichtige zu richten, also organisiertes und strukturiertes Vorgehen beim Lernen und im Alltag.
Lässt sich das auf die Informationsflut am Rechner übertragen? Wie trainiere ich mein Gehirn für eine gezielte Aufmerksamkeit?
Organisiertes Vorgehen ist insbesondere eine Sache des Frontalhirns. Es ermöglicht uns, strategisch zu planen.
Wie trainiere ich mein Frontalhirn dafür, Mails nicht laufend abzurufen?
Zum Beispiel mit strategischen Rätseln oder anderen gezielten Denksportaufgaben. Auch ist Schach ganz prima. Wenn das jeweils zuständige Hirnareal fit ist und gut mit den anderen Bereichen zusammen arbeiten kann, leistet das Gehirn einfach mehr.
Das wäre jetzt aber einfach, wenn wir allen vom Internet Überforderten raten würden, ihr Frontalhirn zu trainieren, damit das Denken keinen Schaden nimmt ...
Sie können im Gehirntraining nie nur einen Bereich allein aktivieren. Eine ganz entscheidende Rolle spielt die Motivation: Wir werden nicht gelernt, sondern wir tun es selbst oder eben nicht. Für die Schüler heißt das: Du bist kein Opfer deines Lehrers oder der Situation, sondern du entscheidest, was du tust.
Der Transfer zu unserem Thema?
Du bist kein Opfer der Informationsflut, sondern entscheidest selbst, was du aktiv anklickst.
Mmmhh ...
Wenn im Leistungssport die Motivation nachlässt, dann hilft: Du kannst auch aufhören. Wenn du wirklich nicht mehr hochspringen möchtest, kannst du dich auch abmelden. Die Freiheit das zu tun, sich diese Alternative vorzustellen, sorgt ganz oft für eine starke neue Motivation. Das ist ein großes Thema beim Stressmanagement: Du bist kein Opfer. Du kannst gehen. Du kannst das Gerät ausschalten.
Wir beobachten im Leistungssport, dass sich über diese bewusste Entscheidungsfreiheit Stärke finden lässt.

Noch mal zurück zur Frage des Anfangs: Wie finde ich denn nun heraus, wie sich mein Denken durch das Internet möglicherweise verändert?
Wir können es nur indirekt feststellen, denn das Gehirn ist das Einzige, das sich mit sich selbst untersucht. Wir müssen uns beobachten: Verlagern sich unsere Denkgewohnheiten? Werden wir vergesslicher? Werden allgemein weniger gute Erfindungen gemacht? Das ist nur langfristig zu erkennen. Vielleicht werden wir auch pfiffiger. Allerdings habe ich da wenig Hoffnung, denn wir kommen seit vielen Jahren schon über das Internet an ganz viel Wissen. Trotzdem können Lehrer, Ausbilder und Professoren nicht bestätigen, dass die Schüler und Studenten diese Möglichkeiten im Durchschnitt sinnvoll nutzen und besser werden.
Aber vielleicht werden sie auch nicht schlechter.
Ich befürchte, dass wir an Emotionen verarmen, je stärker der Computer und die Online-Kommunikation im Mittelpunkt stehen. Wir behalten nur, was uns bewegt. Es ist etwas anderes, ob ich eindimensional chatte oder einem Menschen gegenüber sitze. Es macht einen Unterschied, ob ich eine CD höre oder ein Konzert besuche, um einen Pianisten mit allen Sinnen zu erleben, der seine Musik lebt. Ohne vielfältige Sinneseindrücke wird vernetztes Denken nachlassen und unsere geistigen Ressourcen ungenutzt bleiben. Aber wir selbst treffen die Entscheidung!
Interview: Andrea Blome
(existenzielle Januar 2010)
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