"Man muss das Grauen in Worte fassen"
Ein Interview mit der Gerichts-Reporterin Gisela Friedrichsen
Sie ist Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin. Gisela Friedrichsen berichtet seit 1989 für den „Spiegel" aus den Gerichtssälen der Republik. Im Interview spricht sie über die Faszination des Prozesses und menschliche Abgründe, über Gefühle, Mitgefühl und Verantwortung als Journalistin.
(erschienen in: existenzielle 3/2007)
existenzielle: Was
wollten Sie werden, Detektivin, Juristin - oder Schriftstellerin?
Gisela Friedrichsen: Ich wollte Journalistin werden, und das am besten sofort. Das habe ich Gräfin Dönhoff, der Herausgeberin der ZEIT, geschrieben, aber die ZEIT nahm keine Volontäre. Die Gräfin riet mir, bei einer überregionalen Tageszeitung zu volontieren. Ich bin dann zur Augsburger Allgemeinen gegangen.
Haben Sie dort Ihr Faible für Gerichtsreportagen entdeckt?
Nein, in Augsburg bin ich durch alle Ressorts gewandert. Nach dem Volontariat ging ich in die Lokalredaktion der FAZ, zu der Zeit, als ein Herr Fischer sich mit der Polizei prügelte. Ich gehörte zu denen, die jedes Wochenende losgeschickt wurden und habe über die Oppenheimer Landstraße, Schumannstraße eine Reportage für die Seite 3 geschrieben. Daraufhin kam ich in die politische Redaktion und dort war es üblich, dass jeder auch mal ins Gericht geschickt wird.
Und das hat sie fasziniert?
Ja. Ich habe ganz schnell gemerkt: Das ist das, was mich eigentlich fasziniert. Wenn Sie in einen Prozess gehen, dann kriegen Sie Milieustudien und Menschen, die an die Grenze ihrer Belastbarkeit geraten sind. Die gescheitert sind, weil sie nicht mehr herausgefunden haben aus dem Schlamassel. Darüber zu schreiben, das fand ich toll. Aber ich kam natürlich viel zu selten dran.
Warum war das so?
Es kam halt jeder dran und bei der FAZ gab es die Institution des Gerichtsreporters nicht. Außerdem war ich Mutter geworden und hatte zwei Zwerge. Sie können diesen Job nicht machen, der psychisch sehr anstrengend ist, wenn sie mit dem halben Kopf zuhause sind und sich fragen, ob das mit der Kinderfrau auch alles läuft... das hält man einfach nicht aus.
Sie haben keine Mutterzeit genommen?
Nein, ich habe nur die Schutzfristen eingehalten. Ich hatte allerdings eine Sonderregelung in der Redaktion erreicht und ein Jahr lang mittwochs frei, gegen entsprechende Reduktion des Gehalts. Dann bekam ich das zweite Kind und wollte diese Regelung wieder haben. Das haben sie mir abgeschlagen. Entweder voll arbeiten oder gar nicht. Ich habe zwei Mal geweint in meiner Zeit bei der FAZ - das war das eine Mal. Als ich vor Enttäuschung und Verbitterung auf die Toilette gerannt bin. Als die Kinder größer waren, habe ich wieder mehr geschrieben, aber über ein, zwei Mal im Jahr ging es nicht hinaus.
Und trotzdem ist der Spiegel auf Sie aufmerksam geworden?
Ja, erstaunlicherweise. Gerhard Mauz, der große Spiegel-Reporter, war auf der Suche nach einem Nachfolger, was ich nicht wusste. Ich hatte ihn immer bewundert und hätte nie gewagt, ihn anzusprechen. Ich war nicht besonders glücklich bei der FAZ zu der Zeit, hatte die Herausgeber gefragt, ob sie nicht einen Gerichtsreporter installieren wollten, was sie abgelehnt haben. Wenige Woche später rief Gerhard Mauz an und fragte, ob ich seine Nachfolgerin werden will.
Das klingt ja richtig nach Hollywood!
(lacht) Stimmt. Ich habe nur noch „jaaaaa" ins Telefon hauchen können, das war wirklich Wahnsinn.
Wissen Sie noch, was Sie nach dem Anruf getan haben?
Das war das zweite Mal, dass ich bei der FAZ heulend aufs Klo gerannt bin. Ich habe alles liegen und stehen lassen an diesem Tag und bin nach Hause gefahren. Ich hatte zugesagt, bevor ich überhaupt mit meiner Familie gesprochen habe. Mein Mann war genauso überwältigt wie ich.
Hatten Sie keine Angst vor diesem Schritt?
Mauz und ich haben die ersten Jahre noch zusammen gearbeitet, ich habe unendlich viel von ihm gelernt. Ich bin ja 1989 zum Spiegel gegangen, und plötzlich ist die Mauer gefallen. Da kamen Prozesse auf uns zu, an die man früher nie gedacht hätte... gegen Honecker, gegen die Altlasten der DDR. Was für Mauz die RAF war, waren für mich die Mauerschützen der DDR.
Gab es auch Neider im Haus? Die es nicht verstanden, dass da eine Frau von außerhalb geholt wurde?
Natürlich, ich habe im Nachhinein erfahren, dass es so dummes Gerede gab. ‚Der hat sich ja nur eine Frau geholt, um zu zeigen, dass er unersetzlich ist, die wird sich noch umschauen wie schnell die wieder draußen ist.' Als Mauz starb, hieß es dann: Jetzt wird sie untergehen. Dass der Mann Alzheimer hatte und schon seit Jahren nicht mehr in der Lage war... Aber was soll's. Mit diesem Gerede muss man wohl leben, das gibt es überall.
Auch wenn Sie einen Lehrmeister hatten - das muss trotzdem ein enormer Druck gewesen sein.
Darüber habe ich wenig nachgedacht, ich war auch sehr beschäftigt. Obwohl - an eine Geschichte zu Beginn erinnere ich mich. Da stand eine junge Mutter vor Gericht, die ihr Kind getötet hatte. Ein schrecklicher Prozess. Irgendwann merkte man: Diese Frau hat sich mit ihrer Tat am meisten bestraft. Das Kind war krank, wollte nicht trinken und hat ständig geschrieen, da hat sie zugeschlagen. Damals habe ich Gerhard Mauz angerufen und gesagt: Ich halte das hier nicht aus. Ich kann nicht mehr schlafen, ich werde meines Lebens nicht mehr froh. Er war mir immer ein unglaublich guter Ratgeber. Er hörte mir zu und überredete mich, doch wieder hinzugehen. Er kannte das.
Haben Sie Ihre Gefühle je im Gerichtssaal lassen können?
Nein, und das ist heute noch so. Heute kann ich natürlich besser damit umgehen, im Laufe der Zeit trainiert man sich gewisse Überlebensmechanismen an.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass man sich fragt: Was ist der Kern der Geschichte? Ist es das Scheitern der Angeklagten? Wer hat eigentlich versagt? Wie geht die Justiz mit diesem Menschen um? Wenn man anfängt, rational über eine Sache nachzudenken, kann man besser mit ihr umgehen. Und in dem Moment, wo ich schreibe, habe ich die Sache im Grunde bewältigt.
Sonst ginge das Schreiben nicht?
Nein. Man muss Worte finden, man muss das Grauen in Worte fassen. Dann ist man über den Berg. Schlimm ist es, wenn man nicht darüber sprechen kann. Wenn man sich die Position des Beobachters ganz konsequent zu Eigen macht, dann hat man die nötige Distanz.
Hat es jemals einen Prozess gegeben, den Sie abbrechen mussten, weil es keine Worte gab?
Nein.
Welcher Prozess hat Ihnen menschlich am meisten zugesetzt?
Jeder Prozess fordert einen aufs Neue. Aber besonders schwer tut man sich mit Prozessen, bei denen man nicht dahinter kommt, warum die Tat geschehen ist. Zum Beispiel diese Frau, die neun ihrer Babys umgebracht und in Blumenkästen vergraben hat. Alles was sie ausgesagt hat, war sehr oberflächlich. Man versucht einen Prozess zu lesen. Man versucht auch einen Angeklagten zu lesen, dahinter zu kommen, was ist das für eine Person, warum hat sie das gemacht? Aber ich bin nicht an den Kern der Geschichte gekommen. Dieses Rätselhafte ist sehr unbefriedigend. Spätestens, wenn das Urteil kommt. Und man nicht weiß: Ist das jetzt in Ordnung? Oder ist ein Aufschrei angebracht? Das verfolgt einen lang. Viele Prozesse waren in dieser Hinsicht schwer. Die Weimer-Prozesse in dieser Hinsicht auch. Ich hatte nie einen Zweifel dran, dass diese Frau die Täterin war, aber - warum? Es gibt ja keinen einleuchtenden Grund, seine Kinder zu töten.
Ist es Zufall, dass es in den Prozessen, die Sie so beschäftigt haben, um Kindsmörderinnen ging?
Wenn Sie selbst Kinder haben und eine Frau sind, kommen Sie automatisch da hin. Ich glaube, es gibt nichts, was das menschliche Bewusstsein mehr beschädigt, als eine solche Tat. Sie bringt einen an die Grenzen des Begreifbaren.
Verändert man sich selbst, wenn man sich so sehr in die Täter versucht hinein zu versetzen?
Im Lauf der Jahre eignet man sich eine professionelle Haltung. Man betrachtet sich als Betrachter und fragt sich: Wie verhältst du dich eigentlich zu deinen Kindern oder zu deinem Mann, zu den Menschen in deiner Umgebung? Verletzt du die vielleicht gerade so wie dieser Mensch verletzt worden ist, der vor Gericht steht? Die Selbsterkenntnis wird durch diesen Beruf enorm gefördert, und das ist nicht immer positiv.
Gab es Täter, für die Sie sich das Mitgefühl verboten haben?
Ja, die gab es. Da ist es dann so, dass man sich die Abscheu vor einem Angeklagten wirklich untersagen muss. Gerade bei dem Metzler-Fall, der kleine Bankierssohn, der von Magnus Gäfgen entführt und später ermordet wurde. Zu diesem Kerl noch einigermaßen fair zu sein, das war verdammt schwer. Besonders im Nachfolgeprozess, als dem Polizeipräsidenten dann Folter zur Last gelegt wurde. Als der Gäfgen auftrat ist und die große Show machte, wie er gefoltert wurde, wer denn eigentlich das Opfer sei ... Das war widerlich.
Wie kann man sich von diesen starken Gefühlen lossagen? Geht das überhaupt?
Gerhard Mauz hatte den Standpunkt verinnerlicht, dass kein Mensch von Geburt an ein Schwein ist, und als Journalist muss man herausfinden, warum er ein Schwein geworden ist. Auch den Gäfgen habe ich versucht, nach diesen Regeln zu beschreiben. Aber ich muss sagen: Bei diesem Mann ist es mir wirklich schwer gefallen. Verdammt schwer.
Und dann waren Sie selbst plötzlich das Ziel von Anfeindungen. In Worms standen sechs Frauen und Männer wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht, Sie bezweifelten die Anklage. Keine leichte Zeit für Sie, oder?
Im Grunde muss man ja früher anfangen. Also gut, dann erzähl ich Ihnen mal die ganze Geschichte. ‚Gerhard Mauz und ich, wir lasen zusammen Zeitung in der Redaktion. Einer von uns fand eine Meldung in der FAZ, dass in Münster ein Kindergärtner vor Gericht steht, der Kinder missbraucht haben soll, es gebe Hunderte von Fotos. Wir beschlossen: Macht keinen Sinn, wenn die Beweislage so klar ist. Eine Woche später rief aber einer der Anwälte an und fragte, ob wir uns das nicht mal ansehen wollten.
Das hat uns neugierig gemacht. Aber wir kannten den Anwalt nicht, deshalb wollten wir uns selbst ein Bild machen. Ich bin nach Münster gefahren, es war ein öffentlicher Verhandlungstag, die Kolleginnen des Angeklagten erzählten als Zeuginnen ausnahmslos, dass der Angeklagte sehr beliebt bei den Kindern gewesen sei. Ob ihnen am Verhalten des Mannes etwas aufgefallen war? Nein, das nicht, aber was man jetzt alles hörte... Da habe ich mir gesagt: Irgendwas stimmt doch hier nicht. Ich habe mich ins Taxi gesetzt und bin zu dem Kindergarten gefahren.
Wie ein richtiger Detektiv ...
Zum Tatort zu fahren, hilft meist ungemein, das ist wirklich so. Auch in diesem Fall. Der Kindergarten war ein moderner Flachbau aus Holz und Glas, von allen Seiten offen. Die Vorstellung, dass da einer permanent Kinder vergewaltigt, war so was von abwegig ... Mit diesem Eindruck bin ich nach Hamburg gekommen und habe Mauz gesagt: Das ist was faul. Wir müssen uns mit diesem Prozess geschäftigen.
Sie haben sich aktiv ins Prozessgeschehen eingemischt?
In gewisser Weise ja. Aber noch heute bin ich überzeugt, dass es richtig war. Wir haben uns mit mehreren Psychologie-Professoren auseinander gesetzt, einer hatte genau solche Fälle untersucht und festgestellt: Unmöglich, dass das wirklich passiert ist. Dann musste ein Beweisantrag verfasst werden, damit die Aussagen der Kinder noch einmal begutachtet werden. Das Verfahren war fast abgeschlossen, die Staatsanwaltschaft hatte plädiert und zehn Jahre für den Angeklagten gefordert. Zusammen mit den Verteidigern haben wir Tag und Nacht gearbeitet, ein neuer Sachverständiger erstattete ein glänzendes Gutachten.
Die Öffentlichkeit hat das nicht verstanden ...
Wir wurden von allen Seiten kritisiert, von Juristen, Ärzten, der Frauenbewegung. Auch aus der Redaktion kamen Stimmen, eine freie Mitarbeiterin hat Flugblätter verteilt, auf denen stand, wir würden die Ausschwitzlüge des sexuellen Missbrauchs verbreiten. Das war keine lustige Zeit. Aber die Antwort gab es im Gerichtssaal. Der Kindergärtner wurde freigesprochen.
Und dann kam der Wormser Kinderschänderprozess.
Und gleich wieder ein Aufschrei: Wie ich als Frau und Mutter mich nur auf die Seite der Kinderschänder schlagen könne.
War es denn so? Man hätte inzwischen schon denken können, dass Sie eher an der Justiz zweifelten als an der Unschuld der Angeklagten...
Bei den Wormser Prozessen wollte ich es einfach wissen. Ich habe Jahre meines Lebens in Mainz verbracht. Es gab Verwandte der Angeklagten, deren einzige Hoffnung ich war. „Solange die Friedrichsen noch kommt...", hieß es. Die haben sich an mir aufgerichtet. Am Ende wurden auch sie freigesprochen.
Haben Sie jemals Dank bekommen für Ihre Berichterstattung?
Die Menschen, die aus so einem Alptraum herauskommen, wollen an nichts mehr denken, was mit dem Prozess zu tun hat. Ich kann das sehr verstehen. Nur der Kindergärtner war zur Beerdigung von Mauz da, das war eine große Geste. Eine Beziehung kann man zu diesen Menschen nicht aufbauen, meist sind es gebrochene Existenzen. Der Kindergärtner lebt sein kleines Glück im Stillen, aber frei ist dieser Mensch nicht.
Wenn Sie eines Tages nicht mehr beim Spiegel sind - wollen Sie dann nicht selbst mal einen Krimi versuchen?
Nein, das kann ich nicht. Oder doch? Wissen Sie, wie oft ich schon drüber nachgedacht habe, ob ich es nicht doch kann? Ich bin ja darauf gedrillt, das zu schreiben, was ist und nicht, was nicht ist. Dabei lese ich selbst so gerne Krimis, die große Angst wäre ohnehin, einen schlechten zu schreiben. Oder stellen Sie sich folgende Situation vor: Ich schreibe eine Geschichte auf, die ich erlebt habe, zum Beispiel die von dem Mann, der seine Frau umbringt und sie vier Wochen lang in Eiswasser legt, der so glücklich mit ihr ist, weil sie ihm endlich nicht mehr widerspricht. Stellen Sie sich vor, ich würde daraus einen Krimi machen, und der Lektor ruft mich an und sagt: Frau Friedrichsen, bei allem was recht ist - da ist die Fantasie ein bisschen mit Ihnen durchgegangen. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten würde.
Autorin: Iris Hellmuth
(erschienen in: existenzielle 3/2007)
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