"... eine etwas komplizierte Zielgruppe"

Kristina Schmid hat aus Arbeits(t)räumen ein Unternehmen gemacht

Ein interessanter Teilzeitjob als Diplom-Kauffrau? Fehlanzeige. Für eine wie Kristina Schmid, die nach der Familienzeit wieder in den Beruf zurück will, ist die Selbstständigkeit eine gute Alternative. Ein nur unvollständig vermieteter Bürokomplex gab den Anstoß für die Geschäftsidee: Räume zu schaffen, in denen das Arbeiten für Frauen ein Traum ist.



Kristina Schmid

In der großzügig geschnittenen Cafeteria mit Lounge-Charakter verbreiten überdimensionale Lampenschirme über bequemen Sitzgruppen eine heimelige Atmosphäre, Vasen und Kerzenhalter aus grünem Glas setzen viele kleine farbige Akzente.  Am Empfang wartet eine hoch gewachsene Frau. Kristina Schmid ist Geschäftsführerin des Münchner Businesscenters „Mein Arbeits(t)raum". Die 35-jährige Unternehmerin vermietet Büroflächen an Frauen, spinnt neue Netzwerke und sucht immer wieder nach neuen Möglichkeiten, um das Bürogebäude unterhalb des Nockherbergs für Selbstständige attraktiv zu machen. 


Frau Schmid, brauchen Frauen traumhafte Räume, um zu arbeiten?

Kristina Schmid: Es gibt inzwischen eine ganze Menge an Businesscentern oder Existenzgründer-WGs. Die Idee hinter dahinter ist, Existenzgründerinnen und Selbstständigen Büroräume mit Pauschalmieten und kurzen Kündigungsfristen zu bieten. Mit unserem Namen wollen wir einen Unterschied zu normalen Büros zum Ausdruck bringen, wo alles praktisch und kühl eingerichtet ist.  Viele Frauen schätzen das Arbeiten in einem weiblichen Umfeld - dazu gehört auch eine entsprechende optische Gestaltung. Wir haben alle gemeinsam genutzten Einrichtungen wie Empfang, Besprechungsraum oder Cafeteria so eingerichtet, dass Frauen sich darin wohlfühlen - ohne dabei auf Professionalität zu verzichten.

Sie haben die Räume vor einem Jahr bezogen. Wie ist denn die Resonanz?

Für Veranstaltungen im Konferenzraum kommen richtig viele Anfragen, das hat sich gerade in den letzten Wochen sehr positiv entwickelt. Vieles ergibt sich aus dem Netzwerk heraus. Wir veranstalten zum Beispiel regelmäßig Vernissagen und bieten jeden Monat ein Unternehmerinnen-Frühstück, das sehr gut ankommt. Es sind vor allem Kleinunternehmerinnen, die den Austausch suchen. Die Vermietung der Büros stagniert  dagegen - da versuchen wir gerade herauszufinden, woran es liegt.

Zu welcher Erkenntnis sind Sie bislang gekommen?

(lächelnd) Dass es sich um eine etwas komplizierte Zielgruppe handelt ... Ich betreue ein ähnliches Projekt am Orleansplatz, das Office Center Ost, allerdings in abgespeckter Form, ohne Lounge oder Empfang. Da läuft die Vermietung zack-zack - und das sind alles Männer.  Die tun sich deutlich leichter, Geld in die Hand zu nehmen. Frauen gehen stärker auf Sicherheit. Wir reagieren auf diese Erkenntnis mit flexiblen Angeboten und hoffen auf diese Weise die Bedürfnisse unserer Zielgruppe zu befriedigen.

Büro / Seminarraum im Arbeits(t)raumDer kleinste Arbeits(t)raum mit 15 Quadratmetern kostet 440 Euro plus Mehrwertsteuer. Das muss eine Kleinunternehmerin auch erst einmal verdienen ...

Wir sind natürlich auf den ersten Blick etwas teurer, weil wir Services und einen sehr gepflegten Rahmen vorhalten. Zudem sind im Mietpreis alle Nebenkosten bereits inklusive. Aber es stimmt schon: Wir stellen fest, dass es schwierig ist und haben entsprechende Angebote entwickelt.  Zum Beispiel biete ich jetzt auch Arbeitsplätze in einem Dreierbüro an. Außerdem gibt es als Einsteigerbonus die ersten drei Monate zu einem vergünstigten Preis. Es ist also ständig was in Bewegung, und ich bin ganz offen für Anregungen von außen. Zum Beispiel haben wir unser Logo verändert. Es gab eine Menge Kritik an der Formulierung „Büros von Frauen für Frauen". Vielen klang es zu feministisch. Mir ist das gar nicht aufgefallen - der „Scheuklappeneffekt". Deshalb finde ich Feedback sehr, sehr wichtig. Die besten Ideen ergeben sich im Dialog.

Ich habe auch großzügige Spielzimmer gesehen. Wo sind die Kinder?

Das ist ein sehr frustrierendes Thema. Ursprünglich hatte ich mir vorgestellt, dass Erzieherinnen hier auf selbstständiger Basis eine Kinderbetreuung anbieten. Denn da gehen die Probleme bei vielen selbstständigen Frauen ja erst richtig los. Was tun, wenn sie keinen Krippenplatz finden oder Ferien überbrückt werden müssen? Sogar das Jugendamt war von unserem Vorschlag begeistert. Aber ich finde keine Erzieherinnen, die bereit sind, das unternehmerische Risiko zu tragen. Es haben sich zwar einige Frauen beworben, aber die hatten ganz unrealistische Vorstellungen und dachten, wir zahlen alles. Aber wir müssen schon einen annähernd marktüblichen Mietzins nehmen. So traurig es ist: Wir werden einen anderen Weg gehen müssen. Der Raum steht jetzt als Spielzimmer zur Verfügung und wir organisieren bei Bedarf einen Babysitter.  Meine Kinder nutzen den Raum jedenfalls gerne! In den Ferien nehme ich sie mit und die beiden beschäftigen sich da ganz gut alleine.

Kaffeelounge im Arbeits(t)raumSie sind selbstständig und Mutter von zwei Kindergartenkindern. Wo holen Sie sich Unterstützung, um Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen?

Für mich war von Anfang an klar, dass ich als Existenzgründerin nicht 80 Stunden in der Woche arbeiten, sondern noch Zeit für meine Kinder haben will.  Bis zum frühen Nachmittag bin ich immer hier, dann geht´s zum Kindergarten und meine beiden Teilzeitdamen am Empfang übernehmen. Beide sind selbst gestandene Geschäftsfrauen - eine von ihnen hat einen kleinen Verlag, die andere ist Goldschmiedin. Die Halbtagsstelle bietet ihnen ein festes finanzielles Standbein. Insofern habe ich hier sehr kompetente Assistentinnen, die mich in allen Bereichen unterstützen, vom Office-Management bis zur Betreuung von Veranstaltungen.

Bis wann muss sich Ihr „ Arbeits(t)raum" tragen, wie viel Zeit räumen Sie Ihrem Projekt ein?

Die ersten zwei Jahre habe ich eingeplant. Wir nähern uns langsam einem gewissen Deckungsbetrag.  Ich bin zuversichtlich, weil ich an dieses Konzept glaube. Abgesehen davon: Selbst wenn ich irgendwann feststelle, dass ich dieses Projekt einstampfen muss - es ist für mich eine unglaublich lehrreiche Zeit! Ich hatte vorher noch nie Bewerbungsgespräche geleitet oder Angebote erstellt. Nach und nach wachse ich in die Rolle der Unternehmerin rein.  Es ist nicht immer leicht, aber ich habe die Möglichkeit zu gestalten - und das ist großartig!

www.mein-arbeitstraum.de

 

Interview: Gunda Achterhold








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