"Was drängelt die denn so?"

Die Sport-Journalistinnen Iris Hellmuth und Elisabeth Schlammerl

Ein Kolleginnen-Gespräch über Journalistinnen in der Fußballberichterstattung, Fußballverstand und den FC Bayern



(erschienen in: existenzielle 2/2006)

Foto: Christina PahnkeIris Hellmuth: Elisabeth, wir sind uns zum ersten Mal im Dezember 2005 im Nürnberger Frankenstadion begegnet - für dich ein ganz normaler Termin, für mich das erste Mal Bundesliga. Du warst damals wahnsinnig nett, hast mir alles gezeigt und erklärt. War dein eigenes Bundesliga-Debüt auch so angenehm?

Elisabeth Schlammerl: Eher nicht. Sicher gab es nette Kollegen, aber niemanden, der gesagt hat: Ach, sieh mal an, da steht eine Frau, um die kümmern wir uns mal. Eher im Gegenteil.

Wie hat sich das geäußert?

Ich war Anfang 20 als ich mit der Fußballberichterstattung begonnen habe, also im Alter der meisten Fußballer. Da hat man sehr genau darauf geschaut, wie ich mit den Spielern umgehe. Ich erinnere mich noch an ein Essen mit dem TSV 1860 München, auf dem viele Journalisten waren. Ein netter Abend, man hat ein bisschen mit den Spielern gesprochen. Ein paar Tage später traf ich einen Kollegen, der auch dort gewesen war. Und der mir so ganz beiläufig unterstellte, ich hätte es bei einigen Spielern drauf angelegt. Da dachte ich nur: Hoppla!

Hast Du Dich schon immer für Fußball interessiert?

Ich habe sehr früh angefangen, es waren ja schließlich die siebziger Jahre, eine Glanzzeit der Bayern. Obwohl ich sagen muss, dass mich nie ein einziger Fußballer fasziniert hat, sondern immer das Spiel als solches.

Vielleicht macht dich das ja so erfolgreich: Dass dir das Spiel immer wichtiger war und nicht die Stars und der Zirkus drum herum.

Das kann sein. Es ist bestimmt von Vorteil, dass ich seit meinem 10. Lebensjahr sehr intensiv Fußball geschaut habe - auch wenn ich selbst nie gespielt habe.

Ich auch nicht. Dafür hat mich sofort die Atmosphäre im Stadion gepackt. Irgendwann hat es mir nicht mehr gereicht, auf den Rängen zu stehen. Ich wollte alles verstehen - von der Aufstellung bis zur Taktik. Da wusste ich: Ich möchte Sportreporterin werden.

So oder so - es kommt immer der alte Chauvi-Vorwurf: Frauen haben keine Ahnung von Fußball, weil sie selbst nie gespielt haben. Dabei wage ich zu bezweifeln, dass die Kollegen, die das behaupten, jemals über Kreisklasse-Niveau hinausgekommen sind. Die haben auch nie passgenaue Bälle gespielt und waren sicher keine Supertechniker.

Vor allem - bei anderen Sportarten kommt dieser Einwand nie.

Absolut. Im Eiskunstlauf wird nie gefragt, ob der Journalist das auch gelernt hat. Obwohl, und das muss ich zugeben: Wenn ein Journalist selber mal höherklassig gespielt hat und dazu noch einen Trainerschein besitzt, hat er Vorteile. Der kann ein Spiel sicher besser lesen als ich. Aber auch besser als die meisten seiner männlichen Kollegen.

Foto: Christina Pahnke / sampicsIch habe dieses Vorurteil trotzdem im Hinterkopf. Auf Pressekonferenzen, wenn viele männliche Kollegen um mich herum sind, bin ich unsicher. Neulich zum Beispiel, als der FC Bayern in der Champions League einen unberechtigten Elfmeter bekommen hat. Da war Felix Magath später auf der Pressekonferenz außer sich, weil sich kein Journalist in Deutschland darüber aufgeregt hat. Ich habe allen Mut zusammen genommen und gesagt: Wir Journalisten haben uns eher gewundert, dass sich eine Mannschaft von einem Elfmeter aus dem Konzept bringen lässt, die die Champions League gewinnen will. Magath entgegnete, dass ich als „junge Dame" im Fußball noch viel zu lernen hätte. Die männlichen Kollegen haben gegrinst.

Da darfst Du nicht so empfindlich sein, so ist der Ton halt manchmal. Außerdem wäre Felix Magath in dem Moment jeden Journalisten so angegangen, du hast ihn ja auch angegriffen. Mit Magath kann man eigentlich sehr gut zusammenarbeiten - im Gegensatz zu Otto Rehhagel.

Warum, was war mit dem?

Immer wenn ich dem eine Frage gestellt habe, wusste ich: Der nimmt mich nicht ernst. Aber trotzdem hätte der mich nie aus der Fassung bringen können, dazu war ich zu gut vorbereitet.

Wie ist es in Deinem Privatleben? Musst Du oft erklären, warum Du Dich als Frau für Fußball interessierst?

Nein. Außerdem möchten sich die meisten Männer mit einer Frau nicht über Fußball unterhalten.

Das habe ich auch bemerkt. Wie ist das bei Deinem Partner?

Kein Problem. Obwohl ich sagen muss, dass das in der Vergangenheit oft anders war. Da hatten meine Partner durchaus ein Problem damit, dass ich mindestens so gut Bescheid wusste wie sie, wenn nicht noch besser. Denn das mögen Männer überhaupt nicht.

In der deutschen Presselandschaft bist du in zweierlei Hinsicht eine Ausnahme: Du begleitest den erfolgreichsten deutschen Fußballverein, und du bist eine Frau. Nimmst du das selbst noch wahr?

Ich sag's mal so: Wenn ich in Köln wäre, würde ich den FC betreuen. Obwohl - es gab mal eine Situation, da habe ich nicht so gedacht. Das war nach meiner Zeit beim Münchner Merkur, da hatte ich ein Angebot von einer anderen Zeitung. Die fragten mich, was ich im Sport alles machen könnte, ich sagte sofort: Fußball. Und die: Na ja, der VfB, das ist schon unser wichtigster Verein. Im Klartext: Ich hätte über Sportgymnastik schreiben können. Dann kam die Frage: Was machst du denn beim Merkur? Ich: Ja, den FC Bayern. Stille in der Leitung. Dann: Fährst du mit denen auch ins Ausland? Ich: Ja klar, zur Champions League. In dem Moment habe ich gemerkt: Es ist nicht selbstverständlich, was du machst. Aber dass das nun gerade in München ist - reiner Zufall.

Ich bleibe dabei: Es ist eine Ausnahmestellung. Weil Bayern so erfolgreich ist und deine Wahrnehmung damit viel größer. Jeder will über die Bayern schreiben, da ist eine Menge Konkurrenz.

Ja, da hast du wahrscheinlich recht.

Welches war für Dich die schönste Zeit mit dem FC Bayern?

Die schönste oder die interessanteste?

Sowohl als auch.

Die interessanteste Zeit war Anfang der 90er, als es mal nicht so gut lief. Die schönste war sicher zwischen 1999 und 2001, als die Mannschaft so erfolgreich war und man die ganze Zeit das Gefühl hatte: Die können wirklich die Champions League gewinnen. Das Gefühl hat man ja mittlerweile nicht mehr.

Elisabeth Schlammerl, Foto: Christina Pahnke / sampicsSeit Sommer 2002 arbeitest du freiberuflich. War das eine große Umstellung?

Schon, ich muss mich jetzt viel besser organisieren. Ich habe damals viele Kollegen gefragt wie sie's machen, und dann bin ich zu einem Steuerberater gegangen. War alles einfacher als gedacht.

Ich arbeite noch nicht lang als freie Journalistin. Wie ist das, hat man da als Frau Nachteile?

Nein, eher Vorteile - weil wir uns besser organisieren können. (lacht.) Also, jetzt habe ich gerade ein Vorurteil über Frauen bedient. Aber dafür haben die Männer einen besseren Orientierungssinn ...

Ist deiner so schlecht?

Meiner ist ausgesprochen gut, besser als der der meisten Männer.

Mein Orientierungssinn ist nicht existent.

Das habe ich gemerkt. Du hast ja nicht mal den Weg zur Allianz Arena gefunden.

Oh Mann, du hast recht. Aber ich war auch noch nie mit dem Auto hier ... Die Bayern spielen ja erst seit dieser Saison hier. Wie hast Du die Veränderungen der vergangenen Jahre erlebt?

Fußball hat sich sehr weit von seinen Wurzeln entfernt. Die Sportart ist professioneller geworden, auch die Vermarktung. Ein Beispiel: Früher haben wir vor der Kabine gewartet, um unsere O-Töne zu bekommen, auch im Olympiapark. Da ging dann die Tür auf, und man stand vor den nackten Herren der Schöpfung.

Wie bitte?

Ja ja. Ich habe mich natürlich nie dort hingestellt, wo etwas zu sehen war. Als Frau war ich da schon im Nachteil, zumindest was solche Szenen betraf. Ich erinnere mich an die erste Meisterschaft, bei der ich den FC Bayern begleitet habe - nach dem letzten Heimspiel der Saison ist die Mannschaft in den Whirlpool gehüpft, viele Journalisten standen in dem Moment dabei. Bis auf mich. Aber ich wollte das auch nicht.

Dann lieber ein schlecht gelüfteter Konferenzraum mit einem muffligen Felix Magath, oder?

Ja. Für Sportjournalistinnen ist die Arbeit einfacher geworden. Als Frau hat man keine Nachteile mehr, wenn man in einem großen Pulk vor Spieler und Trainer steht, und jeder etwas fragen kann. Da ist das Geschlecht des Fragenden völlig egal.

Auch nicht immer, oder? Ich habe mal beobachtet, wie du dich mit deinem Aufnahmegerät in die erste Reihe durchboxt.

Aber das muss ich auch. Sonst habe ich keine Chance, die Männer sind alle einen Kopf größer als ich. Und wenn ich in der zweiten Reihe stehe, dann verstehe ich nichts mehr. Und wenn die Männer über mich sagen: Was drängelt die denn so, dann sage ich: Auch nicht mehr als ihr!

(erschienen in: existenzielle 2/2006)


Elisabeth Schlammerl, 1962 geboren, hat in München Betriebswirtschaftslehre studiert und anschließend beim Münchner Merkur volontiert. Nach 12 Jahren als Sportreporterin beim Merkur wechselte sie 2002 ins Münchner Büro der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Heute schreibt Elisabeth Schlammerl frei für die FAZ und zahlreiche deutsche Tageszeitungen.

Iris Hellmuth ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule, freie Journalistin in Hamburg. Sie war u.a. Mitarbeiterin der Sportredaktion der Süddeutschen Zeitung und des Stern.

 








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