"Ich bin insolvent, aber nicht kriminell"
Ein Interview mit Anne Koark über das Tabu Insolvenz
Die Engländerin Anne Koark ging 2003 mit ihrem Unternehmen in die Pleite. Sie schrieb ein Buch darüber, tritt öffentlich für eine „Kultur der zweiten Chance auf" und erklärte ihre Insolvenz „innerlich zum Geschäftsprojekt, das ich professionell zu Ende bringen will."
(erschienen in: existenzielle 3/2007)
Frau Koark, auf Ihrer Visitenkarte steht als Berufsbezeichnung „Pleitier".
Warum gehen Sie so offensiv mit Ihrer Insolvenz um?
Irgendjemand muss doch der Gesellschaft zeigen, dass insolvent zu sein nicht heißt, kriminell zu sein. Die Leute leiden darunter, viele sind selbstmordgefährdet. Da meldete sich mein Kampfgeist. Unsere Kenntnisse sollte man Existenzgründern zur Verfügung stellen. Sie müssen nicht die gleichen Fehler machen. So wurde ich zur Insolvenzlady.
Ein heftiger Rollenwechsel. Bis vor vier Jahren waren Sie als Unternehmerin mit Ihrer internationalen Businessberatung sehr erfolgreich. Hatten Sie damals schon Angst vor dem Scheitern?
Ja, besonders, weil ich allein erziehende Mutter bin. Aber die Kreativität eines Menschen, der etwas erreichen will, überwiegt. Man hat eine gute Idee, man testet sie eine Weile. Und dann ist ein Unternehmer ein gewisser Typ von Mensch. Er lebt immer mit einem Risiko, will aber wissen, ob seine Ideen funktionieren.
Die Schwierigkeiten zeichneten sich früh ab: Allgemein ging es der Wirtschaft schlecht, Rechnungen wurden nicht bezahlt, Sie hatten einen Mietvertrag für ein viel zu großes Büro, aus dem Sie nicht herauskamen. Wann erkennt man, dass es wirklich richtig falsch läuft?
Für jeden Unternehmer ist seine Firma wie ein Baby. Man trägt sie nicht zu Grabe, bevor sie nicht tot ist. Diese emotionale Bindung verhindert, genau zu erkennen, wann man nicht mehr zurück kann. Bei Schwierigkeiten, sollte man unbedingt eine neutrale Person von außen holen. Ich habe nicht schnell genug um Hilfe geschrieen.
In Ihrem Buch „Insolvent und trotzdem erfolgreich" betonen Sie, dass Sie Ihr Team nicht hängen lassen und niemanden persönlich enttäuschen wollten. Muss eine Unternehmerin egoistischer sein?
Vielleicht müsste man die Mitarbeiter früher entlassen. Allerdings verlangt das Gesetz Abfindungen. Wenn ich aus Liquiditätsgründen entlassen muss, ist das sinnlos. Meine Mitarbeiter haben sogar freiwillig auf Gehalt verzichtet, um die Firma zu retten. Ohne die Mitarbeiter in einer Krise einzuweihen, hat das Unternehmen sowieso keine Chance.
Was hätten Sie anders machen sollen?
Zwar habe ich alle Lieferanten informiert, aber mich nicht getraut, es meinen Auftraggebern zu sagen. Als die Insolvenz offiziell wurde, habe ich so viele Aufträge von Kunden bekommen, die uns retten wollten. Da war es zu spät. Wenn man unter Druck steht, wie wahnsinnig arbeitet und kaum schläft, übersieht man viel. Persönlich wäre es besser gewesen, ein paar Ruhepausen einzulegen. Nur so kann man die Sache mit etwas Abstand betrachten.
Dann kam der Insolvenzverwalter, und Sie schlossen zum letzten Mal die Tür zu Ihrem Büro ab. Die erfolgreiche Geschäftsfrau in Ihnen musste eingestehen, dass sie es nicht geschafft hat. Das Unternehmen „Trust in Business" und Sie als Privatperson gingen insolvent. Sie verloren Ihre Wohnung, das Auto, die Altersvorsorge, wurden zum Sozialfall. Wie kamen Sie mit dem Rollenwechsel zurecht?
Es war wie eine schwarze Wand, die auf mich zukam. Ich dachte, am nächsten Tag bin ich nicht mehr da. Es war etwas, was ich nicht aufhalten konnte, womit ich mich aber nicht beschäftigen wollte.
Seitdem ist die Pleite Ihre Realität. Sie arbeiten noch immer ohne Geld zu verdienen.
Alles, was ich jetzt verdiene, wird bis auf ein Minimum gepfändet. Da hat man eine ganz andere Motivation, das zu tun was man tut. Ich wollte mich an etwas festhalten, an meiner Ehrlichkeit und meinem Kampfgeist. Ich wollte mich im Spiegel ansehen und sagen können: Ich habe mein Bestes getan.
Über Monate kaum Schlaf, keine Pausen. Woher haben Sie die Kraft genommen, durchzuhalten?
Sehen Sie sich mal Kinder an. Sie lernen laufen, indem sie hinplumpsen und wieder aufstehen. Kein Kind bleibt sitzen und sagt: O Gott, was denken die Nachbarn. Ein Kind handelt nach einer inneren Stimme. Es weiß, dass es weitergeht, dass es aus Fehlern lernt. Wenn das innere Kind aktiviert wird, kehrt die Kraft wieder.
Wie haben Ihre Familie, Freunde und Ihre Geschäftskontakte reagiert?
Zum Glück, sagten manche Freunde. Du warst immer Supermann, du warst immer für uns da, und nie konnten wir was zurückgeben. Ich habe gelernt, dass Geben und Nehmen im Gleichgewicht sein müssen. Menschen, die immer geben, sind egoistisch. Sie geben nicht den anderen nicht die Freude des Gebens. Ich brauche das nicht, schwimmt da unterschwellig mit. Ich bin besser.
Und die Gläubiger, Ihre Geschäftspartner?
Wenn man in Schwierigkeiten ist, aber die Geschäftspartner zu einem frühen Zeitpunkt einweiht, wissen sie was kommt. Sie wussten, dass ich meine Bestellungen vielleicht nicht bezahlen kann. Aber es war eine Frage des Respekts ihnen gegenüber. Die Menschen hatten weniger Probleme damit, weil ich mit offenen Karten gespielt habe.
Nach ihrem wirtschaftlichen Scheitern haben Sie dann das Tagebuch Ihrer Insolvenz geschrieben und veröffentlicht.
Meine Insolvenz habe ich innerlich zum Geschäftsprojekt erklärt, das ich professionell zu Ende bringen will.
Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen das Stigma der Gescheiterten anhaftet?
Zuerst schon. Aber ich habe daran geglaubt, dass man ein Tabu nur brechen kann, wenn man die Leute provoziert. Eine Insolvenz wird aufgrund von Zahlungsunfähigkeit angemeldet, nicht aufgrund von Zahlungsunwille.
Und wenn Sie selbst wieder ein Unternehmen aufbauen wollen?
Ich werde sicher nicht als Insolvenz-Tante abgestempelt sein. Die Leute wundern sich, dass man gerade aus dieser Situation etwas machen konnte. Es gibt Vertrauen, dass man zu mehr fähig ist.
Sie beobachten seit vier Jahren die Situation der Selbständigen in Deutschland. Allein im letzten Jahr sprachen Sie 52 Mal öffentlich über Insolvenz. Hat sich seitdem etwas verändert?
Das Bild des Unternehmers in Deutschland ist immer noch schlecht: Ein Unternehmer fährt Ferrari und beutet Mitarbeiter aus. Wenn einer fällt, dann scheint dieses Bild wieder auf. In der Gesellschaft wird sich immer noch zu spät mit dem Thema Scheitern beschäftigt. Wir entziehen uns unserer Verantwortung. Die Korrektive der Schule funktioniert nicht, um den Menschen ihren eigenen Wert zu vermitteln und darüber zu sprechen, wie man mit Schwierigkeiten umgeht. Auch Eltern neigen dazu, vor ihren Kindern Schwäche zu verstecken.
Nach einer aktuellen Studie haben die meisten Selbständigen in Deutschland Angst vor dem Scheitern. Weshalb ist das in den USA oder Großbritannien anders?
Dort wird erwartet, dass man nach einem Schlag aufsteht und etwas Neues tut. Wenn ich nach der Insolvenz in Deutschland zur Bank gehe, rutscht der Bankberater vom Stuhl vor Lachen. Er denkt, ich hätte bewiesen, dass ich das nicht kann. Bei einer englischen Bank habe ich mit einem gesunden Businessplan bessere Chancen. Sie gesteht mir zu, dass ich etwas gelernt haben könnte aus meiner Insolvenz. Die Briten sagen, Deutschland hat aus der größten Pleite aller Zeiten ein Wirtschaftswunder gemacht, die wissen wie es geht. Das hat man hier leider vergessen.
Noch zwei Jahre sind Sie im Wohlverhaltensstadium. Wie geht es weiter?
Das Thema Insolvenz wird dann nicht zu Ende sein. Es sind so viele Menschen betroffen, ich kann nicht einfach sagen, dass es mich plötzlich nicht mehr interessiert. Gerade ich weiß wie es ist, von der Gesellschaft in eine Ecke gestellt zu werden, in der man nicht stehen will. Ich möchte das Thema so weit aufbrechen, dass die Menschen keine Angst mehr haben und dass die Innovation wieder leben kann.
Inzwischen sind Sie in die Rolle der Expertin in Sachen Business und Insolvenz geschlüpft. Wie nehmen Sie den Menschen die Angst davor, sich selbstständig zu machen?
Wenn Sie angestellt sind, haben Sie ein Gehalt. Sie werden gehalten. Wenn es der Firma schlecht geht, haben Sie ein „Geh halt!". Sie müssen gehen. Mit diesem Risiko lebt jeder heute. Wenn man das erkennt, die Risiken taxiert und sich beraten lässt, kann man das Risiko minimieren.
Und was raten Sie denen, die sich trauen?
Gute Planung, einschließlich Liquiditätsplan. Man muss den Steuerberater nicht als Finanzgott betrachten, ihn aber einbeziehen, weil er sonst nicht schreien kann, wenn etwas falsch läuft. Selbstständig sein bedeutet nämlich nicht, dass man alles selbst können muss.
Autorin: Carolin Pirich
(erschienen in: existenzielle 3/2007)
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